Berlinale

Dokumentarfilme aus Deutschland, der Schweiz und Österreich

Teil 4

Von den 13 Dokumentarfilmen, die ich sah, wählte ich diejenigen aus, von denen ich meine, daß sie eine gegenwärtig typische Entwicklung repräsentieren. Die Frage: Was treibt Menschen dazu, etwas Bestimmtes zu tun, schien mir dabei eine zentrale Achse zu sein.

Mehrere Filme thematisierten die Judenverfolgung während des Dritten Reiches. Bedingt durch die unmenschliche Flüchtlingspolitik vieler Länder in der Gegenwart, bekamen diese Filme einen sehr aktuellen Bezug.

Der schweizer Regisseur Kaspar Kasics berichtet in seinem Film Closed Country über den von 1929-1954 amtierenden schweizer Polizeichef Heinrich Rothmund, der als nationaler Patriot Hitler ablehnte und aus nationaler Verantwortung heraus, wie er erklärte und nicht aus Antisemitismus, jüdischen Flüchtlingen die Einreise in die Schweiz verweigerte. Der Film konfrontiert dann einen der damaligen Grenzoffiziere, die diesen Befehl ausführten, mit jüdischen Überlebenden, deren Familie damals den Nazis in die Hände fiel, wobei die meisten umkamen. Kasics Film widerlegt die Behauptung, die Judenfeindlichkeit sei dem deutschen Geist bzw. einer antisemitischen Ideologie entsprungen. Realpolitischer, nationaler Pragmatismus a là "Das Boot ist voll", trieb viele jüdische Flüchtlinge in den sicheren Tod.

Ein weiterer Film, der anschaulich dokumentiert, wie Flüchtlinge zum Spielball internationaler Politik wurden, ist der sehenswerte Dokumentarstreifen aus Österreich Zuflucht in Shanghai von Joan Grossmann und Paul Rosdy. Weniger aus humanistischen Grundsätzen als aus taktischer Rücksichtnahme gegenüber den USA, werden die aus Europa nach Shanghai geflohenen jüdischen Flüchtlinge Ende der dreißiger Jahre in dem von Japan besetzten China aufgenommen. Dort überläßt man sie weitestgehend sich selbst. Viele sterben an Armut und Krankheit. Nach Kriegsausbruch zwischen Japan und den USA 1942, kommen die Juden in ein Ghetto, das schließlich bombardiert wird, weil die Japaner dort Munition und einen Sender deponierten.

Mit dem Film Gerrons Karussell bemüht die Regisseurin Ilona Ziok, wie schon Kasics, sich einer widersprüchlichen Gestalt zu nähern, der man nicht mit Kriterien wie gut oder böse beikommt. Bevor die Nazis den in den zwanziger Jahren bekannten jüdischen Kabarettisten, Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron in Auschwitz ermordeten, wurde er, wie viele europäische jüdische Künstler, im KZ Theresienstadt inhaftiert. Dort leitete er nicht nur das Häftlingskabarett "Karussell" sondern drehte auch einen Film. Der unter dem Namen "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" bekannt gewordene Nazi-Propagandafilm über das KZ Theresienstadt diente dem Zweck, als "Dokumentarfilm" die Weltöffentlichkeit bewußt über den wirklichen Charakter der deutschen Konzentrationslager zu täuschen.

Voraussichtlich kommt Gerrons Karussell ab April in die deutschen Kino und wird unter Jugendlichen Diskussionen auslösen.

Ein Zuschauer fragte die Regisseurin nach der Aufführung: "War Gerron sich wirklich darüber im Klaren, daß er einen Dokumentarfilm drehte? Während andere Menschen in Deutschland ihr Leben aufs Spiel setzten, um das Ausland über die wirklichen Vorgänge in den KZs zu informieren, machte Gerron diesen Film der die Wahrheit bewußt verschleierte."

"Nicht jeder ist als Held geboren", erklärte die Regisseurin. "Gerron war aber auch kein Feigling. Er hat niemand, das bestätigten Überlebende, mit dem Film geschadet. Alle haben ihn bereitwillig unterstützt, weil sie meinten damit Menschenleben zu retten." Solange die Häftlinge für den Film gebraucht wurden, konnten sie nicht deportiert werden.

