Arm und Reich in Indonesien

Ein Besuch in Surabaja

Von unserem Korrespondenten
13. November 1998

Surabaja unterscheidet sich sehr von anderen Städten oder kleineren Orten Indonesiens. Diese große geschäftige Weltstadt hat eine Bevölkerung von über vier Millionen Einwohnern, ist die zweitgrößte Stadt Indonesiens, ein wichtiges Industriezentrum und eine bedeutende Hafenstadt. Surabaja liegt in Ostjava und blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte als wichtiges Handelszentrum zurück.

Die hohen Geschäftsgebäude, die breiten Einkaufsstraßen und vor allem das immerwährende Dröhnen des Stadtverkehrs fallen dem Besucher sofort auf. Der unermüdliche Strom von Lastwägen, Autos, Bussen, Kleinbussen, Motorrädern, Fahrrädern, dreirädrigen Motorrikschas und Fahrradrikschas ergießt sich über alle sechs Fahrbahnen, schwillt in den Stoßzeiten an, ebbt gegen Abend etwas ab und kommt aber nie ganz zum Stillstand.

In Surabaja ist die soziale Kluft zwischen Arm und Reich ganz offensichtlich und fast grotesk. Hier findet man eine größere Anzahl von Geschäftsleuten mit Anzug und Krawatte und eine größere Anzahl Bettler als anderswo. Adrett gekleidete Büroangestellte gehen vorbei an Kanalarbeitern, die stundenlang in übelriechenden Abwässern stehen und den Klärschlamm auf die Seite schaufeln. Schulkinder in blitzsauberen Uniformen sind auf dem Nachhauseweg, während Zeitungsjungen, kaum sieben, acht oder neun Jahre alt, ihren Tag auf der Straße zubringen. Es gibt exklusive Vororte, deren Straßen mit weißen stattlichen Villen in wohlgepflegten Gärten umsäumt sind. Am Fluß Kalimas dagegen findet man die Baracken und provisorischen Hütten der armen Stadtbevölkerung.

Die Börse und die solide gebauten Bankgebäude im Zentrum erinnern an die Minderheit, die in den 80er und 90er Jahren aus der enormen Expansion der Billiglohnindustrien, den Spekulationsorgien, der Korruption und Vetternwirtschaft Profit schlagen und riesigen Wohlstand anhäufen konnte. Das geschäftige Pulsieren der Stadt verrät wenig über den finanziellen Kollaps, den Indonesien im vergangenen Jahr zu verkraften hatte, und der den Zusammenbruch der Landeswährung, rapide ansteigende Inflations- und Zinsraten und eine Rezession auslöste.

Ein leitender Angestellter einer staatlichen Bank äußerte sich äußerst pessimistisch über die wirtschaftliche Zukunft des Landes. Bei Zinsraten von über 60 Prozent könne sich keiner einen Kredit leisten, meinte er. Er berichtete, daß Fabriken, die einheimische Rohstoffe und Komponenten verwenden, ihre Produktion weiterhin aufrecht halten können, aber Fabriken, die auf importierte Teile oder Materialien angewiesen sind, hätten ihre Produktion weitgehend ganz eingestellt. Er meinte, die staatlichen Banken könnten wahrscheinlich überleben, doch viele der in den 80er Jahren gegründeten Privatbanken seien in einer sehr prekären Lage. Regierungsangaben zufolge liegt die Inflationsrate gegenwärtig bei 80 Prozent, sei in Wirklichkeit jedoch, insbesondere für Importgüter wie Medizin, viel höher. Er sagte, die Arbeiter hätten einfach nicht genug Geld, um genügend Nahrungsmittel für sich und ihre Familien zu kaufen.

Doch es gibt auch viele deutlich sichtbare Anzeichen von Wohlstand: Teure Importautos, teure Kleidung, exklusive Restaurants, die gut besucht sind und der Surabaja-Tennisclub, im dem reger Betrieb herrscht. Die riesigen Einkaufszentren - moderne Wahrzeichen für Geld, moderne Waren und la dolce vita - liefern den besten Beweis für die Existenz einer beträchtlich großen Mittelschicht.

