Stalins Retuschen

Eine Ausstellung über Stalins Foto- und Kunstmanipulationen in Berlin.

Von Stefan Steinberg
21. Januar 1999

"Stalins Retuschen" - Eine Ausstellung über die Geschichte von Stalins Foto- und Kunstmanipulationen, gestützt auf Dokumente der Sammlung von David King.

Bis zum 7. Februar 1999 im Haus am Waldsee in Berlin, Argentinische Allee 20.

Die Ausstellung in Berlin "Stalins Retuschen" zeigt viel Originalmaterial, auf das David King sein unter gleichem Namen erschienenes Buch (Hamburger Edition 1997) gestützt hat.

"In den Stalinjahren", schreibt der Autor in seiner Einleitung, "gab es so viele Manipulationen von Bildmaterial, daß man die Geschichte der Sowjetära anhand retuschierter Fotografien darstellen kann."

Die Politik der Oktoberrevolution und der Anfangszeit des Sowjetstaates stand in absolutem Gegensatz zur Politik der Bürokratie unter Stalin. Da diese jedoch als parasitäre Kaste von den im Oktober geschaffenen verstaatlichten Eigentumsverhältnissen lebte, mußte Stalin seine Gegner innerhalb der bolschewistischen Partei liquidieren.

Kings Ausstellung enthüllt und bezeugt vor allem die Unbarmherzigkeit und Brutalität, mit der die aufgestiegene Bürokratie ihre Macht sicherte. Es reichte nicht, dass Stalin seine Opfer physisch beseitigte, sondern es war auch notwendig, sie vollends aus der Geschichte und aus der Erinnerung zu tilgen.

Wenn man die Ausstellung betritt, sieht man vier Bilder mit Stalin. Das erste Bild zeigt Stalin in der Mitte einer Gruppe von führenden Mitgliedern der Kommunistischen Partei (Antipow, Kirow und Schwernik) aus dem Jahre 1926. Im nächsten Bild, das für die Bildgeschichte der UdSSR im Jahre 1940 gedruckt wurde, erscheint Antipow nicht mehr. Neun Jahre später ist in einer Bildbiographie über Stalin auch Schwernik verschwunden. Das letzte der vier Bilder zeigt schließlich Stalin alleine als gemaltes Porträt, gestützt auf die ehemalige Fotografie.

Die Plumpheit zahlreicher Retuschen vermitteln den Eindruck, dass die Verantwortlichen während der Terrorjahre versuchten, den Betrachter einzuschüchtern und zu erschrecken. Manche Gesichter auf den Fotos wurden einfach ausgeschnitten, übermalt oder überklebt. In anderen Fällen verschwanden ganze Gruppen von Personen, um dann eine oder zwei Personen übrig zu lassen (siehe Interview mit David King zum Lenin-Gorki-Bild). Auf Bildern und Porträts von Stalin wurde der Diktator seiner Pockennarben beraubt. Statt dessen zeigte man ihn nun in warmen Pastellfarben und seine GPU-Henker inmitten von Kindern und bunt leuchtenden Luftballons.

Selbstredend war in Stalins neuer Ordnung kein Platz für Leo Trotzki, den Feind Nummer 1 der Bürokratie, der zusammen mit Lenin eine führende Rolle bei der Oktoberrevolution und später im Kampf gegen Stalin spielte. Das betraf nicht nur Fotos von öffentlichen Auftritten oder historischen Begebenheiten. Auch zufällige Schnappschüsse fielen der Schere der stalinistischen Polizei zum Opfer. So zeigt die Ausstellung ein Bild mit Trotzki und seiner Frau auf dem Rücksitz eines Autos, als sie sich im Winter 1924 zur Erholung in Georgien aufhielten. Bei einer Reproduktion dieser Aufnahme aus dem Jahre 1936 hatte man sie verdeckt, indem das Bild einer anderen Person auf plumpe Art darübergelegt wurde.

Authentische Fotos aus der Revolutionszeit und von Führern der Bolschewiki waren nach dem Terror Stalins nur noch äußerst schwer zu finden. Das lag nicht nur an der gigantischen Fälschungsmaschinerie Stalins. Meist aus Angst vor Repressionen, manchmal auch aus fehlgeleiteter Gefolgschaft gegenüber dem Regime legten die Besitzer der Fotos oftmals selbst Hand an, um solches "Beweismaterial" verschwinden zu lassen.

Wie King selbst in der Einleitung seines Buchs schreibt, lief jeder, der in den 30er Jahren im Besitz eines Bilds von Trotzki war oder Trotzkis Bilder reproduzierte, sofort Gefahr, verhaftet oder sogar erschossen zu werden.

Ein Beispiel für letzteres ist der erstmals 1934 erschienene Bildband "Zehn Jahre Usbekistan", den der sowjetische Künstler Alexander Rodtschenko gestaltet hatte. King fand Anfang der achtziger Jahre in Rodtschenkos Atelier, wo seine Familie nach wie vor wohnte, dessen eigenes Exemplar, das auf absurde Weise verunstaltet war. Die Köpfe jener usbekischen Funktionäre, die 1937 liquidiert worden waren, hatte der Künstler mit schwarzer Tusche übermalt. Das Resultat ist grauenerregend, wie ein unfreiwilliges Mahnmal für die Opfer.

Schließlich versucht King in einem der Ausstellungszimmer im Haus am Waldsee, die Geschichte wieder gerade zu rücken. Er brachte an allen vier Wänden des Zimmers Polizeifotos an, eine kleine Anzahl von den Hunderttausenden namenloser, unschuldiger Opfer Stalins. Jeder, der wirklich interessiert ist, den Stalinismus und seine Auswirkungen auf das 20. Jahrhundert zu verstehen, sollte versuchen, diese Ausstellung zu besuchen.

David Kings Arbeiten zeigen, dass die vorsätzlichen Fälschungen der Sowjetgeschichte nicht mit dem Tode Stalins endeten. Nach dem Tode des Diktators im Jahre 1953 und der Geheimrede Chrustschows 1956, die einige der Stalinschen Verbrechen aufdeckte, bekamen seine Nachfolger im Kreml neue Befehle, nämlich die gezielte Auslöschung einer ganzen Anzahl wichtiger Stalinbilder und -Publikationen. Wer durch die Klinge lebt, stirbt auch durch sie!

David Kings Buch auf Deutsch: Stalins Retuschen, Foto- und Kunstmanipulationen in der Sowjetunion. Hamburger Edition 1997; 192 Seiten, 48 DM.

Siehe auch:
Interview mit David King über seine Ausstellung "Stalins Retuschen"
(21. Januar 1999)

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