George Orwell und das britische Außenministerium

Von Fred Mazelis
17. Oktober 1998

Vor etwa zwei Monaten erschien eine neue 20-bändige Ausgabe der gesammelten Werke George Orwells. Unter den Büchern, Essays und der umfangreichen Korrespondenz des berühmten britischen Schriftstellers und Journalisten, der vor knapp 50 Jahren verstarb, befand sich auch eine Liste von etwa 130 bekannten Persönlichkeiten, die er 1949 erstellt hatte.

Die Liste bestand aus kurzen, manchmal prägnanten, manchmal auch oberflächlichen Kommentaren über Intellektuelle, Politiker und andere, die Orwell für Sympathisanten des stalinistischen Regimes in Moskau hielt. Sie enthielt die Namen der Künstler Charlie Chaplin und Paul Robeson, der Schriftsteller J.B. Priestley und Stephen Spender, des Journalisten Walter Duranty (Korrespondent der New York Times in Moskau und Fürsprecher der Moskauer Prozesse) und des amerikanischen Botschafters in Moskau während des Zweiten Weltkrieges, Joseph Davies.

Es geht deutlich hervor, daß Orwell, der sich einen demokratischen Sozialisten nannte und der in den dreißiger Jahren, ehe er seine Werke Animal Farm (Farm der Tiere) und 1984 schrieb, wegen seiner eindrucksvollen Sozialkritik in Down and Out in Paris and London sowie The Road to Wigan Pier Aufsehen erregt hatte, etwa 35 dieser Namen ein Jahr vor seinem Tod 1950 an das sogenannte Information Research Department weitergab. Es handelte sich dabei um eine geheime Regierungsabteilung, die dem britischen Außenministerium unterstellt und zum Zweck antisowjetischer und antikommunistischer Propaganda eingerichtet worden war.

Diese Enthüllungen haben die alte Diskussion über das politische Erbe Orwells sowie über den Charakter des Stalinismus und des Kampfes gegen ihn neu entfacht. Als Schriftsteller, der in seinen Büchern das stalinistische politische Regime satirisch aufs Korn nahm und vor den Gefahren des Totalitarismus warnte, wird George Orwell bis heute von reaktionären Verteidigern des Status quo gerühmt. Doch seine Geschichte und seine Ansichten waren sehr viel komplexer, als die Antikommunisten denken.

Man muß Orwells Entwicklung in ihren historischen Zusammenhang stellen, nicht, um zu rechtfertigen, was er mit dieser Liste tat, sondern um diese Erfahrung zu verstehen und aus ihr zu lernen.

Eine ganze Generation von Arbeitern und Intellektuellen reagierte auf die Große Depression der dreißiger Jahre, auf den Aufstieg des Nazismus in Deutschland und die zunehmenden Kämpfe der Arbeiterklasse mit einem deutlichen Ruck nach links. Viele suchten nach Führung bei der Sowjetunion und identifizierten irrtümlich das Stalinregime mit den großen Kämpfen und Idealen der Revolution von 1917.

Unter den kleinbürgerlichen Intellektuellen gab es hingegen eine bestimmte Schicht, die sich dem Stalinismus zuwandte, eben weil sie erkannte, daß er nicht revolutionär war. Liberale, die sich von der stalinistischen Volksfrontpolitik angezogen fühlten, sahen darin ein Bollwerk gegen die Arbeiterklasse. Darin bestand die Rolle von Duranty und vielen anderen.

Orwell muß man zugute halten, daß er während dieser Periode weder dem Stalinismus auf den Leim ging noch ein bürgerlicher liberaler Verteidiger des Moskauer Regimes war. Er begann einen unnachgiebigen Kampf gegen den Stalinismus von links, und das zu einer Zeit, als dies der unpopulärste Standpunkt unter den liberalen Intellektuellen war. Als Homage to Catalonia (Mein Katalonien) erschien, wurde Orwell regelrecht geächtet für seine Darstellung des spanischen Bürgerkrieges, die den stalinistischen Verrat an der spanischen und internationalen Arbeiterklasse bloßstellte. Die Stalinisten und ihre Anhänger waren wutentbrannt, daß das Buch entlarvte, wie sie eine wahrhaft revolutionäre Bewegung mit denselben blutigen Methoden erdrosselten, die sie damals auch innerhalb der UdSSR anwandten. In den darauffolgenden Jahren war es zunehmend schwieriger für Orwell, für seine Bücher einen Verleger zu finden.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden viele frühere "Linke" schnell zu Antikommunisten. Die vorübergehende Stabilisierung des Weltkapitalismus und des stalinistischen Regimes in der UdSSR sowie die Aufteilung der Welt in Einflußsphären des rivalisierenden imperialistischen und stalinistischen Blocks erzeugte einen gewaltigen Druck auf Sozialisten und radikale Intellektuelle wie Orwell, sich im Kalten Krieg auf die eine oder andere Seite zu stellen.

