Wadim Rogowins Beitrag zur russischen Gesellschaftswissenschaft

Von Michael Woeikow
27. Mai 1999

Der Autor dieses Artikels ist Doktor der Wirtschaftswissenschaften und Professor am Institut für Wirtschaft der Russischen Akademie der Wissenschaften; außerdem leitet er das Trotzki-Institut, das im März dieses Jahres in Moskau gegründet wurde. Wadim S. Rogowin, ein weltweit bekannter russischer, marxistischer Historiker, starb im letzten September nach einem langen Kampf mit einem Krebsleiden.

Seit dem Tod von Wadim Sacharowitsch Rogowin ist jetzt einige Zeit vergangen und wir können seine Arbeit für die gesellschaftswissenschaftliche Forschung unseres Landes ruhiger und grundsätzlicher einschätzen. Es ist kein Zufall, daß manche behaupten, seine Arbeiten würden in gewisser Weise unterdrückt. Das stimmt nicht ganz. Rogowins Bücher werden gelesen, sie sind Gegenstand vieler Diskussionen und Auseinandersetzungen. Und dennoch hat die professionelle, soziale und politische Presse sehr wenig Rezensionen veröffentlicht. Dafür gibt es einige starke Gründe; mit denen beschäftigen wir uns aber etwas später.

Selbst während der Sowjetära war W. Rogowin als ernsthafter Forscher auf dem Gebiet der soziologischen Probleme der Entwicklung, der sozialen Struktur unserer Gesellschaft und der staatlichen Sozialpolitik bekannt. W. S. veränderte seine Ansichten und sozialen Ideale auch während der sehr schwierigen nachsowjetischen Zeit nicht; er blieb ein kreativer Forscher, ein marxistischer Pionier der Gesellschaftswissenschaften unseres Volks. Aber die bedeutendste Arbeit seines Lebens war die, die er in der letzten Periode geleistet hat.

Der Umfang der von ihm abgeschlossenen Werke ist in der Tat überwältigend. Auf dem Gebiet der russischen Gesellschaftswissenschaft gibt es wahrscheinlich niemand, der es mit ihm aufnehmen kann, was die Breite und die Tiefe der niedergeschriebenen Geschichte der Sowjetunion der Vorkriegszeit angeht. Und was sehr wichtig ist, Rogowins Bücher zeigen uns eine völlig andere Geschichte, als die, die wir während der Zeit der Sowjetunion zu lesen gewohnt waren, und eine andere Geschichte, als das Zeug, das uns von den verschiedenartigen, sich schnell wandelnden Ideologie-Künstlern und Opportunisten aufgezwungen wird.

Während der Sowjetzeit und selbst heute, gab und gibt es zwei Sorten von Geschichtsschreibung: eine reine Geschichte der Fakten und eine konjunkturell gefärbte. Die erste Sorte ging von M. Karamzin aus. Sie zählt die historischen Ereignisse nur auf: Zu dieser Zeit kam dieser Zar an die Macht oder jener Generalsekretär, dies und das passierte und es war gut, oder - je nach politischer Orientierung des Autors - es war schlecht.

Der konjunkturell gefärbte Typ der Geschichtsschreibung ist komplizierter. Die Schreiber versuchten nicht nur einfach zu erzählen, was passierte, sondern die Ereignisse auch in eine Art theoretisches Konzept einzupassen, das angeblich diese Ereignisse erklärte. Aber das gesamte Konzept ergab sich aus dem politischen Programm, das schon zuvor von der zentralen Macht festgelegt worden war. Die theoretische Untermauerung dieser Werke war nicht viel wert.

Heute versuchen natürlich einige fortschrittliche Historiker diesen Klischees zu entkommen. Es wird heute nicht mehr als seriös angesehen, Ereignisse nur aufzuzählen; als Opportunist zu gelten bedeutet, mit Spott bedacht zu werden. Das gilt um so mehr, da die gegenwärtigen zentralen Machthaber keine logisch zusammenhängenden theoretischen Ansichten über die gesellschaftliche Entwicklung äußern. Und dennoch sind sämtliche Ergebnisse solcher Versuche, und es hat einige gegeben, wenig beeindruckend.

