Belegschaft der Universal Maschinenfabrik besetzte Banken in Aalen

Von Dieter Hesse
14. Oktober 1998

Die rund 320 Arbeiter und Angestellten sowie die 25 Lehrlinge der Westhausener Strickmaschinenfabrik Universal besetzten am Montag, den 21. September ihren Betrieb und die Deutsche-Bank-Filiale in Aalen, um ihre Arbeitsplätze zu verteidigen.

Nachdem die Polizei in der Nacht zum Dienstag die Bank geräumt hatte und sich abzeichnete, daß auch die Betriebsbesetzung die Poolbanken nicht zu weiteren Krediten für ein Sanierungskonzept zwingen würde, besetzten am Montag, den 28. September die "Universaler" erneut die Deutsche Bank, aber auch die Niederlassungen anderer Banken: der Commerzbank, der Dresdner Bank und der Baden-Württembergischen Bank.

Was bewog die Universal-Beschäftigten zu diesen Aktionen von "Schock und Haß" , wie es der Betriebsratsvorsitzende Erich Dambacher nannte?

Die Beschäftigten, zumeist im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, sind keine typischen Arbeiter wie etwa aus Industriezentren wie dem Ruhrgebiet oder Stuttgart. Westhausen ist ein kleines Örtchen mit 6000 Seelen auf der schwäbischen Ostalb im Kreis Aalen. Die Arbeiter kommen aus den umliegenden Dörfern und Orten wie Bopfingen, Lauchheim oder - wie Dambacher - aus der Gegend von Nerresheim, wo in der mittelalterlichen Benediktiner-Abtei noch heute die Mönche in völliger Weltabgeschiedenheit die 1500 Jahre alten Choräle singen.

Hier schien die Welt bis vor wenigen Wochen noch in Ordnung. Keiner der "Universaler" hätte sich vorstellen können, einmal an einer Bankenbesetzung teilzunehmen. Viele der Leute gehen Sonntags zur Kirche, wählten ihr ganzes Leben CDU, und das Wort des Bundestagsabgeordneten dieser Partei Brunnhuber galt noch etwas. Schließlich ist der Ostalbkreis der mit Abstand mitgliederstärkste Kreisverband der CDU in Baden-Württemberg.

"Die Leute sind keine Revolutionäre", sagt Erich Dammbacher, mit einem großen Che-Guevara-Button auf der Brust, gegenüber dem wsws. "Vor wenigen Wochen noch hätten hier die Leute auf linke Ideen kopfschüttelnd mit ,Uns geht's doch eigentlich ganz gut' geantwortet." Aber nun sind sie durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen und mußten feststellen, daß in diesem Land das Geld und die Banken regieren.

Was war passiert?

Der Strickmaschinenhersteller Universal zählt weltweit zu den führenden seiner Branche. Von den 75.000 in den letzten 50 Jahren hergestellten Großmaschinen laufen heute noch 35.000 in 80 Ländern. In den Jahren 1996 und 1997 hatte Universal seinen Umsatz jeweils um 20 Prozent auf über 70 Millionen Mark ausgeweitet und im vergangenen Jahr wurde die Beschäftigtenzahl noch um 10 Prozent erhöht.

So traf es viele Mitarbeiter unvorbereitet, als das Unternehmen am 9. Juni Vergleich anmelden mußte. Ein Dr. Grub wurde vom Amtsgericht als Vergleichsverwalter eingesetzt. Die zwei Gesellschafterfamilien und der Verwaltungschef Geitner hatten ein Sanierungsmodell ausgearbeitet, bei dem mit Investitionen von 20 Millionen Mark 280 Arbeitsplätze gerettet worden wären.

Die Commerzbank stieg aber rasch aus dem Konzept aus.

Am 9. September fand dann der alles entscheidende Vergleichstermin in Stuttgart statt, bei dem die landeseigene L-Bank sich weigerte, ihren vorgeschlagenen Kreditanteil beizusteuern. Somit war der Vergleich gescheitert und die Arbeitsplätze schienen verloren.

Die nächsten Tage war die in Streik getretene Belegschaft pausenlos unterwegs, um auf Bundestags-Wahlversammlungen der in Baden-Württemberg regierenden CDU und FDP zu demonstrieren und die Politiker zu zwingen, das nötige Geld aufzutreiben. Den sich rechtfertigenden Politikern Brunnhuber oder Günther H. Öttinger (CDU-Fraktionsvorsitzender) entgegnete Dambacher immer wieder forsch: "Wir verlangen nicht von Ihnen, daß sie sich einfach einsetzen oder Briefe schreiben. Wir verlangen, daß sie das Geld herbeischaffen!"

Zwei Staatssekretäre organisierten dann für den 11. September nochmals Verhandlungen mit den beteiligten Banken. Beinahe alle Arbeiter waren mit ihren Familien nach Stuttgart gekommen, um vor dem Wirtschaftsministerium zu demonstrieren; fest entschlossen, so lange auszuharren, bis die Banken bereit seien, die letzten noch fehlenden Millionen zu geben.

