"Gegen 22 Uhr ertönten die Sirenen jeden Tag fast wie nach Kommando"

Kriegserfahrungen in Belgrad und im Norden Jugoslawiens. Ein Reisebericht

9. Juni 1999

Eine Leserin, deren Eltern im Norden Jugoslawiens und deren einer Sohn in Belgrad lebt, besuchte Mitte Mai ihre Familienangehörigen, denn sie "konnte es nicht weiter aushalten, diesen Krieg ohnmächtig von Deutschland aus zu verfolgen." Ihr Reisebericht vermittelt einen Eindruck von den Kriegserfahrungen jener Menschen, die aus den Medien für gewöhnlich ausgeblendet werden. Dabei betont die Autorin, daß die Lage im Süden Jugoslawiens weitaus schlimmer sei, als in den von ihr besuchten Gebieten.

Ich kam am Nachmittag des 14. Mai an die Ungarisch-Jugoslawische Grenze. Auf den Straßen befand sich wegen des Treibstoffmangels kaum ein Fahrzeug. Allein das war gespenstisch. Unterwegs Militär-Kontrollposten. Keine unangenehmen Befragungen. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die Sirenen soeben Fliegeralarm gemeldet hatten. Mein Weg führt an einem militärischen Flughafen vorbei, wo die Straße bereits in den ersten nächtlichen NATO-Angriffen beschädigt wurde. Ich wollte kein russisches Roulett spielen und nahm einen Umweg.

In meinem Elternhaus läuft alles noch "normal", wenn das große Tor geschlossen ist. Zu Essen gibt es auch noch genügend. In der vorhergehenden Nacht hat die NATO wieder mal die Stromversorgung gekappt. Kein Strom - kein Wasser. Ich hatte Glück: es gab bei meiner Ankunft beides. Sonst nur stundenweise. Die Wasserversorgung stabilisierte sich im Laufe der Tage, die Stromversorgung verschlechterte sich. Die Temperaturen wurden immer höher. Das Gut in den Kühlschränken drohte zu verderben. Tiefkühltruhen öffnete man nur bei größtem Bedarf und für Sekunden. Abends gab es keine Straßenbeleuchtung.

Gegen 22 Uhr ertönten die Sirenen jeden Tag fast wie nach Kommando. Fliegeralarm galt für die ganze Nacht. Bald darauf hörte man die Flugzeuge. Manchmal flogen sie über eine Stunde über uns. Flugabwehr gab es nicht. Alle wußten, daß die Flieger mit Bomben beladen sind, die jederzeit und überall runterfallen können. Jeder wußte, daß "kollaterale Schäden" möglich sind. "These things happen in war." Der Sohn eines Bekannten von mir (22) wurde als Soldat in einer Kaserne in Kosovo nachts im Schlaf getötet. Die Todesanzeige lautete "Gefallen bei der Verteidigung des Vaterlandes." Er hatte, wie die meisten Militärpflichtigen, keine Wahl gehabt. Es gibt keine Möglichkeit, die Wehrpflicht zu verweigern. Deserteure werden im Kriegszustand vom Kriegsgericht verurteilt. Die haben die Auswahl zwischen der Kugel und der Bombe. Wenn sie Glück haben, werden sie nicht von Bomben getroffen.

Der Feind hat kein Gesicht. Er fliegt auf 10.000 bis 11.000 m Höhe und verfügt über modernste Technologie. Die jugoslawischen Soldaten haben keine Verteidigungsmöglichkeit. Der Sohn meiner Schulfreundin leistet gerade seinen Wehrdienst ab. Ein anderer ist auch im Kosovo. Die Eltern wissen, daß nur ein Wunder ihnen ihre Kinder zurückbringen kann. Es gab Meldungen über Demonstrationen im Süden, aber der Informationsfluß war schlecht. Fast alle Sender wurden zerstört. Die Menschen leben im Dunklen.

