Was spielt sich im Kosovo wirklich ab?

Von Marty McLaughlin
15. Mai 1999

In der Propaganda der Nato spielen Beschuldigungen des Völkermords dieselbe Rolle wie Cruise Missiles im Luftkrieg. Behauptungen, daß serbische Truppen und paramilitärische Einheiten Tausende, Zehntausende oder sogar Hunderttausende Kosovo-Albaner ermorden, Vergleiche von Milosevic mit Hitler, Erinnerungen an den Holocaust - all das sind Waffen, die die öffentliche Meinung wenn nicht überzeugen, dann zumindest einschüchtern sollen.

Diese Propaganda, die von höchster Regierungsebene ausgeht, soll jeden kritischen Gedanken und jedes ernsthafte Nachdenken über den Konflikt auf dem Balkan ersticken. Der hysterische Vergleich der Ereignisse im Kosovo mit den Todeslagern der Nazis ist Ausdruck der enormen Schwäche der kriegsführenden Regierungen. Sie können für ihre Bombenkampagne keine andere Rechtfertigung anführen, als diese wilden und unbewiesenen Behauptungen.

Die amerikanischen Medien übernehmen ihre Argumente wie üblich vom Außenministerium, dem Pentagon und der CIA. Leitartikler, Kolumnisten, Fernsehautoren und -kommentatoren plappern alle dieselben Phrasen nach - ethnische Säuberung, Massenmord, Völkermord. Alle dämonisieren als erstes Milosevic und beschuldigen dann die serbische Bevölkerung pauschal, sie begehe Verbrechen, die jenen der Waffen-SS ebenbürtig seien.

Es ist daher äußerst bemerkenswert, daß eine Zeitung wie die New York Times, die zu den eifrigsten Kriegsbefürwortern zählt, in einer Reportagenserie ein ganz anderes Bild der Verhältnisse im Kosovo zeichnet. Verfaßt wurde sie in den vergangenen zehn Tagen von Steven Erlanger, dem Jugoslawien-Korrespondenten der Times, der die Möglichkeit zu ausgedehnten Reisen in Serbien und dem Kosovo hatte. Aus seinen Berichten geht ein wesentlich komplexeres und nuancierteres Bild einer Gesellschaft hervor, die vom Krieg zerstört wird.

Vor dem Krieg konzentrierten sich die Spannungen im Kosovo auf den Konflikt zwischen einer bewaffneten albanischen Guerillabewegung, der UCK, und den serbischen Streitkräften. Das zog unvermeidlich auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft, im Vergleich zu heute allerdings nur in geringfügigem Ausmaß.

Die Bombenkampagne der Nato bildete dann den Startschuß für eine Terrorkampagne von beiden Seiten. Ultrarechte serbische Nationalisten spielten dabei eine wichtige Rolle, während die jugoslawische Armee eine Offensive gegen die UCK startete, die der serbischen Seite schnell die Übermacht sicherte.

Während die Nato behauptet, die Bombardierung solle ethnischen Säuberungen Einhalt gebieten, legen Erlangers Reportagen nahe, daß die Bombardierung und nicht serbische Grausamkeiten der wichtigste Grund für die Fluchtbewegung ist. Zwei kombinierte Faktoren ließen die Flüchtlingszahl auf mehrere Hunderttausend ansteigen: Das wachsende Ausmaß der Bombardierung und Panik, angeheizt durch die Propaganda der Nato, daß alle Albaner, die nicht die Flucht ergreifen, von Serben umgebracht würden.

Zustände in Pristina

Am 4. Mai besuchte Erlanger die Kosovo-Hauptstadt Pristina, wobei ihm auffiel, daß sich viele Albaner, vor allem ältere, "frei in der Stadt bewegen". Ansässige Albaner beschreiben die beiden Wochen, in denen serbische Ultranationalisten, einschließlich maskierter paramilitärischer Einheiten, randalierend durch die Stadt zogen, plünderten, brandschatzten und albanische Familien zur Flucht zwangen. Ein serbischer Beamter gesteht ein, daß sich patriotische Serben vieler Dinge schämen müssen, die in ihrem Namen getan wurden, und gibt an, 350 Zivilisten, Polizisten und Soldaten seien wegen der Verbrechen verhaftet worden, die in jener Zeit begangen wurden.

Einwohner Pristinas sprechen über drei Flüchtlingswellen aus der Stadt. Die erste umfaßte jene, die bei Beginn der Luftangriffe angewiesen oder gezwungen wurden, zu gehen. "Die zweite Welle wurde durch die Bombardierung der Innenstadt in der Nacht vom 6. April ausgelöst. Alle, die ein Auto besaßen gingen weg, und bis zu 5000 Menschen aufs Mal von den Bus- und Bahnstationen. Die dritte Welle entsprang der allgemeinen Panik, daß scheinbar jeder wegging."