In Surabaja gibt es mindestens vier solcher riesiger Einkaufskomplexe. Das Einkaufszentrum Tunjungan Plaza am anderen Ende der Jalan Pemuda war das erste, auf das ich am ersten Tag meines Besuches stieß. Sicher gibt es auf diesem Planeten noch größere Einkaufszentren als dieses, aber ich komme aus Australien und habe dergleichen noch nie gesehen. Der Komplex besteht aus vier miteinander verbundenen Gebäudetürmen aus Stahl und Glas, hat Air-Condition und jedes Gebäude ist vier bis sechs oder sogar sieben Stockwerke hoch und von einem Schimmer aus Chrom und rostfreiem Stahl umgeben. Im Inneren findet man ein Geschäft neben dem anderen, Banken, Boutiquen, Kaufhäuser und Restaurants, und überall werden modernste Artikel angeboten.

Das Einkaufszentrum wird von einer kleinen Garde von Sicherheitskräften patrouilliert, und ist ein wahres Mekka für die Betuchten der Stadt. Sonntags war das Einkaufszentrum gerammelt voll mit Einkaufslustigen und einer Menge Jugendlicher in moderner Markenkleidung, die gesehen werden wollten. Im Untergeschoß der einzelnen Gebäudetürme findet man besondere Attraktionen, die Kunden anziehen sollen: Es gibt Verkaufsstände mit Billigwaren, einen Tanzwettbewerb und sogar eine Schlittschuhbahn (wohl eine der wenigen in Äquatornähe).

Unter den Besuchern waren nicht nur Schaufensterbummler, sondern auch viele Käufer, die Geld mitgebracht hatten. Im vierten und fünften Stock kann man in einem Restaurant an einem Cappucino nippen, sich ein Stück Kuchen auf der Zunge zergehen lassen und gleichzeitig dem Treiben der Schlittschuhläufer ganz unten zusehen. Kaffee und Kuchen kosten mehr als ein Fabrikarbeiter am Tag verdient. Viele sind bereit, für eine Handvoll Lebensmittel aus einem der gutbestückten Supermärkte mehr als ein ganzes Wochengehalt auszugeben. Die Elektrogeräte und neuesten Modeartikel bedeuten für die meisten Indonesier das Höchste der Gefühle.

Geht man an den Sicherheitskräften und Soldaten mit ihren Maschinengewehren vorbei aus dem Gebäude, steht man plötzlich vor einem Straßenbild, das deutlich macht, wie das wirkliche Leben für die meisten Indonesier aussieht. Zeitungsjungen, Bettler und ein Mann mit einem erschrockenen Lemuren versuchen alle den Einkäufern etwas Geld abzuluchsen. Ein Stück weiter vorne wetteifert eine ganze Ansammlung von Fahrradrikscha-Fahrern um die Gunst potentieller Fahrgäste: Es geht um den Fahrpreis von einigen Hundert Rupiah, die sie verdienen können, wenn sie die Fahrgäste in der heißen tropischen Sonne durch die Straßen kutschieren. Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein unbebautes Grundstück. Verborgen hinter einem hohen Zaun erkennt man dort eine Reihe provisorischer Hütten. Weiter unten an der Straße sind die Kanalarbeiter noch immer schwer am Schuften.

Ungefähr 15 Kilometer von Surabajas Innenstadt liegt das Industriegebiet Rungkut. Die Werbebroschüre preist es folgendermaßen an: "Mit 500 Hektar Land, einer zentralen Kläranlage, einem erstklassigen Straßennetz, Wasserversorgung, Energieversorgung bis zu 110 Megawatt, Telefon, hervorragendem Kanalisations- und Abwassersystem und vielen weiteren Einrichtungen ist Rungkut ein Industriegebiet, auf das Sie sich verlassen können."