Am Pfingstsonntag fuhr ich mit meinem PKW nach Belgrad. Ich dachte, es ist Feiertag, vielleicht machen die Piloten Pause. Ich hatte Glück. Es schüttete wie aus Kübeln. Die Leute in Jugoslawien freuen sich auf schlechtes Wetter. Aus Erfahrung wissen sie, daß dann weniger gebombt wird. Das kroatische Staatsfernsehen endet seine Nachrichtensendung mit dem Schlußsatz "Ihnen, liebe Zuschauer, wünschen wir eine ruhige Nacht und den Serben einen heiteren Himmel." No comment.

Der Weg führt nach einer Kreuzung bei Novi Sad über Dörfer, die ich noch nie gesehen habe. Durch die zerstörten Donaubrücken bei Novi Sad kann man nach Belgrad nur noch auf Umwegen kommen. Unterwegs merkt man, daß die Stromversorgung überall gekappt ist. Keine Ampel war an. An vielen Stellen sah man Schlangen vor Brotbuden. Die Bäcker sollen bevorzugt mit Strom versorgt werden. Trotzdem mußten so manche mit leeren Taschen zurückgehen.

Unterwegs einige schwarze Rauchwolken. Nach Angaben der Einheimischen gelang es nicht, das Feuer aus den zerbombten Öltanks zu löschen. Novi Sad soll, nach ständigem Beschießen der Ölraffinerie, tagelang unter einer Rauchwolke gewesen sein. In einigen Stadtteilen hätten die Bewohner tagelang keine Sonne zu sehen bekommen.

Nach etwa drei Stunden Fahrt passierte ich die einzig übriggebliebene Donaubrücke mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Die NATO-Flugzeuge waren in den letzten Tagen auch tagsüber sehr "aktiv" gewesen. Das Versprechen von Clinton scheint sich durchzusetzen: "Es kommt schönes Wetter, wir werden rund um die Uhr bomben"...

Ich sehe die ersten Belgrader Straßen. Die Hochhäuser sehen vergammelt aus. Seit Jahren gibt es kein Geld für die Reparatur der Fassaden (Embargo), aber jetzt sieht alles noch schlimmer aus. Die Straße des Knez Milos übertrifft alle meine Befürchtungen. Jedes 3. Gebäude ist zerstört. Links der Generalstab, ein altes Gebäude im Jugendstil, mit Säulen am Eingang, total zerstört. Gegenüber in der "Nemanjina" die Militärische Akademie, die nach moderner Architektur und dem roten Marmor bekannt war, bis zum Erdgeschoß zerstört. Es ragen Reste von Armaturen heraus und verkohlte Steinblöcke sind sichtbar. Gegenüber das Gebäude des Außenministeriums mit Löchern von Bombensplittern. Die Amerikanische Botschaft mit Graffiti-Aufschriften "Mörder!Mörder!". Gleich danach die Deutsche Botschaft mit ähnlichen Messages. Schräg gegenüber die Kanadische Botschaft, die ziemlich demoliert aussieht. Am Ende der Straße beidseitig großflächige Ruinen: Das Innenministerium Jugoslawiens rechts und das Innenministerium der Republik Serbien (ein relativ neues, ca. 1990 erbautes Gebäude) links.

In den danach folgenden Nächten wurden die Ministerien abermals getroffen. Man fragt sich, wie platt sollen sie noch gebombt werden oder hat die NATO keine neuen Ziele mehr. (Gott sei Dank, meint die Bevölkerung und hält konspirativ den Finger vor dem Mund... man solle schweigen und nicht den Teufel an die Wand malen.) Die zwischen den Ruinen liegenden Wohnhäuser sind alle ohne Fenster. Als Ersatz dienen Nylontüten. Der Anblick ist gespenstisch.

Daß zum größten Teil kein Strom da ist, sieht man daran, daß der Verkehr durch Polizisten geregelt wird. An diesem Sonntagmorgen war es auf den Straßen Belgrads besonders öde. Nur einzelne Frauen und Männer waren mit Taschen unterwegs, auf der Suche nach Lebensmitteln, die es angeblich noch ausreichend gibt. Auf den Märkten wird Gemüse verkauft, dessen Qualität wegen möglicher Belastung mit Schwermetallen fragwürdig ist (zerstörte Raffinerie und Chemiewerke in Pancevo). Man stellt sich keine Fragen und kauft ein, was es gibt. Nur wenige Straßen vermitteln den Eindruck von Normalität.

