Ein Weltkonzern verschwindet

Hoechst AG geht mit Rhone-Poulenc zusammen

Anfang Dezember gab der Vorstandsvorsitzende der Hoechst AG, Jürgen Dormann, bekannt, daß der noch verbliebene Rest des ehemals größten deutschen Chemiekonzerns innerhalb von drei Jahren in zwei Schritten mit dem französischen Chemiekonzern Rhone-Poulenc S.A. fusioniert. Dadurch soll der weltweit führende, sogenannte "Life Sciences"-Konzern gezimmert werden. Unter "Life Sciences" ist die Konzentration auf die Produktionsbereiche Pharma und Ernährung zu verstehen, in denen in Zukunft die höchsten Umsatzrenditen erwartet werden.

Mitte nächsten Jahres werden im ersten Schritt die Pharma- und Agroaktivitäten beider Konzerne und die Sparte Tiergesundheit von Rhone-Poulenc (RP) zur ersten "Europa AG" mit dem Kunstnamen Aventis zusammengelegt.

Ende 2001 steht dann die endgültige und vollständige Verschmelzung auf dem Programm. Bis dahin wollen beide Konzerne ihre restlichen Chemiesparten verkauft haben. Der Sitz der Konzernzentrale wird Straßburg, Frankreich, sein.

Mit der Fusion entsteht ein Gigant für Pharma, Landwirtschaft und Tiergesundheit, der einen Umsatz von ca 20 Mrd. Dollar haben wird. Im Pharmabereich wird die neue Aventis mit 11,2 Mrd. Dollar Umsatz hinter dem amerikanischen Pharmakonzern Merck (11,3 Mrd. Dollar) und vor der schweizerischen Novartis (10,5 Mrd.) die Nummer Zwei und im Landwirtschaftsbereich vor Novartis die Nummer Eins sein.

Dieser "Merger of Equals" (Zusammenschluß Gleichrangiger) ist der Höhe- und Schlußpunkt der systematischen Umstrukturierung, die Jürgen Dormann, der 1994 bei Hoechst das Ruder als Vorstandsvorsitzender übernommen hatte, unter dem Schlagwort der "Konzentration auf das Kerngeschäft" betrieben hat.

Bisher bestand der Chemiekonzern Hoechst gewissermaßen aus einer Vielzahl von Firmen unter einem Dach, die von Arzneimitteln über Farben, Fasern, Grund-, Industrie- und Spezialchemikalien bis zu Kosmetika, Kopiergeräten und ganzen Chemieanlagen Produkte für die unterschiedlichsten Märkte produzierten.

Schritt für Schritt wurde dieser "Gemischtwarenladen" Hoechst AG zerlegt und immer neue Arbeitsgebiete ausgegliedert, in Joint Ventures eingebracht, mit anderen Firmen fusioniert, ganz und gar verkauft oder der Schließung übereignet, wie die Kosmetikfirma Jade.

In dem inzwischen in "Industriepark Höchst" umbenannten ehemaligen Stammwerk tummeln sich heute über dreißig aus der Hoechst AG hervorgegangene selbständige Unternehmen, von denen einige noch von der als Finanzholding fungierenden Hoechst AG teilweise oder ganz kontrolliert werden.

Hoechst wird so von einem einheitlichen Chemiekonzern mit vielfältiger Produktpalette und 50 Mrd. DM Jahresumsatz, aber einer im Weltvergleich unterdurchschnittlichen Umsatzrendite, mit Rhone-Poulenc zusammen zu einem auf die profitabelsten Produktionsbereiche spezialisierten Konzern mit ca. 34 Mrd. DM Umsatz, der aber eine wesentlich höhere Rendite von 15 und mehr Prozent erwirtschaften soll.

Durch die Gründung von Aventis verschwindet nach 130-jähriger Industriegeschichte der Name Hoechst AG endgültig. Doch gleichzeitig entsteht ein neuer internationaler Großkonzern, der sich im Interesse seiner Aktionäre auf die profitabelsten Arbeitsgebiete konzentriert und auf diesen Gebieten die notwendige Größe hat, um im internationalen Konkurrenzkampf zu bestehen.

Eine derartige Umstrukturierung eines globalen Wirtschaftskonzerns entspricht den Anforderungen der internationalen Finanzmärkte, auf denen milliardenschwere anonyme Anlagefonds eine immer größere Rolle spielen und den Ton angeben. Mit ihrer schieren Finanzkraft sind sie in der Lage, Entscheidungen durchzusetzen, die ausschließlich auf eine ständig steigende Produktivität und Erhöhung der Dividende ausgerichtet sind.

Auch der Vorstandsvorsitzende Dormann wird nicht müde zu betonen, daß er diesen Kurs ausschließlich im Interesse der Aktionäre an einem möglichst hohen Aktienwert und einer möglichst hohen Rendite verfolgt. Beide Konzernvorstände versprechen sich von dem Firmenzusammenschluß jährliche Einsparungen von 1,2 Mrd. Dollar (ca. 2 Mrd. DM), vor allem durch die Ausnutzung von Synergieeffekten.

