Die NATO spricht von 100.000 Ermordeten im Kosovo - eine Gegendarstellung

Von James Brookfield
18. Mai 1999

Das amerikanische Außenministerium verweist zur Rechtfertigung der NATO-Bombardierung Jugoslawiens auf unvorstellbare Greueltaten der serbischen Armee. Außenminister William Cohen erklärte vergangenen Sonntag sogar: "Etwa 100.000 Männer im wehrfähigen Alter werden vermißt. Womöglich wurden sie ermordet."

Seit Beginn des Bombardements haben Sprecher der USA und der NATO diese Behauptung immer wieder aufgestellt, ohne dafür irgend welche glaubwürdigen Beweise anzuführen. Nach jeder neuen Greueltat aus der Luft wurde sie in den amerikanischen Medien wiedergekäut. Sollte sie sich eines Tages als falsch erweisen, so wird Washington sich für die Fehlinformationen verantworten müssen.

Um festzustellen, wie glaubwürdig die genannten Vorwürfe sind, sprach das World Socialist Web Site kürzlich mit einem führenden Jugoslawien-Kenner in den USA, Robert Hayden. Er leitet die Fakultät für Russische und Osteuropäische Studien an der Universität Pittsburgh und steht sowohl dem Luftkrieg der NATO als auch der amerikanischen Berichterstattung äußerst kritisch gegenüber.

Hayden und andere, die sich in Geschichte und Politik des Balkan auskennen, waren bereits im vergangenen Monat vom Boston Globe interviewt worden. Der Artikel erschien unter der Überschrift: "Experten äußern Zweifel am Völkermord-Vorwurf". Hayden hatte gegenüber dem Globe gesagt, die Meldungen des Außenministeriums über 100.000 bis 500.000 vermißte albanische Männer seien "einfach unsinnig". "Die NATO führt eine Propagandakampagne, daran besteht kein Zweifel. Die offizielle Darstellung enthält viele Ungereimtheiten, dennoch... wurde diese Geschichte bis heute nicht genauer unter die Lupe genommen."

In seinem Gespräch mit dem WSWS erläuterte Hayden diese Stellungnahme im einzelnen: "Man sehe sich die Zahlen an. Vor dem Krieg gab es rund 1,7 Millionen Albaner im Kosovo. 500.000 Vermißte - das wäre etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Das ist Blödsinn. In jüngster Zeit erschienen Berichte, wonach viele der vermißten Männer wieder aufgetaucht sind. Besonders fesselte mich ein Bericht des öffentlichen Radiosenders, All Things Considered. Innerhalb einer halben Stunde brachte er zwei Berichte. Erst meldete er die große Zahl vermißter albanischer Männer aus dem Kosovo. Dann kam ein Interview mit einem UCK-Kommandanten, der sagte, die UCK ziehe die Männer ein. Zwischen beidem wurde kein Zusammenhang hergestellt!

Sehr beunruhigend fand ich die Gerüchte, wonach albanische Politiker umgebracht worden seien. In der Presse erschienen detaillierte Berichte. Dann tauchten sie frisch und munter in Pristina wieder auf, wo sie zwar unter Hausarrest standen, aber jedenfalls lebendig waren. Die NATO erfindet alle möglichen Falschdarstellungen. Was wurde uns erzählt, nachdem der Flüchtlingskonvoi bombardiert worden war? Die Serben seien es gewesen. Das erwies sich rasch als Lüge. In Serbien gibt es ein Sprichwort: Der Fisch stinkt vom Kopfe her.

Man beachte auch den Zeitpunkt, zu dem die Anschuldigungen der NATO jeweils erscheinen: Immer dann, wenn kurz zuvor von NATO-Schlägen und zivilen Opfern unter den Serben berichtet worden war. Dann kommen die Geschichten von den Greueltaten, um die Leute vom Denken abzuhalten."

Hayden verwies darauf, daß die amerikanischen Medien und die US-Regierung die Tatsachen über das ehemalige Jugoslawien schon seit langem verdrehen. Als die USA zum Beispiel 1995 in Bosnien eingriffen, versuchte man gezielt, die öffentliche Meinung gegen die Serben aufzuhetzen, obwohl dort ein von allen drei Seiten gleichermaßen geführter Bürgerkrieg zwischen serbischen, kroatischen und muslimischen Milizen stattfand.

