Über den Umgang mit unheilbar Kranken

Von Martin McLaughlin
10. Dezember 1998

Als Dr. Jack Kevorkian am 22. November im TV-Magazin "60 Minutes" des amerikanischen Senders CBS auftrat, gelang es ihm auf Anhieb, seine beiden erklärten Ziele zu erreichen: Erstens wurden die Zuschauer ganz Nordamerikas mit der Frage der Euthanasie konfrontiert; und zweitens gelang es ihm, den Staatsanwalt von Oakland County (Michigan) zu einer Mordanklage gegen sich, Kevorkian, zu veranlassen. In der letzten Novemberwoche wurde gegen Kevorkian Anklage in mehreren Punkten erhoben, die vom minderen Gesetzesbruch bis zum vorsätzlichem Mord reichten. Erst vor kurzer Zeit hat Michigan neue Bestimmungen eingeführt, nach denen es eindeutig untersagt ist, ärztliche Hilfe zum Selbstmord zu leisten. Kevorkian wurde bis zum Prozeß, der nicht vor dem nächsten Frühling erwartet wird, auf Kaution freigelassen.

Kevorkian hat dem ehemals begeisterten Rennfahrer Thomas Youk, der an der Lou-Gehrig-Krankheit unheilbar erkrankt war, eine tödliche Spritze verabreicht. Youk hatte Kevorkian gegenüber geäußert, er fürchte, an seinem eigenen Speichel ersticken zu müssen. Kevorkian zitierte dies als Rechtfertigung dafür, daß er ihm Kaliumchlorid gespritzt hatte, und erklärte dazu: "Wenn dieser Mann entsetzliche Angst hat, dann ist es an mir, dieses Entsetzen zu beseitigen." Das Gefühl des Erstickens, so wird berichtet, kommt bei solchen Patienten häufig vor; es wird normalerweise mit Medikamenten unterdrückt.

Wer das Videoband anschaut, muß fast zwangsläufig zum Schluß kommen, daß dieses Ereignis eine entsetzliche Perversion war, die nichts mehr mit dem ursprünglichen Ziel Dr. Kevorkians, ein Sterben in Würde zu ermöglichen, zu tun hat. Die Kampagne, die der Pathologe im Ruhestand zur Legalisierung der Beihilfe zum Selbstmord ins Rollen brachte, hat eine eigene Dynamik entwickelt: Unabhängig davon, wie aufrichtig seine Motive am Anfang gewesen sein mögen - und es gibt keinen Grund, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln - ist er selbst unempfindlich, ja fast gleichgültig denen gegenüber geworden, denen er angeblich "helfen" will.

Beihilfe zum Selbstmord ist nach über hundert solcher Fälle bereits zur grausigen Routine geworden. Youk ist allein mit Dr. Kevorkian in einem Zimmer gestorben, das seine Frau und die anderen Familienmitglieder nicht mehr betreten durften, angeblich weil befürchtet wurde, sie könnten juristisch für den Tod verantwortlich gemacht werden. In früheren ähnlichen Fällen gab es solche Befürchtungen nicht, und die Familienmitglieder wurden nicht ferngehalten. Als die Oakland Press später Kevorkian nach Youks letzten Worten fragte, antwortete dieser: "Ich weiß es nicht. Ich habe kein Wort verstanden." Kevorkian hatte Youk innerhalb der letzten 48 Stunden vor der tödlichen Injektion nur zweimal kurz gesehen.

CBS war nur zu gerne bereit, das Video mit diesen Ereignissen zu veröffentlichen. Der Sender erkannte sofort, daß diese Story hohe Einschaltquoten bringen würde, und machte vorher in Nachrichten und Programmansagen ausgiebig Werbung dafür. So stiegen die Einschaltquoten während dieser Ausstrahlung von "60 Minutes" um 19 Prozent auf die höchste Quote der Reihe in diesem Jahr. Der Sender brachte den Ausschnitt im November, dem Zeitpunkt, an dem die Einschaltquoten für die Herbstsaison festgehalten werden, um die Werbepreise für die nächsten drei Monate zu bestimmen.

Unmittelbar nachdem das Video im Fernsehen gezeigt worden war, kündigte David Gorcyca, der Staatsanwalt von Oakland City an, er werde die Zeugenaussagen im Fall Youk, in dem seit Youks Tod am 17. September ermittelt wird, nochmals überprüfen. Gorcyca hatte den amtierenden Staatsanwalt Richard Thompson während der Vorwahlen der Republikaner abgelöst, vor allem weil dieser sich durch die sture Verfolgung von Dr. Kevorkian hervorgetan hatte, wogegen öffentliche Proteste laut geworden waren. Oakland County hatte die Anklage gegen Kevorkian gestoppt, um die Entscheidung des Staates Michigan über ein neues Gesetz gegen Sterbehilfe abzuwarten.

Kevorkians Entscheidung, Euthanasie unmittelbar auszuüben - nicht bloß die Medikamente für einen Selbstmord zu beschaffen, sondern persönlich tätig zu werden und Youks Tod herbeizuführen - kann man als Reaktion auf dieses Nachlassen des Verfolgungsdrucks durch den zuständigen Staatsanwalt werten. Er sagte im Fernsehinterview: "Ich muß sie zum Handeln zwingen. Sie müssen mich anklagen. Denn wenn sie das nicht tun, bedeutet das, daß es in ihren Augen kein Verbrechen ist."

Die Behandlung der unheilbar Kranken ist eine ernste und schwierige soziale Frage. Wie immer in Amerika, wenn die Kriminaljustiz und die Massenmedien betroffen sind, werden die Fragen verwässert und vereinfacht, und simple Antworten werden auf komplexe Fragen gegeben.

