Bedenken über genetisch veränderte Nahrungsmittel nehmen zu

Von Paul Mitchell
8. Dezember 1998

Im Januar dieses Jahres sagte ein Forscher des Rowett Research Institute in Schottland über genetisch veränderte Nahrungsmittel: "Ich würde sie mit Sicherheit nicht essen. Wir geben den Nahrungsmitteln neue Sachen bei, die niemals zuvor gegessen worden sind. Die Auswirkungen auf das Immunsystem sind nicht leicht vorauszusagen, und ich zweifle an jedem, der behauptet, daß sie vorhersehbar seien."

Auf der Grundlage seiner jüngsten Forschungsarbeit wiederholte ein besorgter Wissenschaftler, Dr. Arpad Pusztai, seine Warnungen am 10. April in der britischen Fernsehsendung World in Action. Am nächsten Tag ordnete der Leiter des Roswett Research Institute eine Untersuchung an. Wenige Tage später verkündete der Leiter, daß er Dr. Pusztais Unterlagen in Verwahrung genommen habe und Dr. Pusztai in den Ruhestand gehe.

Dr. Pusztai ist eine weltbekannte Autorität in der Forschung über pflanzliche Chemie, hat über 35 Jahre an dem Institut gearbeitet und 270 wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht. Er ist überzeugt, daß die Genmanipulation der Menschheit großen Nutzen bringen kann, meint aber, daß die damit befaßten Konzerne die neue Biotechnologie zu schnell und ohne ausreichende Forschung einführen.

In den 70er Jahren entdeckten Wissenschaftler erstmals die Technik der Genmanipulation. Diese verfügt über ein großes Potential und entwickelt sich sehr schnell fort. Robb Fraley, der Vorsitzende von Monsanto, einer der größten biotechnologischen Konzerne, sagte: "Wir befinden uns am Beginn einer Umwandlung der Industrie, die in einigen Jahren als bedeutsamer angesehen werden wird, als die Computer-Revolution." Vor zwei Jahren umfaßte genetisch verändertes Soja nur 2 Prozent des amerikanischen Sojamarkts. Im Jahre 2000 werden es 80 Prozent sein.

Die Entwicklung der Gentechnologie und ähnlicher Technologien hat das menschliche Verständnis der Struktur des Gens grundlegend verändert. Die Kosten für die Entschlüsselung dieser Struktur liegen heutzutage bei nur 150 Dollar, Mitte der 70er Jahre waren es noch 2,5 Millionen Dollar gewesen. Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist, daß Forscher den genetischen Aufbau vieler Organismen ermittelt haben und relativ leicht genetisches Material von einem Organismus in den anderen verpflanzen können.

Es ist nun möglich, quasi über Nacht Pflanzen und Tiere zu züchten, deren verbesserte Qualität der Ernährung und Gesundheit der Menschen zugute kommen kann. Und dies im Vergleich zu den Tausenden an Jahren, die die Natur brauchte, um die heutige Artenvielfalt hervorzubringen. Wissenschaftler können Gene von einem Organismus in einen anderen verpflanzen, um zum Beispiel zusätzliche Vitamine, weniger Fett und seltene oder schwer herzustellende Substanzen zu produzieren. Der für die Herstellung von Käse notwendige Stoff Chymosin, der bisher nur in Kälbermägen entstand, kann jetzt von genetisch veränderten Bakterien erzeugt werden.

Biotechnologie-Konzerne haben sich beeilt, Nutzpflanzen mit neuen Eigenschaften auszustatten, wie Resistenz gegen Dürre, Krankheiten und Ungeziefer. Viele der neuen Pflanzenarten benötigen weniger Aufbereitung in den Fabriken und weniger Zusätze. Weil sie Gene haben, die ihre Haltbarkeit verbessern, gibt es weniger Abfall. Zeneca hat eine länger haltbare Tomate entwickelt, die Hersteller für Tomatenmark verwenden - das erste genmanipulierte Nahrungsmittel auf dem britischen Markt.

Ein anderer möglicher Vorteil ist der geringere Einsatz von Pestiziden, Düngemitteln und Energie, verglichen mit den herkömmlichen Anbaumethoden. Landwirte müssen das Land nicht aufwendig bestellen, dadurch nimmt die Bodenerosion und der Einsatz von Maschinen und Arbeitskraft ab. Die Firma Monsanto behauptet, daß ihre gegen den Kartoffelkäfer resistenten Kartoffeln den Einsatz von 2.000 Tonnen Pestiziden, 180.000 Frachtcontainern und knapp 700.000 Liter Treibstoff überflüssig machen würden.

