Szenen einer Ehe

David Walsh über Eyes Wide Shut

Regie: Stanley Kubrick, Drehbuch: Frederic Raphael und Kubrick, auf der Grundlage der Traumnovelle von Arthur Schnitzler

Von David Walsh
27. August 1999

Eyes Wide Shut ist ein interessanter Fehlschlag, ein angemessener Höhepunkt der Karriere des amerikanischen Regisseurs Stanley Kubrick, der im März im Alter von 70 Jahren gestorben ist. Auch wenn Kubricks Bemühen, in seinem letzten Film große Aussagen zu machen, unklar und schwülstig endet, so vermittelt das Werk in seinen erfolgreichsten Momenten doch etwas über die Schwierigkeiten, das Leben mit einem anderen Menschen zu teilen.

Eyes Wide Shut basiert auf der Traumnovelle des österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler (1862-1931), der heute vermutlich vor allem wegen seines Stücks Reigen bekannt ist, welches 1950 von Max Ophüls verfilmt wurde (und vor kurzem von David Hare für die Bühne bearbeitet wurde).

In der Bearbeitung durch Kubrick und Frederic Raphael ( Darling (1965), Zwei auf gleichem Weg (1967)) findet die Handlung, etwas unbestimmt, im heutigen New York statt. Bill (Tom Cruise) und Alice Harford (Nicole Kidman) sind ein verheiratetes Paar der gehobenen Mittelklasse und haben eine Tochter. Er ist Arzt, sie hat sich mit dem Betrieb einer Kunstgalerie versucht, ist damit aber gescheitert. Sie haben eine Menge Geld, sind attraktiv und mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht halten sie sich gegenseitig für selbstverständlich. Das Eheleben ist zu einer Art Formalität geworden.

Auf einer verschwenderischen Party macht ein heiterer Ungar Alice ein Angebot und zwei Frauen drängen sich Bill auf. Er wird von Victor Ziegler, dem reichen Gastgeber der Party, ins obere Stockwerk gerufen, damit er sich um eine nackte Frau kümmert, die eine Überdosis Drogen genommen hat.

Am nächsten Tag erzählt Alice ihrem Ehemann unter dem Einfluss von Marihuana über eine Affäre, die sie beinahe im letzten Sommer gehabt hätte. Sie war bereit, sagt sie, für eine Nacht mit einem jungen Marineoffizier alles aufzugeben. Bill wird wegen des Todes eines seiner Patienten weggerufen. Der Gedanke an seine Frau und den Marineoffizier nagt an ihm. Nach der Visite wandert er durch die Straßen.

Er begegnet einem alten Freund von der Hochschule, der jetzt in Nachtclubs und noch viel düstereren Orten Klavier spielt. Bill erfährt von einem Haus, in dem allerlei sexuelles Treiben stattfindet. Er bewegt seinen Freund dazu, ihm das geheime Passwort mitzuteilen und begibt sich kostümiert zu der Villa, in der die Orgien stattfinden. Nachdem er schließlich als Eindringling entlarvt ist, steht Bill eine demütigende (oder schlimmere) Bestrafung bevor. Eine Frau - die vorher versucht hatte, ihn vor den Gefahren zu warnen - greift ein und bietet an, sich für ihn zu opfern.

Als er nach Hause zurück kommt, weckt Bill Alice mitten in einem Traum. Sie beschreibt den Traum als Alptraum, obwohl sie im Schlaf lacht, als er das Schlafzimmer betritt. Sie hat davon geträumt, Sex mit einer Reihe von Männern zu haben. Dies trägt nicht zur Beruhigung von Bills Nerven bei.

Seine Anstrengungen, den klavierspielenden Freund wieder zu finden, werden zunichte gemacht. Als er an den Ort der Orgien zurückkehrt, erhält er eine Warnung, seine Nachforschungen einzustellen. In einer Zeitung liest er von einer ehemaligen Schönheitskönigin, die mit einer Überdosis ins Krankenhaus gefahren wurde. Daraufhin versucht Bill, sie zu besuchen, sie ist aber bereits gestorben. Er sieht sich ihren Körper im Leichenhaus an und wir nehmen an, dass sie die Frau aus der Villa ist. Victor Ziegler bestellt Bill zu sich und sagt ihm, dass er in der Villa war und "alles gesehen" hat. Die Frau, die selbe von Zieglers Party, sei von niemandem getötet worden, er beharrt darauf, dass sie einfach eine Überdosis nahm.

