Wadim Rogowin und die Bedeutung seiner historischen Arbeit

Von Wladimir Wolkov
30. Oktober 1998

Am 21. September ist der sozialistische Historiker Wadim Rogowin in Moskau eingeäschert worden. Ein tödliches Krebsgeschwür riß ihn aus den Reihen der Lebenden und erlaubte ihm nicht, jene groß angelegte historische Arbeit zu beenden, der er die letzten Jahre seines Lebens gewidmet hatte.

Obwohl sein Tod den gesamten russischen Medien keine Notiz wert war, kommt ihm nicht nur in Bezug auf Rußland, sondern international eine große Bedeutung zu. Nach dem Zusammenbruch des totalitären Regimes in der Sowjetunion und dem Fall des eisernen Vorhangs gelang es Rogowin, ein internationales Publikum zu gewinnen. Seine Bücher wurden ins Englische und Deutsche übersetzt, und seine Vorlesungen im Ausland zogen Hunderte Zuhörer an.

War er in den sowjetischen Gesellschaftswissenschaften der 60er und 70er Jahre als Spezialist für Fragen der Ästhetik und der Soziologie bekannt, rückte er seit der Perestroika durch sein mehrbändiges Werk über den Kampf gegen die sich in den 20er und 30er Jahren entwickelnde stalinistische Degeneration in Partei und Sowjetstaat zu den besten russischen Historikern auf.

Die Generation der Sechziger und Wadim Rogowin

Als Akademiker und Denker machte Wadim Rogowin eine große Evolution durch. Seine Geburt fiel in das schrecklichste Jahr der sowjetischen Geschichte, 1937. Die Festigung seiner Ansichten und der Beginn seiner geistigen Entwicklung vollzogen sich während der Tauwetterperiode nach Stalins Tod im Jahre 1953. Die Entfaltung seiner Lebens- und Schaffenskräfte fiel zusammen mit der Zeit des wirtschaftlichen und moralischen Verfalls der Sowjetgesellschaft unter Breshnew, der Zeit des Stillstandes.

Ungeachtet all dieser Umstände lag der geistige Höhepunkt seiner Biographie in den 90er Jahren, als er eine intellektuelle Größe erreichen konnte, die für einen sowjetischen Akademiker im Schraubstock des stalinistischen Regimes unerreichbar war.

Rogowin gehörte zu der äußerst interessanten und zutiefst widersprüchlichen Generation, die als die Sechziger bezeichnet werden und die bis zum heutigen Tage das kulturelle und geistige Leben Rußlands prägen.

Trotz der weitgehenden Enthüllungen über Stalins Verbrechen, die Chruschtschow in seiner Rede vor dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 bekanntgab, und der darauf folgenden kritischen Aufarbeitung der Sowjetgeschichte, die während der Tauwetterperiode die breitesten Schichten der Sowjetgesellschaft erfaßte, konnten die Sechziger die Grenzen nicht überwinden, die durch die Stalindiktatur und den kalten Krieg geschaffen worden waren.

Die Kritik am Stalinismus konnte Ende der 50er und in der ersten Hälfte der 60er Jahre nicht jenen Grad der Schärfe annehmen, der der sozialistischen Intelligenz und den Bolschewiki eigen gewesen war, die sich als Teil der internationalen marxistischen Bewegung entwickelt und über die Erfahrung aus drei russischen Revolutionen und den ersten Schritten im Aufbau des Sozialismus in der UdSSR verfügt hatten. Diese Beschränkung bestimmte in großem Maße den folgenden geistigen und moralischen Verfall der breiten Masse der Sechziger im Laufe der 70er und 80er Jahre.

Man kann sagen, daß diese Generation im vergangenen Vierteljahrhundert den Idealen und Wertvorstellungen, an denen sie sich in ihrer Jugend orientiert hatte, mehr und mehr entsagte. Die begeisterte Unterstützung unzähliger talentierter Vertreter dieser Generation für Gorbatschows Perestroika und Jelzins Reformen erzeugte bei ihnen eine tiefgehende geistige Verödung und einen intellektuellen Abstieg. Vor allem daher rührt die Atmosphäre der Ohnmacht, die heute das gesellschaftliche, wissenschaftliche und künstlerische Leben Rußlands prägt.

