Die Kraft des Malers und Bildhauers Giacometti

Von Lee Parsons
22. Oktober 1998

Die Ausstellung "Alberto Giacometti, größter Bildhauer des zwanzigsten Jahrhunderts" war vom 18. Juni bis 18. Oktober 1998 im Musée des Beaux-Arts im kanadischen Montreal zu sehen.

Obwohl er vielleicht nicht so bekannt ist wie einige seiner berühmteren Zeitgenossen, gilt Alberto Giacometti (1901-1966) allgemein als einer der wichtigsten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Ausstellung seiner Werke bot die Gelegenheit, die Bedeutung dieses Künstlers zu würdigen und einem großen Publikum eines der faszinierendsten kreativen Genies unserer Zeit vorzustellen. Es war eine umfangreiche Ausstellung mit 73 Skulpturen, 60 Zeichnungen und 36 Gemälden und Drucken aus privaten Sammlungen und aus der Stiftung Maeght. Letztere verfügt über die wohl wichtigste Sammlung seiner Werke, die noch zu Lebzeiten des Künstlers zusammengetragen wurde.

Obwohl er vor allem für seine langgestreckten, grob gearbeiteten Statuen und Büsten bekannt ist, darf man behaupten, daß Giacomettis Gemälde und Zeichnungen zumindest ebenso gelungen sind wie seine Plastiken. Den Autor dieser Besprechung jedenfalls beeindruckten diese Bilder: der konzentrierte und beklemmende Ausdruck im Blick der dargestellten Personen, einfach und zugleich außerordentlich bedrückend.

Giovanni Alberto Giacometti wurde im schweizerischen Borgonovo in der Nähe der italienischen Grenze als ältestes Kind eines Malers geboren. Er wuchs in relativ wohlhabenden Verhältnissen auf, da sein Vater ein erfolgreicher Künstler war. Im Alter von zehn Jahren war Alberto schon sehr selbstbewußt, was seine Fähigkeiten als Zeichner anging, und wurde darin noch bestärkt, als er sich mit vierzehn der Bildhauerei zuwandte: "Ich hatte das Gefühl, es gäbe überhaupt keine Schwelle zwischen Sehen und Tun. Ich war Herr meiner Phantasie, es war das Paradies, und das hielt an, bis ich etwa achtzehn oder neunzehn war, da bekam ich das Gefühl, ich könnte überhaupt nichts mehr ausrichten."

Was immer die Ursachen dieser Krise waren, er hat sie nie ganz gelöst. Es begleitete ihn eine ständige Angst, er könne die Wirklichkeit in seinen Arbeiten nicht einfangen. Das Problem war nicht technischer Natur, da er seit frühester Jugend die Fertigkeit beherrschte, vom lebenden Objekt zu malen und zu modellieren. Er war besessen von der Idee, "das Eigentliche durch die äußere Erscheinungsform zu finden", den Widerspruch aufzulösen zwischen den Dingen, wie sie erscheinen und wie sie wirklich sind; ein Kampf, der eindeutig über das Problem der Kunst als solcher hinaus von Bedeutung ist.

Im dritten Jahrzehnt seines Lebens zog Giacometti nach Paris, um seine Studien fortzusetzen. Die kulturelle Gärung dieser Stadt nahm ihn gefangen und so machte er sie schließlich zu seiner Heimat. Er begann eine Ausbildung bei dem berühmten Bildhauer Bourdelle, und zeichnete und modellierte anhand von lebenden Modellen. 1925 gab er das Arbeiten anhand lebendiger Vorlagen auf und erlangte in nur wenigen Jahren einen gewissen Ruhm; er stellte zusammen mit solch bekannten Künstlern wie Joan Miró und Hans Arp aus. Er arbeitete auch mit dem bevorzugten Gegenstand seiner Darstellung, seinem Bruder Diego, beim Entwurf von Möbeln und Kunstobjekten zusammen.

In der turbulenten Zeit Ende der zwanziger Jahre zog es ihn zu der Gruppe der Surrealisten, die von dem Philosophen und Schriftsteller André Breton angeführt wurde. Seine Arbeit in ieser Periode wurde, wie die aller anderen Surrealisten, von dem Ziel geleitet, die Kunst und die Wahrnehmung zu revolutionieren - und dadurch auch den politischen und sozialen Status quo. Obwohl diese Verbindung nur etwa vier Jahre dauerte, war sie dennoch ein wichtiger Abschnitt in seiner Entwicklung.

Die Surrealisten verwarfen viele künstlerische Konventionen der Vergangenheit, versuchten aber dennoch ihre besten Traditionen zu bewahren. Sie versuchten zu beweisen, wie Breton sagte, "daß der menschlichen Phantasie keine Grenzen gesetzt werden können". Das führte sie - auf der Suche nach einer Bildersprache, die einen direkteren Weg bot, die Wirklichkeit zu erkennen - zu unbewußteren Quellen, wie den Träumen und dem "automatischen Schreiben" (Schreiben, das angeblich außerhalb der bewußten Kontrolle vor sich geht). Der Einfluß dieser Ideen geht ganz klar aus den Artikeln hervor, die er in dieser Zeit für Publikationen wie "Surréalisme au Service de la Révolution" [Der Surrealismus im Dienst der Revolution] geschrieben hat.

