Über Bilder aus dem Krieg in Jugoslawien

Von Prof. Almuth Keusen-Hickl
22. Mai 1999

Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Gastbeitrag, der ursprünglich für eine Initiative von Studenten und Dozenten des Fachbereiches Sozialpädagogik der FH Düsseldorf verfaßt und dem WSWS freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde. Einen weiteren Beitrag dieser Initiative hatten wir bereits mit Datum vom 20. Mai wiedergegeben.

Die Initiative stellt sich unter http://www.fh-duesseldorf.de/DOCS/FB/SOZPAD/FB-6_ALLGEINR.html mit den Worten vor: "Wir, Studenten und Dozenten der FHD, haben uns zusammengefunden, weil wir den Krieg in Jugoslawien ablehnen, weil wir nicht glauben, daß er irgendeines der Probleme auf dem Balkan löst, und weil wir das uns mögliche tun wollen, damit es schnell und auf Dauer zu einem friedlichen Zusammenleben der Menschen im ehemaligen Jugoslawien kommt."

Seit Beginn des Jugoslawienkriegs verordne ich mir, nicht wegzugucken, nicht wegzudenken, meine Empörung nicht zu beschwichtigen. Das heißt vor allem: Lesen, mit Freunden sprechen, Radiohören, Fernsehen. Es sind uns zu diesem Krieg heutzutage so viele verschiedenartige Informationsquellen zugänglich, daß später niemand sagen kann: "Das habe ich nicht gewußt, das konnte ich nicht ahnen".

Mein besonderes Interesse gilt der Frage, wie Bilder aus diesem Krieg die öffentliche Meinung beeinflussen, um die Zustimmung zu dem vermeintlich zwingend gebotenen militärischen Eingreifen zu gewinnen und zu erhalten.

Bilder werden instrumentalisiert, um Emotionen zu wecken und in bestimmte gewünschte Bahnen zu lenken:

Nach aufrüttelnden Fernsehbildern vom Flüchtlingselend werden die Spendenkonten eingeblendet. So hat der Zuschauer die Möglichkeit, diffuse Ohnmachts-, Schuld- und Mitleidsgefühle durch eine Art Ablaß zu mildern. Die Hilfsorganisationen werden mit einer Spendenflut überschwemmt. (Wie viel werden wir noch bezahlen müssen, um Serbien und den Kosovo wieder zu einem bewohnbaren Land zu machen!) Oder: Ein von Abscheu und Mitgefühl bewegter deutscher Verteidigungsminister zeigt Bilder eines schrecklichen Massakers, das, wie wir dann erfahren, Monate vor Kriegsbeginn stattgefunden hat. Auch die Bilder wurden andernorts schon Wochen vorher publiziert, lese ich später. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz des Verteidigungsministers aber bestand aus der Perspektive der Regierung die Notwendigkeit, Meldungen von militärischen Fehlschlägen zu überdecken und eine zunehmend brüchiger werdende öffentliche Unterstützung wieder zu festigen.

Ein Bild ist ein Bild: Pixel oder Rasterpunkte auf einer Fläche. Wir wissen, daß Bilder erst durch Interpretation gezielte emotionale Wirkungen erzeugen. Zu welchem Zeitpunkt, in wessen Interesse, in welchem Kontext, in welchem Medium, mit welcher erkennbaren Absicht wird ein Bild veröffentlicht? Diese Fragen müssen wir stellen.

Bilder können lügen, ohne gefälscht zu sein.

Die Großaufnahme eines weinenden Kindes rührt an und weckt Mitgefühl. Erst durch die Bildunterschrift erfahren wir, ob das Kind aus einem albanischen Flüchtlingslager oder aus einer zerbombten Belgrader Wohnsiedlung (Opfer eines "Kollateralschadens") stammt. Ersteres ist in einem deutschen Medium wahrscheinlicher, ganz einfach, weil Fotoreporter der Bombernationen nur in den Flüchtlingslagern Nahaufnahmen machen können. (Es bedürfte der Bodentruppen, um Kriegsberichterstattern aus Natostaaten Nähe zum innerserbischen Geschehen zu ermöglichen!) "Kollateralschäden" sehen wir vorzugsweise aus der nicht sehr detailgenauen Perspektive der Waffencameras, es sei denn sie kommen aus Belgrader Quellen. Dann wird das gekennzeichnet und suggeriert propagandistische Absichten. Als ob es die nur auf serbischer Seite gäbe.

Bilder können und sollen anrühren. Sie gehen ans Herz . Aber wir müssen unseren analytischen Verstand benutzen, um einordnen zu lernen wer uns warum anrühren will, so wie wir das mit Bildern aus der Werbung tun müssen. Viele Bilder aus dem Balkankonflikt und deren Aufbereitung sind Werbung für einen mörderischen, zerstörerischen Krieg.

Siehe auch:
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