War es also richtig, daß Gerron den Film machte oder hätte er sich weigern sollen? Gab es eine andere Perspektive in seiner Situation? War für alle Häftlinge das unmittelbare Überleben am wichtigsten?

Weil der Film keinerlei Gegentendenzen, weder in Theresienstadt noch in der Gesellschaft erwähnt, drängt sich eine Tendenz in den Vordergrund, die wie eine allgemeine Rechtfertigung klingt: "Ich war zu unbedarft, um zu wissen, was wirklich abging", erklärt der damals ebenfalls in Theresienstadt inhaftierte Jazzmusiker Coco Schumann vor der Kamera. "Gerron dachte, daß er rauskommt, wenn er den Film macht. Wir wußten doch damals nicht, daß ein deutsches Ehrenwort nicht mehr gilt."

Vom Widerstand gegen die Nazis berichtet dagegen der Film Nein! Zeugen des Widerstandes in München 1933-1945von Katrin Seybold, der von der Presse sehr gelobt wurde. Er beinhaltet gleichzeitig eine Botschaft für die Gegenwart. Jeder kann Widerstand gegen die Gefahr von rechts leisten. Der Film zeigt viele Interviews mit Personen aus dem Umkreis des damaligen Widerstandes, Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen, Monarchisten etc.

Die grundlegende Schwäche. des Films besteht darin, daß er die über Jahrzehnte in DDR und BRD gleichermaßen aufgestellte Behauptung, es hätte lediglich mehr Menschen gegen Hitler, mehr Zivilcourage bedurft, um die Katastrophe zu verhindern, wiederholt. Daß es keineswegs kollektive Gleichgültigkeit war, die Hitlers Verbrechen möglich machte, deutet der sehr sehenswerte Spielfilm Viehjud Levi an, der noch extra besprochen wird. Der Film zeigt, daß die Nazis ab einem bestimmten Punkt in der Lage waren, schwankenden Menschen eine Perspektive zu vermitteln.

Daran knüpfen sich sehr unmittelbare Fragen: Zwischen welchen Fronten schwankten diese Menschen? Warum waren andere Kräfte nicht in der Lage sie für ihre Perspektive zu gewinnen? Waren sie unglaubwürdig geworden? Welche Ziele verfolgten sie?

Diese Fragen stellt die Regisseurin den Zeitzeugen leider nicht Es sind auch drängende Fragen der Gegenwart.

Der Film Brigitte und Marcel - Golzower Lebenswege der beiden Regisseure Barbara und Winfried Junge schließt ein mehrteiliges Filmprojekt ab, das sich als längste Dokumentation des internationalen Films über einen Zeitraum von 37 Jahren erstreckt. Der Film führt uns zurück in die DDR. Als Brigitte 1961 im Dorf Golzow eingeschult wird, hat die Ulbricht-Regierung gerade die Grenzen dicht gemacht. Der Film endet 1998, neun Jahre nach dem Fall der Mauer. Der inzwischen erwachsene Sohn Marcel sieht die gefilmten Szenen seiner Kindheit wieder.

Dieser Film widerspricht ebenfalls der Vorstellung, der große Teil der Bevölkerung existiere nur als graue Masse. Unter einer scheinbar stabilen Oberfläche findet ständig Bewegung und Veränderung statt.

Er schildert das Leben einfacher Menschen auf dem Lande, die sonst nie im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen und identifiziert sich mit ihnen. Sie wirken nicht sicher, sind nicht gewohnt, sich öffentlich zu artikulieren, sind nicht sonderlich gesprächig und geben ausweichende Antworten. Der Regisseur muß sehr einfühlsam und teilweise auch offensiv fragen, um sie aus der Reserve zu locken und ihren Widerspruch herauszufordern. Was er dann aber zu Tage fördert, sind Persönlichkeiten, die ihren täglichen unspektakulären Kampf führen, sich Gedanken machen über das Leben, existentielle Sorgen haben und die eine Entwicklung durchmachen.

