Am 17. März zogen vier Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren in einem regelrechten Gewaltrausch durch einen Duisburger Stadtteil und schlugen und traten auf Passanten ein. Den 58jährigen Egon Effertz töteten sie. "Wir wollten durch die Gegend ziehen und ein bißchen Spaß haben", gaben Oliver P. (21), Stefan E. (20) sowie Gordon B. und Nicole B. (beide 16) als Motiv für ihren Gewaltzug an. Zumindest die beiden Älteren gehören der Skinheadszene an.
Die vier Täter trafen sich wie üblich gegen abend in der Innenstadt des nördlichen Duisburger Stadtteils Walsum, der von der Montanindustrie geprägt ist. Nach einigen Flaschen Bier machten sie sich auf den Weg. Als erstes trafen sie einen 44jährigen Mann, den sie mit einer Flasche zu Boden schlugen und traten. Nach dieser Tat ließen sie sich auf einer Parkbank nieder. Zufällig kam der Frührentner Egon Effertz vorbei. Ohne Vorwarnung sprangen sie auf ihn los, schlugen ihn zu Boden und traktierten ihn mit den Füßen. Nach Polizeiangaben muß Egon Effertz nur noch "geröchelt" haben.
Doch zunächst zogen die zwei Skinheads und ihre jüngeren Begleiter weiter. Einen vorbeikommenden Fahrradfahrer wollten sie von seinem Gefährt treten. Anschließend verprügelten sie ein junges Paar an einer Bushaltestelle. Erst dann kehrten sie wieder in den kleinen Park zurück, wo immer noch Egon Effertz schwer verletzt auf dem Boden lag. Erneut traten sie auf ihn ein. Oliver P. nahm schließlich ein Seil, das der Frührentner mit sich hatte, legte es um den Hals des Mannes und zog den Wehrlosen ein Stück weiter auf ein Rasenstück. Dort müssen sie ihn endgültig ermordet haben. "Im gesamten Bereich des Kehlkopfes waren Unterblutungen festzustellen", berichtete der Staatsanwalt. "Die Täter müssen mit ihren Springerstiefeln auf dem Hals gestanden haben." Nach dem Mord aßen alle vier Täter in einer Imbiß-Stube Pizza. Egon Effertz war "zur falschen Zeit am falschen Ort", erklärte ein Polizeisprecher. Vier Tage später nahm dann die Polizei die Täter fest.
In den Lokalmedien gab es einen Aufschrei der Empörung. Doch nirgends fragte sich auch nur ein Journalist oder Politiker, was die tiefer liegenden Gründe dieser schrecklichen Tat seien. Ein Psychiater soll die vier Täter untersuchen und Licht ins Dunkel der Hintergründe bringen. Doch diese vor Brutalität und Abstumpfung strotzende Tat sagt nicht nur etwas über die jungen Skins aus, sondern viel mehr über die Gesellschaft insgesamt. Den Vieren muß in ihrem jungen Leben erfolgreich eingebleut worden sein, daß ein Menschenleben - auch ihr eigenes - keinerlei Wert hat.
Eine Untersuchung der wirklichen Hintergründe würde die bestehende Gesellschaft in Frage stellen. Für jeden, der eine solche Tat auch nur mit einem Minimum an intellektueller Aufrichtigkeit und Objektivität untersuchen würde, wäre es schwierig, nicht den Schluß zu ziehen, daß die Gesellschaft, die ein solches Verbrechen hervorgebracht hat, zutiefst krank ist.
Ohne Zweifel spielt der soziale und wirtschaftliche Verfall, insbesondere in dem einst von Bergbau und Stahlindustrie dominierten Ruhrgebiet eine große Rolle. Die Arbeitslosigkeit in Duisburg liegt schon seit Jahren bei rund 18 Prozent, bei Jugendlichen sogar bei etwa 25 Prozent. Arbeits- und Ausbildungsplätze sind rar und den "Beruf für's Leben" gibt es schon lange nicht mehr. Durch den massiven Abbau von Arbeitsplätzen und Steuererleichterungen der Unternehmen sind auch die Einnahmen der Stadt Duisburg in den Keller gesunken. Entsprechende Einsparungen waren vor allem im sozialen Bereich vorgenommen worden. Für Jugendliche zum Beispiel gibt es kaum noch kostenlose öffentliche Freizeiteinrichtungen.
