Stimmen gegen den Krieg

Von der Redaktion
24. Dezember 1998

Am letzten Tag der Bombenangriffe auf den Irak versammelten sich mehrere hundert Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz, um gegen die amerikanische Aggression zu protestieren, darunter viele Jugendliche und ältere Menschen, die trotz des sehr kalten und regnerischen Wetters mehrere Stunden ausharrten.

Auf Transparenten mit Aufschriften wie: "Kein Krieg am Golf!", "Stoppt die US-Aggression gegen das irakische Volk!", "Stoppt den wahnsinnigen Clinton" und "Stop the Killing!" brachten sie ihre Empörung gegen das amerikanische Vorgehen und ihre Solidarität mit der irakischen Bevölkerung zum Ausdruck.

Die Redner der Kundgebung waren bemüht, den Protest auf ein möglichst niedriges politisches Niveau zu beschränken und von der skandalösen Haltung der Bundesregierung abzulenken. Mehrmals wurde der Vorschlag gemacht, es sollten Weihnachtskarten an Tony Blair, Bill Clinton, Gerhard Schröder und Joschka Fischer sowie Saddam Hussein gesandt werden, um damit den eigenen Protest zum Ausdruck zu bringen.

Petra Pau (PDS) behauptete, es gäbe bei Außenminister Fischer bereits ein "zaghaftes Nachdenken" und betonte ihre Hoffnung, daß sich dieses "Nachdenken" ausweiten und zu entsprechenden Reaktionen führen würde.

Die Haltung vieler Kundgebungsteilnehmer stand allerdings in krassem Gegensatz zu den Auffassungen der Redner. Gegenüber Reportern des wsws machten sie keinen Hehl daraus, daß sie über das Verhalten der Regierung, vor allem der Grünen, tief enttäuscht und sogar entsetzt sind.

Eine fast achzigjährige Frau aus Dresden und ihr ebenfalls betagter Begleiter verurteilten die Bombenangriffe aufs schärfste. Sie kannten die Schrecken des Krieges aus eigener Erfahrung und gingen mit der Regierung scharf ins Gericht.

"Dieser Krieg ist ein großes Verbrechen, vor allen Dingen gegen die unschuldigen Menschen, denkt nur an die Kinder. Ich kenne nicht alle Gründe für diesen Krieg. Ich weiß aber, daß ein Krieg, ganz gleich, warum man ihn schürt, ein Verbrechen ist. Jeder Krieg, egal ob in Afrika oder anderswo, müßte geächtet werden. Wir haben das in Dresden 1945 erlebt, als die Amerikaner Phosphorbomben auf die Bevölkerung warfen. Die Menschen sind als brennende Fackeln in die Elbe gesprungen und dort brannten sie weiter. So etwas darf nie wieder geschehen. Keine Großmacht der Welt ist berechtigt, mit diesen Mitteln ihre Macht durchzusetzen. Keine!

Ich bin Jahrgang 1921, und wer, wie ich, den faschistischen Überfall auf Spanien miterlebt hat, zieht immer wieder Vergleiche. Der heutige Krieg gegen den Irak ist genauso wie der Überfall der Faschisten auf Spanien ein brutales Verbrechen und dient vor allem dazu, die neuesten Waffen ausprobieren.

Über die Reaktion unserer Regierung bin ich wirklich entsetzt. Vor allem über die Grünen! Bei der SPD - nun gut! Von ihnen habe ich nicht viel erwartet. Aber die Grünen - da bin ich wirklich maßlos enttäuscht und ich weiß, daß viele andere, gerade auch die älteren, das auch so sehen. Ihr Handeln rechtfertigt nicht, daß sie mit in der Regierung sitzen. Im Gegenteil! Diejenigen, die SPD und Grüne wählten, hofften ja gerade, daß sich dann etwas ändern würde."

Ihr Begleiter betonte, daß jede Cruise missiles fast 2 Millionen DM kostet und bereits über 200 abgefeuert sind. Angesichts des Elends auf der Welt könne man die Millionen wahrlich besser einsetzen.

