Stützen der neuen Regierung

Rezzo Schlauch

Von Dieter Hesse
21. Oktober 1998

Rezzo Schlauch heißt der Mann, der den prominenten Sessel als Fraktionschef von Bündnis 90/ Die Grünen im Deutschen Bundestag von Joschka Fischer übernehmen soll.

Als nach dem erdrutschartigen Sieg der Sozialdemokratie bei der Bundestagswahl sehr schnell klar wurde, daß die Bündnisgrünen Koalitionspartner der SPD werden und die grüne Galionsfigur Fischer den Posten des Außenministers bekleiden soll, wählten die "Realos" in der Bundestagsfraktion ihren Kandidaten für den Fraktionsvorsitz. Erwartungsgemäß setzte sich der langjährige Freund Fischers gegen den bisherigen parlamentarischen Geschäftsführer der Grünen Werner Schulz mit 14 zu 11 Stimmen bei einer Enthaltung durch.

Seitdem wird Schlauch wieder durch die Medien gereicht, was er sichtlich genießt.

Zu breiter, bundesweiter Bekanntheit hatte ihm 1996 seine spektakuläre Kandidatur zum Stuttgarter Oberbürgermeister verholfen, bei der er fast vierzig Prozent der Stimmen erhielt. Nur 5000 Wählerstimmen oder drei Prozent fehlten dem 100-Kilo-Mann, und er hätte die Nachfolge des allseits bekannten Manfred Rommel angetreten. Die SPD hatte seine Wahl verhindert, weil sie nicht bereit gewesen war, ihren blassen und aussichtslosen Kandidaten zurückzuziehen, und so konnte wieder die CDU mit Wolfgang Schuster den Posten besetzen.

Rezzo Schlauch wurde am 4. Oktober 1947 in Gerabronn geboren, wo sein Vater als evangelischer Pfarrer tätig war. Schlauch erblickte das Licht der Welt nicht nur im gleichen Krankenhaus wie Joschka Fischer, sie wurden auch durch die selbe Hebamme entbunden. Fischer wurde Meßdiener in der katholischen Kirche, Schlauch "Läutbube" in der evangelischen. Gegenüber der Presse betont Schlauch immer wieder, daß er in einem "äußerst liberalen Elternhaus" aufgewachsen sei. Sein Vater, Mitglied der Landessynode und Gegner des württembergischen Pietismus, war mit Pfarrer Enßlin, dem Vater der späteren Terroristin, gut befreundet.

Während Fischer die Schule abbrach und sich ins Spontimilieu nach Frankfurt verflüchtigte, machte der angepaßtere Schlauch Abitur und studierte Jura in Freiburg und Heidelberg. Seit 1977 ist er als Rechtsanwalt in Stuttgart tätig, wo er eine eigene Kanzlei aufbaute. Zu seinen Klienten gehörten u.a. Atomkraft- und Volkszählungsgegner oder Hausbesetzer, zu denen er aber immer ein distanziertes Verhältnis bewahrte.

1980 wurde er Mitglied bei den Grünen, wo er sofort als Berater der baden-württembergischen Landtagsfraktion arbeitete und nach nur zwei Jahren in den Landesvorstand gewählt wurde.

Erstes Aufsehen erregte Schlauch 1982, als er bei der Oberbürgermeisterwahl der Stadt Crailsheim zu jener Zeit sensationelle zwölf Prozent der Stimmen erhielt.

Zu den Landtagswahlen 1984, bei denen Schlauch nach und nach zum "Zugpferd" der Südwest-Grünen wurde, nannte ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen "Glücksfall" für die Ökopartei, weil er "eher linke, politisch bewußte Positionen mit Heimatverbundenheit und Traditionsbewußtsein in Einklang" zu bringen verstehe.

Nach sechs Jahren im Landtag wurde er 1990 Fraktionsvorsitzender und wechselte nach seiner Wahl über die Landesliste 1994 in den Bundestag.

Schlauch, dem nach eigener Auskunft das "missionarische Gehabe vieler Ökos" abgeht, gehörte 1992 zu den ersten, die für eine schwarz-grüne Regierung in Baden-Württemberg eintraten. In diesem Zusammenhang bezeichnete er es auch als eine Legende, daß die Grünen eine pazifistische Partei seien.

Dieser Standpunkt wurde erst jüngst in der Frage von Kriegseinsätzen im Kosovo wieder deutlich, wo Schlauch als einer der Haupttrommler für einen Militärschlag der NATO auftrat.

In Stuttgart und bei Bekannten gilt der Mann mit der ausladenden Statur und der wenig filigranen Rhetorik als Lebemann und Feinschmecker, der die "schönen" Seiten des Lebens bevorzugt. In der Stuttgarter Szene ist er oft gesehener Gast im ehemaligen Autonomen-Treff "Casino", in Discos oder im Salsa-Club "Zapata". Auch in Bierzelten in der Provinz tritt er gerne auf. Am liebsten aber tut er "mit die Leude schwätze".

Nichts ist dem als wenig fleißig, aber schlau geltenden "Ultra-Realo" mehr verhaßt, als lange Sitzungen oder das Studium von Akten. Eher liegt ihm das Poltern auf Podiumsdiskussionen. Im Bundestagswahlkampf präsentierte die Stuttgarter SPD ihm, der eigentlich das erste Direktmandat in der Geschichte der Grünen holen wollte, mit Ernst Ulrich von Weizsäcker einen ausgewiesenen Öko-Fachmann als Gegenkandidat. Dem "Mann fürs Grobe" half da auch seine wortgewaltige bildreiche Sprache wenig, um seine mangelhafte Sachkenntnis zu übertünchen. Schließlich hatte er mit weniger als 20 Prozent nur das drittbeste Ergebnis in seinem Wahlkreis.

Daß Rezzo Schlauch als der ideale Mann für den Fraktionsvorsitz im Bundestag gehandelt wird, liegt in seiner Eigenschaft als "Marktschreier der Grünen", wie er sich selbst nennt. Fischer war der geeignete Mann in der Zeit der Opposition, wo mit kämpferischer Rhetorik eine bescheidene Kritik an der Regierung gefragt war. Schlauch hingegen soll den grünen Ministern den Rücken freihalten und deren Politik verkaufen - an die Bevölkerung genauso wie an eventuelle kritische Geister in Fraktion und Partei. Er selbst meinte dazu gegenüber der Welt: "Ich bin der Seelenfänger der Partei, ich kann Leute von Ideen überzeugen und begeistern. Ich habe den menschlichen Draht."

Seine Politik ist weniger im Kopf durchdacht als vielmehr "aus dem Bauch heraus" gemacht. Gegenüber dem Spiegel meinte er, daß Fischer alles mit sich allein und im Kopf ausmache. "Ich bin einer, der sehr viel auf Beratung angewiesen ist und auf eine positive, emotionale Situation." Ins Schwärmen gerät Schlauch, wenn er über seine gemeinsame Zeit mit Fritz Kuhn an der Spitze der Grünen im baden-württembergischen Landtag spricht: "Kuhn ist der Ideengeber, ich bin der, der draufhaut."

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