Eine Übersicht über die jüngste osteuropäische Filmszene

Filmfestival in Cottbus vom 11. bis 15. November

Von Stefan Steinberg
27. November 1998

Ein Besuch des jährlichen Festivals des jungen osteuropäischen Films im brandenburgischen Cottbus vermittelt einen Eindruck der großen Probleme, die die Wiedereinführung kapitalistische Verhältnisse für das Kino und die Filmregisseure in der früheren Sowjetunion und Osteuropa geschaffen hat. Cottbus liegt an der Grenze zu Polen. Das hier seit 1990 veranstaltete Festival, das dem neuen osteuropäischen Film gewidmet ist, ist das einzige seiner Art.

In diesem Jahr wurden 100 Filme verschiedenster Kategorien gezeigt - Kurzfilme, Kinderfilme und Spielfilme, darunter einige der populärsten Filmproduktionen der einzelnen Länder. Wie die Erfahrung zeigt, wird die Mehrheit der in Cottbus gezeigten Filme nie einen westlichen Vertrieb und somit auch kein größeres Publikum im Westen erreichen. Das Publikum in Cottbus besteht hauptsächlich aus Jugendlichen zahlreicher osteuropäischer Länder und Deutschlands.

Im Zentrum des Festivals steht jedes Jahr die Kinoproduktion eines bestimmten Landes oder einer Gruppe von osteuropäischen Ländern. Dieses Jahr konzentrierte es sich auf die baltischen Länder Estland, Litauen und Lettland, die vor 1990 Teil der Sowjetunion waren. Jedes der drei Länder kann auf eine lange Tradition des Kinos bis zurück zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts blicken.

Ein kurzer Blick auf die Kinostatistik macht das Ausmaß der Veränderungen seit dem Zusammenbruch der stalinistischen Regime Osteuropas deutlich. 1980 gingen 35 Millionen Letten ins Kino. Bis 1996 fiel diese Zahl auf weniger als eine Million. Oder anders gesagt, 1980 ging ein Lette durchschnittlich einmal pro Monat ins Kino; heute geht er nur noch einmal alle drei Jahre. Im selben Zeitraum ging die Zahl der Kinos von 1.212 auf 137 zurück.

In Litauen fallen die Zahlen noch dramatischer aus: Die Zahl derjenigen, die 1996 ins Kino gingen, macht nur 1 Prozent der Kinobesucher im Jahr 1985 aus. In Estland und im übrigen Osteuropa ist die Situation ähnlich, mit Ausnahme von Rußland, Polen und der Tschechischen Republik, wo die engeren Verbindungen mit westeuropäischen Ländern den Verfall des Kinos etwas gebremst haben.

Als allgemeinen Trend kann man feststellen, daß der Filmmarkt und die Kinos mit amerikanischen Filmen überschwemmt werden und auch die Heimproduktionen sich an den Hollywood-Stil anpassen müssen, um genügend Finanzen und Sponsoren anlocken zu können. Die Zahl der hergestellten Filme ist ebenfalls drastisch zurückgegangen. In den baltischen Staaten werden durchschnittlich gerade einmal je drei oder vier Filme voller Länge pro Jahr produziert. Ihre Kosten bestreiten sie sowohl aus staatlichen als auch aus privaten Geldern.