Viele ehemalige Sympathisanten des Stalinismus, die das sowjetische Regime immer noch mit der russischen Revolution gleichsetzten, entdeckten nun ihren Haß auf den Sozialismus und klagten die Stalinschen Verbrechen gegen die Bolschewiki und die Revolution von 1917 an. Vormalige revolutionäre Gegner des Stalinismus schlossen ebenfalls Frieden mit dem Kapitalismus. Trotzkistische Führer wie Max Shachtman und James Burnham von der American Socialist Workers Party und auch Schriftsteller wie James T. Farrell wanderten unterschiedlich schnell ins antikommunistische Lager ab. Anfangs lehnten sie die Verteidigung der Sowjetunion gegen einen imperialistischen Angriff ab, und schließlich unterstützten sie die USA in Korea, Kuba und Vietnam. Auf der anderen Seite kapitulierten ehemalige Revolutionäre oder selbsternannte Marxisten wie der Historiker Isaac Deutscher und bekannte Führer der Vierten Internationale wie Michel Pablo vor dem Stalinismus, indem sie zu dem Schluß kamen, daß der Stalinismus die zukünftige Entwicklung, nämlich "Jahrhunderte von deformierten Arbeiterstaaten", so Pablo, verkörpere.

Orwell starb mit 47 Jahren an Tuberkulose, und man kann nicht genau wissen, wo er politisch letztlich gestanden hätte, hätte er noch zwei oder drei Jahrzehnte gelebt. Wie seine Liste und sein Umgang damit andeuten, bewegte er sich in Richtung eines von Verzweiflung geprägten Antikommunismus, der für so viele Intellektuelle in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg typisch war.

Orwells Weitergabe dieser Kommentare war zum einen nicht gleichzusetzen mit der Handlungsweise der politischen Feiglinge, die während der Hexenjagd der McCarty-Ära ihre Karriere zu retten versuchten, indem sie die Namen prominenter Personen preisgaben, die Jahre zuvor in oder im Umkreis der Kommunistischen Partei gewesen waren. Bei Orwell waren weder Feigheit noch persönlicher Opportunismus im Spiel. Er war keiner, der sich beim Establishment einschmeichelte, und die politischen Einschätzungen auf seiner Liste waren im großen und ganzen den Empfindungen ähnlich, die er öffentlich geäußert hatte.

Andererseits kam seine Handlungsweise einer politischen Erklärung gleich. Der Autor von Homage to Catalonia war durch die stalinistischen Verrätereien so verbittert geworden, daß er bereit war, mit dem britischen Imperialismus gemeinsame politische Sache zu machen. Er sah in der bürgerlichen Demokratie das "kleinere Übel" gegenüber dem Stalinismus. Dieses politische Urteil zeugte davon, daß er den Marxismus und eine wirklich revolutionäre Perspektive ablehnte.

Es ist interessant, die Handlungsweise Orwells mit der Trotzkis zu vergleichen, des ins Exil verbannten Führers der Oktoberrevolution, der eine Einladung annahm, vor dem Senats-Ausschuß für Unamerikanische Umtriebe (HUAC) in Washington im Oktober 1939 auszusagen. Trotzki wollte seinen Auftritt als Plattform für seine eigenen Auffassungen benutzen, die den antikommunistischen Hexenjägern gewiß nicht geschmeckt hätten. Als sie sich mit einiger Verspätung dessen bewußt wurden, zogen sie ihre Einladung zurück. Nur wenige Wochen zuvor hatten die früheren amerikanischen Stalinisten-Führer Earl Browder und William Z. Foster vor demselben Ausschuß ausgesagt, die Trotzkisten seien Agenten des Faschismus, die vom bürgerlichen Staat unterdrückt werden sollten.