Es ist deshalb kein Zufall, sondern logisch, daß die Ausarbeitung historischer Konzepte von Spezialisten aus verwandten Gebieten übernommen wurde. Im Fall von W. S. Rogowin sehen wir ein Beispiel, wie ein Philosoph und Gesellschaftswissenschaftler sehr erfolgreich das Gebiet der Geschichte betreten hat. Das ist in der Geschichte der Wissenschaft oft geschehen. Wir erinnern uns an eine Reihe von Fällen, in denen Mathematiker auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaft oder Physiker auf dem Gebiet der Biologie etc. gearbeitet haben. W. S. Rogowins Arbeiten umfassen jedoch nicht nur das traditionelle Gebiet geschichtlicher Forschungen. Er hat sein eigenes Forschungsgebiet geschaffen, das man als historische Soziologie bezeichnen könnte. Für unsere nationale Wissenschaft ist dies eine originelle und bahnbrechende Methode. Deshalb kann auch nicht jeder ihn verstehen und akzeptieren.

Zu Beginn wollen wir kurz Rogowins Bücher beschreiben. Es sind sieben und sie alle vereint ein gemeinsames Thema: "Gab es eine Alternative" zum stalinistischen Kurs der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes während der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Wir wollen den Leser an den Inhalt dieser Bände erinnern.

Band 1. Trotzkismus: Aus der Distanz betrachtet, Moskau, 1992. Hier wird, wahrscheinlich zum ersten Mal in unserer Literatur, eine wirklich detaillierte Geschichte des internen Parteikampfs von 1922 bis 1927 präsentiert. Die Fakten und der Inhalt dieses Kampfs wurden in der Zeit des Stalinismus und der Stagnation grob verfälscht. Selbst bis heute ist diese Periode vielen völlig unbekannt. Der Autor zeigt die Rolle der "Linken Opposition" und von Trotzki auf, der in der Tat schon 1923 seinen Kampf gegen den Stalinismus begann. Das Buch beschreibt den Werdegang des totalitären Regimes in der UdSSR, die Gründe für die Tragödie der bolschewistischen Partei aus der Ära Lenins.

Band 2. Die Zentralmacht und die Oppositionsgruppen, Moskau, 1993. Dieser Band behandelt die Zeit von 1928 bis 1933. Das Buch entwickelt das Bild des unversöhnlichen Kampfs zwischen den Stalinisten und den verschiedenen oppositionellen Gruppierungen innerhalb der Partei, sowohl in der Legalität als auch im Untergrund; es entlarvt den Mythos von der ungebrochenen Kontinuität vom Leninismus zum Stalinismus und von der "monolithischen Einheit" der bolschewistischen Partei. Das Buch berichtet detailliert von den Inhalten der Vorschläge der Linken Opposition; wie sie versucht hat zu kämpfen gegen Stalins Zwangskollektivierung und Dekulakisierung, gegen die abenteuerlichen Methoden der Industrialisierung, der Bürokratisierung der zentralen Planung, gegen die sozialen Privilegien und das totalitäre politische Regime. Das Buch erzählt die Geschichte von Leo Trotzki als Führer der Linken Opposition und von seinem alternativen Plan für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes.

Band 3. Stalins Neo-NEP, Moskau, 1995. Dieses Buch wirft einen Blick auf unsere Geschichte in den Jahren 1934 bis 1936, die tatsächlich eine etwas "sanftere" Periode sowohl im Vergleich zur vorhergehenden als auch zur darauffolgenden war. Wenn nicht die Ermordung von S. M. Kirow gewesen wäre und die Repression, die darauf folgte. Aber ist es überhaupt möglich innerhalb des Stalinismus "sanftere" Perioden zu finden? Der Autor entwickelt ein einzigartiges soziologisches Konzept, das die Ausbreitung von Stalins Terror und die scharfen Wendungen in der "Generallinie" der Partei erklärt.

Band 4.1937, Jahr des Terrors, Moskau, 1996 (deutsch: Essen, 1998). Der Titel dieses Buchs spricht Bände - dies war das schrecklichste Jahr in der russischen Geschichte. Auf der Grundlage umfangreichen historischen Materials, darunter neuer Archivquellen, beschreibt der Autor auf eine bedeutsam neue Art und Weise die Mechanismen der Großen Säuberung, der Massenrepression und der "Jeshowstschina".

Band 5. Die Partei der Hingerichteten, Moskau, 1997 (deutsch: Essen, 1999). Was war von der bolschewistischen Partei nach 1938 noch übriggeblieben, was war aus ihr geworden? Zum ersten Mal in unserer Literatur wird die These aufgestellt, daß nicht alle Anschuldigungen der stalinistischen Clique gegen die Opposition erfunden waren. Das Material, das in diesem Buch präsentiert wird, überzeugt den Leser, daß die Oppositionellen in dem Sinne "schuldig" waren, daß sie gegen Stalin gekämpft haben.