Die Evolution Wadim Rogowins verlief in völligem Widerspruch zu diesem Prozeß. Hatte er sich in den Anfangsjahren seiner wissenschaftlichen Betätigung vor allem für Fragen der Ästhetik und des künstlerischen Schaffens interessiert, so wandte er sich später, in den 70er Jahren, ohne seine früheren Interessen aufzugeben, Problemen der sozialen Gerechtigkeit zu. Diese Orientierung führte ihn schließlich in den Jahren der Perestroika zu einer ernsthaften Suche nach Alternativen für die Entwicklung der Sowjetunion, wie sie sich zwischen 1930 und 1980 vollzogen hatte. Je mehr er sich mit diesen Fragen auseinandersetzte, desto stärker wuchs sein Interesse an historischen Problemen.

Ende der 80er Jahre gehörte W. Rogowin zu den wenigen großen sowjetischen Akademikern und Autoren, die es sich ernsthaft und mit Interesse zur Aufgabe machten, das ideologische und politische Erbe von Leo Trotzki zu studieren, einem der Führer der Bolschewiki, Begründer der Roten Armee und kompromißlosen Kämpfer gegen die stalinistische Entartung der Sowjetunion. So stieß er auf die Notwendigkeit eines gründlichen Studiums der Geschichte der 20er und 30er Jahre. Die alsbaldige Öffnung der sowjetischen Archive lieferte für dieses Vorhaben eine reale Grundlage.

Wenn man die ideologische Entwicklung W. Rogowins mit dem Weg vieler anderer Vertreter seiner Generation vergleicht, so drängt sich unwillkürlich die Frage auf, was diesen außergewöhnlichen Menschen bewegt und auch gezwungen haben mag, am Ende mit vielem zu brechen, was ihn umgeben und in früheren Jahren nahegestanden hatte?

Er war sich von vornherein darüber bewußt, daß die Meinung des gebildeten Publikums und der breiten Masse zunächst weiterhin von ideologischen Vorurteilen und psychologischen Hemmschwellen geprägt sein würde, und daß er nicht auf einen schnellen Erfolg hoffen dürfe. Doch er verstand, daß die Ursachen für den geistigen und kulturellen Verfall der sowjetischen und später der russischen Gesellschaft nur durch die Klärung der geschichtlichen Fragen überwunden werden konnten. Die Beweggründe für seine Arbeit waren sein kompromißloses Streben nach historischer Wahrheit, seine Opferbereitschaft, um seinem Volk zu helfen, und der Glaube an das Gute im Menschen.

Ein solcher Weg mußte Wadim Rogowin in seinem Land in die völlige psychologische Isolation treiben, in einer Atmosphäre des Zynismus, der Verachtung gegenüber gesellschaftlichen Fragen und der egoistischen Sucht nach "Erfolg" um jeden Preis. Seit Gaidar war letztere vor allem innerhalb der "gebildeten" Schichten Rußlands und insbesondere Moskaus stark in Mode gekommen. Unzählige frühere Freunde wandten sich von ihm ab. Seine Arbeit wurde totgeschwiegen, und dieser Zustand hält fast unverändert bis zum heutigen Tage an.

Dennoch gelang es Wadim Rogowin, neue geistige Stützen und die Hilfe neuer Freunde zu finden. Seit 1993 war seine Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale für beide Seiten außergewöhnlich fruchtbar. Die internationale Orientierung des Internationalen Komitees half Wadim Rogowin, jene national beschränkte, allein auf Rußland konzentrierte Sichtweise zu überwinden, mit der die Generation der Sechziger nie hatte brechen können, und den Stalinismus als Problem der internationalen Arbeiterbewegung zu verstehen. Und das historische Wissen, das das Internationale Komitee in den Jahrzehnten seines Bestehens angesammelt hatte, unterstütze ihn bei der Klärung vieler wichtiger Fragen zur Geschichte der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre. Die Aufmerksamkeit, die W. Rogowin den Fragen der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit widmete, übte seinerseits Einfluß auf die politische Linie des Internationalen Komitees aus.

W. Rogowins Beitrag zur Geschichtswissenschaft

Der erste Band seiner historischen Arbeit wurde 1992 veröffentlicht, dem ersten Jahr nach dem Zusammenbruch der UdSSR und dem Beginn der Reformen Jelzins. Das Buch erschien unter dem Titel: "Trotzkismus: Gab es eine Alternative zum Stalinismus?" und umfaßt die Periode seit den letzten Lebenstagen Lenins bis 1928. Der zweite Band "Macht und Opposition" beschreibt die Ereignisse der Jahre 1928 bis 1933 und erschien ein Jahr darauf.