Durch eine genaue Beobachtung der Wirklichkeit gelingt es dem Regisseur, die bestehende Kluft zwischen DDR-Führung und der einfachen Bevölkerung aufzuzeigen. Schon allein die Sprache der Funktionäre und die ihrer Untergebenen - zwei Welten. Auch der kurze Einblick in eine Jugendstunde der FDJ, darauf, wie die Jugendlichen den kernig-aufrüttelnden Worten des schon etwas älteren FDJ-Jugendfunktionärs offensichtlich widerwillig zuhören, ausweichend zur Seite oder mit Hilfe suchendem Blick verlegen auf den Boden schauen, spricht Bände.

Diesen unauffälligen Akteuren des täglichen Lebens kann man die drei Hauptfiguren von Pavel Schnabels Film Grenzgänger gegenüberstellen. Die große Welle von 1968 spülte bis in die siebziger Jahre hinein, Jugendliche und Studenten aus Ost und West gleichermaßen in die Politik. Viele wurden rein zufällig zu einem politischem Sprachrohr des Aufbegehrens. Was ist aus ihnen heute geworden?

Als Thomas Schoppe, Sänger der legendären DDR-Rockband Renft Mitte der siebziger Jahre in den Westen geht, "um die Freiheit zu finden", zieht der aus Wien stammende, von Berufsverbot bedrohte Germanist "marxistischer Gesinnung" Peter Porsch vom Westen in den Osten. Ab 1982 Mitglied der SED, fühlt er sich im Gegensatz zu Renftsänger Thomas Schoppe, nicht eingegrenzt, sondern "frei im Osten", kann unterrichten, publizieren und findet das Neue Deutschland"eine spannende Zeitung." Der dritte Porträtierte ist der frühere tschechische Dissident Ivan Dejmal, der unter Havels "samtener Revolution" zum Umweltminister aufsteigt.

Man kann sich inzwischen nur noch schwer vorstellen, daß der hausbackene Schoppe bis zum Zusammenbruch der DDR für die Jugend ein Symbol des Widerstandes gegen die stalinistische Unterdrückung war. Heute, in seinem Studio sitzend, will er "alles hinter sich lassen" und "zu neuen Ufern aufbrechen", womit er den Start seiner Solokarriere meint. Während Porsch, zur Zeit Fraktionsvorsitzender der PDS im sächsischen Landtag, nahtlos seine politische Existenz mit der Existenz als Eigenheimbesitzer verbindet, sinniert Dejmal, inzwischen wieder Umweltaktivist auf der Straße, über seine vergangene Ministertätigkeit und darüber, daß man manchmal etwas gegen das Volk durchsetzen müsse, weil das Volk mitunter notwendige Einschränkungen nicht einsieht.

Im Mittelpunkt des Films Damenwahl - Szenen aus dem Abendland stehen Frauen der heutigen Mittelklasse. Sie sind wohlhabende Anwältinnen, Modefotografinnen, Germanistikprofessorinnen u.a. Sie sind emanzipiert (also alleinstehend) und haben riesige, wunderschön vollgekramte Wohnungen. Dort leben sie mit ihren Kindern, Papageien, Rassehunden und -katzen. Sie kaufen nur das beste Obst und das frischeste Fleisch, feilschen gerne auf dem Trödelmarkt und haben ein Faible für Sonderangebote, während zu Hause die riesigen Wände mit teurer moderner Kunst bepflastert sind. Man betreibt aus Liebhaberei Keramik und gibt Kostümbälle, wo man alternativ nach klassischer Klaviermusik tanzt. Im Gegensatz zu ihren Eltern haben sie zum Luxus ein ironisches Verhältnis, genießen ihn aber. Gemäß dem alten Grundsatz der 68er "Der Weg ist alles, das Ziel ist nichts" sind sie ständig beschäftigt und unterwegs, "ohne jemals anzukommen"

"Ich weiß nicht, ob ich irgendwann einmal eine Entscheidung getroffen habe. Meine Karieren haben sich einfach so ergeben", erklärt die Modefotografin, und eine Freundin meint zurückgelehnt:

"Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, wie mein Leben einmal aussehen soll. Ich wußte, was ich nicht wollte, permanent arbeiten und nicht zu früh aufstehen."