Zu Hause bricht Bill zusammen. "Ich will dir alles erzählen", sagt er und tut es. Später fragt er: "Was sollen wir tun?" Schnitzlers Original, dem Raphael und Kubrick eng folgen, endet mit dem folgenden Wortwechsel: "‘Dem Schicksal dankbar sein, glaube ich, dass wir aus allen Abenteuern heil davongekommen sind - aus den wirklichen und aus den geträumten.‘ ‚Weißt du das auch ganz gewiss?‘ fragte er. ‚So gewiss, als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, ja dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.‘ ‚Und kein Traum‘, seufzte er leise, ‚ist völlig Traum.‘" Der letzte Satz im Film - eine ziemlich grobe sexuelle Aufforderung - ist Kubricks und Raphaels zynischer Beitrag.

Eyes Wide Shut hat zahlreiche unangenehme Aspekte. Kubrick neigte immer zur Angeberei, und so auch hier. Der Kritiker Robin Wood bemerkte vor Jahren, dass die Anerkennung von Kubricks Uhrwerk Orange(1971) aufgrund seiner "visuellen Brillanz" gezeigt habe, "dass die Mehrheit der schreibenden Kritiker ‚Technik‘ nur bemerken, wenn man sie ihnen direkt unter die Nase reibt." Ausstattung, Art des Schauspielens, Kameraführung, Einsatz von Farbe in Eyes Wide Shut - alles ist arrangiert, um die Aufmerksamkeit zu erregen, um zu suggerieren, dass dies großes Kino sei. Außerdem werden wir informiert, dass die Fertigstellung des Films Jahre beanspruchte, Kubrick ein anerkannter Perfektionist ist, usw.

Nichts davon hat mich je beeindruckt. Ich sehe auch nicht ein, warum die Herstellung von nur 12 Filmen in 44 Jahren unbedingt ein Ruhmesblatt sein soll. Eine einseitige Konzentration auf technische Perfektion kann ein Mittel sein, um intellektuellen und moralischen Fragen auszuweichen. Andrew Sarris hat einmal beobachtet, dass Kubrick "ein naives Vertrauen in die Macht von Bildern setzt, krause Gefühle und verschwommene Ideen zu enträtseln."

Die zentrale Orgien-Sequenz ist ein Zerrbild. Die sexuellen Aktivitäten sind willkürlich und überflüssig. Was in aller Welt ist der Zweck dieser Szene? Wer sind diese finsteren maskierten Leute oder wen interessiert das überhaupt? Kubrick und seine glühenden Verehrer haben immer den sehr elementaren Fehler begangen sich einzubilden, dass seine zu oft kalte und entmenschlichende Gestaltung der Rollen eine Art Kritik der Kälte und Entmenschlichung sei. Leider hat Kubrick mit den Filmen 2001 - Odyssee im Weltraum(1968) und Uhrwerk Orange dieses Problem nur noch vergrößert. Besonders der letzte Film ist wirklich abstoßend.

Wood hatte meiner Ansicht nach ziemlich recht, als er argumentierte, dass die vermutete technische Virtuosität von Uhrwerk Orange"unablässig eigensüchtig und in Selbstbespiegelung befangen ist: sie scheint zu sagen, ‚Die Menschheit ist erniedrigt und widerwärtig, aber schaut euch nur diesen Film an.‘" Ich habe genauso auf die Orgien-Szene in Eyes Wide Shut reagiert. Ich finde es beunruhigend, dass Kubrick, während er scheinbar bestimmtes Verhalten kritisiert, gleichzeitig so davon angezogen ist. Man wird ständig zu der Einschätzung gedrängt, dass dem Filmemacher viel weniger bewusst war, als er sich eingebildet hatte.

Schnitzler war anscheinend ein Frauenheld. Traumnovelle ist ein interessantes Werk, aber bei weitem nicht ohne Mängel. Der Autor, ein Arzt wie seine Hauptfigur, geht in dem Buch mit einigen seiner eigenen Phantasien zu unkritisch um. Kubrick ebenso. Alle Frauen sind attraktiv; sie alle wollen etwas von unserem Helden. Die Prostituierte wirkt besonders unglaubwürdig, ihr fehlt jegliche Härte des wirklichen Lebens.

Wenn er nicht absichtlich etwas verdunkelt, dann fehlt Kubrick Feingefühl. In der Anfangsszene, als sich das Ehepaar auf eine Party vorbereitet, fragt Alice, wie sie aussehe. Bill sagt, ohne sie anzusehen, dass sie perfekt aussehe. Eine Menge Information über ihre Beziehung ist uns damit bereits auf dem Tablett serviert worden. Auch die wiederkehrenden Schwarzweißbilder von Alice und dem Marineoffizier, die sich in Bills Phantasie im Bett wälzen, sind ungeschickt und irritierend. Man sollte dem Publikum zutrauen, sich auch selbst etwas vorzustellen.