Nach langem Warten verkündete schließlich Staatssekretär Wabro unter dem Jubel der Demonstranten, daß der Vergleich nun doch noch gesichert sei und das Unternehmen weitergeführt werden könne. Das Glück der Arbeiter schien perfekt, und nach der Heimfahrt bereitete man für den nächsten Montag wieder die Arbeit vor.

Am 5. September aber stieg dann das von der Deutschen Bank geführte Bankenkonsortium wieder aus. Verschiedene Politiker forderten die Arbeiter auf, trotzdem Ruhe zu geben und zumindest bis zum Wochenende zu warten, vielleicht würde sich doch noch etwas ergeben. Aber es ergab sich nichts.

Auf einer Betriebsversammlung wurde dann der Vergleichsverwalter Grub von den Arbeitern aus dem Werk geworfen, nachdem er von der Belegschaft gefordert hatte, sich mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze abzufinden. Dambacher: "Wir gingen davon aus, daß er von Anfang an eine Hinhaltetaktik hatte und das Ende von Universal als Marktbereinigung zu Gunsten unseres Hauptkonkurrenten Stoll in Reutlingen betrieb. Stoll ist selbst Schuldner der Deutschen Bank und erheblich größer als wir. Die Banken sehen bei denen wohl bessere Chancen ohne uns."

Noch in der Nacht zum Montag wurde die Fabrik besetzt und Busse bestellt. Am Morgen fuhren die "Universaler" nach Aalen, um vor der Deutschen Bank zu demonstrieren. Dambacher: "An eine Besetzung der Bank hatte noch niemand gedacht. Wir waren einfach alle so wütend, ja viele waren voller Haß auf die Banken, daß wir selber nachfragen wollten, warum wir die paar Millionen nicht bekommen."

Als die Arbeiter in die Bank stürmten, schaute das Personal verwundert und der Direktor wollte wissen, was das solle. "Wir wollen die vier Millionen Mark für unsere Arbeitsplätze", riefen die Demonstranten. Als der Direktor dann erklärte, daß die Poolbanken eigentlich von Anfang an nicht zahlen wollten und die Belegschaft nur durch einige Politiker hingehalten worden sei, ließen sich Dambacher und der erste Bevollmächtigte der IG Metall in Aalen, Roland Hamm spontan auf dem Boden nieder. "Wir bleiben hier, bis Sie das Geld rausrücken" , sagte der Betriebsrat. Darauf setzten sich alle. Sofort wurde Polizei vor der Bank aufgeboten, und deren Einsatzleiter gab den um ihre Zukunft Kämpfenden eine Frist bis 22 Uhr, um wieder herauszukommen. Kurz vor Ende der Frist forderte er die Belegschaft nochmals auf die Bank zu verlassen, aber nichts tat sich. Daraufhin wurden um 22.15 Uhr Dambacher und Hamm hinausgetragen.

Die anderen wurden dann aufgefordert, den Abend doch friedlich zu beenden, was sie auch taten. Dambacher: "Ich mußte unsere Leute noch zurückhalten, wer weiß, was sonst geschehen wäre."

Für die Belegschaft wurde in der laufenden Woche immer offensichtlicher, daß auch der nun eingesetzte Konkursverwalter Derpa an einem schnellen Ende des Unternehmens arbeitete. Er wollte, daß der Betriebsrat von allen seinen Rechten zurücktrete, und das Werk zum ersten Oktober - ohne Sozialplan für die Arbeiter! - schließen. Lediglich 50 Leute hätten die restlichen kundendienstlichen Arbeiten noch verrichten sollen. Dambacher erklärte Derpa gegenüber, daß angesichts der mittlerweile eingetretenen Stimmung für seine Sicherheit niemand mehr garantieren könne. Andere drohten ihm direkt Schläge an. Daraufhin legte Derpa seine Arbeit nieder. In dieser Woche "besuchten" die Arbeiter täglich die vier Banken und zwangen sie, ihre Häuser für Stunden zu schließen. Dann hingen draußen Schilder mit der Aufschrift: "Wegen Reichtum geschlossen".

Die Belegschaft entschloß sich am 28. September, nochmals die Deutsche Bank und auch die Filialen der anderen Banken ganz zu besetzen. Dies geschah unter großer Anteilnahme der örtlichen Bevölkerung. Auch diesmal ließen die Geldinstitute ihre Filialen von der Polizei räumen. Um am Dienstag eine erneute Besetzung zu verhindern, wurden die Banken geschlossen gehalten.

Am ersten Oktober setzten die Arbeiter den Streik und die Werksbesetzung aus, nachdem der neue Konkursverwalter Pluta zugesichert hatte, daß die Löhne bis zum Jahresende gesichert seien und daß die Lehrlinge des dritten Lehrjahres ihre Ausbildung im Werk beenden könnten. Für die anderen werde er Ersatzplätze finden. Weiter wolle er nach Übernahmeinteressenten suchen. Auch hätten die Banken das Umlaufvermögen (Fabrik und Maschinen) freigesetzt.