"Man sollte sich die Berichte über Greueltaten in Bosnien noch einmal vornehmen", so Hayden. "Man sagte uns, es handele sich um Völkermord. Doch die Zahlen über die Opfer ergeben nun, daß in dem Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 7,4 Prozent der Muslime getötet wurden oder verschollen sind, und 7,1 Prozent der Serben umkamen. Dies ist nicht ein Völkermord, sondern zwei.

Jetzt werden die Serben wegen der Ereignisse im Kosovo mit den Nazis verglichen. Ja, Milosevic hat eine Vertreibungsaktion gegen die ethnischen Albaner aus dem Kosovo in Gang gesetzt. Er versuchte eine ethnische Säuberung. Doch was den Vergleich mit den Nazis angeht, so sollte man sich daran erinnern, daß die Leute in Viehwaggons in Todeslager wie Auschwitz gebracht wurden. Was heute im Kosovo geschieht, sieht nicht so aus, wie das, was sich in Auschwitz abspielte. Dafür erinnert es allerdings an die Ereignisse, die sich 1995 in Kroatien abspielten, als 250.000 Serben aus der Krajina vertrieben wurden. Doch diese ethnische Säuberung geschah mit diplomatischer Unterstützung der USA. Sogar pensionierte US-Militärberater spielten eine Rolle. Wenn Massenvertreibungen also mit Völkermord auf eine Stufe gestellt werden, dann wurde an den Krajina-Serben mit Unterstützung der USA Völkermord begangen.

Weshalb wirft die Presse keinen kritischen Blick auf die Anschuldigungen der NATO? Die Presse folgt dem Herdentrieb. Außerdem haben die führenden Leute in den Medien oft eine enge Beziehung zu jenen in der Regierung."

(Das schlagendste Beispiel einer solchen Beziehung ist vielleicht die Ehe zwischen dem Sprecher des Außenministeriums James Rubin und der wichtigsten Balkankorrespondentin von CNN, Christiane Amanpour. Während der Gespräche in Rambouillet übernahm Rubin zusätzliche Aufträge des Auswärtigen Amtes, indem er als deren wichtigster Verbindungsmann zur UCK diente. Amanpour berichtet heute für CNN über die Lager der UCK in Albanien.)

Hayden stellte die Frage: "Weshalb hat keiner der amerikanischen Journalisten ein Wort über die Bombardierung des serbischen Fernsehsenders verloren? Ich weiß, daß Milosevic eine weitgehende Kontrolle darüber ausübte. Ich war 1996 selbst dort und habe gemeinsam mit Tausenden anderen auf den Straßen Belgrads gegen Milosevics Kontrolle über den Sender protestiert. Ich bekam eine Ladung Tränengas ab. Aber dennoch war es ein ziviles Ziel! Zuvor hatte Jamie Shea angekündigt, daß Sender nur beschossen würden, wenn sie militärischen Zwecken dienten. Das galt für diesen Sender nicht. Die Techniker wurden getötet! Einer meiner Freunde entkam nur knapp. Dies war ein Kriegsverbrechen. Und man hört keinen Piep von den Journalisten. Holbrooke berichtete vor einem Diner für die Journalisten von dem Angriff. Und keiner erhob Einspruch!"

Der Vorfall, auf den sich Hayden hier bezieht, ereignete sich bei einem Diner in New York City, zu dem Korrespondenten aus dem Ausland geladen worden waren. Als zwei Journalisten für Radio Pacifica Holbrooke eine Frage stellen wollten, wurden sie vom Vorsitzenden des Banketts, Tom Brokaw von NBC News, zum Schweigen gebracht.

Hayden erklärte weiter, seine Einschätzung des Krieges in Jugoslawien sei nicht zuletzt durch seine eigenen Erfahrungen während des Vietnamkrieges bedingt. "Der Krieg wird genau so verkauft, wie anfangs auch der Vietnamkrieg", sagte er. "Ich protestierte gegen den Vietnamkrieg. Er begann als Feldzug für die Moral. So verkauften ihn die liberalen Demokraten. Der Kommunismus galt damals allen, bis auf die ganz Radikalen, als Übel. 1965 war der Vietnamkrieg populär. Wenn man heute an Vietnam denkt, so denkt man an Apocalypse Now. Das ist der falsche Film. Wenn man wissen will, wie Vietnam in der Öffentlichkeit 1964-65 dargestellt wurde, muß man sich Green Berets mit John Wayne ansehen.