Kubricks Mangel an Vertrauen in die geistigen Fähigkeiten seines Publikums ist verbunden mit der Frage seiner problematischen Einstellung gegenüber der Menschheit insgesamt. Man könnte seine Filmkarriere als einen langsamen Abstieg in den Sumpf der Misanthropie ansehen. Darauf folgt, wenn nicht ein Aufstieg aus dem Sumpf, doch zumindest ein Spiel an seinem Rand.

Wege zum Ruhm (1957) und Spartacus(1960) zeigten einen humanitären Impuls. Den französischen Filmemacher und Kritiker Jean-Luc Godard interessierten beide Filme nicht. Er schrieb: "Also erwartete man von Lolita[1962] das Schlimmste. Überraschung: es ist ein einfacher, klarer und präzise geschriebener Film" der einiges über "Amerika und amerikanischen Sex" enthülle. Ich stimme dieser Einschätzung zu. Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben(1964) ist eine Mischung aus Zynismus, Einsicht, Satire und Blödelei. Zahlreiche Kritiker haben bemerkt, dass der Computer Hal der sympathischste Charakter in dem frostigen Film 2001 war. (Peter Wollen hat nach Angaben von Wood einmal kommentiert, dass Kubrick, "nachdem er seine Verachtung für die Menschheit in seinen frühen Filmen ausgedrückt hatte, er sie in Dr. Seltsam ausgelöscht und sich mit 2001 in den Weltraum davongemacht habe." Die Bemerkung ist zu hart, aber es steckt etwas Wahrheit darin.) Mit Uhrwerk Orange scheint Kubrick den Grund des Sumpfs zu berühren.

Dann gibt es eine gewisse Wiederbelebung. Der auf einem obskuren Roman von Thackeray basierende Film Barry Lyndon (1975)war auch ein kaltes Werk, aber in ihm kam immerhin Interesse am Schicksal der Menschheit zum Ausdruck. Shining war nach meiner Meinung ein Höhepunkt in Kubricks Karriere. Der geistige Zerfall der von Jack Nicholson gespielten Rolle ist einfühlsam und bewegend. Es gibt bemerkenswerte Sequenzen militärischer Brutalisierung in Full Metal Jacket.

Und jetzt das letzte Werk, Eyes Wide Shut.

Als jemand, der im allgemeinen kein Bewunderer von Kubrick war und seinen letzten Film ohne besondere Erwartung gesehen hat, muss ich sagen, dass ich trotz all seiner ernsten Mängel einige Momente des Films ziemlich bestechend fand. Tatsächlich muss ich den Film oder Aspekte davon gegen seine entschiedensten Kritiker verteidigen. Diejenigen, die enttäuscht sind, dass Kubrick nicht den Film gemacht hat, den sie von ihm erwartet hatten, schütten möglicherweise das Kind mit dem Bade aus.

Ich denke, dass man sich einem Film soweit wie möglich ohne vorgegebene Schemata im Kopf nähern sollte, ohne Forderungen, die der Filmemacher erfüllen muss, und statt dessen nach seinen humansten und menschlichsten Elementen suchen sollte, selbst dann, wenn sie nicht durchgehend oder in ausgearbeiteter Form vertreten sind. Ich denke, man sollte unablässig nach ästhetischen und sozialen Wendungen suchen, nach den besten Aspekten eines Films und eines Filmemachers. Dabei muss man immer die ungünstigen historischen und intellektuellen Umstände berücksichtigen, die für so viele Probleme des heutigen Films verantwortlich sind.

Mit anderen Worten, mich stört es nicht so sehr, dass Kubricks Darstellung des Lebens der New Yorker Mittelklasse von 1999 sowohl physisch als auch emotional ungenau ist, worauf zahlreiche Kritiker hingewiesen haben. Auch die gelegentlichen Unzulänglichkeiten der Schauspielerei stören mich nicht übermäßig.

Der Film scheint mir eine Traurigkeit zu enthalten, eine Bedrücktheit, die echt ist und sich dem Zuschauer mitteilt. Teilweise manifestiert sie sich als Sozialkritik. Mir scheint, dass Kubrick beabsichtigt hat, den in bestimmten sozialen Schichten vorkommenden Narzissmus und die Beschäftigung mit sich selbst, ihre geistige Leere, zu kritisieren. Eheringe, Weihnachtsbäume und weitere formale Symbole sind zwar vorhanden, aber das moralische Leben ist ausgehöhlt worden. Der Film hat ein Element des Protests. Was auch immer man gegen den Film sagt, Eyes Wide Shut ist kein selbstgefälliges Werk.