Band 6. Die Weltrevolution und der Weltkrieg, Moskau, 1998. Dieses Buch charakterisiert in detaillierter Weise die wirtschaftliche und politische Situation in der UdSSR nach der Großen Säuberung gegen Ende der 30er Jahre; es beschreibt die internationale Situation, die sich unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entwickelte. Ein spezieller Teil ist der Rolle Trotzkis gewidmet, der vor den Gefahren des Faschismus und der Aggressivität der Hitler-Ideologie warnte, und der Geschichte der Gründung der Vierten Internationale.

Band 7. Das Ende als Neubeginn. Dieser Band ist noch nicht erschienen. Er beschreibt die Vorbereitung der UdSSR auf einen größeren Krieg, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs selbst und den Mord an Trotzki.

Dies ist nur eine kurze Zusammenfassung des Inhalts der sieben Bände. Aber es hat keinen Sinn ihren Inhalt zu zitieren, diese Bücher muß man lesen. Um so mehr, da sie in einem wunderbaren Russisch geschrieben sind, einfach und klar. Sie verleiten dazu, sie in einem Rutsch zu lesen (na odnom dikhanii). Wenn man diese Bücher von W. S. Rogowin gelesen hat, fängt man endlich an, die Geschichte unseres Landes zu verstehen. Man lernt die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Obwohl sie diese äußerst dramatischen Ereignisse beschreiben und zeigen, wie tragisch Rußlands Schicksal war, strahlen Rogowins Bücher doch Optimismus auf den Leser aus. Wenn man sie gelesen hat, sieht die Welt irgendwie freundlicher aus; all die augenblicklichen Greuel und die Widerwärtigkeit der Jelzin-Regierung erscheint unbedeutend. Und - was am wichtigsten ist - man gewinnt die Überzeugung, daß alle Verbrechen der Vergangenheit und der Gegenwart nicht ungesühnt bleiben. Es ist diese lebensbejahende Überzeugung, daß die Gerechtigkeit früher oder später siegen wird, die sich wie ein roter Faden durch die Bücher Rogowins zieht.

Natürlich enthalten die Bücher Rogowins - vom Standpunkt eines pedantischen sozialwissenschaftlichen Professors aus gesehen - viele Lücken, unklare Stellen und unbewiesene Behauptungen. Aber selbst diese Fehler tragen zur besonderen Anziehungskraft der Bücher bei. Diese Elemente weisen auf die Gebiete hin, auf denen Geschichtswissenschaftler und Soziologen noch arbeiten müssen, die korrigiert oder ergänzt werden müssen. Schließlich kann ein Mensch nicht die Arbeit sämtlicher Gelehrten der Menschheit erledigen.

Was Rogowin zu unserem Wissen beigetragen hat

Selbst Personen, die im großen und ganzen Rogowin unterstützen, erklären, Rogowin habe der historischen Wissenschaft nichts fundamental Neues hinzugefügt. Ich stimme damit überhaupt nicht überein und werde später zeigen, was an Rogowins Arbeit "fundamental neu" ist. Aber jetzt möchte ich kurz ein paar "nicht fundamental neue" Dinge aufzählen, die Rogowin zu unserem historischen Wissen beigetragen hat.

Zum Beispiel entwickelt Rogowin in dem Buch "Die Zentralmacht und die Opposition" die Idee, daß die Linke Opposition in den 20er Jahren die einzige politische Bewegung war, die dem Stalinismus ihr eigenes ideologisches Programm zu allen grundlegenden Problemen der kommunistischen Weltbewegung und zum sozialistischen Aufbau innerhalb der UdSSR entgegengestellt hat. Der Autor schreibt, daß das Lesen der Dokumente der Linken Opposition "einen deutlich davon überzeugt, daß alles was an der gegenwärtigen Kritik am Stalinismus richtig ist, von der bolschewistischen Opposition in den 20er und frühen 30er Jahren schon gesagt worden ist" (Seite 6). Mit anderen Worten, Leo Trotzki und seine Anhänger hatten in den 20er Jahren schon all die Dinge über Stalin und den Stalinismus gesagt, die die Publizisten derPerestroika der Gorbatschow-Ära unlängst wiederholten und die die arglose russische Öffentlichkeit geschockt haben. Nur Trotzki hatte sie schon tiefgründiger und intelligenter ausgedrückt.

