Berlinale

Aimèe und Jaguar

Teil 3

Der Film des deutschen Regisseurs Max Färberböck "Aimèe und Jaguar" eröffnete das Wettbewerbsprogramm der diesjährigen Filmfestspiele in Berlin.

Er basiert auf der Lebensgeschichte von Lilly Wust, die heute 85jährig in Berlin lebt. Es ist die Liebesgeschichte zwischen ihr und der Jüdin Felice Schragenheim. Als Felice sie kennenlernt hat Lilly bereits vier Kinder. Ihr Mann steht an der Ostfront. In dieser Situation bringt Lilly den Mut auf, die Scheidung einzureichen. Sie nimmt Felice bei sich auf. Es ist das Jahr 1943, Berlin zwei Jahre vor Kriegsende.

Daß Felice Jüdin ist, weiß Lilly lange Zeit nicht. Die Gestapo ist Felice aber schon einige Zeit auf den Fersen. Mit einigen jüdischen Freundinnen, darunter dem Hausmädchen von Lilly besorgt sie Ausweispapiere, um anderen Juden die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Tagsüber arbeitet sie in der Redaktion einer Nazi-Zeitung. Als Aimée und Jaguar, wie sich die beiden selbst nennen, eines Tages vom Baden nach Hause kommen, erwartet sie dort die Gestapo. Felice kommt zunächst nach Theresienstadt, später in ein anderes Lager, von wo sie nie wieder zurückkehrt.

Die Stärke dieses Films besteht in der überzeugenden Darstellung von der Tiefe und Ehrlichkeit dieser Liebesbeziehung. Der Film gleitet an keiner Stelle ab ins Kitschige, wirkt nicht aufgesetzt oder melodramatisch. Die Spannung zwischen den beiden Frauen, von der dieser Film ausschließlich lebt, überträgt sich auf den Zuschauer und geht tief unter die Haut.

Daß aber alle anderen Handlungselemente quasi nur noch den Stützrahmen für die beiden Hauptfiguren abgeben, ist unbefriedigend und wird auch dem Zeitabschnitt der Spielhandlung nicht gerecht. Über die Zeit des deutschen Faschismus wird seit einigen Jahren stark diskutiert. Von daher wären Filme wünschenswert, die diese Diskussion bereichern. Aimée und Jaguar gehört nicht dazu.

Die Psychologie und Charaktere der Menschen um Lilly und Felice herum werden nur stark vereinfacht und klischeehaft wiedergegeben. Da sind die eiskalten Gestapoleute, der sich an Durchhalteparolen aufrichtende, nicht eben intelligente Mitläufer, wie Lillys Mann, schließlich der durch die Zeitungsmeldungen ins Grübeln geratene Nazi-Intellektuelle, wie Felices Chefredakteur. Selbst die jüdischen Freundinnen Felices wirken merkwürdig fremd und schemenhaft, ebenso Lillys kommunistischer Vater und das Hausmädchen.

Als Liebende sind Lilly und Felice dem Zuschauer unheimlich nah, als Menschen, die sich ganz real in einem sozialen Gefüge bewegen müssen, werden auch sie plötzlich zu Fremden. Man stellt fest, daß man über sie so gut wie nichts weiß. Über das bisherige Hausfrauendasein Lillys mit ihren vier Kindern kann man sich ungefähr noch ein Bild machen. Über Felice erfährt man so gut wie nichts.

Was bleibt, ist ihre starke, beeindruckende Liebe zueinander. Sie erhält ein stark mystisches Element.

Beide Hauptdarstellerinnen (Juliane Köhler und Maria Schrader) wurden von der Wettbewerbsjury mit dem Silbernen Bären für die beste Darstellerin ausgezeichnet.

Viehjud Levi

Nach einem Theaterstück des leider früh verstorbenen Dramatikers Thomas Strittmatter schrieb der Regisseur Didi Danquart das Drehbuch zu diesem Film. Die Handlung spielt 1933 in einem Schwarzwalddorf. Marode Gleise und ein schadhafter Tunnel bringen den Reparaturtrupp aus Berlin wieder einmal in diese verlassene Gegend, wo die Zeit stillzustehen scheint, wo man noch kein Radio kennt, streng katholisch ist und dem Machtwechsel in Berlin keine Bedeutung beimißt.

Die Lebensinhalte der Bauern werden unmittelbar diktiert von ihrer Existenzgrundlage, dem Hof. Sinn von Heirat und Familie ist es, ihn zu erhalten, seinen Bestand zu vergrößern. Lisbeth, die Tochter von Bauer Horger, noch ledig, wird umworben von Paul, einem Arbeitslosen, Entwurzelten, der ständig Verse des Dadaisten Kurt Schwitters im Mund führt und für den Horger nur Verachtung übrig hat.

Ganz anders steht er zu Levi. Der fahrende, jüdische Händler bemüht sich ebenfalls um Lisbeth. Er ist angesehen und geachtet in der Gegend, schon sein Vater und Großvater versorgten die Dörfer des Schwarzwaldes mit Dingen des täglichen Bedarfs, die nur in der Stadt oder noch weiter entfernt zu haben sind. Horger hält große Stücke auf ihn, und seine Frau freut sich, wenn Levi mal wieder hereinschaut, ihr Garn und Nähseide mitbringt und ein Schwätzchen hält.

Sehr humorvoll zeigt der Film den redseligen Levi während seiner Fahrten, wo er ein wenig schrullig, halt ein echter Schwarzwälder, stundenlang mit seinem Hasen Jankel über das Leben philosophiert.

Als der Ingenieur, ein überzeugter Nazi, mit seiner Sekretärin und den Bahnarbeitern im Dort auftaucht, beginnen die Veränderungen. Der Reparaturtrupp bringt die gewohnten Lebenskreisläufe der Bewohner durcheinander. Für die Zeit der Arbeiten wird die Bahn zum neuen Mittelpunkt des Ortes. Sie repräsentiert als staatliches Unternehmen die neue Macht und erweist sich für die Bauern gleichzeitig auch als eine neue Einkommensquelle. Die Bahn kauft bei ihnen die Verpflegung für die Bahnarbeiter. Lisbeth rät dem arbeitslosen Paul, sich dort auch Arbeit suchen..

Abends sitzen die Bahnarbeiter bei den Einheimischen im Wirtshaus und der Wirt läßt den Volksempfänger für die Berliner dudeln, ein Geschenk des leitenden Ingenieurs, das er zuerst als neumodischen Kram sehr energisch zurückweist.

Die neuen Gäste im Wirtshaus machen kein Hehl daraus daß sie die Juden für die Schuldigen an allen Mißständen des Landes halten und die neue Regierung deshalb mit dem Judentum aufräumen werde. Während die beiden Krüppel des Dorfes mit einem Hitlerwitz austesten, wie ernst man das Gerede der neuen Staatsmacht nehmen muß, lästert Paul: "Ich glaub hier riechts nach brauner Scheiße"

Der Ingenieur plant eine "kleine Festivität", zu der offiziell die politischen Autoritäten des Dorfes, der Bürgermeister, der Pfarrer, der Lehrer und der Apotheker geladen werden sollen. Horger, den er vom letzten Mal kennt, soll ein Kalb schlachten. Dieser verkauft es dem "Herrn Ingenieur" zu einem Spottpreis, obwohl Levi ihm schon vorher eine wesentlich höhere Summe geboten hatte.

Vor seiner Frau rechtfertigt er sich Horger: "Die Bahn ist staatlich."

Denn wer die neuen Möglichkeiten und Beziehungen, die die Bahn eröffnet, nicht nutzt, kann schnell ins Hintertreffen gegenüber seinen Konkurrenten geraten. Das bekommt Horger schließlich selbst zu spüren. Nachdem Tochter Lisbeth, die im Wirtshaus bedient, Levi einige Male gegen die antisemitischen Pöbeleien des Ingenieurs und seiner Leute verteidigt, werden Horgers Lebensmittellieferungen von der Bahn abgewiesen. "Hast wohl Dreck am Stecken", argwöhnt ein Bauer, der bloß sieht, daß Horger nicht durchgelassen wird.

Der gesellschaftliche Mechanismus, den der Film freilegt, widerlegt sehr anschaulich, daß nicht das Gift einer rassistischen Ideologie von einer potentiell rassistischen Bevölkerung begierig aufgesogen wurde. Ganz gezielt wird der Antisemitismus von den Nazis eingesetzt, um die neue Ordnung durchzusetzen. Die Bauern beginnen sich gegenseitig zu belauern.

Was diesen Film ebenfalls sehenswert macht, ist die Tatsache, daß er keine menschlichen Schablonen zeigt. Jeder kennt zur Genüge die Filme mit den stereotyp zackigen, meist dümmlichen Nazis, hinterlistigen Denunzianten und unerschrockenen Widerstandskämpfern. Danquart zeigt dagegen Charaktere, wie sie im wirklichen Leben vorkommen und deren Handlungsweisen daher auch in ihrer Widersprüchlichkeit nachvollziehbar sind. Eine Nebenfigur, wie z.B. der alte Marten gewinnt dadurch an Tragik, kann unser Mitgefühl wecken und wird nicht einfach als Feigling verachtet.

Paul sieht herab auf die Bauern. Sie sind für ihn "hirnlose Kuhmelker." Weil er selbst aber mittellos ist, hat er keinerlei Möglichkeiten, sich bei ihnen Respekt zu verschaffen. Seine Werte zählen auf dem Lande nicht. Unter diesen Voraussetzungen muß er ein ewiger Außenseiter bleiben, wie die beiden Krüppel oder der etwas einfältige Marten

Dem Naziingenieur und seinen Leuten tritt Paul von Anfang an sehr wortradikal und bewußt provozierend gegenüber auf. Ihn fasziniert aber gleichzeitig, daß solch gestandene Männer wie Horger, durch die Nazis unter Druck geraten können. Pauls Provokationen bekommen eher den Charakter von Herausforderung statt strikter Ablehnung. Als er die Sekretärin und Geliebte des Ingenieurs beim Baden überrascht, erklärt sie ihm, wenn er mehr Manieren hätte und lernen würde, auf der richtigen Seite zu arbeiten, wüßte sie was besseres für ihn als " kleine Mädchen beim Baden zu erschrecken." Damit trifft sie bei Paul den wunden Punkt. Hier im Dorf, unter den jetzigen Bedingungen gibt es für ihn keine Zukunftsaussichten.

Als er den Ingenieur auf dem Fest bis auf die Knochen blamiert, schlagen ihn die Bahnarbeiter brutal als "rote Sau" zusammen und werfen ihn in den Fluß. Klitschnaß, sein Motorrad schiebend, trifft er auf dem Nachhauseweg Levi, der scherzhaft auf seinen Zustand anspielt. Er weiß nicht, was passiert ist. Da platzt Paul wütend heraus: "Nimm deine dreckigen Judenfinger von meinem Motorrad!"

Auch Horger weist nun Levi barsch die Tür, als dieser einen neuen Hasen kaufen will, "zum Schwätzen." Jemand hat seinen Jankel getötet und ihm den Kopf abgerissen. "Ich kann kein Fleisch mehr verkaufen, und du willst einen Hasen? - schnauzt der Bauer - Ich laß mir von dir meinen Hof nicht kaputtmachen du - Christusmörder!"

"Ich versteh euch nicht, ich versteh euch alle nicht!", ruft Lisbeth verzweifelt aus, als die Mutter auf ihre Frage, was sie denn auf einmal gegen den Levi hätte, nur knapp antwortet: "Du bist katholisch."

Dramatisch ist die Schlußszene im Wirtshaus. Die Bahnleute, die laut grölend zum Akkordeon ein judenfeindliches Lied singen, zwingen Levi ebenfalls zu singen. Aus Scham vor seiner Tochter fordert Horger, sie sollten aufhören, es reiche doch jetzt. "Bist du ein Jud, Horger?" - "Ich bin kein Jud." Und plötzlich auf Levi weisend brüllt er: "Der ist an allem Schuld!"

Zum Schluß steht Paul "auf der richtigen Seite", trotz seiner Vorliebe für amerikanischen Swing und Kurt Schwitters, jenes deutschen Künstlers, der wie viele während der Naziherrschaft aus Deutschland fliehen mußte.

Siehe auch:
Dokumentarfilme aus Deutschland, der Schweiz und Österreich
(11. März 1999)
Das 49. Berliner Filmfestival
( 9. März 1999)
Das Neuste von Tavernier und ein Film aus der Türkei
( 10. März 1999)
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