Biotechnologie ist ein großes Geschäft, und es geht um enorme Profite. Der weltweite Markt zum Schutz des Getreides ist alleine 20 Milliarden Dollar wert. Konzerne wie Monsanto, Dupont und Novartis stecken Milliarden in die Forschung und Produktion von genetisch veränderten Lebensmitteln. Wie viele wissenschaftliche Einrichtungen ist das Rowett Research Institute zunehmend von der finanziellen Unterstützung dieser Unternehmen abhängig geworden, weil staatliche Gelder gestrichen wurden.

Monsanto hat soeben für 3,2 Milliarden Dollar zwei Firmen erworben und sich mit einer dritten zusammengeschlossen, da diese die Möglichkeiten zur Forschung, Saatgutproduktion und Entwicklung bieten. Der Konzern kaufte sich außerdem mit 6,5 Milliarden Dollar in das Saatgutgeschäft ein, kürzlich übernahm er den internationalen Saatguthandel Cargill´s. Am Ende des Jahrhunderts werden vier bis fünf Konzerne die weltweite Versorgung mit Saatgut kontrollieren.

Die Entwicklung einer weltumspannenden Planung und Produktion von Nahrungsmitteln könnte das Mittel zur Behebung von Hunger und Armut sein, aber nicht, so lange sie in den Händen der biotechnologischen Konzerne liegt. Der heftige Wettbewerb um Märkte und um die Realisierung des Profits aus den Investitionen untergräbt die Möglichkeit der systematischen und kooperativen Planung. Monsanto-Aktionäre haben seit 1994 eine Vervierfachung des Werts ihrer Aktien erlebt, waren aber kürzlich unzufrieden, als die Firmenleitung einen Gewinn von nur 294 Millionen Dollar bei 7,5 Milliarden Dollar Umsatz bekanntgab. Dieser Druck hat dazu geführt, daß die Konzerne nun darauf drängen, alle Beschränkungen ihrer Rechte zur globalen Ausbeutung der neuen Technologie und des Kampfs gegen ihre Rivalen abzuschaffen.

Die Forderungen nach Deregulierung haben in großem Maße die Bedenken über die Sicherheit von genetisch veränderter Nahrung verstärkt. Wenn Wissenschaftler Gene zwischen Organismen derselben Spezies oder zwischen verschiedenen Spezies austauschen, werden vollkommen neue Probleme aufgeworfen. Wie Dr. Pusztai festgestellte, ist es schwer vorherzusehen, wie das eingefügte Gen sich zu den bereits existierenden Genen verhalten wird oder was die möglichen Nebenwirkungen auf den Menschen und die Umwelt sein werden. Tests, die an Laborratten durchgeführt werden, können eventuelle Auswirkungen auf den Menschen oder andere Lebewesen nicht aufzeigen.

Die biotechnologischen Konzernen geben zu, daß Gefahren vorhanden sind, sagen aber, daß die Forschung gründlich und die Industrie gut kontrolliert sei. Doch es gab bereits mehrere unangenehme Zwischenfälle. Lachse, die doppelt so schnell wachsen wie normale, sind in die freie Wildbahn ausgebrochen, und ein Konzern mußte Saatgut für Raps zurückziehen, weil die Samen ein "falsches" Gen enthielten. Vielfach wird befürchtet, daß Gene mit der Resistenz gegen Pestizide und Antibiotika sich unkontrolliert verbreiten. Jüngste Forschungsergebnisse haben gezeigt, daß ein neuer Typ von herbizidresistentem Raps sich mit einem verwandten Wildkraut kreuzen kann, und dieses dadurch ebenfalls resistent wird.

