Die Risiken bei der Wiederaufarbeitung und dem Betrieb von Kernkraftwerken

Von Dieter Hesse und Ute Reissner
4. Februar 1999

Neben anderen Sicherheitsrisiken stellt die Entsorgung verbrauchter Brennelemente das größte ungelöste Problem der atomaren Energieerzeugung dar. Diese Abfallprodukte geben auf Hunderte und Tausende von Jahren hinaus radioaktive Strahlung ab, die eine erhebliche Gefährdung für die Gesundheit von Mensch und Natur darstellt.

Einige dieser Abfälle werden in den Kraftwerken zwischengelagert, bis die stärkste Radioaktivität abgeklungen ist, und dann in sogenannten Zwischenlagern wie Ahaus oder Gorleben eingelagert. Andere werden zur "Wiederaufarbeitung" gebracht. Es gibt in Europa drei Wiederaufarbeitungsanlagen (WAAs), zwei in England und eine in Frankreich. Die beiden größten sind im britischen Sellafield und im französischen La Hague angesiedelt. Betreiber sind die jeweils staatlichen Unternehmen British Nuclear Fields Ltd. (BNF) und COGEMA. Der geplante Bau einer deutschen Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf scheiterte Ende der achtziger Jahre am Widerstand der Bevölkerung.

Bei der Wiederaufarbeitung wird auf chemischem Wege Uran und Plutonium aus den abgebrannten, hochradioaktiven Brennelementen abgetrennt. Sie sollen dann in neuen, sogenannten MOX-Brennelementen wiederverwertet werden. Dieses Verfahren ist allerdings technisch völlig unausgereift. So konnten aus den rund 30 Tonnen Plutonium, die aus der Wiederaufarbeitung deutschen Atommülls entstanden, nur etwa 8,5 Tonnen wieder in neuen Brennstäben eingesetzt werden.

Die Wiederaufarbeitung ist äußerst kostspielig und hochgefährlich. Auch kann keine Rede von "Recycling" oder von einem "geschlossenen Brennstoffkreislauf" sein, da das Abfallvolumen bei dem aufwendigen Verfahren um etwa das Zwanzigfache steigt. Es entstehen neue flüssige, feste oder gasförmige radioaktive Abfälle, die in erheblichen Mengen in die Luft oder das Meer geleitet oder unterirdisch an Land gelagert werden.

Untersuchungen von Ärzten und Umweltgruppen in den Umgebungen von La Hague und Sellafield ergaben ein deutlich erhöhtes Leukämierisiko (Blutkrebs) bei Kindern - in Sellafield liegt es etwa zehnmal so hoch wie im britischen Landesdurchschnitt. Die Region der Anlage ist inzwischen ähnlich stark radioaktiv belastet wie die gesperrte Zone in Tschernobyl. Selbst Nahrungsmittel sind heute schon stärker belastet, als es vorgesehene Grenzwerte nach einem Nuklearunfall zulassen würden. Die radioaktiven Isotope aus Sellafield können bis in die Barentsee, die aus La Hague bis in die Deutsche Bucht und sogar bis zur norwegischen Küste verfolgt werden. Die Umweltorganisation Greenpeace verweist daher darauf, daß die Anlieferung deutschen Atommülls in die zwei Wiederaufarbeitungsanlagen nach geltendem Recht unzulässig sei, da das deutsche Atomgesetz eine "schadlose Verwertung" des Atommülls vorschreibt.

Das freie Plutonium, das bei dem Prozeß entsteht, ist außerdem der Grundbaustoff für Atombomben und wirkt beim Menschen bereits in geringen Mengen tödlich. Selbst kleine Spuren davon im Trinkwasser einer Großstadt würden die gesamte Bevölkerung vergiften. Bei der eigentlichen Stromerzeugung aus Kernenergie kommt das Plutonium nur in gebundener Form vor.