Diese Bücher bildeten die Grundlage für das Verständnis der Vorkriegsgeschichte der Sowjetunion, wie es von W. Rogowin aufgrund eines unvoreingenommenen Studiums der historischen Tatsachen vertreten wurde. Es beruht darauf, daß die Errichtung und Festigung der stalinistischen Diktatur in direktem Widerspruch zu den Bestrebungen und Prinzipien der Oktoberrevolution von 1917 verlief und aus diesem Grund auf den heftigen Widerstand der besten Schichten in der Partei und im Staatsapparat stieß.

Der Sieg des Stalinismus stand durchaus nicht von vornherein fest. Über den Ausgang der Ereignisse entschied ein sehr komplexes Zusammenwirkens objektiver und subjektiver Faktoren. Die bolschewistische Partei war in zwei grundverschiedene Tendenzen aufgespalten: eine, die das Schicksal der Revolution und des Sozialismus in der UdSSR als untrennbar mit der Entwicklung des Weltsozialismus verknüpft sah, und eine andere, die den Aufbau des Sozialismus ausschließlich vom Standpunkt des Erfolgs nationaler Reformen betrachtete.

Die Unversöhnlichkeit dieser Spaltung fand ihren höchsten Ausdruck in dem Genozid, den Stalin und seine Clique in den 30er Jahren an mehreren Generationen von Bolschewisten und sozialistisch gesonnenen Intellektuellen und Arbeitern organisierten. Dabei stützten sie sich auf eine neue privilegierte Schicht der Sowjetbürokratie. Nur mittels dieser blutigen Abrechnung konnte die stalinistische Diktatur angesichts der eigenen Fehler und Katastrophen ihr Überleben sichern.

Während der Arbeit an diesem Band entdeckten die Ärzte bei W. Rogowin Krebserkrankungen am Darm, die bereits auf die Leber übergegriffen und gefährliche Ausmaße angenommen hatten. Ihm wurde erklärt, daß seine Lage hoffnungslos sei und ihm nicht mehr viel Zeit bleibe. Trotzdem erlebte W. Rogowin, nachdem er sich einer chirurgischen Operation unterzogen hatte, noch mehrere Jahre intensiver und fruchtbringender Arbeit.

Der dritte Band seiner Forschungen erschien Anfang 1995 unter dem Titel "Stalins Neonep" und untersucht die Periode von 1934-36. Der vierte und fünfte Band, "1937 - Jahr des Terrors" und "Die Partei der Hingerichteten", wurden 1996 bzw. 1997 veröffentlicht und sind den Vorbereitungen und dem Verlauf des Großen Terrors von 1936-38 gewidmet. Der zuletzt veröffentlichte Band erschien erst Ende August diesen Jahres unter dem Titel "Weltrevolution und Weltkrieg".

Für den siebten und letzten Band seiner Untersuchungen, der die Zeit von 1940-41 beschreiben sollte, hatte Wadim Rogowin fast alle Vorbereitungen abgeschlossen. In höchst detaillierter Form sollten vor allem die Umstände von Trotzkis Ermordung im August 1940 beleuchtet werden. Rogowin hatte ein weiteres Buch geplant, das sich auf bisher nicht veröffentlichte Dokumente aus den Archiven stützen und die kommunistischen Oppositionen innerhalb der Komintern und ihrer nationalen Sektionen behandeln sollte.

Die grundlegenden Ideen der historischen Untersuchungen von W. Rogowin

Während er sich in den letzten Jahren mit einem äußerst seltenen Grad an Intensität mit historischen Fragen zur UdSSR beschäftigte, verfolgte Wadim Rogowin bewußt Ziele, die im folgenden kurz zusammengefaßt werden sollen.

Wie bereits erwähnt, versuchte er die Unvereinbarkeit jener Politik aufzuzeigen, auf der die Oktoberrevolution von 1917 und das soziale und ökonomische Fundament der Sowjetunion beruht hatten, und der Politik des nationalen Sozialismus und der wirtschaftlichen Autarkie, die von Stalin entwickelt wurde. Die Politik der Zeit Lenins war am Programm der sozialistischen Weltrevolution orientiert und auf die Einbeziehung breitester Schichten von Arbeitern und Bauern gestützt gewesen. Die Politik Stalins war dagegen der Ausdruck der Bestrebungen der anwachsenden privilegierten sowjetischen Bürokratie, die ihre nationalen Privilegien und staatlichen Interessen höher bewertete, als den Kampf der Arbeiter aller Länder um ihre soziale Befreiung.