Ausgehend von Themen, die durch die Darstellung des menschlichen Körpers ausgedrückt werden, begann Giacometti Objekte als Darstellungen abstrakterer Begriffe zu benutzen. In Werken wie "Komposition (Mann und Frau)" (1926), das in der Ausstellung in Montreal zu sehen ist, beschäftigt er sich in abstrakter Weise mit gestörten Verhältnissen, speziell zwischen Mann und Frau. Es wurde zwar behauptet, seine Einstellung gegenüber Frauen sei bedenklich, weil er sie in seinen Arbeiten als passive Objekte darstelle, dennoch offenbart dieses besessene Interesse etwas, was für ihn ein unentrinnbares Streben nach persönlicher Wahrheit war. Viele dieser Werke enthalten einen Körper oder ein verstümmeltes Körperteil, in einer Schlinge gefangen oder in einem gefährlichen Schwebezustand. In dieser speziellen Arbeit aus Bronze gibt es keine solchen erkennbaren Formen, aber eine Art von dichtem Käfig, der bemüht scheint, die taumelnden Umrisse, die darin eingesperrt sind, festzuhalten. Sie erweckt Assoziationen von sinnlicher Gefahr und der Sehnsucht nach Befreiung.

Kritiker spielen oft seine Verbindung mit den Surrealisten herunter zugunsten seiner späteren Beziehungen zu den Existentialisten in der Nachkriegszeit. Das widerspiegelt die Vorlieben der Kritiker und einige der Probleme des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Sieg des Faschismus in Deutschland und des Stalinismus in der UdSSR trugen sowohl zum Ende der surrealistischen Bewegung als auch zur großen Desillusionierung Giacomettis bei. 1932 verließ er zusammen mit Aragon und anderen für kurze Zeit die Gruppe der Surrealisten; er tat es jedoch aus anderen Gründen als die übrigen, die sich dem Stalinismus anschlossen. Während andere vielleicht politische oder ideologische Differenzen mit Breton hatten, wurde Giacometti durch sein Interesse an den Geheimnissen des Körpers zu den altvertrauten Themen zurückgelockt, was zum Streit mit den Surrealisten führte. Die Enttäuschungen dieser Zeit machten ihn argwöhnisch gegenüber jeglichen die Gesellschaft organisierenden Prinzipien in der Politik und der Kunst. Das führte dazu, daß er diese Phase seines Lebens verleugnete; sie bleibt jedoch eine seiner produktivsten und fruchtbarsten Perioden.

Gleichgültig, wie man die Theorien der Surrealisten beurteilt, ihre befreienden Themen brachten sie zusammen mit dem Kampf für die menschliche Emanzipation und gegen die wachsende Gefahr des Faschismus. Daß sie in dieser Zeit nicht in der Lage waren, ein breiteres Publikum zu erreichen, hängt zusammen mit weitreichenden gesellschaftlichen Fragen, vor allem mit der großen Niederlage, die der Stalinismus und der Faschismus den fortschrittlichen Bewegungen zufügte. Die Surrealisten hinterließen sowohl in der Entwicklung der Kunst als auch der Philosophie unauslöschliche Spuren. Man sollte noch festhalten, daß Giacomettis Bildersprache in dieser Zeit vielleicht am kraftvollsten war.

1934 begann er erneut mit Modellen zu arbeiten, sehr zum Entsetzen der Surrealisten, denen er sich wieder angeschlossen hatte. Die Gruppe der Surrealisten schloß ihn daraufhin wegen seiner Abweichung aus, die sie als rückschrittlich ansahen. Mehrere Jahre lang arbeitete er fast ausschließlich mit einem Modell, aber in den darauffolgenden Jahren wechselte er zwischen der Arbeit nach der Natur und nach seiner Erinnerung. Seltsamerweise sind die in die Länge gedehnten Verzerrungen und die Zweidimensionalität seiner Plastiken noch ausgeprägter, wenn er mit einem lebenden Modell gearbeitet hatte.

Er verließ Paris nach der deutschen Invasion im Zweiten Weltkrieg und blieb bis 1945 in der Schweiz. Vor dem Krieg war er von einem Auto angefahren worden, und wegen der daraus resultierenden Behinderung wurde er vom Militärdienst befreit. Während des Kriegs litt er unter noch größeren Ängsten und Anspannungen als üblich, und während einer Periode von sieben Jahren wurden seine Plastiken immer kleiner; oft waren sie nicht größer als 2,5 cm. Obwohl er selber nie in der Lage war, diese Entwicklung ganz zu erklären, könnte man vermuten, daß seine außerordentliche Sensibilität gegenüber der Verletzlichkeit der menschlichen Existenz durch die Schrecken des Krieges verstärkt wurde.