Hat irgend jemand in unserer historischen Literatur darüber geschrieben? Nein, niemand! Diese Art zu argumentieren ist auch im Ausland selten. Rogowin zitiert im Verlauf seiner Analyse ausländischer Veröffentlichungen das Beispiel des bekannten Buchs von R. Conquest "Der große Terror". Das Buch widmet der Tätigkeit Leo Trotzkis eine einzige Seite, und Rogowin fand zehn "grobe Tatsachenfehler und Übertreibungen" auf dieser einen Seite. Soviel ist diese viel gerühmte historische - selbst ausländische historische - Wissenschaft wert. Na ja, ich sollte nicht übertreiben; es gibt im Ausland einigermaßen anerkennenswerte historische Werke. Aber unglücklicherweise ändern sie nichts am allgemeinen Trend.

Wo gibt es in unserer Literatur eine Untersuchung von Trotzkis Kampf gegen den weltweiten Faschismus, seiner Analyse der Trends und des Charakters des Zweiten Weltkriegs? Sämtliche Vorhersagen Trotzkis in bezug auf den kommenden Krieg waren erstaunlich korrekt. Und all das wird auf detaillierte Art und Weise zum ersten Mal in der Literatur unseres Landes von W. S. Rogowin beschrieben. In seinem letzten Buch "Das Ende als Neubeginn" folgert Rogowin: "Selbst die bürgerlichen Politiker und Publizisten gaben widerstrebend zu, daß niemand sonst auf der Welt solch meisterhafte Analysen und solch verläßliche Prognosen der Weltereignisse erstellen konnte wie Trotzki. Deshalb wurden seine Erklärungen und Artikel aus der Weltpresse - über den deutsch-sowjetischen Pakt, die Aufteilung Polens, den Angriff auf Finnland - in vielen Ländern in Abermillionen von Exemplaren abgedruckt."

Ein anderes Thema muß noch erwähnt werden. Zum ersten Mal in der Literatur unseres Landes beschreibt W. S. Rogowin ehrlich und wahrheitsgemäß die Persönlichkeit und die Aktivitäten L. Trotzkis. Selbst heutzutage gibt es in der öffentlichen Meinung immer noch viele Legenden und Mythen über Trotzki; man könnte auch heute noch Georg Orwells Worte wiederholen: "Heute bedeutet jemanden ,Trotzkist‘ zu nennen, ihn Mörder, Polizeispitzel etc. zu nennen. Auf der anderen Seite, wird jeder, der die Kommunisten von links kritisiert ,Trotzkist‘ genannt ("Die Weltrevolution und der Weltkrieg", S. 328).

Rogowin gibt den Begriffen "Trotzkismus" und "Trotzkist" ihre ursprüngliche Bedeutung zurück - ich würde sogar sagen, ihre wissenschaftliche Bedeutung. Ein Trotzkist ist jemand, der die grundlegenden Ansichten und Grundsätze von Trotzki teilt und in seinen theoretischen und politischen Aktivitäten in gewisser Weise von diesen Ansichten geleitet wird. Daher ist ein Trotzkist ein Anhänger von Trotzkis Lehren, wie ein Kantianer ein Anhänger der Lehren Kants, ein Marxist der von Marx und ein Keynsianer der von Keynes ist. Das wurde in unserer Literatur zum erstenmal von Rogowin erklärt. Genauso ist der Trotzkismus ein Gebäude von Ansichten und Grundsätzen von Trotzki selbst über die wichtigsten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Probleme der gegenwärtigen Epoche. Man kann mit dem Trotzkismus übereinstimmen oder nicht, ihn lieben oder hassen, aber es ist einfach dumm zu behaupten, es gäbe eine solche Lehre nicht. Bedauerlicherweise vermeiden unsere Sozialwissenschaften es, viele Dinge überhaupt wahrzunehmen.

Natürlich ist unsere Literatur und unsere Geschichtswissenschaft einzigartig; deshalb bedeutet, etwas Wahres zu sagen, schon, einen bedeutenden Beitrag zur Wissenschaft zu leisten. Wahrheitsgemäß über Trotzki und seine Rolle in der russischen Geschichte zu berichten - das ist eine heroische Großtat in der Wissenschaft, dafür muß man sehr mutig sein. W. S. Rogowin besaß diesen Mut in großem Maß. Und das ist der Grund, warum er nie in die üblichen politischen Strukturen Rußlands paßte, nicht in die auf der Linken, den "Kommunisten", und auch nicht in die auf der Rechten.