Was die Frage der demokratischen Grundrechte betrifft, so muß man in Erwägung ziehen, daß unheilbar kranke Menschen, die vom Schmerz zerfressen und ohne Hoffnung auf Genesung oder Erleichterung sind, das "Recht zu sterben" haben sollten, wenigstens insofern der Staat sie nicht mit Gewalt zwingen sollte, ein sinnlos gewordenes Leiden länger zu ertragen. So verdienen zum Beispiel die Katholische Kirche und die fundamentalistischen "Recht-auf-Leben"-Gruppen nur Verachtung, weil sie den Opfern schrecklicher Krankheiten ihre religiösen Vorurteile aufoktroyieren wollen.

Aber es geht um weit grundsätzlichere Fragen. Was heißt es, wenn im Amerika der neunziger Jahre eine Kampagne für ein, um einen Ausdruck Trotzkis über die Abtreibung zu übernehmen, "an sich trauriges Recht" geführt wird? Hunderttausende kranker und sterbender Menschen versuchen, ein so bitteres Recht wie Sterbehilfe zu beanspruchen, und darüber wird öffentlich gestritten: Eine solche Gesellschaft hat ihr Selbstvertrauen gegen Pessimismus und Zukunftsangst eingetauscht.

Es gibt viele Gründe, hellhörig zu werden, wenn von Euthanasie als Lösung für Kranke und Alte gesprochen wird. Unser Jahrhundert hat damit bereits ernüchternde Erfahrungen gemacht - nicht zuletzt waren die Nazis begeisterte Verfechter dieses Prinzips. Euthanasie öffnet Mißbrauch und Diskriminierung Tür und Tor, und nur zu schnell werden Entscheidungen der unheilbar Kranken durch ökonomische Zwänge und gesellschaftliche Bedingungen verfälscht.

Der Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Gesundheit und gefühlsmäßigem Wohlbefinden ist äußerst kompliziert. Es gibt viele Hinweise darauf, daß Individuen, deren psychologische und moralische Stärke angegriffen ist, leichter erkranken oder vorzeitig altern. Während die Physiologie des Alters sicherlich Bedingungen für Alzheimer und Senilität schaffen kann, gibt es zweifellos einen Zusammenhang zwischen ihrer Zunahme und dem Anwachsen von sozialem Streß, für den bekanntlich Senioren besonders anfällig sind.

Es ist klar, daß eine Gesellschaft, die ihren alten Menschen außer unvermeidlichen Altersbeschwerden noch ökonomische Härten, Einsamkeit, Vernachlässigung und Ausgrenzung zumutet, dazu beiträgt, ihren Lebenswillen zu untergraben. Eine Gesellschaft, die ihre unheilbar Kranken meidet, sie in isolierte Anstalten wegschließt oder ihnen im Namen der Pflegekostensenkung die notwendigen Schmerzmittel vorenthält, wird zweifellos eine Menge Anwärter für die Methoden eines Dr. Kevorkian hervorbringen.

In den letzten zwanzig Jahren gab es ständige Kürzungen in allen sozialen und medizinischen Bereichen, die dazu beitragen könnten, Alter und Krankheit erträglicher zu machen: Dazu gehört die Pflege zuhause, die es Menschen erlaubt, ihre letzten Tage in vertrauter Umgebung zu verleben, aber auch vernünftige Kliniken für diejenigen mit unheilbaren, pflegebedürftigen Krankheiten, sowie die Beschaffung aller erforderlichen Schmerzmittel.

Die Verantwortlichen der öffentlichen Pflegekassen behaupten gerne, daß ungefähr drei Viertel der Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheitsversorgung in den letzten drei Lebensmonaten anfielen, und daß damit ein ebenso heroischer wie teurer Kampf geführt werde, um den Tod hinauszuschieben. Dabei wird dann gleich die "Lösung" impliziert, daß man Milliardensummen einsparen könnte, wenn man diese Art von Pflege abschaffen würde - obwohl es sicherlich schwierig sein wird, im Voraus zu bestimmen, wann die sprichwörtlichen "letzten drei Monate" begonnen haben.

Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der der Wert eines Menschen daran gemessen wird, was jedes Individuum in den großen Mehrwerttopf beisteuert, aus dem die Spitzen der Industrie und Banken ihre Profite schöpfen. Die Alten und Kranken, die zur Vermehrung der privaten Profite nichts mehr beitragen können, sind - jedenfalls vom Standpunkt der Herrschenden aus - wertlos.

Nur darum geht es in Wirklichkeit, wenn die Medien immer wieder mit Berichten aufwarten, daß Gesundheitsversorgung und Sozialhilfe verschwenderischer Luxus und die Senioren Parasiten seien, die eigensüchtig das Land ausbluteten. Solche Vorwürfe, versteht sich, werden niemals gegen die Privilegierten und Mächtigen erhoben, deren aufwendiger Lebensstil doch letzten Endes von der Arbeit der anderen abhängt.

Ist es ein Wunder, daß in einer solchen Gesellschaft Würde, Selbstbewußtsein und Kraft der Alten und Kranken ständig abnimmt, und daß der Druck auf sie wächst, es schicke sich nun für sie, abzutreten und dem Rest der Gesellschaft nicht länger zur Last zu fallen? Ungeachtet seiner Vorsätze tragen die Aktionen von Dr. Kevorkian zu diesem Druck bei. Dies ist ohne Zweifel einer der Gründe, warum trotz einer ziemlich starken Opposition gegen seine gerichtliche Verfolgung Kevorkian bei der älteren Generation weithin verhaßt ist.

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