Mandela-Biographie tastet Mythos um den ANC-Führer nicht an

"Nelson Mandela - Die Biographie" Anthony Sampson DVA Stuttgart 1999

Von Ann Talbot
14. August 1999

Nelson Mandela ist zu einer Kultfigur des ausgehenden 20. Jahrhunderts geworden. Viele verbanden mit seiner Freilassung am 11. Februar 1990, nach mehr als einem Vierteljahrhundert Haft, die Hoffnung auf Fortschritt, nachdem die reaktionäre Politik Thatchers und Reagans ein Jahrzehnt lang dominiert hatte. Etwa 200 Millionen Menschen sahen die Fernsehübertragung des Pop-Konzerts im ausverkauften Wembley-Stadion im Jahre 1988 zur Feier seines 70. Geburtstages, als Mandela noch im Gefängnis saß.

Viele der Zuschauer waren noch nicht einmal auf der Welt, als Mandela 1962 zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Nur wenige derer, die von der Begeisterung der Kampagne für Mandelas Freilassung mitgerissen wurden, verfolgten aufmerksam die Entwicklung in Südafrika. Manche wussten nicht einmal, wo Südafrika liegt. In einem Brief an ihren Vater aus Amerika schrieb seine Tochter Zeni: "Einige glauben, Südafrika liege in der Karibik." Dennoch sollte Mandelas Name und, nach seiner Freilassung, auch sein Gesicht weltweit bekannt werden. Wieder auf freiem Fuß, erhielt Mandela, der berühmteste Häftling der Welt, das Image eines Präsidenten, der Südafrika im Alleingang vor einem Blutbad bewahrte und einen friedlichen Übergang von der Apartheid zur Demokratie bewerkstelligte. Um diese nahezu heilige Figur geht es in Anthony Sampsons autorisierter Biographie Mandelas, die in diesem Jahr zeitgleich mit dessen Rücktritt als Präsident Südafrikas erscheint.

Sampson beteuert zwar, er wolle über den Mann hinter der Kultfigur schreiben, jedoch gelingt es ihm nie, hinter den Mandela umgebenden Mythos vorzudringen, weil dieser zu sehr ein Produkt der liberalen Medien ist, aus deren Kreis Sampson selbst kommt. Damit soll nicht gesagt werden, dass es eine schlechte Biographie ist. Ganz im Gegenteil: sie bietet reichhaltige Informationen über Mandela, den ANC und Südafrika. Sampsons Stil ist gut lesbar, er verzettelt sich nie in Einzelheiten, was bei einem gut recherchierten und dokumentierten Werk wie diesem eine Leistung darstellt. Seiner schriftstellerischen Kompetenz fehlt jedoch die historische Perspektive, um hinter den Glorienschein blicken zu können, der Mandela heute, vor seinem Rücktritt, immer noch umgibt. Eine solche historische Perspektive muss nicht auf die Zukunft verweisen, noch geht es dabei darum, die Person "verschwinden" zu lassen. Sie stellt vielmehr das Individuum in den geschichtlichen Zusammenhang und arbeitet die Verbindungen zwischen dem Charakter und den Handlungen einer geschichtlichen Figur und der Zeit und den Umständen heraus, die sie geprägt haben und die ihrerseits von ihr beeinflusst wurden.

Am besten kann man die historische Figur Mandelas von dem von den Medien geschaffenen Mandela-Mythos befreien, indem man genauer unter die Lupe nimmt, welches Erbe er Südafrika hinterlässt. Sein persönliches Ansehen bleibt enorm, doch die großen Hoffnungen auf Reformen, die ihn bei seinem Amtsantritt begleiteten, sind geschwunden, nachdem sein Land in Armut versunken ist und das Verbrechen grassiert. Der Anstieg der Kriminalität geht zurück auf die hohe Armut, die in einem entwickelten industrialisierten Land ihresgleichen sucht. Wer in der Armut der Dritten Welt leben muss, dem wird ständig der Reichtum westlicher Länder zur Schau gestellt. Die Weltbank kommt zu dem Ergebnis, dass in Südafrika die Einkommensungleichheit weltweit mit am größten ist. Nur Brasilien weist ein noch schlechteres Ergebnis aus. Das monatliche Haushaltseinkommen für schwarze Haushalte beträgt durchschnittlich 757 Rand, im Vergleich zu 4695 Rand in weißen Haushalten. Der ANC erbte dieses Armutsniveau vom Apartheid-System, hat jedoch nichts getan, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu verkleinern. Selbst das vergleichsweise bescheidene Programm von Sozialreformen, das sich der ANC vorgenommen hatte, wurde fallengelassen zugunsten eines Bereicherungsfeldzuges führender ANC-Mitglieder. Neben der von der Apartheid ererbten Armut fand mit dem Entstehen einer schwarzen Mittelklasse eine zunehmende Differenzierung schwarzer Haushalte statt.

