Die Bombenangriffe auf den Irak

Ein schändliches Kapitel in der Geschichte Amerikas

Von Martin McLaughlin und David North
22. Dezember 1998

Die Verantwortlichen für die Bombenangriffe auf den Irak schreiben ein schändliches Kapitel in der Geschichte Amerikas. Hunderte irakischer Männer, Frauen und Kinder sind bereits durch amerikanische Bomben und Raketen getötet oder verstümmelt worden; und der Luftkrieg wird noch weitaus mehr Todesopfer fordern. Das Pentagon hat selbst vorausgesagt, daß schon ein Angriff mittlerer Intensität mehr als 10.000 Menschenleben fordern würde, ganz zu schweigen von einem Angriff mit voller Stärke, wie er am 16. Dezember entfesselt wurde.

Sieht man einen Moment von den reaktionären Zielen der Clinton-Regierung ab, so läßt allein das äußerst ungleiche Kräfteverhältnis zwischen den USA und Irak die Aktionen des Pentagon wie ein schier unfaßbares Verbrechen erscheinen. Was sich da im Nahen Osten abspielt, kommt einer staatlich sanktionierten Exekution wesentlich näher, als einem Krieg. Aber in diesem Fall ist das Opfer nicht eine hilflos auf den elektrischen Stuhl gefesselte Einzelperson, sondern die unbewaffnete Bevölkerung eines wehrlosen Landes.

Das Weiße Haus, das Pentagon, der Kongreß und natürlich die Medien singen Lobeshymnen auf "unsere heroischen Männer und Frauen im Persischen Golf". Aber im Grunde muß sich jeder Amerikaner für die Befehle schämen, die diese "Helden" im Namen der Vereinigten Staaten ausführen. Zu "Heldentum" gehört wenigstens ein bißchen Risiko und Gefahr. Ein "Held" ist normalerweise nicht jemand, der bereit ist, zu töten, sondern jemand, der bereit ist, sein Leben einzusetzen. Wenn man von dieser Definition ausgeht, verdient die Bevölkerung von Bagdad viel mehr Respekt und Bewunderung als jene Menschen, die Leid über sie bringen, während sie selbst relativ sicher in ihren perfektionierten Mordmaschinen sitzen.

Nichts ist besonders mutig daran, per Knopfdruck eine Rakete abzuschießen, während man tausend Meter von Bagdad entfernt auf einem Kriegsschiff im Persischen Golf oder im Cockpit eines B-52 Bombers sitzt.

1991 gab es weniger Tote unter den amerikanischen Soldaten, die am Golfkrieg teilnahmen, als unter denen, die zu Hause stationiert waren. Es starben mehr bei Verkehrsunfällen, als durch irakische Waffen. Während der letzten sieben Jahre sind die Risiken für amerikanische Soldaten weiter reduziert worden. Das Waffenarsenal der USA wurde weiter aufgerüstet, aber die Verteidigung des Irak wurde buchstäblich zerstört. Außerdem werden die amerikanischen Piloten durch Informationen zu ihren Zielen geführt, die von den UN-Waffeninspektoren und Spionage-Satelliten stammen, die in den letzten acht Jahren systematisch jeden Winkel des Irak abgesucht haben.

Über die Kommandanten, die für diese schmutzige Operation verantwortlich sind, wird die Geschichte nicht anders urteilen, als über die Schurken, die das völkermörderische Gemetzel an den Indianern in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts anordneten. Eins ist sicher: Über ihre "Heldentaten" wird in fünfzig Jahren niemand einen Film wie "Patton", "Der längste Tag" oder "Der Soldat Ryan" drehen.

Man muß nicht mit Kommandanten wie Eisenhower, Bradley, Patton und Nimitz und ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg einverstanden sein, um anzuerkennen, daß sie ihre Armeen zumindest gegen einen Feind ins Feld führten, der im vollen Besitz seiner militärischen Stärke war. Die heutigen Generäle sind nichts weiter als bürokratische Verwalter der Massenschlächterei. Sie dienen sich in der Pentagon-Hierarchie hoch, und an der Spitze angelangt, geben sie Order zur Zerstörung wehrloser Völker. Danach ziehen sie auf hoch dotierte Posten in der Chefetage eines Konzerns zurück oder treten im Fernsehen als "Berater" auf, wenn der nächste amerikanische "Blitzkrieg" inszeniert wird.

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben sich tief ins Bewußtsein eingebrannt und das politische Gewissen mehrerer Generationen nachhaltig beeinflußt. Neben dem Bild, das sich bot, als sich die Tore der Konzentrationslager öffneten, prägte sich vor allem das Bild der deutschen Luftwaffe ein, als sie Bomben auf die wehrlose Bevölkerung von Warschau, Rotterdam und - das berühmteste Beispiel - von Guernica im Baskenland abwarf. Letzteres wurde durch das Gemälde Picassos zum allgemein anerkannten Symbol des Grauens über die Unmenschlichkeit des Faschismus.