Rogowins Einstellung zu Trotzki

Einige Gegner Rogowins unterstellen ihm eine rechtfertigende Haltung gegenüber der Person und den Aktivitäten Trotzkis. Diejenigen, die mit der gesamten Weltliteratur über dieses Thema gut vertraut sind, könnten mit dieser Einschätzung übereinstimmen. Aber wir, die russischen Leser, die die Wahrheit über Trotzki zum ersten Mal in den Büchern von W. S. Rogowin entdeckt haben, wir haben nicht den Eindruck von Rechtfertigung. Das Thema selbst, das der Autor gewählt hat - "Alternativen zum Stalinismus" - setzt durch den Charakter dieses Genres die Tonart voraus, die W. S. Rogowin benutzt hat. Man darf jedoch auch hier nicht vergessen, daß Rogowin an vielen Stellen auf die falschen Einschätzungen und die Fehler Trotzkis hinweist. Das Buch "Weltrevolution und Weltkrieg" enthält sogar ein Kapitel mit dem Titel: "Wo und warum sich Trotzki irrte". Ganz allgemein handeln Rogowins Bücher jedoch nicht nur von Trotzki. Hinter den Bäumen, selbst den ganz großen, muß man auch den Wald sehen.

Und da ist noch eine weitere sehr richtige und scharfsichtige Beobachtung Rogowins. Er beschreibt die Niederlagen, welche die sowjetische Armee während der Anfangsjahre des Zweiten Weltkriegs erlitt, und kritisiert zurecht die sowjetische Geschichtswissenschaft für ihr stillschweigendes Zugeständnis, der Faschismus sei ein effektiveres ökonomisches System als der Sozialismus. Der Autor erklärt das damit, daß die sowjetische Geschichtsschreibung versucht hat, "objektive" Gründe für die sowjetischen Niederlage zu Anfang des Kriegs zu finden. Die Arbeiten der sowjetischen Historiker kommen zu der Schlußfolgerung, daß "die Hitler-Clique in der Lage war, ihr Land innerhalb von sieben Jahren (1933-1939) gründlich und umfassend auf einen Krieg vorzubereiten, während die Sowjetunion, die dafür sehr viel mehr Zeit hatte, es nicht schaffte" ("World Revolution and War", S. 132). Es hat den Anschein (in den Büchern dieser sowjetischen Historiker), als ob Stalins Verbrechen nichts damit zu tun hätten.

Und es gibt einen weiteren Punkt, der Pioniercharakter hat in unserer sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Literatur. Wenn sie die Opfer des Stalinschen Terrors beschreiben, dann erklären viele Publizisten und Autoren ganz richtig, daß diese Personen unschuldig waren. Das gilt ganz besonders für die Rehabilitierungskampagnen während der 50er und 80er Jahre. Sicherlich, viele Anschuldigungen waren unglaublich falsch (Anschuldigungen wegen Spionage, Terror, Kampf gegen die Sowjetmacht etc.). Wenn wir jedoch nicht zwischen der Sowjetmacht und Stalin unterscheiden, dann bedeuten diese Rehabilitierungen, daß niemand ernsthaft gegen Stalin gekämpft hat. Eine solche Schlußfolgerung wäre ungeheuerlich, weil sie beinhaltet, daß das russische Volk und vor allen Dingen die bolschewistische Partei diesen Diktator bereitwillig und in aller Ruhe akzeptiert haben.

Das war nicht der Fall. Bis in die späten 30er Jahre und sogar noch später gab es im Lande eine Opposition, die mit aller Kraft gegen das Stalin-Regime und für die Ideale des Sozialismus und der Demokratie gekämpft hat. W. S. Rogowin stellt richtigerweise fest, daß die Kampagnen zur Rehabilitierung zu der falschen Schlußfolgerung kamen, "sämtliche politischen Beschuldigungen, die den Opfern von Stalins Terrorkampagne entgegengeschleudert wurden, seien willkürliche Fälschungen" ("Stalins Neo-NEP", S. 8).