Ein anderes Motiv, das Rogowin in seiner Arbeit vorantrieb, war das Bestreben, den falschen Eindruck zu zerstören, daß die bolschewistische Partei ohne Erschütterungen, bei vollem Einvernehmen und ohne jeglichen inneren Widerstand die politische Richtung eingeschlagen habe, die von der stalinistischen Fraktion in Partei und Staatsapparat durchgesetzt wurde. Anhand seines sorgfältigen und umsichtigen Studiums der Tatsachen wies er nach, daß der Widerstand gegen Stalins Kurs nicht nur in den 20er Jahren, sondern ebenfalls in den 30er Jahren sehr stark gewesen war. Aus diesem Grund verfiel Stalin letztendlich auf den Plan der totalen Vernichtung aller alten bolschewistischen Kader - mit Ausnahme einiger weniger.

Insgesamt wollte W. Rogowin zeigen, daß es innerhalb der bolschewistischen Partei und der Komintern Kräfte gegeben hat, die die Politik der Anfangsjahre der Sowjetmacht fortsetzten. Im Falle ihres Sieges über Stalin hätten sie die Entwicklung der Sowjetunion in eine ganz andere Richtung gelenkt, als das Land sie dann von 1930-80 tatsächlich einschlug. Diese Kräfte sammelten sich um die Linke Opposition, und ihr politischer und intellektueller Kopf war Leo Trotzki.

W. Rogowins Größe als Historiker

Dank seiner erstaunlich tiefgründigen und intensiven geistigen Arbeit war Rogowin in der Lage, ein Werk zu schaffen, das ein vollständiges und sehr detailliertes Bild der Geschichte der 20er und 30er Jahre gibt. Es bildet ein zuverlässiges Fundament für eine grundlegende Aufarbeitung dieser Zeit im gesellschaftlichen Bewußtsein und für eine Wiederbelebung vieler Seiten des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens des Landes.

Wenn man Ergebnis und Ausmaß der Leistungen Wadim Rogowins denen anderer Autoren und Historiker des modernen Rußlands gegenüberstellt, so sehen wir, daß er über sie alle weit hinausragt und einzigartig dasteht.

Die liberale russische Geschichtsschreibung wird heute von zwei Namen dominiert: von General Dimitri Wolkogonow und Edward Radsinskij. Von der Popularität her könnte man noch Wiktor Suworow anführen, aber letzterer geht schon ziemlich rücksichtslos mit den historischen Tatsachen um, so daß kein Wissenschaftler, der etwas auf sich hält, dessen Schriften ernsthaft heranziehen würde.

Was die zuerst Genannten betrifft, so kann selbst der bessere von beiden, D. Wolkogonow, kaum als Historiker im wirklichen Sinne des Wortes bezeichnet werden, obwohl er einige sehr umfangreiche Bücher hinterlassen hat, die sehr wichtige Perioden der sowjetischen Geschichte umfassen und viele Fragen beleuchten. Im Zentrum seines Werkes steht eine Trilogie, die dem Leben von Stalin, Lenin und Trotzki gewidmet ist. Diese Bücher, für die eine ganze Reihe bis dahin unbekannter Dokumente zur wissenschaftlichen Betrachtung herangezogen wurden und die viele frühere Mythen der sowjetischen, stalinisierten Gesellschaftswissenschaften zerstörten, erzeugen gleichzeitig neue Mythen und beleben alte wieder.

Die in der Zeit von 1988 bis 1993 erschienenen Bücher dieser Trilogie von D. Wolkogonow spiegeln die tiefgehende Veränderung der politischen Orientierung des Autors wider und werden deshalb nicht von einer einheitlichen weltanschaulichen oder geschichtlichen Konzeption geleitet. Die Stalinbiographie erschien in den ersten Jahren der Perestroika und ist sehr stark von den Traditionen der sowjetischen Gesellschaftswissenschaften geprägt, wonach Stalin als Figur aufgefaßt wird, die trotz aller "Deformationen" und "Übertreibungen" in der Sowjetgeschichte eine sehr positive Rolle gespielt habe.

