Beeindruckende Inszenierung eines Meisterstücks der Literatur

Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" im Berliner Maxim Gorki Theater

Von Stefan Steinberg
10. Juni 1999

"Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse."(Karl Marx. 6. These über Feuerbach)

Franz Bieberkopf hat einen fürchterlichen Fehler begangen. Er hat sich auf schlechte Gesellschaft eingelassen und in einem Moment der Raserei seine ehemalige Geliebte getötet. Infolgedessen verbrachte er vier Jahre im Gefängnis. Nun ist er frei und eine einzige Idee beherrscht sein Denken: "Er will ein anständiger Bürger sein." Seine Ansprüche sind nicht übertrieben: eine Frau, die er lieben kann, und eine richtige Arbeit. Er ist körperlich gesund und schreckt vor harter Arbeit nicht zurück. Er hat keine Bildung, aber dumm ist er nicht. Er weiß, es wird nicht einfach sein. Frisch aus dem Gefängnis entlassen, lauten seine ersten Worte, als er aus dem Dunkel der U-Bahn ins Licht, das Gewühl und das Durcheinander des Alexanderplatz tritt: "Frei... nun beginnt die Strafe."

Man schriebt 1927, neun Jahre seit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der blutigen Niederschlagung der Novemberrevolution, drei Jahre seit der großen Inflation von 1923/24, die Millionen Deutsche zu einem Neustart zwang. 1927 fliegt James Lindbergh mit seiner "Spirit of St. Louis" als erster Mensch allein über den Atlantik. Nach Jahren der Armut und der Massenarbeitslosigkeit greifen Tuberkulose und verwandte Krankheiten um sich. Alfred Döblin schreibt dazu in "Berlin Alexanderplatz":

"In Berlin starben 1927 ohne Totgeborene 48.742 Personen. 4570 an Tuberkulose, 6443 an Krebs, 5656 an Herzleiden, 4818 an Gefäßleiden, 5140 an Gehirnschlag, 2419 an Lungenentzündung, 961 an Keuchhusten, 562 Kinder starben an Diphtherie, an Scharlach 123, an Masern 93, es starben 3640 Säuglinge. Geboren wurden 42.696 Menschen."

Im Berlin der zwanziger Jahre schockieren die Antikriegskunst der Expressionisten Otto Dix und George Grosz und die Stücke des jungen Bertolt Brecht die etablierten bürgerlichen Künstlerkreise mit beißender Kritik. Der Physiker Albert Einstein leitete das Kaiser Wilhelm Institut und kämpft gegen prominente Persönlichkeiten aus Wissenschaftskreisen, die seine Arbeit als "jüdische Physik" abtun und die Notwendigkeit einer "deutschen" oder "arischen" Wissenschaft proklamieren.

Franz Bieberkopf befaßt sich nicht mit Kunst oder Physik. Er ist zu sehr damit beschäftigt, Arbeit zu suchen.

Der Alexanderplatz, im Herzen Berlins gelegen, gleicht einem schwitzenden, dampfenden, menschlichen Ameisenhaufen. Züge, U-Bahnen und Busse spucken ihre Passagiere im Minutentakt aus, und wenn man lang genug am Alexanderplatz bleibt, trifft man zwangsläufig auf alte Freunde, Feinde und Bekannte. Am Alexanderplatz trifft Bieberkopf auf die Schwester der Frau, die er tötete, und überwindet mit ihr rasch sein Problem zeitweiliger Impotenz.

Später versucht er, am Bahnhof Seile und Schnürsenkel zu verkaufen... Fang klein an und arbeite dich hoch... "Wenn Du es in Berlin zu nichts bringst, schaffst Du es nirgends." Aber die Zeiten sind hart und das Geld ist knapp... es ist schwer.