Die krasseste Merkmal sozialer Ungleichheit in Südafrika ist die Kindersterblichkeit. Zwischen 70 und 100 von tausend schwarzen Neugeborenen sterben, vergleichbar mit Bangladesh, einem der ärmsten Länder der Welt, während nur 9 von 1000 weißen Neugeborenen sterben. Dennoch wurden im Rahmen des Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramms der Regierung die Ausgaben für Gesundheit nicht erhöht. Sampson versucht nicht, das Scheitern der Sozialpolitik Mandelas zu vertuschen, spricht ihn aber von Verantwortung frei, da dies dem Wirken des Weltmarktes zuzuschreiben sei. Nach seiner Darstellung ist die Mandela-Regierung von wirtschaftlichen Kräften überwältigt worden, die sie nicht kontrollieren konnte. Mandela hatte einfach das Pech, in einer Zeit an die Macht zu kommen, als die Weltwirtschaft zunehmend globalisierte Formen annahm und nationale Regierungen ihre Fähigkeit verloren, Wirtschaftspolitik relativ isoliert von den internationalen Märkten zu betreiben.

Doch im selben Buch zeigt Sampson auf, dass der ANC bereits vor der Wahl, als er Sozialreformen versprach, um diese veränderten Umstände wusste. Der ANC hatte sich bereits auf eine geheime Absichtserklärung geeinigt, die, wie Sampson schreibt, "sie verpflichtete, das Defizit zu reduzieren, die Zinssätze hoch zu halten und die Wirtschaft zu öffnen, falls erforderlich - als Gegenleistung für Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Höhe von 850 Millionen Dollar" (S. 473; alle Zitate nach der engl. Ausgabe). Diese Übereinkunft enthielt unausgesprochen die Garantieerklärung, dass Mandelas Regierung keine wesentlichen Sozialreformen durchführen würde, da die internationalen Märkte die Einrichtung einer angemessenen Gesundheitsvorsorge für schwarze Kinder als ungerechtfertigte Verschwendung betrachten.

Die Anpassung an die weltweit integrierte Wirtschaft bedeutete zwar, große Teile des ANC-Programms wie Verstaatlichungen zu opfern, aber darauf war Mandela gut vorbereitet, war er doch stets nur für Maßnahmen eingetreten, die sich mit dem Kapitalismus vereinbaren lassen. Apartheid-Anhänger hatten ihn oft beschuldigt, ein Kommunist zu sein. In Wirklichkeit war er immer ein Nationalist, der es auch schwarzen Afrikanern ermöglichen wollte, Kapitalist zu werden. Dieses Ziel wurde ausdrücklich in der Freiheits-Charta des ANC von 1955 genannt, die das wesentliche Grundsatz- und Programmdokument der Bewegung bleiben sollte.

Mandela bekräftigte den nationalistischen und kapitalistischen Charakter der Freiheits-Charta in einem Artikel, den er 1956 verfasste. Er erklärte, der ANC beabsichtige nicht, den Kapitalismus zu stürzen, sondern den Zugriff der großen Konzerne zu brechen, die die südafrikanische Wirtschaft dominierten. "Das Aufbrechen und die Demokratisierung dieser Monopole wird neue Möglichkeiten schaffen, eine wohlhabende nicht-europäische bürgerliche Klasse zu schaffen. Zum erstenmal in der Geschichte dieses Landes wird die nicht-europäische Bourgeoisie die Möglichkeit haben, selbst Maschinen und Fabriken zu besitzen. Handel und privates Unternehmertum werden gedeihen und aufblühen wie nie zuvor". (S. 95)

Auch während seiner gesamten Haftzeit argumentierte Mandela, dass der Kampf des ANC dazu diene, der schwarzen Mittelklasse den Zugang zu Kapital zu eröffnen. In den späten siebziger Jahren wütete unter den Gefangenen auf Robben Island ein erbitterter ideologischer Kampf über den Charakter der Freiheits-Charta. Entgegen anderen Gefangenen, die meinten, die Freiheits-Charta sei ein sozialistisches Dokument, sah Mandela ihr Ziel darin, eine bürgerliche Demokratie zu etablieren und das kapitalistische System aufrecht zu erhalten. Genau dies hat seine Regierung erreicht.