Die Trotzkibiographie fällt in die Zeit des Endes der Perestroika, als der Autor die stalinistische Diktatur in einem extrem negativen Licht gesehen hat und aus diesem Grund der Oktoberrevolution von 1917 jegliche progressive historische Bedeutung abspricht. Wolkogonow betrachtet dieses Ereignis nun als Abweg von der "normalen Zivilisation", und ungeachtet gewisser Sympathien für Trotzki und der Anerkennung dessen politischer und intellektueller Überlegenheit über Stalin sieht er in ihm einen "Dämonen der Revolution", der im Grunde aus dem selben politischen Holz geschnitzt sei. Die Grundaussage dieses Buches lautet, daß man Revolutionen und Gewalt im allgemeinen verurteilen und auf den "normalen" Weg der bürgerlichen Entwicklung zurückkehren müsse.

Das letzte Buch der Trilogie handelt von Lenin, wurde von dumpfen und wütend antikommunistischen Stimmungen des Autors geprägt und ist daher vom geringsten wissenschaftlichen Wert. Er verurteilt auf der einen Seite die revolutionäre Gewalt der Bolschewiki und setzt sie mit der staatlichen Gewalt der totalitären stalinistischen Bürokratie gleich. Andererseits unterstützt Wolkogonow im Namen der "Demokratie" Jelzins Beschießung des Parlamentsgebäudes mit Panzergeschützen im Herbst 1993. Diese Tatsache ist zweifelsohne ein wissenschaftliches Urteil über das gesamte Geschichtsverständnis des ehemaligen Sowjetgenerals, der lange Jahre die politische Arbeit in der Armee leitete.

Trotz des relativ geringen intellektuellen Werts von Wolkogonows historischen Arbeiten stehen seine Werke höher als das, was üblicherweise zu diesen Themen geschrieben wird, gegenwärtig den russischen Büchermarkt dominiert und eine pseudowissenschaftliche Begründung für das herrschende politische Regime im Lande liefert. Bis heute ist Wolkogonow einer der wichtigsten Ideologen und Abgötter des "neuen" kapitalistischen Rußlands.

Der andere Autor, E. Radsinskij, wurde bekannt aufgrund seiner Mitwirkung an der Erforschung der Umstände, die zur Erschießung der Zarenfamilie führten, und der Veröffentlichung einer umfangreichen Stalinbiographie im vergangenen Jahr. Seine Stärken liegen eher im künstlerisch publizistischen Bereich, denn im wissenschaftlichen, und wurden von einer breiten Medienkampagne durch die liberalen russischen Massenmedien aufgebauscht, um ihn nach Wolkogonows Tode zum bekanntesten Autoren zu machen, der über die Sowjetgeschichte schreibt.

Das Niveau von Radsinskijs Arbeiten spiegelt allerdings den allgemeinen intellektuellen Niedergang wieder, der für die Denker und Ideologen des "neuen" Rußlands typisch ist. Besonders auffällig ist dies in seinem Buch über Stalin. Dabei kann man an dieser Stelle einmal davon absehen, daß er weniger als Historiker für seine Aufgabe geeignet wäre, sondern eher als Publizist und "freier" Künstler, dem es nicht sonderlich auf die Glaubwürdigkeit und Konsistenz seiner Einschätzungen ankommt. Es soll vielmehr darum gehen, auf welche Art und Weise E. Radsinskij das zugrunde liegende Material auswertet.

Einerseits tritt er als Liberaler und Antikommunist auf, der der Oktoberrevolution und allem, was irgendwie mit Bolschewismus oder Kommunismus zu tun hat, feindlich gegenübersteht. Andererseits begeistert er sich für Stalin und stellt ihn als großen Menschen und Politiker dar. Er schreibt Stalin Qualitäten zu, die dieser zwar besaß, aber nur in sehr geringem Maße oder in einer sehr speziellen Form. Zum Beispiel führt Radsinskij sein sehr feines Gespür für die Psychologie von Menschen und seine Scharfsinnigkeit an. Doch diese Fähigkeiten zeigten sich vor allem in der Form, daß er die schlechtesten Seiten der menschlichen Natur witterte und die Schwächen anderer zu seinen Gunsten auszunutzen wußte. Die schauspielerischen Begabungen, die Radsinskij bei Stalin entdeckt haben will, stehen in völligem Widerspruch zu dem, was über die künstlerischen Leidenschaften des sowjetischen Diktators bekannt ist und ihn vor dem Hintergrund der recht breiten Schicht der intellektuellen Führer der Bolschewiki so "blaß" aussehen läßt. Was die Fähigkeit betrifft, Ereignisse vorauszusehen, die Radsinskij Stalin unverforen zuschreiben will, so widerspricht diese Darstellungen nicht nur dem tatsächlichen Verlauf der sowjetischen Geschichte, sondern setzt den wissenschaftlichen Wert seiner Bücher auch auf ein Niveau herab, auf dem die dümmsten und unglaubwürdigsten Verehrer Stalins schreiben.