Ungeachtet der Niederlage der Novemberrevolution wächst der Enthusiasmus für die Russische Revolution. Die Kommunistische Partei hat großen Zulauf. In Berlin häufen sich Zusammenstöße zwischen Faschisten und gut organisierten Gruppen von Arbeitern und Kommunisten. Bieberkopf ist nicht wirklich politisch, aber in dieser Zeit kann man sich nicht raushalten. Er sucht Ordnung und Stabilität und - viel wichtiger - Arbeit. Man bietet ihm einen Job als Verkäufer des Nazi-Blatts Völkischer Beobachter an. In einer Kneipe trifft er auf eine Gruppe Kommunisten - darunter ehemalige Freunde. Es kommt zum Konflikt, und er findet keinen Grund, seinen Kopf für die Nazis hinzuhalten. Er wirft die Hakenkreuzarmbinde weg.

Im Laufe der Auseinandersetzung wird Bieberkopf nach seiner Lebensphilosophie gefragt. Er kratzt sich am Kopf, er ist kein Philosoph. Dann erinnert er sich an einen Vers, den er im Gefängnis gehört hat. Er rezitiert aus dem Gedächtnis, mit Galgenhumor und Berliner Schnauze. Etwa so:

"Willst du, o Mensch, auf dieser Erden ein männliches Subjekte werden, dann überlege es dir genau, eh du dich von einer weisen Frau ans Tageslicht befördern läßt! Die Erde ist ein Jammernest! Glaub es dem Dichter dieser Strophen, der oft an dieser doofen, an dieser harten Speise kaut! Zitat aus Goethes Faust geklaut: Der Mensch ist seines Lebens froh gewöhnlich nur als Embrio!... Da ist der gute Vater Staat, er gängelt dich von früh bis spat. Er zwickt und beutelt dich nach Noten mit Paragraphen und Verboten! Sein erst Gebot heißt: Mensch, berappe! Das zweite: halte deine Klappe! So lebst du in der Dämmerung, im Zustand der Belämmerung. Und suchst du ab und zu den steifen Verdruß im Wirtshaus zu ersäufen, in Bier, beziehentlich in Wein, dann stellt sich prompt der Kater ein. Inzwischen melden sich die Jahre, der Mottenfraß zermürbt die Haare, es kracht bedenklich im Gebälke, die Glieder werden schlapp und welke; die Grütze säuert im Gehirn, und immer dünner wird der Zwirn. Kurzum, du merkst, es wird jetzt Herbst, du legst den Löffel hin und sterbst. Nun frag ich dich, o Freund, mit Beben, was ist der Mensch, was ist das Leben? Schon unser großer Schiller spricht: ‚Der Güter höchstes ist es nicht‘. Ich aber sag: es gleicht ner Hühnerleiter, von oben bis unten und so weiter."

Immer noch ohne Arbeit befindet sich Bieberkopf bald wieder in schlechter Gesellschaft. Er ist viel zu vertrauensselig und entwickelt eine verhängnisvolle Anhänglichkeit zum Psychopathen Reinhold. Gegen seinen Willen wird er in ein Verbrechen hineingezogen, das tragisch für ihn endet. Er verliert seinen Arm und, was noch viel schlimmer ist, später auch noch seine geliebte Sonja aus Bernau, die er zärtlich Mieze nennt... seine kleine Schmusekatze. Dieser Schlag ist zu viel. Er findet sich völlig verwirrt im Krankenhaus wieder, das er gebrochen und verändert verläßt.

Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" wurde 1929 veröffentlicht und entwickelte sich zur großen Überraschung des Autors und des Verlegers schnell zum Bestseller. 1931 wurde er verfilmt. Deutschlands bekanntester Charakterdarsteller, Heinrich George, übernahm die Rolle des Franz Bieberkopf. Das Buch war nicht überall gleichermaßen beliebt. Zu den schärfsten Kritikern gehörten die Organe der Kommunistischen Partei: "konterrevolutionär" ( Rote Fahne 1929) und "reaktionär, konterrevolutionär... und politisch gefährlich für das Proletariat" ( Linkskurve 1929). Die KPD war gerade dabei, Ernst Thälmann zum vorbildlichen Arbeiterhelden zu küren, und hatte keine Zeit für die Eigenheiten eines Franz Bieberkopf.