Ein Schlaglicht auf die Probleme, mit denen die Filmproduzenten konfrontiert sind, lieferte eine Versammlung des Festivals, auf der die Entwicklung des baltischen Films diskutiert wurde. Hauptredner war der stellvertretende Kulturminister Lettlands. Auf die erste Frage, worin er die gemeinsamen Elemente und stärksten Seiten des baltischen Films betrachten würde, antwortete er, es gebe kein baltisches Kino. Man müsse die nationalen Unterschiede zwischen den Filmen der einzelnen Staaten betonen und könne sich nicht auf gemeinsame Grundlagen berufen. Doch im nächsten Atemzug ließ er die Katze aus dem Sack, als er zugab, daß die Finanzierung eines Film ohne Zusammenarbeit mit einem "reichen" westlichen Nachbarn praktisch unmöglich sei, mit anderen Worten mit amerikanischen Filmgesellschaften (die ziemlich wenig in die osteuropäische Filmproduktion investieren) oder französischen und deutschen Gesellschaften. Lettland muß deshalb mit seinen baltischen Nachbarn um die nötigen Finanzen konkurrieren. Unabhängige Filmregisseure haben nur die Alternative, ihr Budget auf ein Minimum zu reduzieren und drehen deshalb oftmals in Schwarz-Weiß.

In Cottbus konnte man Filme aus beiden Kategorien sehen - aufwendige und teure neben bescheidenen Schwarz-Weiß Produktionen. In die erste Kategorie gehört der Film Machs gut, 20. Jahrhundert. Der Film zweier junger Regisseure aus Mazedonien, Alexander Popovski und Darko Mitrevski, beginnt mit einem schicksalsträchtigen biblischen Spruch und blendet in die Vergangenheit die Zukunft des Balkans ein, um seine Botschaft zu vermitteln: "Die Zukunft ist genauso verdreht wie die Vergangenheit." Technisch sehr gut gemacht, stützt sich der Film ausgiebigst auf das Genre des Comics, das in jüngster Zeit in Hollywood en vogue ist - so in Kung Fu Filmen, in Judge Dredd u.a.. Der Einfluß Tarantinos bei den flotten Sprüchen, die zwischen Szenen von abrupten Gewaltausbrüchen eingestreut werden, ist unverkennbar.

Regisseur Darko Mitrevski erklärte bei der Vorstellung der Films, angesichts der Probleme der Menschen in seinem Lande müsse man neue Märchen schaffen. Er gab sich zuversichtlich, dass sein Film Vorbild für den neuen osteuropäischen Film sein werde. Die ziemlich kühle Aufnahme des Films durch das vorwiegend junge Publikum in Cottbus ist allerdings ein erfreuliches Indiz, dass er nicht Recht behalten wird.

Eine Reihe anderer Filme des Festivals thematisierte alte nationale Mythen und Märchen, andere kehrten der Zivilisation und dem zwanzigsten Jahrhundert völlig den Rücken und stiegen in das Reich des Mystizismus und der Esoterik hinab. Die Silberköpfe, ein schwarz-weißer Film des russischen Regisseurs Jewgeni Jufit, zeigte Wissenschaftler mit langen weißen Bärten, die das Ziel verfolgen, dem menschlichen Fleisch die Qualität von Holz zu verleihen. In einem abgeschiedenen Haus auf dem Land bauen sie einen Container, der gewisse Ähnlichkeiten mit dem Orgon-Akkumulator von Wilhelm Reich hat und mit Holznägeln bespickt ist. Ein freiwilliger Wissenschaftler wird in der Maschine festgeschnallt und sein Körper wird mit angespitzten Holzstöcken bearbeitet. Gleichzeitig streift unbekannte Geheimpolizei durch die Wälder, um Mitglieder einer religiösen Sekte zu vernichten, die sich zwischen den Bäumen tummeln. Nach ihren vergeblichen Versuchen, hölzerner zu werden, begehen bzw. versuchen die Wissenschaftler Selbstmord. Dass es in diesem Film kein Happy End gibt, ist selbstredend.

Der Film Der Schuh zeigt, dass man allerdings auch ein Märchen nutzen kann, um ein wertvolles und interessantes Bild zu vermitteln. Der schwarz-weiße Streifen der jungen lettischen Regisseurin Laila Pakalnina erzählt eine einfache Geschichte. Im Lettland der fünfziger Jahre unter stalinistischer Herrschaft säubert ein sowjetischer Traktor einen Strand, der als Grenzgebiet verbotenes Terrain ist. Eines Tages entdeckt man im Sand einen Fußabdruck und dann einen Damenschuh. Jemand aus dem nahegelegenen Dorf muß die verbotene Zone betreten haben!