Wenn man Motive und Zielsetzung Radsinskijs betrachtet, so muß man sagen, daß sie ein Versuch sind, Stalin in den Augen der öffentlichen Meinung zu rehabilitieren - nicht als Bolschewisten oder Revolutionär, sondern als einen hervorragenden Staatsmann und eine große politische Figur der russischen Geschichte. Zusammengefaßt klingt diese Konzeption folgendermaßen: Stalin war natürlich ein Tyrann und Lump, aber es war unser Lump, auf den wir deshalb stolz sein müssen.

In diesem Sinne schafft E. Radsinskij dem Kreml die historische Grundlage für eine neue politische Wende, die in einem Kompromiß für eine direkte Zusammenarbeit zwischen allen Schichten der alten Nomenklatur und der neuen herrschenden Klasse Rußlands bestehen soll.

Bei einem Vergleich derartiger Autoren mit Wadim Rogowin sind die wesentlich umfassenderen Ansichten und ein grundlegenderes Verständnis charakteristisch für das literarische Erbe des letzteren. Durch sein Werk gehört er zu den größten Historikern Rußlands und ist im wissenschaftlichen Sinne eine Figur von Weltrang.

Historische Perspektive

Wenn wir Wadim Rogowins Beitrag zur russischen und internationalen Geschichtsschreibung in der höchsten Form würdigen, so dürfen wir dabei nicht vergessen, daß die grundlegenden Einschätzungen und allgemeinen Konzeptionen, die er für die Aufarbeitung von Fakten in Anwendung bringt, bereits in der Vorkriegsperiode insbesondere von Leo Trotzki entwickelt worden sind. Viele Aspekte von Trotzkis Analyse fanden später Eingang in die Werke westlicher Historiker.

Wadim Rogowin kann deshalb nicht als Pionier aufgefaßt werden. Das wirklich Neue, das er beitrug, bestand in der Zusammenfassung der neuen Dokumente, die durch die Öffnung der sowjetischen Archive zugänglich wurden, und deren Einarbeitung in das Verständnis dieser Epoche. Wir sollten daher weniger von ihm als einem Entdecker sprechen, sondern eher darüber, daß er die russische Geschichtswissenschaft wieder auf ein hohes Niveau anheben konnte. Doch allein das genügt schon, um ihn zu den größten Historikern zählen zu können.

Wenn man die Entwicklung der Geschichtswissenschaften in Rußland zurückverfolgt, so stellt sich Wadim Rogowin mit seinen wissenschaftlichen Untersuchungen in eine Reihe mit den großen russischen Historikern des vergangenen Jahrhunderts, wie Nikolai Karamsin und Wassili Kljutschewskij. Karamsin betrachtete die russische Geschichte anhand der Entwicklung von Staat und Monarchie als ganze. Kljutschewskij tat dasselbe vom Gesichtspunkt der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung sowie des Entstehens von juristischen und gesellschaftlichen Institutionen in Rußland. Es ist kaum vorstellbar, etwas über Rußlands Vergangenheit zu wissen, ohne mit den Arbeiten dieser Historiker vertraut zu sein.

Wadim Rogowin spielt in Bezug auf die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts eine ähnliche Rolle. Er beschreibt nicht nur, sondern er erklärt jenen Zeitabschnitt, der eine Schlüsselfunktion in diesem Jahrhundert einnimmt und über den es am meisten Verwirrung und Fälschung gibt.

Wie sich die Geschichtswissenschaften in Rußland oder der Welt auch künftig entwickeln mögen, sie werden unabhängig davon, wie tiefgründig und umfassend sie die Geschichte des 20. Jahrhunderts aufarbeiten, auf das Vermächtnis Wadim Rogowins stoßen, sich darauf stützen oder daran anknüpfen.

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