Die Auswirkungen für die Beschäftigten dagegen sind katastrophal. Schon in der Vergangenheit, seit Mitte der neunziger Jahre, fielen allein im ehemaligen Stammwerk der Hoechst AG im Frankfurter Stadtteil Höchst 7000 der ehemals 28 000 Arbeitsplätze der permanenten Umstrukturierung zum Opfer. Alle Arbeitsbereiche und Abteilungen, die Dormanns Meßlatte von mindestens 15% Kapitalrendite nicht erreichten und nicht zum Kerngeschäft gehörten, standen auf der Abschußliste.

Doch der wirkliche Kahlschlag der Arbeitsplätze steht noch bevor. Die Beschäftigten von Rhone-Poulenc und Hoechst befürchten, daß die Fusion mehrere Tausend Arbeitsplätze bei beiden Konzernen kosten wird. Betroffen wäre vor allem der Vertrieb. Zwei bisher getrennte Vertriebsorganisationen sollen verschmolzen werden, was viele hundert Arbeitsplätze kosten wird. Aber auch in Forschung und Entwicklung wird die Streichung zahlreicher Stellen befürchtet. Nur drei von vier zentralen Forschungsstandorten sollen erhalten bleiben - d.h. einer wahrscheinlich geschlossen werden. Auch die Schließung ganzer Produktionsstandorte ist nicht ausgeschlossen.

Wie berechtigt diese Befürchtungen sind, zeigt der Bericht, den die amerikanische Beraterfirma Monitor Company im Auftrag der Hoechst AG schon im Oktober letzten Jahres erstellt hatte, d. h. schon zwei Monate vor dem offiziellen Beschluß der Fusion. Dieser Bericht wurde von der französischen Zeitung Le Quotidien am 12. Februar veröffentlicht. Die Beraterfirma empfahl für die Fusion von Hoechst und Rhone-Poulenc den Abbau von 9.800 bis 11.000 Arbeitsplätzen und die Aufgabe von 49 ihrer 91 Standorte.

Beide Unternehmen beeilten sich zu erklären, daß es sich dabei nur um ein vorläufiges Arbeitsdokument handle, welches die zukünftigen Chefs der Aventis zu nichts verpflichte. Sie gaben zu verstehen, daß keinerlei Entscheidung über Schließungen und Entlassungen vor dem Sommer getroffen würden. Aber bei den Beschäftigten festigt sich der Verdacht, daß die Planungen für den Abbau von Arbeitsplätzen und Standorten schon viel weiter fortgeschritten sind, als offiziell zugegeben wird.

Auf einer sogenannten "Integrationskonferenz" der zukünftigen "Aventis CropScience", der Landwirtschaftssparte von Aventis, am 2. Februar 1999 in Cannes, an der 200 führende Manager von Agrevo, dem Landwirtschaftsunternehmen von Hoechst und Schering, und Rhone-Poulenc Agro teilnahmen, erklärte der designierte Unternehmenschef von Aventis CropScience, Alain Godard, eines der ersten Ziele bestehe darin, unprofitale Produktionsbereiche abzustoßen.

Bisher wurde die Arbeitsplatzvernichtung "sozial abgefedert". Jetzt stehen betriebsbedingte Kündigungen ins Haus. Schon in den vergangenen Jahren wurden den Beschäftigten zum Teil erheblich verschlechterte soziale und tarifliche Bedingungen aufgezwungen. Der Bereich Textilfasern z.B. wurde in die Hoechst-Trevira GmbH ausgegliedert. Dabei wurden mit der Drohung, vom Arbeitgeberverband Chemie zum Arbeitgeberverband Textil und seinem wesentlich schlechteren Tarifvertrag zu wechseln, Personalkosteneinsparungen von 10 bis 15 Prozent erpreßt.

Bei anderen neu entstandenen Firmen, wie dem Pflanzenschutzmittelproduzenten Agrevo, einem Gemeinschaftsunternehmen von Hoechst und Schering, wurde der weit über dem Tarif liegende Hoechst-Lohn auf den nackten Tariflohn abgesenkt, was im Monat mehrere hundert Mark ausmacht. Die Besitzstandsregelung mit langjährigen Übergangsfristen ändert nichts daran, daß Neueingestellte sich aber sofort mit den verschlechterten Bedingungen zufrieden geben müssen. Die neue Agrevo Geschäftsführung hat das Ziel verkündet, mittelfristig ca. 250 Millionen jährlich an den Personalkosten einzusparen.

Alle Verschlechterungen bei den Löhnen, den Sozialleistungen und den Sicherheitsmaßnahmen wurden von Gewerkschaft und Betriebsrat ausgehandelt und unterzeichnet. Ohne die ständige Beratung und Unterstützung durch diese Verbands- und Betriebsfunktionäre der Gewerkschaft wäre die Geschäftsleitung nicht in der Lage, die Umstrukturierung des Konzerns nach dem Prinzip des Shareholder Value gegen die Beschäftigten durchzusetzen. Nur einmal wurden die Funktionäre der IG Chemie-Papier-Keramik unruhig. Als die Geschäftsleitung von Trevira sich anschickte, den Tarifverband zu wechseln, fürchteten sie ihre Posten und Pfründe zu verlieren. Doch kaum war "die Flucht aus dem Chemietarif" vom Tisch, setzten sie ihre Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung um so intensiver fort.

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