Das bedeutet - so seltsam es klingen mag -, daß eine Reihe von Stalins Anschuldigungen gerechtfertigt waren. Aber welche dieser Anschuldigungen waren berechtigt? Der Autor erklärt überzeugend, daß die Stalinisten die Oppositionellen zu recht beschuldigten, das stalinistische Zentralkomitee, sein Politbüro und Stalin persönlich zu verurteilen. Das stimmte tatsächlich. Aber nur ein Verstand der völlig vom Totalitarismus verbogen ist, würde daraus schlußfolgern, daß diese Oppositionellen, indem sie gegen Stalin kämpften, gegen das Volk oder gegen die Sowjetmacht gekämpft haben. W. S. Rogowin kommt zu Recht zu dem Schluß: "In Wirklichkeit waren die Moskauer Prozesse kein grundloses kaltblütiges Verbrechen, sondern der Gegenschlag Stalins in einem zugespitzten politischen Kampf." ("1937, Jahr des Terrors", Seite 100).

Rogowins Platz in der Geschichtswissenschaft

Ich habe nur einige der neuen Aspekte und Entdeckungen aufgezählt, die von grundlegender Bedeutung für unsere Geschichtswissenschaft sind und die W. S. Rogowin gemacht hat. Meiner Meinung nach kann man ab jetzt nicht mehr über die russische Geschichte schreiben, ohne sich auf seine Entdeckungen zu beziehen. Solche historischen Werke würden einfach absurd wirken. W. S. hat unserer Geschichtswissenschaft nicht einfach etwas hinzugefügt, was gefehlt hat, sondern etwas, das ihr völlig fremd war. Damit meine ich soziologische Verallgemeinerungen. Rogowin ist es gelungen, eine ungeheure Menge historischen Materials zusammenzutragen und in ein System zu bringen, mit dem Ergebnis, daß ein genaues Konzept des historischen Prozesses in Rußland während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Gestalt annahm. Genau das zeigt den grundlegend neuen Ansatz dieses Autors in der Geschichtswissenschaft, seinen grundlegend neuen Beitrag zur Wissenschaft. Nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern für die nationale Humanwissenschaft im allgemeinen.

Das muß ich noch weiter ausführen. Obwohl wir zu Recht die Geschichtswissenschaft verurteilen, müssen wir ihr doch auch Anerkennung (natürlich nur ihren besten Vertretern) dafür zollen, daß sie eine gewaltige Menge an Quellen und Tatsachen über die Geschichte Sowjetrußlands angesammelt hat und manchmal auch auf dieser Grundlage verallgemeinert hat. Unsere Historiker sind nicht verantwortlich für die Tatsache, daß viele der primären Quellen nicht zugänglich waren, die Archivforschung stark beschränkt war und daß es auf einigen Gebieten behördliche Forschungsverbote gab - tatsächlich waren sie Opfer dieser Tatsache. Und selbst unter diesen schrecklichen Umständen waren unsere Historiker immer noch in der Lage, mit Fakten und Dokumenten zu arbeiten.

Aber diese Arbeit mit Dokumenten, diese "Archivarbeit" führte zu einer Angst vor theoretischen Verallgemeinerungen des historischen Materials; sie vermieden es, weitreichende, interessante Hypothesen auszuarbeiten, nach geschichtlichen Mustern zu suchen. Die Historiker haben sich buchstäblich in den Archiven vergraben und sind nicht wieder daraus hervorgekommen. Selbst heute gibt es eine gewisse "Sprachregelung" unter den professionellen Historikern, die erklärt, daß ein historischer Fund, eine Entdeckung nur auf der Grundlage von neuem, vorher nie gesehenem Archivmaterial erfolgen kann. Entsprechend dieser Logik erscheint es so, als ob die historischen Konzepte der Sowjetzeit entweder absolut richtig oder absolut falsch seien, und einige denken das tatsächlich; daß es bis zur Öffnung der Archive unmöglich war, über die ungeheuerlichen Taten des Stalinismus Bescheid zu wissen. Einige besonders prägnante Vertreter dieser Linie auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaft versuchen sogar, ein "neue" auf Archivmaterial basierende Grundlage gegen Lenin zu finden.

