Schwere Erschütterungen bei Opel

Von Helmut Arens
18. November 1998

Die seit Jahren schwelenden Konflikte zwischen der deutschen Adam Opel AG und ihrer Konzernmutter General Motors (GM) in den USA erreichten im Oktober einen Höhepunkt, als GM den erst vor vier Monaten eingesetzten Vorstandsvorsitzenden Gary Cowger wieder in die USA zurückrief und durch den Enwicklungschef bei Opel, Peter Hanenberger, ersetzen wollte. Dagegen brach sowohl in Teilen des Managements wie auch im Aufsichtsrat, vor allem auf Seiten der Arbeitnehmervertreter, eine regelrechte Revolte aus. Die "Amerikaner in Detroit", so lautete der Tenor, seien unfähig, die "deutschen Qualitätsstandards" zu verstehen.

Der Konflikt hatte sich entwickelt, seit der GM-Chef Jack Smith 1993 den ganzen Konzern auf globaler Ebene neu zu strukturieren und zu integrieren begann. Dieser Globalisierung sollte die deutsche Tochter Opel eingeordnet werden und dabei einen Teil ihrer vorherigen Unabhängigkeit verlieren. Nach dem Ende des teuren achtwöchigen Streiks vor zwei Monaten forcierte GM den weltweiten Rationalisierungskurs. Durch eine stärkere Standardisierung von Produktelementen wird die Herstellung eines "Weltautos" angestrebt: In verschiedenen Ländern der Welt gebaute Autos sollen mit den gleichen Bodengruppen, Getrieben oder Motoren ausgerüstet werden, um die Entwicklungskosten zu senken. Gegenwärtig hat GM weltweit 14 verschiedene Modellplattformen, die künftig um die Hälfte verringert werden sollen.

Smith erläuterte: "Ein scharfer Wettbewerb, sehr unterschiedliche Märkte und die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt politisch, ökonomisch und technologisch verändert, erfordern, daß General Motors schneller und schlanker wird."

Gegen diesen Kurs wehrten sich sowohl die IG-Metall-Betriebsräte und ihre Vertreter im Aufsichtsrat von Opel wie auch der damalige Vorstandsvorsitzende David Herman, der im Juni diesen Jahres deshalb nach Rußland abgeschoben wurde, und ebenso der Aufsichtsratsvorsitzende Gäb. Sie behaupten, die Kostensenkungsprogramme im Rahmen der Globalisierungsstrategie seien für die Absatzeinbrüche von Opel verantwortlich, weil sie zu Qualitätsmängeln und unzureichender Entwicklung von neuen Modellen geführt hätten. Die Marktanteile der General Motors Tochter in Deutschland sind in zwei Jahren von über 16 auf 14 Prozent gefallen. In Westeuropa ist der Marktanteil von Opel innerhalb eines Jahres von 12,1 auf 11,3 Prozent zurückgegangen.

Peter Hanenberger wird mit der Durchsetzung des Sparkurses identifiziert. Er fällt als Entwicklungschef von Opel in Rüsselsheim vor allem dadurch auf, daß er stets die billigste Lösungsvariante bevorzugt und aus Kostengründen auf die Entwicklung neuer Modelle verzichtet. Betriebsratsvorsitzender Rudolf Müller wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Ernennung Hanenbergers zum neuen Vorstandsvorsitzenden bei Opel. Hanenberger führt jedoch nur die Vorgaben von Louis Hughes aus, des Vizepräsidenten von GM International mit Sitz in Zürich. Hughes war selbst einmal Vorstandsvorsitzender bei Opel.

Erst durch den Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Wilhelm Gäb sah sich die Konzernzentrale in Detroit schließlich gezwungen, Hanenberger fallenzulassen. Der jetzt zum Vorstandsvorsitzenden gewählte Robert Hendry, der gleichzeitig Chef des ebenfalls zum General-Motors-Konzern gehörenden schwedischen Autoherstellers Saab bleiben wird, hat sich dort zwar als harter Sanierer einen Namen gemacht. Er ist bei GM aber auch als "Mr. Saab" bekannt, weil er eine eigenständige Markenpolitik von Saab gegen die Konzernzentrale verteidigt hat. Das gleiche erhofft man sich jetzt in Rüsselsheim von ihm.