Deutschland lieferte bisher über 90 Prozent der abgebrannten Brennelemente nach Frankreich oder England, wo diese auch heute noch liegen. Wenn alle Brennelemente "wiederaufgearbeitet" sind, werden ca. 76 Tonnen freies, waffentaugliches deutsches Plutonium vorhanden sein, das zur Produktion von über 7.600 Atombomben ausreichen würde. Bisher baut Deutschland solche Waffen nicht, jedoch fördert die Bundesregierung in Garching bei München den Bau des Forschungsreaktors München II (FRM II), die einzige Atomanlage auf deutschem Boden, in der waffentaugliches Uran eingesetzt werden soll. Da die USA sich aus militärischen Gründen weigern das Uran zu liefern, will man dieses aus Rußland beziehen.

In La Hague und Sellafield werden die Brennelemente aus Deutschland, Japan, der Schweiz, Belgien, Niederlande und aus Frankreich wiederaufbereitet. In Japan gab es vor zwei Jahren eine Unfallserie in WAAs, und nach einer Explosion in der Anlage Tokai wurde diese bis zum Jahr 2001 vorläufig geschlossen.

In Rußland existieren drei Anlagen, die früher ausschließlich für militärische Zwecke wie Atombomben genutzt wurden. Obwohl diese die Menschen in der Umgebung völlig verstrahlen und große Sicherheitsmängel aufweisen, sollen die Anlagen in der Nähe von Krasnojarsk und Tscheljabinsk nun mit Profit die Brennstäbe aus dem Ausland wiederaufarbeiten. Den Anfang macht die Schweiz, die künftig ihren Atomabfall nach Rußland bringen wird, wo die Preise nur halb so hoch sind wie in Frankreich. Aber auch deutsche Kernkraftunternehmen denken darüber nach, abgebrannte Brennstäbe hinter den Ural zu schaffen. Es gibt sogar Überlegungen, die ganze Siemens-Anlage Alkem aus Hanau, die 1991 aus Sicherheitsgründen in Deutschland stillgelegt werden mußte, nach Rußland zu liefern.

Andere Länder wie die USA, Spanien, Schweden und Kanada haben sich ganz gegen die Wiederaufarbeitung ausgesprochen. Aber auch die deutschen Energieunternehmen erwägen den Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung seit langem, da sie wesentlich teurer ist - etwa um das Dreifache - als die "direkte Endlagerung". Das Problem ist jedoch, daß es sichere Endlager bisher weltweit noch nicht gibt. So haben deutsche Konzerne begonnen, ihre Verträge mit La Hague dahingehend zu ändern, daß der Müll dort nur noch ca. 15 Jahre gelagert, und an der Wiederaufarbeitung lediglich als mögliche Option festgehalten wird. Mit dem Offenhalten dieser "Option" sichern sich die Unternehmen nur rechtlich ab, da in Frankreich die Lagerung ausländischen Atommülls ausdrücklich verboten ist.

In Gorleben wird zur Zeit die Realisierung eines ersten Endlagers geprüft. Der Ausgang der Prüfung ist aber ungewiß. Fest steht gegenwärtig nur, daß riesige Mengen Atomabfall produziert werden, von denen niemand weiß, wo er einmal sicher gelagert werden kann.

In Anbetracht der Tatsache, daß selbst sogenannte Experten nicht in der Lage sind, die Folgen des über Tausende Jahre strahlenden Atommülls abzuschätzen, ist die Forderung nach einem Ausstieg aus der Atomenergie und insbesondere aus der Wiederaufarbeitung mehr als berechtigt. Weitere Forschung und Arbeit an dem Problem ist erforderlich, aber der gegenwärtige Weiterbetrieb einer Technologie, von der solche Gefahren und Risiken ausgehen, ist im höchsten Maße verantwortungslos.

Unter dem Eindruck des Schocks von Tschernobyl 1986 hatte die SPD 1987 eine Ausstiegsfrist aus der gesamten Kernenergie von zehn Jahren ins Auge gefaßt. Die Grünen hatten 1986 einen Entwurf eines Atomsperrgesetzes vorgelegt, in dem sie die sofortige Stillegung aller Atomanlagen nach einer Übergangsfrist von einem halben Jahr vorsahen. Auch in ihrem Bundestagswahlprogramm von 1994 erklärten sie, daß "die Stillegung aller deutschen Atomkraftwerke innerhalb von höchstens ein bis zwei Jahren rechtlich möglich ist, technisch umsetzbar und wirtschaftlich vertretbar." Jetzt hingegen ist von zwanzig bis dreißig Jahren die Rede!