Der äußere Habitus, der diese Generation der 68er Studentenrevolten kennzeichnet, ist bruchstückhaft noch zu erkennen, natürlich in etwas veredelter Form. Ansonsten sind sie normale, wohlhabende Bürger geworden. Wie bemerkte die Fotografin kurz und treffend: "Ich sitz hinten im Bus und bin ganz zufrieden."

Nach dem Film gab es Beifall und Buhrufe. Von den Filmen, die ich auf dem Festival sah, war dies der einzige, der so polarisierte. Viele gingen sofort, warteten die Diskussion mit der Regisseurin Viola Stephan nicht ab. "Ich wußte, daß der Film spalten würde," erklärte sie. "Um allgemein zu gefallen, hätte ich einen anderen Film drehen müssen, denn dieser geht ironisch mit der Frauenbewegung um."

Die Bemerkung eines Zuschauers wies in eine andere Richtung Er meinte, der Film hätte die "neue Mitte" auf die sich die neue rot-grüne Regierung stützt sehr gut getroffen und fragte, was die Regisseurin darüber denke. Diese hatte die porträtierten Frauen unter ihren Freundinnen ausgesucht und erklärte, sie würde die Frage inhaltlich nicht verstehen, was ein Teil des Publikums mit Gelächter quittierte.

Der Film "Wir machen weiter ..." Die Schützes - ein Leben in Deutschland von Wolfgang Ettlich schildert das Schicksal einer Familie im Osten Deutschlands, die vergeblich versucht, den Sprung in den Mittelstand zu schaffen. Das Kamerateam begleitet die Familie des ehemaligen Verkaufsstellenleiters in der DDR Jürgen Schütze zehn Jahtre lang, vom Fall der Mauer 1989 bis in die Gegenwart. Enthusiastisch bricht Schütze nach der Wende, nunmehr als Selbständiger auf in die Marktwirtschaft. Er ist der Meinung, wer richtig ranklotzt, der kommt auch zu was. Im Westen herrsche die höhere Arbeitsmoral, so erklärt er seinen Angestellten. "Wer schlecht ist, muß weg." Dann erfolgt der soziale Niedergang. Er muß seine Lebensmittelläden schließen, ist hoch verschuldet und fährt nun als Spediteur mit dem Lieferwagen quer durch Deutschland. Das Leben besteht nur noch aus Hetze, Termine einhalten, Aufträge ranschaffen, lange Strecken, kein Wochenende, keine Familie, kein Privatleben. Schütze verzweifelt langsam und erklärt: "Ich will nicht reich werden, ich will davon leben können und einen Urlaub haben mit der Familie." Die Frau verkauft derweil auf Messen Hundefutter.

Eindringlich zeigt dieser Abschnitt des Films, daß das Problem der Arbeitslosigkeit nicht durch die massenhafte Gründung von Klein- und Kleinstunternehmen gelöst werden kann.

Das Ende des Films beeindruckte mich am meisten. Hier zieht Schütze Bilanz. Immer nur stets seine kleine unmittelbare Umwelt vor Augen, kommt er in einer Zeit, wo die Wirtschaft Asiens wie ein Kartenhaus zusammenbricht und in vielen Ländern der Erde die Arbeitslosigkeit steigt, zu dem Schluß, es sei alles allein seine Schuld, er hätte persönlich Fehler gemacht. Vielleicht sei er schon zu alt für die Marktwirtschaft. Doch will er nicht aufgeben. Bei den Wahlen 98 wählt seine Familie erst einmal SPD, denn "Kohl muß weg!"

Siehe auch:
Aimèe und Jaguar
(11. März 1999)
Das 49. Berliner Filmfestival
( 9. März 1999)
Das Neuste von Tavernier und ein Film aus der Türkei
( 10. März 1999)
Loading