Neben den Sicherheitsproblemen sind die Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Praxis enorm, da die biotechnologischen Konzerne in jeden Winkel der Welt vordringen. In Indien haben die Bauern über Tausende von Jahren bestimmte Arten von Reis angebaut, aber die Konzerne haben viele dieser Arten patentieren lassen und sie damit für Kleinbauern unbezahlbar gemacht. Andere Landwirte stellen fest, daß sie in immer stärkerem Maße an die biotechnologischen Konzerne gebunden sind. Wenn sie zum Beispiel Monsantos genetisch veränderte Sojabohnen kaufen, so müssen sie sie auch mit Monsantos Allzweckherbizid besprühen, das alle anderen Pflanzen tötet. Nur Monsantos Saatgut und Bohnen überleben, weil sie ein Gen enthalten, das sie gegen das Herbizid resistent macht. Bauern müssen Verträge unterzeichnen, mit denen sie sich verpflichten, die Samen ihrer Ernte nicht zur erneuten Aussaat zu benutzen, und die Konzerne arbeiten an der Entwicklung einer "terminator technology", wörtlich übersetzt etwa "Beendigungstechnologie", um zu verhindern, daß Pflanzen Samen herausbilden.

In den 1980er Jahren sagten die Saatgutproduzenten, daß die Einführung von ertragreichen Getreidekreuzungen in einer "Grünen Revolution" dem Hunger ein Ende setzen und armen Bauern helfen würde. Anstelle dessen war das Ergebnis die beschleunigte Entwicklung von riesigen Landwirtschaftsbetrieben im Westen, die "überproduzieren" und "Nahrungsberge" schaffen, während in der Dritten Welt Millionen Hunger leiden. Kleinbauern sind in beiden Regionen ruiniert. Für mexikanische Kleinbauern ist es billiger, in ihrem lokalen Markt den Mais aus Nordamerika zu kaufen, als selbst welchen anzubauen. Die Entwicklung von genetisch veränderten Feldfrüchten wird diesen Prozeß zum Schlechten vorantreiben.

Im Kampf um die Vorherrschaft auf den Märkten gehen die biotechnologischen Konzerne mit den Gegnern ihrer Pläne nicht freundlich um, und sie haben einige sehr mächtige Verbündete. Vierzehn US-Staaten haben ein Gesetz erlassen, wonach es illegal ist, "fälschliche und schädliche Informationen über Lebensmittel" zu verbreiten. Zwei Journalisten führen eine Klage gegen den Sender Fox TV, der sie feuerte, nachdem er zuvor die Ausstrahlung einer Sendung über Monsantos genetisch verändertes Wachstumshormon für Rinder verweigert hatte. Jane Akre, eine der Journalisten, erklärte, sie hätten "die Wahrheit über einen gigantischen Chemiekonzern und eine machtvolle Milchwirtschaftslobby" berichten wollen. "Für solche Untersuchungen haben Reporter früher Auszeichnungen erhalten. Wir haben auf unangenehme Weise erfahren, daß man heutzutage für so etwas gefeuert werden kann."

Es hat den Anschein, daß die Maßnahmen, die gegen Dr. Pusztai getroffen wurden, mit seinen Warnungen im Fernsehen zusammenhängen. Kurz nach seiner erzwungenen Pensionierung wurde bekannt, daß der Verlag des Magazins Ecologist eine Ausgabe einstampfte, die sich ausschließlich mit Monsanto beschäftigt hatte. Ein Sprecher des Magazins meinte, daß die Anwälte des Verlags aus Angst vor einer Klage geraten haben könnten, diese Ausgabe zu vernichten.

Die Welthandelsorganisation hat durchgesetzt, daß Länder die Einfuhr von genetisch veränderten Nahrungsmittel nicht verbieten können, selbst wenn es Referenda oder Massenproteste und Petitionen gab. Die US-Regierung hat Europa aufgrund seiner Import-Beschränkungen mit Handelskriegsmaßnahmen gedroht. Viele europäische Länder haben sich gerächt, indem sie den Anbau von genetisch verändertem Getreide verschleppten, doch europäische Biotechnologie-Konzerne glauben, daß dieses Verhalten den amerikanischen und japanischen Firmen in die Hände spielt und schließlich dazu führt, daß diese den Markt beherrschen. Ein Firmensprecher sagte: "Vorschriften müssen die kommerzielle Handlungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit verstärken." Der britische Landwirtschaftsminister sagte, britische Konzerne könnten "ernsthaft benachteiligt sein, wenn ihre Konkurrenten besseren Zugang zu der neuen Technologie haben."