Und auch die Wiederaufarbeitung soll noch mindestens fünf bis sechs Jahre weitergeführt werden, bis nämlich an allen Atomkraftwerken ausreichend dezentrale Zwischenlager errichtet sind. Diese von der Regierung angestrebte Lösung ist für die Kraftwerksbetreiber ideal. Sie ermöglicht ihnen den Weiterbetrieb ihrer Anlagen bis zu deren Erschöpfung, der bei fehlenden Entsorgungsmöglichkeiten gefährdet gewesen wäre. Der Zeitgewinn durch den Neubau von Zwischenlagern, der bei Problemen mit den Genehmigungsverfahren leicht bis zu zwei Legislaturperioden dauern kann, verschafft ihnen Luft, um neue politische Entscheidungen zu erzwingen oder abzuwarten. Sie können in dieser Zeit ihren Ausstieg aus der vom wirtschaftlichen Standpunkt her mittlerweile risikoträchtigen Atomenergie in Ruhe vorbereiten und auch noch Entschädigungszahlungen dafür durchsetzen.

Wäre der Sofortausstieg möglich?

Aus den letzten zehn Jahren existieren unzählige Expertisen aus dem Umfeld der Grünen und von kritisch eingestellten Wissenschaftlern, die genau durchgerechnete Szenarios für einen solchen Ausstieg entwerfen und seine Machbarkeit nachweisen.

Das Dortmunder Öko-Institut kommt 1996 in einer Berechnung auf der Basis des Jahres 1994 zu dem Ergebnis, daß die bestehenden Überkapazitäten die Abschaltung aller Atomkraftwerke Deutschlands innerhalb eines Jahres erlauben. Das Wuppertal Institut kommt im Jahr 1998 zu dem Schluß, daß dieses immerhin bis zum Jahre 2005 möglich wäre, allerdings könnte auch ihm zufolge auf 14 der 19 deutschen Kernkraftwerke sofort verzichtet werden.

In einem Beitrag für den Spiegel erklärt Stefan Kohler, der Leiter der Niedersächsischen Energie-Agentur, die mehrheitlich im Besitz der Energiewirtschaft ist, daß ein frühzeitiger Ausstieg entgegen den Behauptungen der Betreiber zum Nulltarif, also ohne Entschädigungszahlungen technisch und rechtlich möglich wäre.

Er zeigt auf, daß spätestens 2009 alle Investitionskosten aller Meiler über die Strompreise vollständig finanziert sind, da ein Atomkraftwerk in der Regel nach 20 Jahren als abgeschrieben gelten kann. Das trifft heute schon bei fast der Hälfte der Anlagen zu. Danach machen die Konzerne Supergewinne, was heißt, daß sie sich den langsamen Ausstieg regelrecht vergolden lassen würden.

Nach der Abschreibung belaufen sich die effektiven Kosten zur Erzeugung einer Kilowattstunde Atomstrom auf ca. 4 bis 7 Pfennig. Kohler weist dann nach, daß die Energiegewinnung etwa mit modernen Gas- oder Dampfturbinen-Kraftwerken mit 4 bis 5,5 Pf/kWh sogar preiswerter sei.

Ähnlich argumentiert der Wissenschaftler Eckhard Stratmann-Mertens in einem Vortrag für die Heinrich-Böll-Stiftung NRW im September 1998 in Bochum:

"Die AKW-Betreiber sind in den vergangenen Jahrzehnten mit Mrd. DM an öffentlichen Subventionen gefördert worden. Sie haben aufgrund ihrer staatlich garantierten Monopolstellung riesige Monopolgewinne realisieren können. Die - steuerfreien - Rückstellungen der Energieversorgungsunternehmen (EVU) für Stillegung und Entsorgung in Höhe von ca. 55 Mrd. DM (bis Ende 1996) erlauben ihnen den Aufbau von neuen Machtpositionen auf sogenannten Zukunftsmärkten wie Abfallentsorgung oder Telekommunikation. Warum also und wofür auch sollten die Atomkraftbetreiber noch einmal mit Mrd. DM an öffentlichen Geldern entschädigt werden?"

Siehe auch:
Die Grünen knicken ein
(4. Februar 1999)

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