Demokratie-Defizite an der Humboldt-Uni

RefRat droht sozialistischen Opfern des Stalinismus

12. November 1998

Mit den Worten "Ich hab noch einen Eispickel im Kühlschrank" schließt ein offizielles Schreiben des ReferentInnenrat der Humboldt-Universität vom 10. November 1998 an die Hochschulgruppe für Soziale Gleichheit. Unterzeichner ist der Finanzreferent Mario Pschera. Die unter "P.S." angeführte Zeile bezieht sich auf die Waffe, mit der im August 1940 Leo Trotzki, der politische Kopf der antistalinistischen Linken Opposition, von einem gedungenen Mörder des Kreml erschlagen wurde.

Die Hochschulgruppe für Soziale Gleichheit plant eine Gedenkveranstaltung für den jüngst verstorbenen russischen Historiker Wadim Rogowin und hatte den RefRat um seine Zustimmung ersucht, wie es allgemein üblich ist, wenn Hochschulgruppen Räume der Universität für öffentliche Versammlungen nutzen wollen.

Wadim Rogowin, dessen Werke bereits in mehreren Sprachen publiziert worden sind, war eine weltweit anerkannte Autorität auf dem Gebiet der linken, sozialistischen Opposition gegen den Stalinismus insbesondere der späten zwanziger und der dreißiger Jahre. Unter Heranziehung neuer Quellen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in zuvor verschlossenen Archiven zugänglich geworden waren, verfaßte er u.a. eine detaillierte sechsbändige Dokumentation über den Widerstand und die Verfolgung der politischen Gegner Stalins in der kommunistischen Bewegung. Der erste bisher in deutsch erschienene Band "1937. Jahr des Terrors" wurde von der Fachwelt und Presse durchweg mit großem Interesse aufgenommen.

Im Rahmen internationaler Vortragsreisen hatte Rogowin im Dezember 1996 im Audimax der Humboldt-Universität über das Thema "Gab es eine Alternative zum Stalinismus?" referiert. Er erlag am 18. September diesen Jahres in Moskau seinem langjährigen Krebsleiden.

Zur Gedenkveranstaltung am 5. Dezember sind auch Zeitzeugen eingeladen, etwa Sorja Serebrjakowa, deren Vater Leonid, ein Moskauer Führer der Oktoberrevolution von 1917, als einer der Hauptangeklagten neben Pjatakow und Radek im großen Schauprozeß gegen das "antisowjetische trotzkistische Zentrum" im Januar 1937 zu Tode verurteilt worden war. Frau Serebrjakowa ist Doktorin der Geschichte und publiziert auch in Deutschland. Als Redner vorgesehen ist auch Juri Primakow, Sohn von General Witali M. Primakow, der sich 1915 den Bolschewiki angeschlossen hatte, 1934 von Stalin verhaftet und drei Jahre später ebenfalls zum Tode verurteilt wurde.

Als Töchter und Söhne von Oppositionellen haben beide lange Jahre in den Lagern der Verbannung zubringen müssen.

Als weiterer Teilnehmer an der Gedenkveranstaltung ist der hochbetagte Professor Nathan Steinberger aus Berlin angekündigt, der ebenfalls 20 Jahre in Kolyma im Lagerhaft und in der Verbannung zugebracht hat. Steinberger hatte im Frühjahr dieses Jahres bereits vor einem vollen Saal an der Humboldt-Universität seine Geschichte berichtet.

Der RefRat begründete seine ausnahmsweise in nichtöffentlicher Sitzung gefaßte Ablehnung damit, daß die Förderung der politischen Bildung, die laut Berliner Hochschulgesetz zu seinen Aufgaben gehört, nicht die Förderung einer politischen Bildung beinhalte, und daß er auch nach dem Gleichbehandlungsgrundsatz nicht verpflichtet sei - so wörtlich - "bei Ermessensentscheidungen jeden Schmarrn zu unterstützen."

Die abschließende Drohung mit dem "Eispickel" läßt ein erschreckendes Maß an Mangel für demokratische Gepflogenheiten und ein äußerst problematisches Verhältnis zur Geschichte des stalinistischen Terrors erkennen.