Wenn Döblin über das alltägliche Leben in Berlin schrieb, wußte er, wovon er sprach. Er hatte eine schwierige Kindheit durchlebt und anschließend Medizin studiert. Später sagte er, seine Ansichten seien weitgehend von der Armut während der Kindheit geprägt worden. "Es blieb in mir, daß wir, daß ich zu den Armen gehörte. Dies hat meine ganze Art bestimmt. Zu diesem Volk, zu dieser Nation gehöre ich: zu den Armen." Während des Ersten Weltkriegs arbeitete er als Sanitäter und erlebte die Verwüstung und Verstümmelung auf dem Schlachtfeld. Als Arzt setzte sich Döblin intensiv mit der Psychologie auseinander und studierte die neu erschienenen Werke von Sigmund Freud.

Vor und nach dem Krieg führte er eine eigene Praxis in der Mitte Berlins. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Arbeit mit Kriminellen. Dabei stellte er fest, daß die Kriminalität tiefe Wurzeln in der Gesellschaft hatte. Er schrieb im Lesezirkel von 1932:

"Ich hatte auch vor Jahren eine Beobachtungsstation für Kriminelle. Von da kam manches Interessante und Sagenswerte. Und wenn ich diesen Menschen und vielen ähnlichen da draußen begegnete, so hatte ich ein eigentümliches Bild von dieser unserer Gesellschaft: wie es da keine so straffe formulierbare Grenze zwischen Kriminellen und nicht Kriminellen gibt, wie an allen möglichen Stellen die Gesellschaft - oder besser das, was ich sah - von Kriminalität unterwühlt war. Schon das war eine eigentümliche Perspektive."

Als junger Mann begann Döblin sich um die Jahrhundertwende für die neuen Kunstbewegungen zu interessieren... zuerst für den Futurismus, später für den Dadaismus und den Expressionismus. Er machte aus seiner Abneigung für deutsche Klassiker wie Thomas Mann kein Geheimnis. Er traf Brecht und andere, mit denen zusammen er 1925 die "Gruppe 25" gründete, in der Fragen der Kunst und Politik diskutiert wurden. Vor "Berlin Alexanderplatz", hatte er einige hervorragende Romane verfaßt, die aber nur geringe Auflagen erreichten.

Döblin und "Berlin Alexanderplatz" wurden zur Quelle der Inspiration für einige der begabtesten und produktivsten deutschen Künstler dieses Jahrhunderts. Viele werden die jüngste Dramatisierung von "Berlin Alexanderplatz" durch die "Brille" des Dramatikers und Filmemachers Rainer Werner Fassbinder sehen. In dem Programmheft zur Theaterproduktion ist zu lesen, daß Fassbinder erstmals im Alter von 14 Jahren mit "Berlin Alexanderplatz" in Berührung kam und das Lesen nach den ersten 200 Seiten aufgab, weil ihn das Buch hoffnungslos langweilte. Fünf Jahre später nahm er den Roman erneut zur Hand und fand ihn so fesselnd, daß er den Entschluß faßte, das Stück zu verfilmen. Fassbinder benötigte zehn Jahre, bis er im Jahr 1980, auf dem Höhepunkt seiner Produktivität, seine monumentale 13teilige Fernsehserie vorstellte. Fünfzig Jahre nach der Publikation erreicht Döblins Buch erneut ein breites Publikum und seine Charaktere Franz, Mieze, Reinhold werden vielen durch die wunderbare Darstellung von Gunther Lamprecht, Barbara Sukowa und Gottfried John unter der Regie von Fassbinder in unvergeßlicher Erinnerung bleiben.

Was zu sagen bleibt, ist, daß die vierstündige Theaterinszenierung von Regisseur Uwe Eric Laufenberger und Oliver Rees, dem Autor der Bühnenproduktion, Fassbinders Interpretation ebenbürtig ist.

Ben Becker, vielen als Bass-Sänger aus dem Film "Comedian Harmonists" bekannt, bietet eine außerordentliche Darstellung des Franz Bieberkopf. Er verkörpert einen jüngeren und schwungvolleren Bieberkopf als George und Lamprecht. Er vermittelt ein außerordentliches Spektrum an Gefühlen, das von resignierter Grübelei, direktem Humor über kopflose Raserei bis zur Verzweiflung reicht. Er versteht es, den Kummer und die Sorgen des Franz Bieberkopf realistisch darzustellen.