Doch die harte wirtschaftliche Lage des Großteils der Bevölkerung kann nicht allein eine Tat wie die der vier Jugendlichen erklären. Der ältere Duisburger Skinhead stand beispielsweise kurz vor dem Abitur, hatte also nicht die schlechtesten Chancen, einen Ausbildungs- oder Studienplatz zu erhalten. In weit größerem Maße ist der politisch-ideologische Wandel seit dem Beginn der 80er Jahre für eine solche Tat ausschlaggebend.
Noch vor 10 bis 15 Jahren war die deutsche Gesellschaft bestimmt durch einen sozialen Ausgleich zwischen der arbeitenden Bevölkerung und der Klasse der Besitzenden. Das deutsche Wort dafür, Sozialpartnerschaft, erreichte weite Verbreitung. Verantwortlich für soziale Reformen und die damit einhergehende Dämpfung des Klassenkampfs war die besondere Situation des Nachkriegsbooms, in Deutschland "Wirtschaftswunder" genannt.
Natürlich waren die 50er, 60er und 70er Jahre nicht für alle Menschen rosige Zeiten ohne Armut und Elend. Von wirklicher sozialer Gleichheit war die Gesellschaft auch in diesen Jahrzehnten weit entfernt. Doch die großen sogenannten Volksparteien, CDU und SPD, hatten sich den zumindest teilweisen Ausgleich zwischen Arm und Reich auf ihre Fahnen geschrieben. Jugendliche, wie die Täter aus dem Duisburger Norden, werden diese Zeit nur vom Hörensagen kennen. Als sie begannen, politisch zu denken, gab es diese Zeit nicht mehr.
Die Solidarität der Gesellschaft mit den Armen und Schwachen ist längst aufgekündigt. Mitgefühl und Mitleid gelten heutzutage als Schwäche. Was zählt ist Rücksichtslosigkeit und Härte - gegenüber sich selbst und anderen. In zunehmendem Maße werden Menschen nur noch nach der Höhe ihres Kontostands oder der Größe ihres Aktienbesitzes bewertet. All jene, die dies nicht vorweisen können, sind selbst Schuld und "weich".
Die Bonner Politiker versuchen zu suggerieren, daß Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger nicht arbeiten wollten, "Schmarotzer" seien. So scheint es nur folgerichtig, wenn sie durchsetzen, daß Hilfen gestrichen werden, wenn Bedürftige einen Arbeitsplatz ablehnen. Die Arbeitsplätze, die diese angeboten bekommen und annehmen müssen - Billiglohnjobs im Dienstleistungsbereich, Aufräumarbeiten in stillgelegten Fabrikhallen, heruntergekommenen und verwahrlosten Stadtteilen oder Parks - lassen sie noch weiter sozial absteigen. Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose und Hilfsarbeiter befinden sich auf der alleruntersten Stufe der sozialen Leiter.
Den Höhepunkt dieses Abschieds von jeglicher Solidarität bildete und bildet die Hetze gegen Ausländer, speziell gegen Flüchtlinge. Ob die Medienkampagne über die angebliche "Asylantenflut" der späten 80er und frühen 90er Jahre, die die faktische Abschaffung des Asylrechts vorzubereiten half, oder die Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft der Unionsparteien - immer wenn eine neue Runde sozialer Auseinandersetzungen droht, mobilisieren die bürgerlichen politischen Parteien den Fremdenhaß.
Wer im letzten September gedacht hatte, die neue rot-grüne Regierung würde diese "soziale Kälte" in der Gesellschaft beenden, sieht sich getäuscht. Der Aufbau der Billiglohnjobs wird forciert. Die Wirtschaft regiert das Land, die Bundesregierung ist deutlicher denn je deren ausführendes Organ. Mit der Teilnahme der Bundeswehr an der Bombardierung Jugoslawiens, die sich in erster Linie gegen die wehrlose Bevölkerung des Landes richtet, befindet sich Deutschland zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in einem Krieg. Unterstützt wird die rot-grüne Regierung bei ihrer gesamten Politik von den Medien sowie von den Gewerkschaften, und zwar nicht nur passiv durch deren demonstratives Nichtstun.
Wenn also der Psychologe, der die rechten Jugendlichen untersucht, ein komplexes und kompliziertes Amalgam aus verschiedenen Faktoren in ihnen vorfindet, ist dieses Amalgam nur die individuelle Ausprägung der offiziellen Bonner Politik, einer Politik aus Skrupellosigkeit, Fremdenhaß, Egoismus und nicht zuletzt der Unfähigkeit, die Tragweite des eigenen Handelns abzuschätzen.