All das ist nur eine neue konjunkturelle Wende. Die Archive haben damit nichts zu tun. Es stehen genügend Fakten zur Verfügung über Lenin, Stalin und die 30er Jahre. Mit aller gebührenden Achtung gegenüber den Archiven und gegenüber der Archivforschung - es wäre sehr schwierig, dort irgendwelche grundlegend neuen Tatsachen zu finden. Was uns heute vor allen Dingen fehlt, sind nicht neue Tatsachen oder Dokumente, sondern ein theoretisches Verständnis oder, noch exakter, eine Neueinschätzung der Fakten, die schon seit langer Zeit bekannt sind. Wir haben kein theoretisches, genauer gesagt, kein soziologisches Verständnis unserer Geschichte. Bis heute kann niemand eine Antwort auf eine ganze Reihe von grundlegenden Fragen geben über die soziale und ökonomische Natur unseres gesellschaftlichen Regimes in der UdSSR, das Muster seiner Entstehung und Entwicklung, den Charakter der heutigen gesellschaftlichen Situation in Rußland und die sozialen und wirtschaftlichen Prozesse, die unser Land buchstäblich zerreißen. Es ist genau ein theoretisches und soziologisches Verständnis unserer Geschichte, das in der Lage wäre, diese vielen Fragen zu beantworten.

Es sind folglich die historischen und soziologischen Arbeiten von W. S. Rogowin, die ein solches historisches Konzept schaffen. Ich würde ihn als den Begründer der russischen historischen Soziologie bezeichnen. Das bedeutet, daß die Geschichte sich nicht aus einer einfachen Aufzählung und Beschreibung der Fakten und Dokumente zusammensetzt, sondern aus ihrer Weiterführung und Synthese in einem einheitlichen Konzept über die Entwicklung der Gesellschaft. Innerhalb unserer Gesellschafts- und Geschichtswissenschaft war Rogowin der erste, der das getan hat. Deshalb ist es sinnlos, seinen Beitrag zur Wissenschaft vom Standpunkt der "Archivforschung" aus zu beurteilen. Um W. S. Rogowins Werk in seiner Gesamtheit zu bewerten, muß man aus den Archiven ans Licht steigen, hochkommen und etwas frische Luft atmen und dann urteilen.

Was ist also das historisch-soziologische Konzept von W. S. Rogowin? Es ist enthalten in dem Titel seines mehrbändigen Werks: "Gab es eine Alternative?" Der Autor geht aus von der Theorie der gesellschaftlichen Alternativen der historischen Entwicklung, aber zum ersten Mal arbeitet er diese Theorie gründlich und ernsthaft auf der Grundlage umfangreichen historischen Materials aus. Vor ihm hat der bekannte Historiker P. Volobuew sich dieser Aufgabe gewidmet und erklärt, daß es zwei Möglichkeiten der postrevolutionären Entwicklung Rußlands gegeben habe, entweder die zum Kapitalismus oder die zum Sozialismus. Als ob die vorhergehende feudale Gesellschaft des monarchistischen Rußlands die Möglichkeit gehabt hätte, eine solche Wahl zu treffen.

Rogowin ging an dieses Problem auf ganz andere Art und Weise heran. Er sprach nicht von alternativen Wegen eines objektiven historischen Prozesses, sondern von Alternativen zum stalinistischen politischen Kurs der Entwicklung. Der Autor beweist, daß es eine wirkliche Alternative gab, die zu demselben und sogar besseren Ergebnissen der gesellschaftlichen Entwicklung führte, aber nur auf der Grundlage eines anderen politischen Kurses, einer anderen sozialen und wirtschaftlichen Strategie. Es war die Linke Opposition, die eine Alternative zum Stalinismus verkörperte und sie kämpfte bis zum letzten für die Ideale des Sozialismus.

Dieses theoretische Konzept von Rogowin erfordert immer noch wissenschaftliche Diskussion und Entwicklung. Nicht alles ist klar und bewiesen. So muß die Frage der Ziele und der Orientierung der politischen Strategie der Linken Opposition als fraglich angesehen werden. Fiel sie in ihren letztendlichen Zielen mit dem stalinistischen Kurs zusammen und unterschied sie sich deshalb nur in der Form des historischen Prozesses? Oder verfolgte die Strategie der Linken Opposition völlig andere Ziele. Diese und viele andere Fragen müssen noch ernsthaft diskutiert werden.

Aber heute besitzen die Gesellschaftswissenschaften unseres Landes - dank der Arbeit W. S. Rogowins - ein geschlossenes, historisch-soziologisches Konzept unserer Geschichte. Und darin besteht der dauerhafte und grundlegende Beitrag W. S. Rogowins zu unseren Gesellschaftswissenschaften.

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