Während jeder andere Bestandteil des ANC-Programms fallen gelassen wurde, hielt man an seiner zentralen Außage - der Schaffung von schwarzen Kapitalisten - mit religiösem Eifer fest. Die von der Regierung geförderte New Africa Investment Limited (NAIL) stellte schwarzen Geschäftsleuten Kapital zur Verfügung, um kleinere Unternehmensbereiche der riesigen Bergbaugesellschaften zu erwerben, die immer noch die südafrikanische Wirtschaft dominieren. Unter den neuen Bedingungen auf dem Weltmarkt hatten die wenig ertragreichen Unternehmen Aktivitäten ausgelagert, um die Wirtschaftlichkeit des Kerngeschäftes zu erhalten. Gleichzeitig wurden ANC-Funktionäre in die Vorstände großer Unternehmen aufgenommen und mit einer ordentlichen Menge Aktien bedacht, um ihnen den Abschied vom Befreiungskampf zu erleichtern. Die Form dieses Übergangs passt sicher nicht ganz zur hergebrachten Rhetorik des ANC, doch der Inhalt entspricht genau dem, was die Freiheits-Charta 1955 darlegte und was Mandela bis heute vertritt.

Die Begeisterung, mit der weiße südafrikanische Geschäftsleute den ANC in die Arme geschlossen haben, wird oft Mandelas persönlichem Charme und staatsmännischer Klugheit zugeschrieben. Sampson nährt diesen Mythos. Er beschreibt, wie der britische Botschafter Robin Renwick Mandela kurz nach dessen Freilassung in ein vornehmes Restaurant mitnahm und ihm etwas bange war vor der Reaktion der reichen Geschäftsleute, die dort üblicherweise verkehren. "Doch Mandela ging vor aller Augen durch den Speisesaal, schüttelte jedem die Hand und gewann sie für sich. ‚Es war eine glänzende Vorstellung‘, sagte Renwick." (S. 412) Mandelas politisches Geschick einmal dahingestellt, hatten die südafrikanischen Geschäftsmänner gute Gründe, ihn in ihren Restaurants willkommen zu heißen und ihre Regierung führen zu lassen. Sie hatten ihm bereits während seiner Haftzeit die Hand gereicht, da er ihnen die einzige Rettung vor wirtschaftlichem Kollaps und sozialem Aufruhr zu bieten schien.

Die Veränderungen, welche die Weltwirtschaft seit den 80er Jahren durchlief, hatten tiefgreifende Auswirkungen auf das Apartheid-Regime, da die südafrikanische Wirtschaft sehr vom Weltmarkt isoliert war. Die Nationalpartei hatte eine stark reglementierte Wirtschaft geschaffen, in der 30 Prozent der Produktionskapazitäten in den Händen des Staates lagen und hohe Zollbarrieren die Industrie vom Wettbewerb abschirmten. Dieses äußerst ineffektive System schien kurzzeitig immer wieder Erfolge zu zeitigen, wenn der Goldpreis hoch war, vor allem in den sechziger Jahren. Im Pro-Kopf-Einkommen war damit jedoch seit 1964 kein wirklicher Zuwachs erreicht worden. Das Apartheid-System mit seinem ausgedehnten öffentlichen Dienst und den explodierenden Kosten für Kriege in den Anrainerstaaten sowie die Repression im eigenen Land bürdete den Unternehmen hohe finanzielle Lasten auf. Hinzu kamen internationale Sanktionen, welche die Isolation zu einer Zeit verschärften, als Kapital zunehmend mobil wurde.

Mit Beginn der achtziger Jahre begannen südafrikanische Firmen die Regierung zu einem Übereinkommen mit dem ANC zu drängen. Gavin Relly, Vorsitzender des riesigen Bergbauunternehmens Anglo-American, traf 1985 mit einer Gruppe weiterer führender Geschäftsleute in Lusaka in Zambia mit dem ANC zusammen. Die ANC-Führung beeindruckte sie angenehm. Einer der Geschäftsleute meinte: "Man kann sich schwerlich eine attraktivere und genialere Gruppe vorstellen" (S. 340).

Sampson dokumentiert die Fortsetzung der Kontakte. 1986 riefen die Rockefeller Foundation, David Astor und Shell das South African Advanced Education Project (etwa: Projekt Weiterführende Studien in Südafrika) ins Leben, um führende junge ANC-Mitglieder für Aufgaben auf Regierungs- und Unternehmensebene vorzubereiten. Gold Fields, die Firma, die Cecil Rhodes gegründet hatte, finanzierte geheime Treffen zwischen Afrikaander-Intellektuellen und dem ANC im Compleat Angler Hotel in Henley, Oxfordshire (S. 362-63). (Afrikaander = in der Republik Südafrika geborene Weiße, die Afrikaans, die Sprache der Buren, sprechen)

Während der ANC seine engen Beziehungen zum Großkapital pflegte, wuchs die Militanz der schwarzen Arbeiterklasse. Mitte 1985 konnte die Polizei die Townships nicht länger unter Kontrolle halten, und die Regierung verhängte den Ausnahmezustand. Ausländische Banken und Investoren verloren das Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung Botha, die Situation zu kontrollieren, und zogen ihr Kapital ab. Der ANC hatte große Mühe, die Führung der Bewegung zu übernehmen, die im wesentlichen ohne sein Zutun entstanden war. Wie so oft in ihrer Geschichte trottete diese konservative Organisation hinter ihrer vermeintlichen Gefolgschaft her. Außer militanter Rhetorik bot sie nichts. Die Strategie des bewaffneten Kampfes, bemerkt Sampson, hatte sich als völlig unzulänglich erwiesen. Letztlich war es nicht der ANC, der das Apartheid-Regime an den Verhandlungstisch zwang, sondern die Bewegung der schwarzen Arbeiterklasse in den Townships.