Besonders der Betriebsratsvorsitzende feiert diese Lösung als großen Sieg für die "Selbständigkeit und Eigenverantwortung für die Adam Opel AG". In seiner Stellungnahme zu den Beschlüssen des Aufsichtsrats vom 26. Oktober erklärte Müller: "Letztlich hat sich... bei General Motors die Vernunft und auch der Respekt vor der deutschen Mitbestimmung durchgesetzt." ... "Wir glauben in Herrn Hendry einen Verfechter für ein eigenständiges Opel-Markenprofil in allen Marktsegmenten gefunden zu haben. Insofern war es stets unsere Intention, einen Vorstandsvorsitzenden zu haben, der Verständnis für die europäischen Kundenanforderungen hat und als Kenner der europäischen Kultur gilt." Müller schloß seine Rede mit einem Appell an die "Innovationskraft der Beschäftigten".

Die Rede Müllers macht deutlich, daß der Betriebsrat nicht die Interessen der Arbeiter und Angestellten bei Opel vertritt. Was vom Betriebsrat als großer Erfolg hingestellt wird, ist für die Arbeiter alles andere als eine Lösung. Die Vorstellung, das "eigenständige Modell Opel" mit "hohem deutschen Qualitätsstandard" konkurrenzfähig am Weltmarkt anzubieten, kann nur auf dem Rücken der Belegschaften verwirklicht werden.

Hinter den Konflikten zwischen den Konzernspitzen in Detroit und Rüsselsheim stehen sehr grundlegende Veränderungen auf dem Weltmarkt, auf die GM reagiert. Angesichts riesiger Überkapazitäten auf dem Weltautomarkt und eines Rückgangs der Nachfrage aufgrund der Weltfinanzkrise entwickelt sich ein ungeheurer Konkurrenzkampf zwischen den internationalen Autokonzernen, den nur die stärksten überleben werden. Kosten müssen mit allen Mitteln gesenkt werden. Daraus entwickeln sich Firmenzusammenschlüsse wie im Fall von Daimler-Chrysler und grundlegende Veränderungen der Konzernstruktur wie bei General Motors.

Obwohl bei General Motors seit etwa 1992 durch Werksschließungen und Personalabbau schon 70.000 Arbeitsplätze verlorengegangen sind, ist der Vorstand akut unter den Druck von Wall Street und der Aktionäre geraten, die eine Beschleunigung der Kostensenkungsmaßnahmen verlangen. Fachleute erwarten, daß in den nächsten Jahren weitere 30.000 bis 50.000 Arbeitsplätze vernichtet werden.

Getrieben von der internationalen Konkurrenz und den Forderungen der Finanzmärkte wird GM weiterhin die Ausbeutung der Arbeiter verschärfen und Arbeitsplätze vernichten - auch bei Opel. Längerfristig soll die Produktion in Deutschland zurückgefahren und in andere, billigere Länder in Europa verlagert werden. Nun sollen auch die langjährigen Pläne umgesetzt werden, das gesamte Rüsselsheimer Stammwerk abzureißen und neu aufzubauen. Dabei werden mindestens 4.500 Arbeitsplätze verschwinden. Und ob es überhaupt noch einmal wieder aufgebaut wird, wenn es erst einmal abgerissen ist, wird sich noch zeigen.

Die Betriebsräte und die Gewerkschaft werden darauf nicht mit einem Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze reagieren, sondern, wie bisher, mit immer neuen Angeboten, wie die Produktionskosten in Deutschland durch extreme Flexibilisierung der Arbeit und alle notwendigen Zugeständnisse bei den Löhnen und Sozialleistungen auf das Niveau von Ungarn, Polen oder Rußland gesenkt werden können.

Die Arbeitsplätze, Löhne und sozialen Bedingungen können nicht durch eine Solidarisierung mit Herman, Gäb und Hendry gegen Hanenberger, Hughes und die Spitze in Detroit verteidigt werden, wie es IG Metall und Betriebsrat glauben machen wollen; statt dessen müssen die Arbeiter und Angestellten von General Motors in ganz Europa, Amerika und der übrigen Welt einen gemeinsamen Kampf gegen das von GM praktizierte Shareholder-Value-Prinzip und gegen das ganze Profitsystem führen, das dahinter steht.