Die Menschen wirken alle düster, ungepflegt. Ihre Gesichter strahlen Verzweiflung aus. Jeder ist mit seinem Kleinkram beschäftigt: Gibt es Strom, gibt es Wasser, wie lange habe ich noch Geld, wie lange wird es zu Essen geben... Alle wurden mundtot gemacht. Man verleiht dem Präsidenten unterschiedliche Decknamen. Niemand spricht seinen Namen aus. Es herrscht Unsicherheit auch hinsichtlich der Schuldzuteilung. Aber jedem ist bewußt, daß etwas nicht stimmt. Warum genau die Bomben fallen, weiß keiner. Alle empfinden sie als ungerecht und alle wissen, daß das Bombardement gegen das Völkerrecht verstößt. Aber "die da oben" machen sowieso, was sie wollen und "kennen keinen Gott", wie man es im Serbischen umgangssprachlich sagt. Der Zusammenhang zwischen dem Einstellen der Bombardierungen und der Reaktion des Volkes ist unklar. Entschieden wird unabhängig von den Leidenden.

Ich holte meinen Sohn ab, wir luden die "humanitäre Hilfe", wie ich den Inhalt meines Kofferraumes nannte, schnell aus. Ich freute mich über das Sauwetter und daß es keinen Fliegeralarm gab. Wir besuchten noch eine Verwandte in einem Villenviertel. Alle täuschten Normalität und Gelassenheit vor. Ich kann diesen Optimismus nicht verstehen, freue mich aber darauf. Ich wurde gut bewirtet: mit der traditionellen "Gibanica" (eine Art Käsestrudel) und einem feinen Kuchen. Cola gab es auch. Alle freuten sich, daß es an dem Tag Strom und Wasser in der Gegend gab. Aber es gebe auch Stadtteile, wo die Menschen seit Tagen ohne Strom und Wasser sind. Ich hörte Geschichten über Rettungsaktionen des Tiefkühlgutes in Wohnblockvierteln, wo es keinen Strom und kein Wasser gab. Auf dem Rasen improvisierte man Grillstellen, indem man zwei Ziegel aufstellte, und man hat alles gebraten, was noch zu braten war. Das tiefgefrorene Obst war nicht zu retten. Eine Oma kochte sich türkischen Kaffee auf offenem Feuer und "spielte" mit ihrem Enkel "Zigeuner". Dem Kind gefiel es.

Am frühen Nachmittag verließ ich Belgrad wieder über die einzige noch unbeschädigte (pssst!!!) Donaubrücke und fragte mich, wann die "dran" sei und warum man sie überhaupt bis jetzt stehen ließ. Die Zerstörung dieser Brücke wäre die reinste Katastrophe: Viele Belgrader gehen über die Donau zur Arbeit, denn jenseits befindet sich die größte Lebensmittelfabrik, die Belgrad mit Milchprodukten versorgt. Über die Qualität der Milchprodukte, nachdem giftige Gase von der zerstörten Chemiewerke austraten, wagt niemand zu sprechen.

Ich komme gut zurück. Der Sprit reicht zum Glück. Den gibt es nämlich erst bei der Rückreise durch Ungarn wieder. Zu Hause bei meinen Eltern herrscht fast Normalität. Nur Strom gibt es keinen.

Inzwischen fanden zahlreiche "Verhandlungen" statt. Tschernomyrdin, Milosevic, Fischer, Schröder.... Für alle Fälle wird weitergebombt. Schließlich darf Milosevic keine Schwäche merken und keine Uneinigkeit. Und die NATO muß ihr Gesicht bewahren. Die Bevölkerung Jugoslawiens dagegen will sich "aus Stolz" nicht "kaufen lassen". Eine Besatzung ist nicht vorstellbar. Der Begriff "Stolz" ist eben sehr relativ. Das Schlangestehen um Brot, Zigaretten und Milch ist für die meisten würdiger, als "fremde Herrschaft". Über die herrschende Diktatur wird geschwiegen. Die Gefängnisse sind eh schon voll.

Siehe auch:
Sämtliche Artikel zum Krieg der NATO gegen Jugoslawien