Die schauspielerische Leistung der anderen Akteure ist ebenfalls beeindruckend, insbesondere Regine Zimmermann als reizende, spontane, unverwüstliche Mieze und Frank Seppler als unberechenbarer Reinhold. Einige Kleinigkeiten scheinen unpassend - einige Musikelemente am Ende des Stückes sind fehl am Platz -, aber solche Details sind unwesentlich. Laufenberg hat einen mutigen und im Großen und Ganzen gelungenen Versuch unternommen, die Leidenschaft, den Humor und die Vielschichtigkeit von Döblins Meisterwerk wiederzugeben. Dies äußert sich vor allem in der hervorragenden Leistung Beckers.

Die Theaterinszenierung macht bewußt, daß wir immer noch im selben Jahrhundert wie Döblin leben. Wie Bieberkopf leben wir in einer Gesellschaft, in der gewaltige anonyme Kräfte daran arbeiten, alles ehrliche, geradlinige und bewundernswerte im Menschen zunichte zu machen und jedes Fünkchen aufrichtiger Individualität auszulöschen. Ein Jahr vor Beginn des neuen Jahrhunderts ist eine Wiederbegegnung mit "Berlin Alexanderplatz" und der Arbeit Döblins in vielerlei Hinsicht das ideale Gegenmittel. Sie hilft den Schmerz zu lindern, die Nerven zu beruhigen, Gedanken zu sammeln und... richtig wütend über die bestehenden Zustände zu werden.

Das letzte Wort überlassen wir Döblin und seinem "Berlin Alexanderplatz". Franz wurde gerade aus einem Auto geworfen. Wenn er wieder erwacht, wird ihm ein Arm fehlen:

"Freuen wir uns, wenn die Sonne aufgeht und das schöne Licht kommt. Das Gaslicht kann ausgehen, das elektrische. Die Menschen stehen auf, wenn ihr Wecker schnurrt, es hat ein neuer Tag begonnen. Wenn vorher der 11.April war, ist jetzt der 12., wenn es ein Sonntag war, ist jetzt ein Montag. Das Jahr hat sich nicht geändert, der Monat auch nicht, aber es ist eine Änderung eingetreten. Die Welt hat sich weiter gewälzt. Die Sonne ist aufgegangen. Es ist nicht sicher, was diese Sonne ist. Die Astronomen beschäftigen sich viel mit diesem Körper. Er ist ja, sagen sie, der Zentralkörper unseres Planetensystems, denn unsere Erde ist nur ein kleiner Planet, und was sind eigentlich wir denn? Wenn so die Sonne aufgeht und man sich freut, sollte man eigentlich betrübt sein, denn was ist man denn? 300 000mal so groß wie die Erde ist die Sonne, und was gibt es alles noch für Zahlen und Nullen, die alle nur sagen, daß wir eine Null sind oder gar nichts, völlig nichts. Eigentlich lächerlich, sich da zu freuen.

Und doch freut man sich wenn das schöne Licht da ist, weiß und stark, und kommt auf den Straßen, in den Zimmern erwachen alle Farben, und die Gesichter sind da, die Züge. Es ist wohlig, Formen und Farben zu tasten mit den Händen, aber es ist ein Glück zu sehen, Farben zu sehen, Linien. Und man freut sich und kann zeigen, was man ist, man tut, man erlebt. Wir freuen uns auch im April über das bißchen Wärme, wie freuen sich die Blumen, daß sie wachsen können Es muß ein Irrtum, ein Fehler sein in den schrecklichen Zahlen mit den vielen Nullen.

Geh nur auf, Sonne, du erschreckst uns nicht. Die vielen Kilometer sind uns gleichgültig, der Durchmesser, dein Volumen. Warme Sonne, geh nur auf, helles Licht, geh auf. Du bist nicht groß, du bist nicht klein, du bist eine Freude."