Dieses 1975 entstandene Industriegebiet ist nur eines von vielen, die man in den Randgebieten Surabajas errichtet hat. Man findet dort ungefähr 350 Fabriken, von riesigen modernen Betrieben transnationaler Konzerne wie Philips und Unilever bis zu kleinen und abgewirtschafteten Unternehmen. Jedes hat ein eigenes abgezäuntes Gelände, einen Sicherheitsposten und Werkschutz. Wir sprachen einige Sicherheitsposten an und baten sie, uns das Gelände zu zeigen, trafen aber auf Ablehnung. Sie sagten, sie bräuchten dazu die Zustimmung der Geschäftsleitung oder sogar von Regierungsbeamten.

Zehntausende Arbeiter sind im Industriegebiet Rungkut beschäftigt. Morgens und nachmittags sind die Zufahrtsstraßen voller Autos und Fahrräder. Viele Arbeiter wohnen in den Vororten der Umgebung in kleinen alten und baufälligen Betonklötzen. Die Einkaufsläden sind klein. Hier gibt es keine schicken Restaurants oder Einkaufszentren. Im Industriegebiet nehmen die Arbeiter ihre Mahlzeiten im Freien an einem der kleinen Imbißstände am Straßenrand ein.

Wieviel verdient ein Fabrikarbeiter im Durchschnitt? "Ungefähr 7.000 Rupiah pro Tag", meinte mein Begleiter. "Und das ist wirklich nicht genug. Eine Fahrt mit dem Bemo (Kleinbus) kostet 700 Rupiah, das macht also täglich 1400 Rupiah für die Hin- und Rückfahrt. Dann braucht man täglich drei Mahlzeiten, sagen wir 300 Rupiah pro Mahlzeit. Das sind 10.400 Rupiah allein für Fahrtkosten und Essen. Die Arbeiter müssen sich verschulden, alleine schon, um überleben zu können."

In der Bank im Hauptverwaltungsgebäude des Industriegebietes haben sich lange Menschenschlangen von jeweils 40 bis 50 Leuten gebildet, die alle geduldig warten. Sie alle sind Kleinschuldner, manche Kleinunternehmer, Imbißbudenbesitzer oder Arbeiter, die Zahlungen leisten oder weitere Kredite aufnehmen wollen.

Es wird sehr deutlich, daß die Situation so nicht bleiben kann. Die Arbeiter und ihre Familien müssen einen täglichen Kampf ums Überleben führen.

Die nüchternen Zahlen der Statistik sprechen von einem Rückgang der Reallöhne um 77 Prozent und einem Wirtschaftsabschwung von 14 Prozent bis zum 30. September. Millionen Arbeiter hat man auf die Straße gesetzt. Wenigstens 80 Millionen Menschen leben unter der offiziellen Armutsgrenze und man rechnet damit, daß sich diese Zahl im nächsten Jahr auf 140 Millionen erhöht.

Bildung und Gesundheitsversorgung sind für viele ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. Eltern sind außerstande, die Schulgebühren aufzubringen, und die Kinder müssen die Schule verlassen und kleine Jobs annehmen. Laut einem kürzlichen Bericht der UNICEF wurde in diesem Schuljahr nur ein Viertel der staatlichen Gelder, die für Stipendien zur Verfügung stehen und den Kindern der Armen den Schulbesuch ermöglichen sollen, ausgegeben.

Noch beängstigender ist, daß der Bericht von einer "verlorenen Generation" spricht, da die heutigen Kinder in Indonesien in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung von Unterernährung beeinträchtigt sind. "Angesichts der Tatsache, daß 65 Prozent der Kinder unter drei Jahren an Anämie und 50 Prozent an einer Unterversorgung mit Mikro-Nährstoffen leiden, könnte der IQ, den man in der Regel bei 100 ansetzt, auf 92 oder 93 Prozent zurückgehen," meinte der Regionalbeauftragte der UNICEF Stephen Woodhouse.

Ein Kenner des öffentlichen Gesundheitswesens bestätigte, daß die Krankenhausversorgung stark unter der Wirtschaftskrise zu leiden hat. "Viele Menschen können es sich einfach nicht leisten, ins Krankenhaus zu gehen. Und in den Krankenhäusern selbst mangelt es an Geld," sagte er. Zeitungsberichten zufolge machen sich viele Patienten still und heimlich aus den Krankenhäusern davon, um kein Geld zahlen zu müssen. Das geht so weit, daß viele Mütter ihre Neugeborenen im Krankenhaus zurücklassen, da sie die Krankenhauskosten nicht bezahlen können und keine Mittel haben, für ihre Kinder zu sorgen.