Sofort wird ein Trupp Soldaten ausgesandt, um mit Hilfe des Schuhs als Beweisstück die Schuldige zu finden. Das Dorf wird durchkämmt und alle weiblichen Bewohner müssen den Schuh ausprobieren. An den Hauswänden des Dorfs kündigen Plakate ein Konzert von Paul Robeson an, und in der örtlichen Schule hängt ein Porträt von Nikita Chruschtschow. Der Film stützt sich weniger auf Dialoge als auf visuelle Eindrücke; der Werdegang der Regisseurin als Dokumentarfilmerin ist unübersehbar. So werden die drei Soldaten und ein Hund teilweise nur als Schatten gezeigt - zwei größere Soldaten im Vordergrund, ein kleiner jüngerer Soldat im Hintergrund, der von einem großen hechelnden Schäferhund gezogen wird. Die Arbeit ist anstrengend. Der kommandierende Offizier fordert, jede Ecke und jede Bewohnerin zu kontrollieren. Die Arbeit ist nicht leicht - die Soldaten stellen fest, dass in den verschiedenen Taschen und Beuteln ihrer Uniform kein Platz für den Damenschuh ist.

Der Film behandelt die absurden Aspekte der stalinistischen Herrschaft. Gleichzeitig zeigt er aber, im Unterschied zu vielen anderen Filmen des Festivals, den Stolz und (passiven) Widerstand der einfachen Dorfbevölkerung. Ich sprach mit Laila Pakalnina und sagte, ihre sympathisierende und optimistische Darstellung der einfachen Leute habe mich beeindruckt. Dies sei auch ihr Hauptanliegen, antwortete sie. Doch sie habe dies nicht aus politischen Erwägungen heraus getan. Die Handlung habe sie auf die Erinnerungen ihrer Eltern gestützt. "Es war die Tauwetterperiode nach Stalins Tod. Trotz der Besetzung ging das Leben weiter wie normal - die Menschen lachten und machten Witze. Jede Zeit hat ihre Probleme, aber ich wollte nicht unbedingt einen Film machen, der die Schwierigkeiten zeigt. Der Stolz und der Widerstand der Menschen sind ebenso wichtig."

In Gesprächen mit aktiven Teilnehmern des Filmfestivals konnte man vieles über die absurden und surrealistischen Aspekte der stalinistischen Periode erfahren. Ein anderer Film, der dieses Thema ebenfalls aufgriff, machte zugleich deutlich, wie beschränkt eine solche Herangehensweise ist. Das Zelt des rumänischen Regisseurs Bogdan-Christian Drägan spielt in Timisoara am 21. Dezember 1989, dem Tag des Massenaufstands gegen die verhaßte Ceausescu-Diktatur.

Drei Arbeiter werden auf das Gelände einer ausländischen Botschaft gerufen, um einen vermuteten Rohrbruch zu reparieren. Ein vierter Arbeiter, der von Beginn an suspekt ist, kommt hinzu. Die Arbeiter, die ihr Bauzelt aufrichten, sowie der einzelne Wachposten, der auf dem Gelände Streife geht, werden durch die allgegenwärtigen Kameras der gefürchteten Geheimpolizei Ceausescus, der Securitate, beobachtet. Während die Filmkamera den Arbeitern durch ein Tunnelnetz unter der Botschaft folgt, observieren zwei flegelhafte Securitate-Agenten jeden ihrer Schritte. Oben toben inzwischen die Kämpfe des Aufstands. Panzer sind im Vormarsch, und man hört Schußwechsel.