Während seines Aufenthalts in der Schweiz traf er Annette Arn, die er 1949 heiratete. Im Jahr zuvor hatte er seine erste Ausstellung seit 14 Jahren in der Pierre Matisse Gallery in New York. In den 50er Jahren lernte er den Existentialisten Jean Paul Sartre und den Schriftsteller Jean Genet kennen. Ungeachtet seiner Beziehung zu den Surrealisten wurde er nie zum erklärten Anhänger irgend einer künstlerischen Schule, und seine Beziehungen zu anderen Malern waren, insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg, außerordentlich begrenzt. In der letzten Phase seines Lebens war er zu der Überzeugung gelangt, daß er die Schwelle seines Studios nicht überschreiten mußte, außer hin und wieder ins Café zu gehen, um die Welt zu finden.

Einen Großteil seines späteren Lebens verwandte Giacometti darauf, drei Themen darzustellen: einen Kopf, eine stehende Frau und einen gehenden Mann. Jede seiner Skulpturen entstand aus einer Raserei von wiederholtem Schaffen und Zerstören. Er schuf eine Plastik schnell und vollständig in wenigen Stunden, nahm sie dann auseinander und begann von vorne, immer wieder und wieder. Der Künstler räumte ein, daß die endgültige Version keine Verbesserung gegenüber der ersten darstellte, er erklärte jedoch, er sei gezwungen, den Prozeß zu wiederholen, um sein eigenes Verständnis des Problems zu vertiefen, bevor er aufhören konnte. Diese scheinbar willkürliche kreative Methode offenbart die hohen Anforderungen, die er an sich stellte, um Wahrhaftigkeit in seiner Arbeit zu finden, eine Suche, die nie einen Abschluß fand. Sie bewahrte ihm die von ihm sehr geschätzte Spontaneität, was ihm, seinem Gefühl nach, wiederum erlaubte, mehr von der Ehrlichkeit seiner Wahrnehmung zu erhalten.

Seine Einstellung gegenüber seiner Arbeit berührt uns in allen ihren Widersprüchen zutiefst. Seine Kunstwerke sind so intim, persönlich, sogar zart, so ganz subjektiv, und zur gleichen Zeit erscheinen die Statuen alle wie aus großer Distanz gesehen, fast völlig objektiv. Die Oberflächen seiner Skulpturen wurden als verrottendes oder explodierendes Fleisch beschrieben und die Formen sind immer in beklemmender Weise verzerrt. Dennoch wählte er das zu seinem Thema, woran sein Herz hing. In seinen Skulpturen ist viel Grundlegendes wiedererkennbar, dennoch, wenn man sie konkret untersucht, erscheinen sie so eigentümlich in ihrer verzerrten Perspektive.

Seine Gemälde und Zeichnungen zeigen dieselbe Intensität wie seine Skulpturen. Während der gesamte Körper manchmal nur skizziert ist, ist das Gesicht auf derselben Leinwand immer unzählige Male deutlich überarbeitet, überzeichnet und übermalt und wieder ausradiert. Die Perspektive ist immer eine einfache frontale Ansicht. Die sich daraus ergebende Wirkung ist auf seltsame Weise beklemmend, der Blick der dargestellten Person unerträglich finster, mit einem unendlichen Maß an Erfahrung.

Eine besonders eindrucksvolle Arbeit in der gegenwärtigen Ausstellung ist sein "Porträt einer Frau" (1954); es ist das Porträt seiner Frau Annette. Es ist kein großes Gemälde und wie die meisten seiner Bilder in düsteren Braun-, Schwarz- und Grauschattierungen gehalten, die einzige helle Farbe zeigen rote, blutähnliche Flecken über den Augen und dem Mund. Die Person sitzt und schaut den Betrachter an; sie ist in einem stark betonten Rahmen eingesperrt, was sie klein und einsam aussehen läßt. Das Bild ist ein Patchwork aus Linien und Pinselstrichen, die ständig zu wechseln scheinen, außer denen, die uns zum Gesicht der Frau führen und uns in den tiefen Brunnen ihrer Augen ziehen. Es ist ein erschreckendes Bild und dennoch erfüllt von Sehnsucht und Mitgefühl. Es ist beeindruckend, daß Giacometti in seinem Bemühen die Welt zu begreifen in der Lage war, seine Aufmerksamkeit so konzentriert auf ein paar wenige einfache Themen zu richten und durch seine Arbeit eine solche Komplexität und Tiefe auszudrücken.

Während es in vieler Hinsicht schwierig ist, Giacomettis verzehrende Kämpfe zu verstehen, findet man darin doch gleichzeitig etwas außerordentlich Vertrautes. Er empfand und drückte die Entfremdung und Brutalität des Lebens aus, und zur gleichen Zeit die Sehnsucht nach einer anderen Art von Existenz. Seine Genialität zeigt sich in den von ihm gewählten Formen, überaus persönlich und gequält. Sie drücken ein tiefes Verstehen und eine Sensibilität aus, die jeden Betrachter sofort ansprechen.

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