Ausschnitte aus der englischsprachigen Jakarta Post werfen ein Schlaglicht auf die Situation von Arbeitern, Kleinbauern und anderen:

16. Oktober: Ein Angestellter in Purwokerto, Zentraljava, berichtet von ca. 10.000 unterernährten Grundschulkindern aus 73 armen Dörfern im Bezirk Banjumas. Als Beispiel führt er 500 Kinder an, die sich ausschließlich von einer Mischung aus Reis und Maniok ernähren. Ein anderer Zeuge bestätigt, daß Erwachsene und Kinder unter fünf Jahren ebenfalls unterernährt sind.

17. Oktober: Eine örtliche Augenklinik in Zentraljava führt den starken Anstieg an Augeninfektionen in den vergangenen drei Monaten von 150 auf 1.200 Krankheitsfällen monatlich auf unzureichende Ernährung und Vitamin-A-Mangel zurück. "Dieser Zustand ist sehr schlimm, denn für die Bevölkerung ist es äußerst schwierig, sich richtig zu ernähren", meinte ein Vertreter der Klinik.

18. Oktober: Der Vorsitzende der indonesischen Organisation für Familienplanung warnt, daß die hohen Preise von Verhütungsmitteln viele aus dem Programm der Organisation drängen werden. Der Preis für Verhütungsmittel, die wie viele andere Medikamente importiert werden müssen, ist im vergangenen Jahr um das fast Fünffache gestiegen. Der Artikel zitiert eine kleine Umfrage, aus der hervorgeht, daß bereits viele Teilnehmer aus finanziellen Gründen aus dem Familienplanungsprogamm ausgetreten sind.

19. Oktober: Ein Arzt des Krankenhauses in Semarang, Zentraljava, nennt Unterernährung als eine der Ursachen für das Auftreten chronischer Nierenerkrankungen, die auch Beeinträchtigungen von Muskeln, Knochen, Nervensystem, Verdauungsapparat und Geschlechtsorganen zur Folge haben.

Einem im Exil lebenden Anthropologen zufolge werden die Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in Indonesien erst nach etwa sechs Monaten in ihrem ganzen Ausmaß zum Tragen kommen. "Gegenwärtig", meinte er, "finden die Menschen noch Auswege. Sie leihen sich Geld. Arbeitslose Arbeiter kehren zum Teil in die Dörfer zurück. In den ländlichen Gebieten versuchen die Bauern zwei Ernten pro Jahr zu erwirtschaften. Aber diese Maßnahmen können nicht immer andauern. Irgendwann im nächsten Jahr werden die Folgen in ihrem ganzen Ausmaß plötzlich sehr spürbar sein."

Inzwischen kommt es bereits zu sporadischen Streiks und Protestaktionen, um Lohnerhöhungen zu fordern, gegen die Entlassungen und Betriebsschließungen zu protestieren oder um zu verlangen, daß die Arbeitgeber die von der Regierung festgesetzten Minimallöhne zahlen. Die Verschärfung der sozialen Krise wird zweifellos ein Anwachsen der Demonstrationen und Streiks mit sich bringen. Der krasse Gegensatz zwischen dem Lebensstandard der Bevölkerungsmehrheit und dem Luxusleben der wenigen Reichen wird den Zorn der Massen noch verstärken.

Rungkut ist ein typisches Beispiel für einen Ort, an dem eine große Zahl Fabrikarbeiter konzentriert ist, und für die zentrale Rolle, die diese Arbeiter in der Wirtschaft Indonesiens spielen. Die politische Orientierung ihrer heutigen Aktionen, und die Frage, ob sich die Arbeiter der sozialistischen Alternative zuwenden oder nicht, sind entscheidend und wegweisend für die politische Richtung zukünftiger Aufstände.