Ohne exakte Zahlen angeben zu können, legt der Reporter der Times den Schluß nahe, daß weit mehr Leute aufgrund der Nato-Angriffe aus Pristina geflohen sind als aufgrund serbischer nationalistischer Pogrome. Hinzu kommt, daß in den späteren Fluchtwellen auch Tausende serbische Einwohner die Stadt verließen oder ihre Frauen und Kinder in Sicherheit brachten.

Am 6. Mai besuchte der Times -Reporter Prizren, eine große Stadt nahe der Grenze des Kosovo zu Albanien, aus der erst kürzlich große Teile der albanischen Bevölkerung geflohen sind. Er beschreibt die Umstände folgendermaßen:

"Vergangene Woche, als die Nato ihre Luftangriffe auf die Gegend verstärkten, ergriffen nach Angaben von UN-Vertretern bis zu 30.000 Albaner aus Prizren panikartig die Flucht, nachdem eine Bombe in ein armes Wohngebiet eingeschlagen hatte. Laut serbischen Medien wurden mindestens fünf Zivilisten getötet und 23 verwundet." Auch hier hat also eine Nato-Bombe die Massenflucht ausgelöst.

In vielen Fällen ergriffen Albaner die Flucht aus Angst, und nicht weil sie unmittelbar bedroht wurden. Ein älterer Albaner berichtete dem Times -Reporter, daß sich die Leute sowohl vor den Bomben als auch vor den Serben fürchteten. "Sie sagten einigen Leuten, sie sollen gehen, aber nicht in unserem Wohngebiet. Uns sagte niemand, wir sollen gehen, aber einige wurden bedroht."

Albanische Einwohner und UN-Vertreter stellten übereinstimmend fest, daß die albanischen Einwohner Prizrens in den ersten sechs Kriegswochen nicht weggezogen waren und erst in der ersten Maiwoche gingen, als die Stadt fast jeden Tag von der Nato bombardiert wurde. Eine serbische Frau sagte Erlanger: "Wir haben Angst, sie (die Albaner) haben Angst... Mein albanischer Nachbar hat mich gefragt, wann dieser Wahnsinn endlich aufhört. Wenn sie bombardieren, stehen wir alle zusammen."

Auf der Rückreise nach Pristina bemerkte Erlanger, daß die beiden ehemaligen UCK-Stützpunkte Dule und Sucva Reka "praktisch entvölkert und die meisten Geschäfte und Häuser ausgebrannt sind".

Albanische Opfer der Nato-Bomben

Ein weiterer Bericht desselben Reporters, ebenfalls vom 6. Mai, schildert die Familie Llugiqi im albanischen Dorf Velika Dobranja, etwa 20 km von Pristina entfernt. Aus diesem Dorf ist die albanische Bevölkerung nicht weggezogen. Das Dorf befindet sich in der Nähe einer Stadt mit serbischen Einwohnern, "einige Albaner hier sprechen serbisch und die UCK hatte nie viel Einfluß. Deshalb hat die jugoslawische Armee und Militärpolizei Velika Dobranja weitgehend sich selbst überlassen."

Die albanische Bevölkerung hier litt nicht unter ethnischen Säuberungen, wohl aber unter den Bomben der Nato. Die sechsjährige Tochter von Rahman Llugiqi, der früher für den albanischsprachigen Dienst von Radio Belgrad gearbeitet hatte, wurde durch eine Rakete getötet, die auf den nahegelegenen Flugplatz von Pristina zielte. Außerdem haben die Bombenabwürfe und der Mangel an Treibstoff die landwirtschaftliche Tätigkeit, die Hauptbeschäftigung der Albaner, nahezu unmöglich gemacht.

Rahman Llugiqi sagte dem Reporter: "Wir haben aus dem Fernsehen vernommen, das schreckliche Dinge geschehen sind. Selbst gesehen haben wir sie nicht. Ich werde meine Meinung über die Serben nicht ändern - wir müssen zusammen leben."

Am 9. Mai besuchte Erlanger die Stadt Podujevo nahe der Grenze des Kosovo zu Serbien. Ihre Bevölkerung hatte vor dem 24. März zu 95 Prozent aus Albanern bestanden. Sie war Schauplatz eines Pogroms serbischer Nationalisten, einer Massenflucht der albanischen Bevölkerung und heftiger Angriffe der Nato. Erlanger interviewte den serbischen Bürgermeister, der ihm über heftige Kämpfe zwischen Serben und Albanern nach Beginn der Nato-Angriffe erzählte. Albaner feierten die Bombenabwürfe auf der Straße, indem sie ihre Gewehre abfeuerten. Die UCK tötete bei einem Überfall zehn serbische Polizisten. In der ganzen Stadt entwickelten sich heftige Kämpfe, und die meisten Serben und Albaner ergriffen die Flucht. Über die Hälfte der ethnischen Albaner ist inzwischen nach Podujevo und seiner Umgebung zurückgekehrt.