Präsident Clinton setzte die britische Labour-Regierung erneut unter Druck, den Anbau von genmanipulierten Agrarprodukten zu unterstützen. Im letzten Jahr wurde der Konzern Monsanto sogar namentlich in einer Rede Clintons zur Lage der Nation erwähnt. Der Konzern spendete tausende Dollar an die Demokratische Partei und ist eine treibende Kraft hinter Clintons "Arbeit-statt-Sozialhilfe"- Programm, wie die britische Tageszeitung Guardian berichtete.

In dem führenden Beratungsstab der britischen Regierung, dem "Beratungskomitee Freisetzung in die Umwelt", sind acht von dreizehn Mitgliedern mit der biotechnologischen Industrie verbunden. Sechs von ihnen sind in die Geschäfte der Konzerne verwickelt, denen die Regierung die Durchführung von Freilandversuchen an über 200 Orten gestattet hat.

Letztes Jahr wurde eine Ausstellung über genetisch veränderte Nahrungsmittel im Londoner Wissenschaftsmuseum von der Gesundheitsministerin Tessa Jowell und dem Minister für Ernährungssicherheit Jeff Rooker eröffnet. Jowell erklärte: "Genetisch veränderte Nahrungsmittel gelangen nur dann in den Handel, wenn die Regierungen in ganz Europa der Auffassung sind, sie seien sicher." Wie immer dem sei, in diesem Jahr unternahm der Biobauer Guy Watson rechtliche Schritte, um einen Freilandversuch mit genetisch verändertem Saatgut auf einem Grundstück neben seinem Hof zu verhindern. Es kam heraus, daß das Landwirtschaftsministerium im Jahre 1993 die vor Freilandversuchen vorgeschriebenen Labortests gestoppt hatte. Das Ministerium versäumte 1995 auch, die Anlieger der Versuchsfelder zu informieren. Minister Rooker gab zu: " Wir können keinerlei Aufzeichnungen und Papiere aus den Jahren 1992-93, als die Entscheidung fiel, mehr finden."

Die von der Regierung finanzierte Organisation für Tier- und Naturschutz English Nature forderte, den kommerziellen Anbau genetisch veränderter Agrarprodukte zunächst für fünf Jahre auszusetzen. Am 22. Oktober gab Premierminister Tony Blair dann bekannt, daß er einen Regierungsausschuß zusammengestellt habe, um die Entwicklung zu beaufsichtigen. Wenige Tage zuvor hatte die Regierung ein Verbot des Einsatzes von genmanipulierten, insektenresistenten Agrarprodukten über drei Jahre erlassen. Umweltorganisationen haben dagegen herausgestellt, daß sowieso keine Firma solche Produkte anbauen wollte.

Die neue Biotechnologie bietet enorme Möglichkeiten. Wer wie Prinz Charles orakelt, sie bringe "die Menschheit in Bereiche, die Gott und nur Gott alleine gehören", möchte die Wissenschaft von einer Forschung abhalten, die Millionen Menschen nützen könnte. Der Physiker Stephen Hawking gab einer aufgeklärteren Sichtweise Ausdruck. Anläßlich eines Vortrags im Weißen Haus stellte er die Möglichkeit heraus, daß die Menschen sich selbst in den kommenden tausend Jahre vollkommen umgestalten werden. Die Umgestaltung von Tieren und Pflanzen sei nur ein Schritt auf dem Weg dorthin.

Die allerwichtigste Überlegung in diesem Zusammenhang ist, wer die neue Technologie kontrolliert und steuert, und welche die treibende Kraft für ihre Entwicklung ist. Sozialisten fordern nicht die Rückkehr in ein vorindustrielles Zeitalter, sondern die demokratische, geplante und vernünftige Kontrolle der Wissenschaft und Technologie, um mit ihrer Hilfe die Probleme der Menschheit zu lösen. Die Profitinteressen einer Handvoll Konzerne dürfen nicht das Kriterium für die Ausrichtung und Entwicklung der Forschung sein. Die Maßnahmen, die gegen Dr. Pusztai getroffen wurden, lassen ernsthafte Zweifel darüber aufkommen, ob Wissenschaftler die Freiheit besitzen, unabhängige Forschung in bezug auf die Sicherheit von genetisch veränderten Nahrungsmitteln zu betreiben. Das Rowett Research Institute sollte Dr. Pusztais Forschungsergebnisse veröffentlichen, damit sie von unabhängigen Wissenschaftler beurteilt und einer öffentlichen Überprüfung unterzogen werden können.

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