Bis zu einem gewissen Grad hatten Orwell seine bitteren Erfahrungen mit den feigen pro-stalinistischen Intellektuellen und den selbstgefälligen pro-stalinistischen Liberalen blind gemacht. Sein politisches Urteil über diese Leute war gewöhnlich treffend, doch seine Methode war subjektiv. Er tat die historische Bedeutung der russischen Revolution ab, sah nichts mehr, was von dieser Revolution zu verteidigen wäre und setzte sich nie damit auseinander, in der Arbeiterklasse eine revolutionäre Führung aufzubauen.

Dies kommt in Animal Farm und vor allem in 1984 zum Ausdruck. Zwar gibt es viel Bestechendes in diesen Büchern, doch Orwells Sichtweise trug dazu bei, daß sie von Antikommunisten benutzt werden konnten. Der Stalinismus selbst trägt natürlich die hauptsächliche Verantwortung dafür, den Namen des Sozialismus beschmutzt zu haben.

Nach der Veröffentlichung von Orwells Liste haben sich Kommentatoren zu Wort gemeldet, die im nachhinein den Kalten Krieg verteidigten und versuchten, Orwell dabei als Befürworter des Weltkapitalismus einzuordnen. Eine kürzlich erschienene Kolumne in der New York Times geht sogar so weit zu behaupten, daß die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die mit dem HUAC kooperierten, alle als prinzipielle Gegner des Stalinismus einzustufen seien, deren Zusammenarbeit mit der amerikanischen Regierung daher verständlich sei.

Der Vergleich, der hier angedeutet wird, ist irreführend. Der Versuch, Orwells politische Desorientierung zu benutzen, um die antikommunistische Hexenjagd zu rechtfertigen, ist eine Entstellung. Von Orwell war in den Monaten vor seinem Tod bekannt, daß er dem Verbot der Kommunistischen Partei ablehnend gegenüberstand.

Die entscheidende Frage wird mit der Behauptung aufgeworfen, daß es während des Kalten Krieges nur zwei Wahlmöglichkeiten gegeben habe: Unterstützung für die kapitalistischen Demokratien oder Unterstützung für den Stalinismus. Dieses Argument läßt die Rolle der trotzkistischen Bewegung geflissentlich beiseite.

Die Linke Opposition und die Vierte Internationale, die von Trotzki 1938 gegründet wurde, kämpften unablässig gegen alle Verbrechen der Stalinisten an der Arbeiterklasse. Trotzki und andere Führer der Bewegung bezahlten mit ihrem Leben, weil die stalinistische Bürokratie ihre revolutionäre Opposition als eine tödliche Gefahr für die Moskauer Diktatur erkannte.

Orwells Haltung zum wirklichen Erbe der Oktoberrevolution, das Trotzki verkörperte, war immer ambivalent. Er identifizierte sich mit der Arbeiterklasse mehr aufgrund seines Empfindens als aus wissenschaftlicher Überzeugung. Er unterhielt Beziehungen mit Zentristen wie etwa der Independent Labour Party (ILP) in Britannien und der POUM in Spanien. Die ILP rief zur "linken Einheit" auf, passte sich den Stalinisten an und bezeichnete Trotzkis unbarmherzige Kritik des Stalinismus als "sektiererisch". In Spanien spielte die POUM eine ähnliche Rolle. Sie gewährte der Volksfrontregierung wichtige Unterstützung, die dann einen politischen Schwenk machte und die POUM unterdrückte, während die Stalinisten die Führer der POUM ermordeten, weil sie keinerlei unabhängige linke Bewegung der Arbeiterklasse zulassen konnten.

Die Trotzkisten zeigten auf, daß es eine sozialistische Alternative zum Stalinismus gab, und auch, daß die bürgerlich-demokratischen Regierungen unter Churchill und Roosevelt - eben die Regierungen, die sich lobend über die sowjetische Regierung während der Moskauer Prozesse aussprachen und während des Zweiten Weltkriegs mit ihr verbündet waren, und deren Vorgänger in der Sowjetunion interveniert hatten, um die Russische Revolution zu zerstören -, daß diese Regierungen keineswegs die Demokratie verteidigten. Diejenigen, die heute Orwell als einsamen Gegner des Stalinismus preisen, sind dieselben, die gezielt jede Erwähnung von Trotzki, der Linken Opposition und der Vierten Internationale zu unterbinden versuchen.

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