Obwohl die Vereinigten Staaten von den meisten unmittelbaren Schrecken des Zweiten Weltkriegs verschont blieben, wühlte doch das Ereignis, das für den Kriegseintritt Amerikas zum Anlaß genommen wurde - die Bombardierung von Pearl Harbour - die öffentliche Meinung zutiefst auf. Vom Standpunkt einer historischen Analyse gibt es kaum Zweifel, daß Roosevelt die japanische Regierung geschickt in eine Situation hineinmanövriert hatte, in der dieser kaum etwas anderes übrig blieb, als den USA den Krieg zu erklären. Aber die Art und Weise, wie Japan die Feindseligkeiten eröffnete - die Bombardierung Pearl Harbours ohne Vorwarnung - entsetzte Millionen Menschen. Noch jahrzehntelang danach war der Ausdruck "sneak attack" (Angriff aus dem Hinterhalt) ein Synonym für niederträchtigsten Verrat. Fast zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, während der Raketenkrise von 1962, sprach sich Robert Kennedy gegen eine Invasion Kubas aus, indem er das Argument vorbrachte, ein solch feiger Angriff - "sneak attack" - würde die historische Ehre Amerikas besudeln.

Aber 1998 kann die amerikanische Regierung - ohne jede Furcht vor öffentlichem Widerspruch - in aller Offenheit erklären, daß sie die Bombardierung des Iraks ohne Vorwarnung, geschweige denn offizielle Kriegserklärung, begonnen hat.

In keinem anderen angeblich demokratischen Land ist das politische Spektrum so eingeschränkt. So wurde eine Resolution zur Unterstützung des Luftangriffs vom Repräsentantenhaus mit nur fünf Gegenstimmen angenommen.

Die Massenmedien - Fernsehen, Zeitungen, Radio - sind vollkommen in die US-Kriegsmaschinerie integriert. Niemand bemüht sich ernsthaft, die Auswirkungen der Luftschläge zu untersuchen oder der amerikanischen Bevölkerung die schreckliche Realität des modernen Krieges nahezubringen. Die Medien plappern wie Papageien die grobschlächtigste Pentagon-Propaganda nach und stellen einen klinisch sauberen, risikofreien Krieg dar, in dem Tausende Bomben und Raketen im Irak einschlagen können und doch nur ein paar Dutzend Menschen getroffen werden.

Man kommt der wirklichen Zahl der Opfer in diesem geschlagenen und ausgehungerten Land näher, wenn man den Vergleich mit der Explosion vor der US-Botschaft in Kenia zieht. Wenn eine einfach gebaute Bombe, die etwa einer einzigen amerikanischen Cruise Missile entspricht, beinahe 300 Menschen töten konnte, welche Auswirkungen sind dann zu erwarten, wenn Tausende solcher Waffen in Bagdad, einer Metropole von der Größe Chicagos, einschlagen?

Bei ihrem Angriff auf den Irak nutzt die Clinton-Regierung die in der Arbeiterklasse vorherrschende politische Verwirrung, naive patriotische Gefühle und Sorgen um die Söhne und Töchter aus, die zum großen Teil wegen der schlechten Wirtschaftslage zum Militär gegangen sind.

Aber das Weiße Haus und das Pentagon sind sich sehr wohl über das große Potential an Ablehnung gegenüber einem neuen Golfkrieg bewußt. Sie haben dies im Februar bei der Generalprobe für die heutigen Angriffe erfahren, als Regierungssprecher auf einer öffentlichen Versammlung über die Irak-Krise an der staatlichen Universität von Ohio beschimpft wurden. Darauf wurde die Entscheidung getroffen, Luftangriffe ohne Vorwarnung und ohne vorherige lange Medienkampagne zu führen, nicht so sehr um gegenüber dem Irak taktisch im Vorteil zu sein, als vielmehr, um die amerikanische Bevölkerung mit vollendeten Tatsachen zu konfrontieren.

Den amerikanischen Medien ist keine Lüge zu dreist, keine Erklärung zu absurd. Die Widersprüche in der offiziellen Darstellung der Ereignisse werden von Tag zu Tag krasser. Als Clinton die Angriffe ankündigte, erklärte er, ihr Ziel seien Iraks rätselhafte "Massenvernichtungswaffen" - nukleare, chemische und biologische. Aber US-Sprecher geben jetzt zu, daß die US-Luftwaffe nicht eine einzige solche Anlage getroffen habe. Der Grund, den das Pentagon angibt - eine schamlose Lüge - lautet, man habe auf die irakische Bevölkerung Rücksicht genommen, die durch die Freisetzung chemischer oder biologischer Stoffe hätte getötet werden können. Der wahre Grund ist, daß es keine solchen waffentechnischen Anlagen oder Lager gibt, und daß die US-Armee keine Bomben und Raketen auf Anlagen verschwendet, die gar nicht existieren.

Die wirklichen Ziele der Bombardierung sind das konventionelle irakische Militär - Truppen, Panzer, Luftwaffenabwehr - und die industrielle Infrastruktur. Was das Pentagon die "Kapazitäten" zur Herstellung von chemischen oder biologischen Waffen nennt, sind Brauereien, Molkereien, Pflanzenschutzfabriken und andere Anlagen, die zur Herstellung von Lebensmitteln und chemischen Produkten dienen und in jeder industrialisierten Gesellschaft zu finden sind.

Wenn einst die Fakten über den wahren Charakter des US-Kriegs gegen den Irak ans Licht kommen werden, wird eine Welle von Abscheu die Vereinigten Staaten erfassen.

Siehe auch:
Washington forciert Kriegspläne gegen den Irak
(27. November 1998)

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