Pinochets Staatsstreich und der Tod von Charles Horman

Von Barry Grey
2. Dezember 1998

Unter den Tausenden, die in den ersten Tagen der Diktatur Pinochets, die dem von den USA gestützten Staatsstreich vom 11. September 1973 folgte, gefangen genommen, gefoltert und ermordet wurden, befanden sich zwei Staatsangehörige der USA, Frank Teruggi und Charles Horman.

Vor einigen Jahren wurde durch den Freedom of Information Act eine Reihe von Dokumenten freigegeben, die die Verstrickung der USA in den Putsch betreffen. Unter diesen befand sich ein Telegramm des US-Botschafters David Popper an den amerikanischen Außenminister Henry Kissinger vom 11.Februar 1974. Das Telegramm berichtet von einem Treffen zwischen dem Staatssekretär im US-Außenministerium Jack Kubisch und dem chilenischen Außenminister General Huerta. Thema war die Kontroverse um die Exekution der beiden Amerikaner. Kubisch bemerkte, daß er die Frage zwar aufbringe, daß man aber "Vorsicht walten lassen müsse, daß relativ kleine Streitfragen in unseren Beziehungen unsere Zusammenarbeit nicht erschweren".

( Ein anderes Dokument vom 1. Oktober 1973 ist ein Lagebericht von Patrick Ryan, einem amerikanischen Marine-Attaché in Chile, der den 11. September als "unser D-Day" bezeichnet und von einem "nahezu perfekten" Putsch schreibt.)

Die "relativ kleine Streitfrage" des Todes von Charles Horman war das Thema eines 1978 erschienenen Buches von Thomas Hauser mit dem Titel "Die Exekution von Charles Horman. Ein amerikanisches Opfer", welches die Grundlage für den Film "Vermißt" von 1982 bildete.

Beide, Buch und Film, erzählen von dem Versuch von Charles' Vater Edmund und seiner Ehefrau Joyce (im Film Beth genannt), die Unterstützung der offiziellen US-Vertreter in Santiago zu gewinnen, um das Schicksal ihres vermißten Angehörigen aufzuklären.

Zum Schrecken von Ed Horman, eines Geschäftsmanns aus New York, wird zunehmend deutlich, daß das Außenministerium und die Botschaftsangehörigen sich nicht um das Schicksal seines Sohnes kümmern, sondern vielmehr die Verstrickung der USA in den Mord an ihm verheimlichen.

Der Name von Charles Horman, einem 31jährigen Harvard-Doktoranden mit Sympathien für die Linke, war einer von Zehntausenden, die die während des Putsches auf die mit Hilfe von US-Geheimdiensten zusammengestellten Todeslisten gelangten, weil er "zuviel wußte". Am 11. September, dem Tag an dem Allende gestürzt wurde, und in den darauffolgenden Tagen befand er sich zufällig in Viña del Mar, einem Seebad in der Nähe von Valparaiso, der amerikanischen Militär- und -Geheimdienstbasis, wo der Staatsstreich und das anschließende Blutbad geplant wurden.

Horman machte sich sorgfältig Notizen über seine Gespräche mit Angehörigen des Militärs und der Geheimdienste in Viña del Mar in der Absicht, die Rolle der USA im Putsch zu dokumentieren. Kurz nach seiner Rückkehr nach Santiago am 16. September durchsuchten chilenische Truppen seine Wohnung und nahmen ihn gefangen. Es ist später festgestellt worden, daß Horman in das Nationalstadion gebracht und am 19. September exekutiert wurde. Die Familie Horman legte später Klage wegen Tötung ein, doch diese wurde am Ende abgelehnt, da die CIA sich weigerte, relevante Akten freizugeben.

Der Film "Vermißt" gewann 1982die Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes, und Jack Lemmon, der Ed Horman spielt, wurde als bester Schauspieler ausgezeichnet. Der Regisseur Costa-Gavras gewann den Oscar für das beste Drehbuch basierend auf dem Material eines anderen Mediums, und "Vermißt" wurde für die den Oscar für den besten Kameramann, den besten Schauspieler und die beste Schauspielerin (Sissy Spacek in der Rolle von Charles' Ehefrau) nominiert.

Einige waren darüber allerdings nicht sehr erfreut. Ray Davis, der ranghöchste Offizier in Chile zum Zeitpunkt des Putsches (im Film heißt er Captain Ray Towers), strengte eine Verleumdungsklage gegen Costa-Gavras und die Universal Studios über 60 Millionen Dollar an. Die Klage wurde im Jahre 1987 ohne Verfahren zurückgewiesen.

Der Fall Charles Horman ist eine der wichtigen politischen und menschlichen Fragen im Zusammenhang mit dem Staatsstreich von 1973, die in den letzten 25 Jahren in den Hintergrund geschoben wurden. Alle diese Fragen sind nun wieder aufgetaucht. Der Autor dieses Artikels telefonierte mit Elizabeth Horman, Charles' Mutter, um ihre Reaktion auf die Verhaftung des chilenischen Diktators zu erfahren.

Als ich erklärte, das World Socialist Web Site plane die Veröffentlichung eines Kommentars, in dem die Frage der Verstrickung Henry Kissingers in die Repression, die ihrem Sohn das Leben kostete, aufgeworfen wird, sagte sie: "Dann haben Sie den wichtigen Punkt erkannt."

Frau Horman wünschte nicht ausführlich darüber zu sprechen, aber was sie sagte, ist wert hier wiedergegeben zu werden:

"Ich habe meinen wunderbaren Sohn verloren. Seinen Mörder in einem Leben voll Luxus zu sehen... Ich bin sehr froh, daß dies nicht länger der Fall ist. Pinochets Sohn sagt, daß sein Vater keinen Genozid begangen hat. Aber Pinochets Sohn lebt. Meiner nicht. Ich halte das für Genozid."

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen