Trauermarsch für junge Kurden in Berlin

Zehntausend Demonstrationsteilnehmer zumeist kurdischer Herkunft zogen am 24. Februar durch Berlin, um der drei jungen Kurden zu gedenken, die eine Woche zuvor in der israelischen Botschaft von Sicherheitsbeamten erschossen worden waren.

An der Spitze des Zuges fuhren zwei Leichenwagen mit den Särgen der 18jährigen Frau und den beiden 24 und 28 Jahre alten Männern. Der Trauerzug bewegte sich in heftigem Schneetreiben diszipliniert und friedlich durch die Stadt. Auch türkische und deutsche Teilnehmer reihten sich ein. Begleitet wurde die Demonstration von einem starken Polizeiaufgebot. Beinahe 4000 Beamte waren im Einsatz; zahlreiche Filmteams der Polizei erstellten Videaufnahmen.

"Freiheit für Öcalan!", "Freiheit für die Kurden!", lauteten die Sprechchöre. Die Angehörigen der drei Getöteten ließen später die sterblichen Überreste in die Türkei überführen, um sie in ihrer kurdischen Heimat beizusetzen. Zunächst erklärte jedoch die Fluggesellschaft Turkish Airlines, sie könne keinen Frachtraum für die Särge zur Verfügung stellen.

Die Umstände, unter denen die drei jungen Opfer erschossen wurden, sind nach wie ungeklärt. Anfangs war berichtet worden, eine Gruppe von rund dreißig Jugendlichen habe sich gewaltsam Zugang in das Botschaftsgebäude verschafft. Ein neuer Bericht der Polizei, der kurz vor der Demonstration erschien, bestätigte hingegen andere Aussagen, wonach ein israelischer Sicherheitsbeamter selbst die Tür geöffnet habe, um die Demonstranten einzulassen. Außerdem wurden auch außerhalb des Gebäudes, wo ebenfalls eine Reihe Kurden verletzt worden waren, Patronenhülsen gefunden. Zuvor war nur von Schüssen auf unbewaffnete Demonstranten innerhalb der Botschaft die Rede gewesen. Doch nun sah es so aus, daß zusätzlich ein Sicherheitsbeamter auch Schüsse aus seiner Pistole auf die Menge vor dem Botschaftsgebäude abgefeuert hatte.

Das WSWS hatte am Sonntag vor dem Trauermarsch die "Kurdische Gemeinde Berlin e.V." besucht und mit dem Vorsitzenden Dr. Hassan Mohamed-Ali und Schriftführer Kader Al-Yousef über die Situation der Kurden nach der Entführung des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan gesprochen.

Die kurdische Gemeinde in Berlin existiert seit Anfang der neunziger Jahre und versteht sich als Dachorganisation aller kurdischen Verbände. Sie ist ein offiziell anerkannter und eingetragener Verein und fungiert somit als Vertretung gegenüber den städtischen Behörden, leistet Rechtsberatung und bemüht sich um Vermittlung bei Konflikten. In Berlin leben etwa 50.000 Menschen kurdischer Herkunft.

"Wenn es unter der hiesigen Bevölkerung Verwirrung über die Kurden gibt", so der Vorsitzende Dr. Mohamed-Ali, "dann kann man das verstehen. Die Bevölkerung wird mit völlig einseitigen Informationen und reiner Propaganda der Gegenseite gefüttert. Die kurdische Seite kommt in diesem Konflikt nicht zu Wort.

Die meisten europäischen Staaten sind sehr gut mit der Türkei befreundet. Es gibt ausgeprägte Handelsinteressen. Die Türkei ist im Nahen Osten ein Staat mit einigem Gewicht und einer strategischen Position. Aber was sind schon die Kurden? Sie gelten gar nichts, weil sie keinen eigenen Staat haben. Mit ihnen muß man eben nicht rechnen. Obwohl es ein Volk von insgesamt 40 Millionen betrifft, ist es für die Europäer uninteressant."

Wir fragten nach der Einschätzung des Gemeindevorstands hinsichtlich der neuen deutschen Regierung aus Sozialdemokraten und Grünen. Es sei unserer Ansicht nach offenkundig, daß diese Regierung die Unterstützung ihrer Vorgängerin für den Terror in der Türkei fortsetze, obwohl SPD und Grüne zuvor ganz andere Positionen vertreten hätten. Sie seien wiederholt für eine politische Lösung bzw. eine Verhandlungslösung eingetreten und hätten sich gegenüber dem vor einigen Jahren gegründeten kurdischen Exilparlament auch entsprechend geäußert.

"Ja, ich war bei der Gründung des Exilparlaments in Den Haag dabei", bestätigte Herr Mohamed-Ali, "und ich habe diese Reden gehört. Wir hatten dort zahlreiche hochrangige Gäste aus europäischen sozialdemokratischen und Grünen-Parteien. Wenn nur die Hälfte dessen, was in diesen Reden gesagt wurde, auch eingehalten worden wäre, dann befänden wir uns heute nicht in dieser Situation. Aber es blieb eben bei reinen Absichtserklärungen, denen keine Taten folgten. Theorie und Praxis klaffen deutlich auseinander.

Man muß allerdings sagen, daß es immer noch einzelne Persönlichkeiten gibt, die für eine Verhandlungslösung eintreten. Das muß man ihnen hoch anrechnen. Aber von Fischer hört man nicht einmal mehr halbherzige Äußerungen. Ich nehme an, in der Opposition reden Leute eben einfach anders, als an der Regierung, wenn sie die Machthebel in der Hand haben."

Auf die Frage, ob der Verein bereits über genauere Informationen über die Erschießung der drei jungen Kurden im israelischen Generalkonsulat in Berlin verfüge, und was er unseren Lesern dazu mitteilen möchte, erklärte Herr Mohamed-Ali: "Wir wollten heute einen Trauermarsch abhalten, aber der fiel unter das Demonstrationsverbot, das der Berliner Senat verhängt hat. Der Rechtsanwalt der Organisatoren verhandelt gegenwärtig darüber, daß der Trauermarsch am Mittwoch stattfinden kann. Die drei Särge sollen durch die Stadt getragen werden, bevor sie zur Beisetzung in die Heimat der Opfer überführt werden.

Wir haben vor dem Konsulat einen Kranz niedergelegt. Eine Abordnung von uns hat mit dem Botschafter gesprochen. Ich persönlich habe die Konsulin getroffen und ihr folgendes gesagt: Diese Maßnahmen standen in keinem Verhältnis zu der Demonstration. In das Generalkonsulat sind vor allem Jugendliche eingedrungen. Sie wissen, daß das eine getötete Mädchen gerade einmal achtzehn Jahre alt war, die beiden anderen waren Anfang zwanzig. Jugendliche sind manchmal etwas hitzig, und gerade in so einer Situation kann man das begreifen. Selbst wenn die Demonstration etwas heftig war, ist das kein Grund, Menschen zu erschießen. Sie waren unbewaffnet. Ich sage mit bitterer Ironie: Nicht einmal im Wilden Westen schoß man auf Unbewaffnete. Wir warten jetzt den Bericht der Staatsanwaltschaft ab. Allerdings muß man sagen, daß sich der Staat uns gegenüber immer etwas schwer tut mit Informationen. Auch über das Schicksal der Kurden, die in Berlin im Zuge der Demonstrationen verhaftet wurden, erfahren wir nichts."

Herr Al-Yousef ergänzte: "Vor dem Eindringen in die Botschaft hatten die Demonstranten Schlägereien mit den deutschen Polizisten, etwa 30 Mann, die vor dem Gebäude postiert waren. Es gab dabei auch Verletzte. Aber obwohl die Demonstranten in der Überzahl waren, hat sich offenbar keiner dieser Polizisten so bedroht gefühlt, daß er von der Schußwaffe Gebrauch gemacht hätte. Keiner griff zur Waffe, obwohl, wie wir alle wissen, die deutsche Polizei nicht gerade zimperlich ist.

Und was die Türkei angeht, so nennen Sie mir ein anderes Land, in dem man nicht einmal seine Muttersprache sprechen darf. Stellen Sie sich einmal vor, es wäre verboten, in Deutschland Türkisch so sprechen, oder es wäre verboten, in Amerika spanisch zu reden. Es ist absurd. Die große türkische Tageszeitung Hürriyet trägt im Kopf den Schriftzug: ‘Die Türkei gehört den Türken!' Weshalb ist es so notwendig, das täglich zu betonen? In jedem öffentlichen Gebäude, auf den Flughäfen oder Bahnstationen, prangen die Parolen: ‘Welch ein Glück, Türke zu sein!'

Demirel hat eine Erklärung über Öcalans Verhaftung abgegeben, aber er hat die Worte Kurde oder kurdisch nicht in den Mund genommen. Er nannte seinen Namen nicht, sondern sprach von ‘dieser Person' Es ist eine ständige chauvinistische Kampagne."

Beide betonten, daß die kurdische und die türkische einfache Bevölkerung wenig Probleme miteinander habe. In Berlin leben etwa 50.000 Kurden und 170.000 Türken: "Wenn man von den Rechtsextremen absieht, dann leben wir seit langem friedlich zusammen", so der Vereinsvorsitzende. "Auch hier in Berlin. Die Durchschnittsbevölkerung hat damit überhaupt keine Probleme. Ich selbst habe viele türkische Freunde, kaufe in türkischen Läden und habe türkische Patienten. Wir sind in denselben Sportvereinen und sitzen in denselben Cafes." Der Verein beklagt allerdings, daß die Berliner Ausländerbehörde umfangreiche Broschüren und Zeitschriften in türkischer Sprache publiziere, während sie die Kurden, die einen großen Teil der Einwanderer aus der Türkei ausmachten, einfach übergehe.

Siehe auch:
Die Politik der PKK - eine Bilanz
(3. März 1999)
Die Rolle der Bundesregierung bei der Verhaftung Öcalans
( 23. Februar 1999)
Die Entführung Abdullah Öcalans: Wo ist das Asylrecht geblieben?
( 18. Februar 1999)
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