"Mich enttäuscht vor allen Dingen die Haltung der Bundesrepublik, an der Spitze natürlich Joschka Fischer, von dem man bisher annahm, daß er gegen Gewalt auftritt. Aber nun sieht man ja seine wirkliche Haltung. Er tritt für die Kontinuität der alten CDU-Regierung ein und macht sich ‘lieb Kind' bei den Großmächten. Ich hätte erwartet, daß die Bundesregierung sich gegen den Krieg ausspricht, denn die Mehrheit der deutschen Bevölkerung verurteilt diesen Krieg. Und schließlich wurde sie von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung gewählt, also muß sie auch deren Interessen vertreten."

Andreas Batzke, 35 Jahre und zur Zeit arbeitslos, hat die Haltung der SPD zu dem Angriff "eigentlich erwartet. Von den Grünen dagegen bin ich sehr enttäuscht. Ich bereue, daß ich den Grünen meine Stimme gegeben habe."

"Ich bin gegen diesen Krieg, obwohl ich kein Freund Saddam Husseins bin. Aber es trifft in jedem Krieg immer die einfachen Menschen, die, die nichts dafür können. Keiner weiß wohin dieser Krieg führen wird, vor allem jetzt, wenn der Ramadan beginnt. Es könnte sein, daß sich die gesamte arabische Welt gegen Bill Clinton erhebt, und was dann passiert, kann sich jeder ausrechnen. Es muß verhindert werden, daß der Konflikt eskaliert - und die Gefahr besteht! Deshalb bin ich hier! Aber ich weiß nicht, ob diese Aktion hier etwas bewirkt."

Zwei Berliner Schüler halten ebenfalls von Saddam Hussein "gar nichts. Er ist ein Diktator. Aber die Bombenangriffe sind keine Lösung. Warum Clinton den Krieg ausgelöst hat, ist uns nicht ganz klar. Vielleicht wollte er wirklich von der bevorstehenden Amtsenthebungsdebatte ablenken. Aber Saddam Hussein vertreibt man damit nicht von der Macht, es werden nur die irakischen Menschen getroffen. Gegen ihn müßte man einzeln vorgehen; also nicht mit Bomben auf das irakische Volk.

Die Haltung der deutschen Bundesregierung finde ich sehr schlecht. Ich habe den Eindruck, daß sie immer dem zustimmt, was die USA machen, egal was es ist."

Vier Frauen, die Mitglieder des Irakischen Kulturvereins in Berlin sind, hielten ein Plakat mit der Aufschrift: "Rettet unser Volk vor Saddams diktatorischem Regime, aber nicht auf Kosten unseres Volkes! Saddam muß dem Internationalen Gerichtshof unterstellt werden!"

"Ich komme aus Bagdad, aber wir leben schon seit längerem in Deutschland" berichtet eine von ihnen dem wsws. "Gerade heute bekam ich ein Telefonat von meiner Schwester aus Bagdad. Die Verhältnisse dort sind wirklich schlimm. Sie haben furchtbare Angst. Meine Schwester sagte, daß es 1991 nicht so schlimm gewesen sei. Ich erzählte ihr, hier würde behauptet es sei ein ‘sauberer' Krieg, d.h. ein Krieg ausschließlich gegen militärische Anlagen. Sie sagte: ‘Nein'. Sehr viele Häuser seien zerstört, und die Krankenhäuser seien voll mit Verletzten. Die Wohnung meiner Schwester ist ebenfalls zerstört, und sie weiß nicht, wohin sie mit ihrer Familie gehen soll. Es gibt keine Möglichkeiten, sich in Sicherheit zu bringen. Auch gibt es nichts zu essen und zu trinken, und alle denken nur daran, wie sie überleben können.

Über den Krieg sind sie sehr empört, weil es nicht die richtige Methode ist, Saddam Hussein zu beseitigen. Der Regierung schadet die Situation kaum. Sie kontrolliert den Schwarzmarkt und profitiert von jeder Lage. Der einzige Verlierer ist die Bevölkerung. Deshalb wird dieser Krieg von uns auch nicht verstanden. Die Leute sind gegen Saddam Hussein, das ist nicht die Frage, mindestens 50 % der Iraker. Sie haben sich diese Regierung nicht selbst ausgesucht. Auch die UN-Sanktionen treffen nur uns, wir sind die Opfer.