Schnitzlers Werk entstand in den letzten Tagen des Habsburger Reiches (es wurde 1926 veröffentlicht, geschrieben wurde die Novelle offenbar im Wien vor dem Ersten Weltkrieg oder sie spielt zumindest in dieser Zeit.). Welches Bild zeichnet es? Das einer kulturell hochentwickelten, neurotischen, sich selbst bewussten Gesellschaft, die viele bemerkenswerte Persönlichkeiten hervorgebracht oder gefördert hat - darunter Freud, Adler, Mahler, Klimt, Schiele, Schönberg, Berg und andere. Dann gab es die als Austro-Marxismus bekannte Strömung, reich an Analyse, ein ganzes Stück ärmer an praktischen Implikationen. Es war auch eine Gesellschaft, die auf dem letzten Loch pfeift und dessen war sich Kubrick sehr bewusst. Mir ist nicht bekannt, ob er eine Parallele zwischen dem Schicksal der österreich-ungarischen Donaumonarchie und dem heutigen Amerika ziehen wollte, aber sie drängt sich von selbst auf.

Zudem spricht Kubrick in diesem Film elementare Probleme an. Es ist sehr schwer über eine lange Zeitspanne hinweg eine enge Beziehung zu haben. Eine Vielzahl von unterschiedlichen Einflüssen, Verstimmungen und Versuchungen tauchen auf. Der Partner hat ein unabhängiges geistiges Leben. Man ist nicht immer das Zentrum seiner oder ihrer Welt. Es ist sehr furchterregend. Einiges davon wird durch den Film vermittelt. Wie überlebt man, unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen, die Fähigkeit seines Partners an jemand anderen zu denken oder über ihn zu träumen - oder mehr als das zu tun? Selbst wenn man rational versteht, dass ein solcher Prozess unvermeidbar ist, macht es das erträglicher? Ist Ehrlichkeit das beste Verhalten? Ist es möglich oder wünschenswert dem Verlangen nachzugeben? Überleben Beziehungen immer? Sollten sie es? Das scheinen mir legitime Fragen zu sein.

Ich finde die Darstellung durch Cruise und Kidman bewegend - allein, dass sie diese Rollen überhaupt spielen. Sie hätten es nicht tun müssen. Kubrick hat ein wohlhabendes Ehepaar auswählt, um ein wohlhabendes Ehepaar zu spielen. Wie üblich, wollte er es wieder besonders schlau anstellen. Kubrick war nie ein großer Regisseur, was die Arbeit mit Schauspielern betrifft. Cruise war sicher in anderen Filmen besser, aber die bloße Unbeholfenheit einiger Momente im Film offenbart, dass man sich wirklich bemüht hat. In dieser Hinsicht ist dies kein zynischer Film.

Ich glaube, dass der Film auf seine eigene eigentümliche Weise einen Beitrag zum Verständnis der Komplexität des modernen Daseins leistet. Er enthält keine besondere gesellschaftliche Einsicht oder einfach erkennbare moralische Lehren, aber er befasst sich so eingehend mit dem Schicksal dieser unzulänglichen, reichlich selbstsüchtigen Leute, dass er eine gewisse Durchschlagskraft gewinnt. Forschungsergebnisse zeigen, dass Reichtum niemanden in Amerika glücklicher gemacht hat. Oscar Wilde bemerkte, dass die bestehende Ordnung einen Teil der Gesellschaft durch Verarmung daran gehindert hat, wirklich zu leben. "Sie hat den anderen Teil des Gemeinwesens daran gehindert, individuell zu sein, indem sie ihn auf den falschen Weg brachte und überfrachtet hat." Ein Gespür für diese Verschwendung und seine tragischen Seiten ist hier vorhanden. Ich denke, es wäre fehlgeleiteter Radikalismus, dies einfach abzutun.

Wenn man von allen unnötigen Elementen des Filmes absieht, seiner Kälte, der Angeberei, den trüben Sequenzen und den unentwickelten Themen, so bleibt ein Kern der Gefühle, den Kubrick, halb bewusst oder nicht, in die Form einer Fürsprache für gegenseitige Toleranz und Sympathie gebracht hat, in dem Wissen, dass es der Mensch auf diesem Planeten sehr schwer hat. Eyes Wide Shut, ein Fehlschlag, hat bei mir eine höhere Meinung über Kubrick hinterlassen. Es ist keine Frage, dass sein bestes Werk eine lange Zeit überdauern wird.

Siehe auch:
Stanley Kubrick—an appreciation
(27. März 1999)