Heute haben wir wieder einen moralischen Kreuzzug. Susan Sontag verbreitet heute ihren Mist in der New York Times. Das sind Fanatiker; wirklich ein selbstgerechter Haufen. Sie sind nicht böse, sondern einfach nur blind. Das Völkermord-Argument geistert überall herum. Sehr wichtig ist auch der Zeitpunkt, zu dem die Artikel von Susan Sontag und Daniel Goldhagen erschienen. Nun, da serbische Zivilisten getötet werden, argumentieren sie, daß sich die Öffentlichkeit über ihren Tod nicht beunruhigen sollte. Denn es sind schließlich ‚willige Vollstrecker‘, nicht unschuldige serbische Zivilisten."

Hayden schloß mit der Bemerkung, man könne den Krieg in Jugoslawien nicht verstehen, wenn man nicht die Geschichte des Balkans und die Herausbildung von Nationalstaaten in Europa berücksichtige.

"Im Kosovo kam es zum Zusammenstoß mit einer Minderheit des Bundesstaates, die jedoch in dieser Provinz die Mehrheit darstellt. Sowohl Serben als auch Albaner kämpften aufgrund der Idee, daß dieses Gebiet ihnen zustehe. Auf beiden Seiten herrscht territorialer Nationalismus. In diesem Jahrhundert haben sich Staaten stets durch die Vertreibung von Minderheiten konsolidiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei vertrieben. In Kroatien geschah das Gleiche 1995. Nun, da die Bevölkerung ethnisch homogen ist, soll sie angeblich reif für die Demokratie sein.

Die humanitären Begründungen sind Betrug. Dazu nur eines. Nehmen wir einmal an, Madeleine Albrights Behauptungen, es gebe 200.000 hungernde albanische Flüchtlinge, träfen zu. Weshalb wirft man dann keine Lebensmittel ab? Sie führt zwei Gründe an. Erstens könnte es sein, daß auch die Serben etwas Essen abbekommen könnten. Das dürfte stimmen. Na und? Zweitens könnte ein Flugzeug abgeschossen werden. Die Hilfe ist Albright also nicht das Risiko des Lebens eines einzigen Piloten wert. Die Leben von 200.000 Albanern sind weniger wichtig, als das auch nur eines einzigen Amerikaners. Ist das humanitär oder politisch gedacht?

Was die NATO angeht, so findet sie eine neue Existenzberechtigung. Weshalb ist sie nach dem Kalten Krieg nach wie vor im Geschäft? Sie sollte Europa stabilisieren. Sie sollte ein Verteidigungsbündnis sein, deshalb sollten sich die Russen auch keine Sorgen über ihre Erweiterung um Ungarn, Polen und die Tschechische Republik machen. Nun hat die NATO eine neue Doktrin, die ihr gestattet, auch außerhalb ihrer Grenzen zu operieren. Das ist beängstigend.

Die NATO stellt heute die größte Bedrohung für den Weltfrieden dar. Die UN ist von der NATO vollständig beiseite gedrängt worden. Und innerhalb der NATO gibt es Spannungen zwischen den USA und den Europäern. Während des gesamten Bosnienkriegs hat die Clinton-Regierung den Initiativen der Europäer entgegengewirkt. Dann gingen die USA militärisch nach Bosnien. Und sie verwandelten Kroatien in ihre Militärkolonie.

Clinton beging in Europa einige der schlimmsten außenpolitischen Fehler seit vierzig Jahren. Lest noch einmal seine Rede vom 24. März 1999. Seht Euch die ‚Ziele‘ des Angriffs an. Jedes einzelne schlug fehl. Die NATO sollte eine Flüchtlingskrise verhindern; doch sie löste eine solche aus. Sie sollte Europa und die Region stabilisieren; doch beides wurde völlig destabilisiert. Clinton will die Sache nicht ausbaden. Er kann seine Politik nicht rechtfertigen, daher versteckt er sich hinter Leichenbergen. Er zeigt auf die Flüchtlinge und rechtfertigt seine Taten mit deren Schicksal. Doch was die Flüchtlingsschicksale so schrecklich macht, ist gerade, daß unser Vorgehen weitgehend schuld daran ist.

Denkt darüber nach. Die NATO tötet in Jugoslawien Zivilisten schneller und gründlicher, als zuvor Milosevic im Kosovo. Nach serbischen Angaben hat die NATO im ersten Kriegsmonat 500 bis 1000 Menschen getötet, was eine einigermaßen akkurate Schätzung zu sein scheint. Milosevics Vorgehen im Kosovo hatte innerhalb von 18 Monaten 2000 Menschen das Leben gekostet."