Wir haben den Eindruck, verschiedene amerikanische Lobbys versuchen, Saddam Hussein zu behalten. Schließlich sind er und seine Politik bekannt. Eine neue Regierung, also eine Alternative zu ihm, wäre jedoch für die amerikanische Regierung unberechenbar. Und das wollen sie nicht.

Saddam Husseins Aufruf zum Heiligen Krieg ist ein Versuch, die gesamte arabische Region hinter sich zu sammeln. Und es gibt leider viele, die sich in ihrer Empörung gegen den Krieg für Saddam Husseins Ziele mißbrauchen lassen. Für uns Oppositionelle ist die Situation sehr schwierig. Wir versuchen, unsere Kräfte zu bündeln und unsere Ziele zu vereinigen, aber solche Aktionen werfen uns jedes Mal sehr stark zurück.

Einige sagen, die Embargos können nicht aufgehoben werden, so lange die Iraker sich nicht gegen Saddam Hussein auflehnen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Aber wie soll das gehen? Wir, auch die Familie meiner Schwester, die Kinder der Nachbarn, alle haben nicht genug zu essen. Sie versuchen, am Leben zu bleiben und ihre Lage zu verbessern. Die Embargos haben die Situation sehr verschlimmert, gerade auch für diejenigen, die eine politische Änderung anstreben. Sie müssen aufgehoben werden!

Die Haltung der deutschen Regierung finde ich schrecklich. Das habe ich von einer SPD-Regierung, besonders von den Grünen und Herrn Fischer nicht erwartet. Vielleicht wird er sich auch wie Herr Schily entwickeln; von den Grünen zu den Alternativen, dann SPD und dann vielleicht die CDU! Das ist unglaublich! Er ist ein Mann, der einfach seine Meinung ändert, ohne jegliche Rücksicht auf diejenigen, die ihn gewählt haben, nur um aufzusteigen und nach oben zu kommen."

Eine andere Teilnehmerin aus dieser Gruppe erläuterte: "Meine Kollegin hier ist aus Irak, und erst vor kurzem nach Deutschland geflüchtet. Deshalb spricht sie noch nicht so gut deutsch. Ich soll Ihnen von ihr erzählen, daß vor zwei Jahren ungefähr 25 Offiziere mit einem Plan zum Sturz Saddam Husseins über fünf Verbündete in Amman Kontakt zum CIA aufnahmen. Sie unterbreiteten dem amerikanischen Geheimdienst ihren Plan mit dem Ziel, vom CIA Unterstützung zu erhalten. Stattdessen informierten die Amerikaner Saddam Hussein. Die fünf Verbündeten wurden vom irakischen Geheimdienst nach Bagdad entführt und ermordet. Die anderen 25 wurden von Saddam Hussein bereits zuvor umgebracht.

Ich bin der Ansicht, daß Amerika nicht an einem demokratischen irakischen Staat interessiert ist. Auch die Aufhetzung und Lügen über angebliche Feindschaften zwischen Irakern, Kurden, Indern usw., die von Amerika propagiert werden, und weshalb man uns zu Feinden erklärt, entsprechen nicht den Tatsachen. Alle Iraker wollen in Frieden leben. Sie haben früher immer im Frieden gelebt. Ich bin Kurdin, diese drei hier sind Araber. Wir sind Freunde. Wir sind alle Menschen! Wir verstehen uns sehr gut, jahrelang.

Doch die Amerikaner haben eine sehr negative Rolle in der Geschichte unseres Landes gespielt. Sie haben Hussein auf die Beine gestellt, hochgehoben, hochgerüstet - und jetzt ist Hussein ein großer Diktator geworden, der nicht mehr alles macht, was die amerikanische Regierung sagt. Deshalb versuchen sie jetzt, ihm auf den Kopf zu schlagen, damit er wieder klein wird. Oder sie versuchen, ihn zu beseitigen und an seiner statt einen anderen einzusetzen, der besser auf die amerikanische Regierung hört. Das Ziel aber bleibt, das ganze irakische Volk unter einer diktatorischen Macht zu halten, mit Blut und Eisen."

Siehe auch:
Die Maske fällt
Die rot-grüne Regierung und die Bombardierung des Irak

(24. Dezember 1998)

Die Bombenangriffe auf den Irak
Ein schändliches Kapitel in der Geschichte Amerikas

(22. Dezember 1998)

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