Der Bürgermeister, Offizier der zivilen Verteidigung, beklagt die ungeheure Zerstörung der Infrastruktur - von Brücken, Versorgungsleitungen, Warenhäusern usw. - durch die Bombardierung. Er kommt zum Schluß: "Serben und Albaner hier müssen entscheiden, wie sie zusammen leben wollen - Tag für Tag, Punkt um Punkt. Meiner Meinung nach war es ein fürchterlicher Fehler, daß die Albaner auf einige im Westen gehört und vor einem Jahr mit westlicher Hilfe versucht haben, ihre Probleme mit Waffen zu lösen."

Später am selben Tag interviewte Erlanger ein junge albanische Frau in Pristina. Sie sagte, sie habe "stets befürchtet, daß so etwas geschehen kann, wenn der Westen gewaltsam interveniert. Dies habe den Serben die Lizenz gegeben, sich an der albanischen Bevölkerungsmehrheit zu rächen." Sie beschreibt, wie serbische Nationalisten im wohlhabenderen albanischen Wohngebiet Pristinas wüteten, wo die albanische politische und kulturelle Elite wohnt, das Arbeiterwohngebiet, in dem ihre Familie lebt, dagegen weitgehend unberührt ließ.

Der Reporter der New York Times sprach auch mit Albanern und Serben in zwei Bars in Pristina. "Angesichts ihrer Leiden mag das überraschen, aber es scheint, daß die Albaner zuversichtlicher und eher bereit sind, wieder mit den Serben zusammenzuleben." Er merkt auch an, daß ein kanadischer Journalist im Kosovo arbeitet, der für die Los Angeles Times schreibt, viele griechische Reporter, ein türkischer Journalist und mehrere Serben, die für westliche Nachrichtenagenturen tätig sind.

Die Reportagen Erlangers enthalten viele Anhaltspunkte für Grausamkeiten und für eine weitverbreitete Einschüchterung der albanischen Bevölkerung des Kosovo. Besonders während der ersten beiden Wochen scheinen paramilitärische serbische Einheiten gewaltsam vorgegangen zu sein. Aber so fürchterlich und tragisch diese Ereignisse sind, sie erfüllen bei weitem nicht das Kriterium eines Völkermords, mit dem die Bombardierung durch die Nato gerechtfertigt wird.

Die Reportagen bestätigen, daß die Angriffe der Nato großen Schaden und viele Opfer unter der Zivilbevölkerung verursacht haben. In den Nachrichten des Fernsehsenders NBC schilderte Erlanger am vergangenen Donnerstag das Ausmaß der Zerstörung im Kosovo - unpassierbare Straßen, zerstörte Brücken, kaputte Transportmittel, unbrauchbare Elektrizitäts- und Wasserversorgung. Er ließ keinen Zweifel aufkommen, daß der größte Teil des Schadens von der Nato und nicht von den serbischen Streitkräfte verursacht worden war. Nachrichtenmoderator Tom Brokaw, ein entschiedener Befürworter des Krieges, mußte zugeben: "Es ist ein Rätsel, was im Kosovo passiert."

Niemand kann behaupten, daß Erlanger, der für eine hysterisch kriegsfreundliche Zeitung arbeitet, ein Werkzeug der serbischen Propaganda sei. Viele seiner Interviewpartner waren gebildete Albaner, die etwas Englisch sprachen und mit denen er sich unter vier Augen unterhalten konnte. Außerdem stimmen seine Berichte mit denen anderer objektiver Reporter überein, die den Kosovo besucht haben.

Seine Berichte in der Times weisen eindeutig nach, daß viele, wenn nicht die meisten Flüchtlinge aus dem Kosovo vor den Luftangriffen der Nato geflohen sind. Das trifft auch auf einen großen Teil der serbischen Bevölkerung zu, deren Schicksal in den westlichen Medien kaum Erwähnung findet.

Was noch wichtiger ist: Wie Erlangers albanische Quellen selbst berichten, fielen die meisten Opfer unter den Kosovo-Albanern in den ersten zwei Wochen als Folge eines fürchterlichen Bürgerkriegs zwischen der UCK und der jugoslawischen Armee und Polizei. Die Gewalttätigkeiten eskalierten mit den Nato-Luftangriffen und nationalistische, paramilitärische serbische Verbände benutzten die Gelegenheit, um prominente Albaner anzugreifen und Massaker in Städten und Dörfern durchzuführen, denen Sympathien für die UCK unterstellt wurden.

Selbst dafür trägt die amerikanische Regierung eine gewisse Verantwortung, da sie die UCK benutzt hat, um das jugoslawische Regime zu destabilisieren und Milosevic unter Druck zu setzen. Nun versucht die Clinton-Regierung diese Tragödie, ein Ergebnis jahrzehntelanger imperialistischer Manöver und Interventionen im früheren Jugoslawien, als Vorwand für noch barbarischere Angriffe auf die Völker des Balkans zu benutzen.

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