Als die Straßenkämpfe lauter werden, vergewaltigt der suspekte Arbeiter die junge Freundin eines der drei Kollegen, die gerade nicht da sind. An diesem Punkt werden surreale und unidentifizierbare Bilder auf die Oberfläche des Zeltes projiziert, in dem die Vergewaltigung stattfindet. Dieses plötzliche Umschalten auf abstrakte Bilder am Ende des Films stellt einen Bruch dar und ist verwirrend. Die Szene dient dazu, naheliegende Schlußfolgerungen aus dem Film ins Ungewisse aufzulösen.

Der Film endet mit einer Widmung für die 1.300 zivilen Opfer des Aufstands gegen das Ceausescu-Regimes. Man nimmt allgemein an, daß diese Opfer auf das Konto einer Provokation der Securitate gehen. In der anschließenden Diskussion verteidigte der Regisseur den Einsatz der projizierten Bilder und erklärte, die stalinistische Herrschaft in Rumänien sei selbst surreal und wie ein Alptraum gewesen. Auch verwies Bogdan auf politische Probleme, mit denen man auch nach zehn Jahren noch konfrontiert sei, wenn man dieses Thema aufgreife. So sei heute der wichtigste Geschäftsmann in Rumänien ein bekanntes ehemaliges Mitglied des Securitate-Apparats. Auch hätten sich alle Parteien des rumänischen Parlaments gegen eine Untersuchungskommission über die Ereignisse während des Aufstands gegen Ceausescu ausgesprochen.

Ein weiteres Thema, das bei den osteuropäischen Filmen eine Rolle spielt, sind Polizei und Kriminalität. Drei Filme - Mama, Heul' nicht!, Killer, Kiler - aus der früheren Sowjetunion stellen mafiaähnliche Elemente in der heutigen russischen Gesellschaft dar und zeigen, wie jeder Versuch, ein anständiges Leben zu führen, scheitert. Dasselbe Thema wird in der jugoslawischen Komödie Drei Palmen für zwei Punks und ein Mädchen aufgegriffen. Der Film spielt im Jahr 1993, einer Zeit von Krieg und Hyperinflation, in der ein Monatsgehalt gerade reichte, um drei Eier zu kaufen. Übernacht entstehen verschachtelte Bankkonzerne, die Kredite für eine monatliche Zinsrate von 30 Prozent anbieten. Eine Gruppe von drei Leuten, die oben erwähnten zwei Punks und Mädchen kommen zum Schluss, dass sie es leid seien, sich von den Banken ausrauben zu lassen. Stattdessen drehen sie den Spieß um und rauben selbst eine Bank aus. Die Geschichte traf offensichtlich die Stimmung, und es wurde der populärste Film Jugoslawiens im vergangenen Jahr, der sogar die Titanic übertraf.

Zu den weiteren interessanten Filmen des Festivals gehörte Der Adoptivsohn von Aktan Abdikalikow aus Kirgisien. Er behandelt mit beeindruckenden Bildern und auf sehr glaubwürdige Weise die Probleme eines heranwachsenden Dorfjungen. Susie Washington des österreichischen Regisseurs Florian Flicker ist gegenwärtig einer der wenigen Filme, die das Schicksal illegaler Flüchtlinge in Europa nach dem Schengener Abkommen thematisieren. Eine russische Frau, die in den Westen flieht, macht alle Leiden durch, die diejenigen erwartet, die ohne ordnungsgemäßen Paß Europa betreten. Dieser Film wird am 31. Dezember in die deutschen Kinos kommen.

Der zweite Teil dieses Berichts über das Cottbuser Filmfestival wird sich mit einem Film des rumänischen Regisseurs Radu Mihaileanu befassen, Zug des Lebens.

Abschließend eine Anmerkung: Auch Cottbus ist von den drastischen Veränderungen der Kinolandschaft nicht verschont geblieben. Im vergangenen Jahr wurde das einzige Kino des Stadtzentrums geschlossen. Die einzige Alternative ist ein neu eröffneter Kinopalast weit außerhalb.