Wie der Betriebsratsvorsitzende Dambacher dem wsws erklärte, sei nun der Stand der Dinge der, daß das Unternehmen vorerst mit ca. 200 Leuten weitermachen könne. Für die anderen werde ein Sozialplan im Rahmen einer Beschäftigungsgesellschaft erstellt.

* * *

Das wsws sprach mit Erich Dambacher, einem Mittvierziger, der seit seinem 14. Lebensjahr bei Universal arbeitet. Seit vielen Jahren ist er Betriebsrat.

Erich Dambacher: "Großartig war von Anfang an, daß uns die Bevölkerung so gut unterstützt hat. Wir haben daher am Wahlwochenende Tage der offenen Tür organisiert, wo jeder ins Werk kommen konnte und wo alle Vereine von der Theatergruppe bis zur Blaskapelle da waren.

In den vergangenen Wochen haben wir alle hier verstanden, daß nicht Politiker bestimmen, sondern die Banken und das Geld. Die Politiker wollten doch unsere Stimmen und die der Bevölkerung bei der Bundestagswahl. Von daher hat sich so mancher für uns ins Zeug gelegt. Aber die können nichts und ihre Beziehungen sind nichts wert, wenn die Banken nicht wollen. Selbst der Pfarrer sagte in seiner Sonntagspredigt, daß die Wirtschaft nicht regiert werde, sondern regiere. Auch wenn wir erst einmal weitermachen können, ist doch der Schaden, den Universal durch die Banken einstecken mußte, enorm. In Wirtschaftskreisen spricht sich unsere Situation schnell herum. Wer will denn Strickmaschinen kaufen von einer Firma, die in der nächsten Zeit vom Markt verschwindet und von der man dann keine Ersatzteile mehr bekommen kann?"

Enttäuscht ist Dambacher von der IG-Metall-Bezirksleitung: "Ohne die Unterstützung von Roland Hamm von der IG Metall Aalen hätten wir hier das alles gar nicht organisieren können. Aber obwohl wir ihn ausdrücklich eingeladen haben, hat sich der IG-Metall-Bezirksleiter Zambelli nicht blicken lassen. Das Ganze war ihm wohl zu heiß. Die Spitzenfunktionäre der IG Metall in Frankfurt und Stuttgart leben in einer heilen Welt. Sie haben den Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung verloren. Wenn die Gewerkschaft weiter auf diesem Kurs dieser Herren bleibt, wird sie zerstört. Die Bezirksleitung aus Stuttgart hat in keiner Weise versucht Solidarität zu mobilisieren.

Ich weiß natürlich, wie heute viele Gewerkschafter oder Betriebsräte arbeiten. Ruckzuck sind Betriebsräte schlimmer, als der Chef. Aber um so mehr muß ich die Leute der IG Metall hier vor Ort loben. Sie haben wohl alles getan, was sie konnten, und sie haben die Anerkennung der Menschen von der Ostalb verdient.

Ich kenne auch die Vorwürfe, die konsequente Sozialisten mir machen könnten. Auch wir als Betriebsrat hatten dem Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgelder zugestimmt, was 11 Millionen DM ausmachte. Wir werden auch nun nicht alle Arbeitsplätze sichern; vielleicht wird in ein paar Jahren der Stellenabbau weitergehen. Aber was sollte ich tun? Wir können doch hier für Universal die Gesetze des Kapitalismus nicht abschaffen. Ich hatte die Bücher gesehen: Wir sind pleite! Mein Ziel ist es, für die Älteren, die nun ausscheiden, eine Brücke bis zur Rente zu bauen. Dieses wollte ich erreichen durch eine Beschäftigungsgesellschaft, der Mypegasus des Herrn Stein aus Reutlingen.

Da muß ich zu sagen, daß ich mich gründlich getäuscht habe! Dieser Herr Stein hat, nicht zuletzt durch die Gewerkschaften, das Monopol auf die Beschäftigungsgesellschaften. Das muß ihm unverzüglich entzogen werden. Ich war dem Irrtum aufgesessen, daß Stein die Interessen der Arbeitnehmer vertritt. Das hat er, wenn ich mich vorsichtig ausdrücken möchte, im Fall Universal in keiner Weise getan. Und wir hatten den auch noch offiziell beauftragt.

Die Situation ist heute so, daß auch wir es ernst meinenden Betriebsräte von dem System einfach benutzt werden! Wir werden einfach benutzt!"

Das wsws fragte ihn auch nach seiner Meinung zur neuen Bundesregierung:

"Die Erwartungen, die die Gewerkschaften in diese Regierung geweckt haben, werden enttäuscht werden. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Durch den Wechsel kommt absolut nichts Neues, was aber nicht heißen soll, daß ich nicht froh wäre, daß Kohl weg ist. Arbeiter und Gewerkschaften müssen sich auf ihre eigene Kampfkraft zurückbesinnen.

Das Bündnis für Arbeit bringt auch nichts. Das Kapital sieht die Gewerkschaften natürlich als Ordnungsmacht, sonst würde es gar nicht mit ihnen verhandeln."

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