Warum unterstützt die Türkei den Krieg gegen Serbien?

Von Justus Leicht
25. Mai 1999

Die Türkei hat ihren Nato-Verbündeten Luftwaffenstützpunkte für die Angriffe gegen Jugoslawien zur Verfügung gestellt, sowie F-16-Kampfjets als Begleitschutz für die Bomberstaffeln. Seit kurzem bombt sie auch selbst mit und beteiligt sich außerdem mit mehreren hundert Mann an den Bodentruppen der Nato.

Im Unterschied zu den USA und Europa rechtfertigen die Medien und Politiker in der Türkei die Kriegsteilnahme aber nicht ausschließlich nur mit Berichten über das Leid der albanischen Bevölkerung Kosovos. Von Zeit zu Zeit lassen sie recht unverblümt durchblicken, worum es tatsächlich geht: Die Kontrolle über den Balkan als einer strategisch und wirtschaftlich bedeutsamen Region.

So erschien am 17. Mai in der Zeitung Milliyet ein Kommentar eines früheren Botschafters namens Sukru Elekdag, der ausführlich auf die Interessen der Türkei, der Nato und des Westens einging:

"Die Türkei ist aufgrund ihrer geostrategischen Interessen sehr um die Sicherheit und Stabilität des Balkans besorgt und muß in dieser Region eine aktive Politik verfolgen. Die Balkanhalbinsel ist eine erweiterte Verteidigungszone für Thrakien [die Grenzregion zwischen der Türkei, Griechenland und Bulgarien], die türkischen Meerengen und Istanbul. Daher hat Ankaras Sensibilität gegenüber den Konflikten und geopolitischen Veränderungen in der Region einen verständlichen Grund... Die Türkei hat mit ihrer Schlüsselposition als Brücke zwischen drei Kontinenten eine einzigartige geopolitische Identität in der Region, sie kontrolliert alle Verbindungslinien in der Luft, zu Lande und im Wasser. Durch ihre Stellung ist die Türkei ein Machtzentrum nicht nur für den Balkan, sondern auch den kaukasisch-zentralasiatischen Korridor und den Nahen Osten... Wenn die zukünftige EU-Strategie eine Öffnung nach Eurasien hin plant, ist die Integration der Türkei in das Verteidigungssystem der [Europäischen] Union ein Muß." (Zitiert nach: Agentur Anadolu (AA))

Die Kontrolle über die Region von der Adria bis Asien - die historische "Seidenstraße" - war schon am 26. April Thema in der Milliyet.In einem Bericht vom Nato-Gipfel hieß es:

"Präsident Süleyman Demirel hielt während eines Treffens der ,Seidenstraßen-Länder‘ eine Rede, das als Bestandteil des Nato-Gipfels mit Beteiligung einer Reihe von zentralasiatischen und kaukasischen Ländern organisiert wurde. Er wies darauf hin, daß die Seidenstraße immer noch von bemerkenswerter Bedeutung ist, und daß die Türkei als Brücke zwischen dem Osten und dem Westen dient. Demirel wies weiter darauf hin, daß es ständige Anstrengungen gibt, die Baku-Ceyhan-Pipeline und den transkaukasischen Energie-Korridor voranzubringen, was zu Frieden und Stabilität in der Region führen würde." (Zitiert nach: AA)

Im Westen ist dabei der Erzrivale Griechenland und dessen Verbündeter Serbien im Weg. Die Türkei benutzt den Krieg gegen Jugoslawien daher gezielt, um sich gegenüber Griechenland die Vorherrschaft auf dem Balkan zu sichern. Ein dementsprechender Kommentar erschien am 21. Mai in der Hürriyet, kurz nachdem offiziell bekannt geworden war, daß türkische Flugzeuge nicht nur zum Schutz der anderen mitfliegen, sondern auch selbst bomben. In einem Kommentar hieß es:

"Was können die Gründe oder Erwartungen sein, die unsere Politik geändert haben? Präsident Demirel hat diese Frage mit der Erklärung beantwortet, daß wir uns nicht verhalten können wie Griechenland. Diese Aussage zeigt, daß die hauptsächliche Überlegung darin besteht, die Türkei über Griechenland zu stellen, das eng mit Serbien verbunden ist, und daß dies der wichtigste Grund für diese Änderung ist. Der Präsident sagte weiter, daß Loyalität einer der Hauptfaktoren in der türkischen Politik sei. Er fügte hinzu, die Türkei sei ein erstklassiges Nato-Mitglied, und es wäre gegen die Interessen der Türkei, von dieser Position in die zweite oder dritte Klasse zu rutschen. In der Nato sei die Türkei unter den ersten fünf Staaten und sie sollte diese Position nicht verlieren. Das heißt, die Entscheidung wird getroffen, um die Stellung der Türkei im Westen zu festigen und ihre pro-westliche Politik zu stärken." (Zitiert nach: AA)

Die ungeheure wirtschaftliche und politische Bedeutung der "Seidenstraße" und den Stellenwert der Pipeline vom aserbaidshanischen Baku am Kaspischen Meer zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan erläuterte ein Bericht der Turkish Daily News vom 17. Mai über die Messe "Erdöl ‘99", die auch in den übrigen türkischen Zeitungen Erwähnung fand:

"Energie wird im 21. Jahrhundert einer der wichtigsten Faktoren in den nationalen Wirtschaften bleiben, sagte der [türkische] Minister für Energie und Bodenschätze Ziya Aktas. Aktas hielt auf der Messe ‚Erdöl ‘99‘ eine Rede über ,Kaspisches Öl und die Strategie der Türkei hinsichtlich des Erdöl-Transports‘. Er erklärte, daß Transport, Verteilung und Vermarktung von Energie ebenso wichtig wie der Besitz von Energiequellen ist, um die eigene Position bei internationalen Verhandlungen zu stärken. Die Türkei ist eine natürliche Brücke zwischen dem Nahen Osten und Zentralasien, wo die meisten Energiereserven der Welt konzentriert sind, und den westlichen Ländern, den Hauptkonsumenten von Energie, was der Türkei einen großen Vorteil verschafft... Der Energieminister fügte hinzu, daß, wie schon der Präsident und der Premierminister betont haben, die Baku-Ceyhan-Ölpipeline und die Turkmenistan-Gas-Pipeline für die Türkei Priorität haben."

Ganz nebenbei werden hier nicht nur die türkischen Interessen im Krieg gegen Jugoslawien deutlich, sondern auch, warum die türkische Armee von der Nato mit militärischem Gerät und Know-how bei den Massakern und der Vertreibungen im "Kosovo der Türkei", den mehrheitlich kurdischen südostlichen Provinzen des Landes, unterstützt wird. Was sind schon Menschenleben, wenn es um die Kontrolle der "Seidenstraße" und Milliardengeschäfte mit Erdöl und Erdgas geht!

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