Mandela bot den südafrikanischen Kapitalisten die einzige Möglichkeit, die schwarze Arbeiterklasse zu kontrollieren. Als er sich 1985 einer Prostata-Operation unterziehen musste, befürchtete die Staatsgewalt, er könne sterben und ein Bürgerkrieg würde die Folge sein. Mandela verstand seine wichtige Rolle voll und ganz. Im Juni 1986, als die Townships von bewaffneter Polizei abgesperrt waren und die Commonwealth Eminent Persons Group verärgert abgereist war, nachdem Südafrika Hauptstädte von Anrainerstaaten bombardiert hatte, schrieb Mandela an General Willemse, den staatlichen Gefängnis-Beauftragten, den er als Gouverneur von Robben Island kennengelernt hatte, und verlangte ihn wegen "einer Angelegenheit von nationaler Tragweite" zu sprechen (S. 352). Willemse flog nach Pollsmoor, wo Mandela gefangengehalten wurde, und arrangierte ein Treffen Mandelas mit dem Justizminister Kobie Coetsee. Ein Jahr zuvor hatte Coetsee Mandela nach dessen Operation einen persönlichen Besuch im Krankenhaus abgestattet und sich von ihm beeindruckt gezeigt.

Mit zunehmender Verschlechterung der Situation wurde führenden Afrikaandern in der Regierung, wie Coetsee und Niel Barnard, dem Leiter des Inlandsgeheimdienstes, immer klarer, dass sie das Apartheid-System nicht mit militärischer Gewalt verteidigen und gleichzeitig ein günstiges Geschäftsklima in Südafrika erhalten konnten. Sie wandten sich Mandela zu, der ihnen am geeignetsten erschien, die kapitalistischen Interessen zu schützen. Einmal im Amt, rechtfertigte Mandela ihre Hoffnungen. Unter seiner Präsidentschaft konnte der südafrikanische Kapitalismus den Prozess der Anpassung einst geschützter Industrien an die Erfordernisse des Weltmarktes in Gang setzen, indem Arbeitsplätze vernichtet und die Reallöhne gesenkt wurden, ohne eine unkontrollierbare Massenbewegung auszulösen. Mandela tritt nun zurück, nachdem er seinen Wert als bürgerlicher Führer bewiesen hat.

Mandelas angeblicher Radikalismus wurde zu einem guten Teil mit seiner Beziehung zur Kommunistischen Partei begründet. Dies ist der schwächste Teil der Biographie, da Sampson den Anspruch der Kommunistischen Partei, eine revolutionäre Organisation zu sein, für bare Münze nimmt. Doch sein Buch zeigt auf, wie diese Beziehung sich entwickelte. Vor 1950 hatte sich Mandela aktiv gegen die Kommunistischen Partei engagiert. 1941, als er nach Johannesburg kam, war er dem ANC beigetreten. Der ANC hatte seit seiner Gründung im Jahre 1912 an London um Hilfe gegen das weiße Regime appelliert und die traditionelle Autorität der Stammeshäuptlinge anerkannt.

Mandela entstammte selbst einer Häuptlingsfamilie. Er erfuhr eine Ausbildung zum Berater des künftigen Königs der Tembu, doch wie viele andere junge Männer seiner Generation fand er das Leben in der Stadt attraktiver als das einer prominenten Persönlichkeit in ländlicher Abgeschiedenheit. Im Krieg wuchs der Bedarf an Arbeitskräften, die städtische schwarze Bevölkerung wuchs um 50 Prozent, von 1.142.000 im Jahr 1936 auf 1.689.000 im Jahr 1946. In Johannesburg begegnete Mandela einem jungen Imobilienmakler, Walter Sisulu, der ihm eine Anstellung als Rechtsreferendar in einem Anwaltsbüro besorgte. Mandela und Sisulu gehörten der Gruppe an, die die ANC-Jugendliga gründeten. Sie passte die Organisation an die militanteren Bewegungen an, die sich unter städtischen Schwarzen entwickelten, für die Stammesloyalität immer weniger bedeutete.

Die Bedeutung der Arbeiterklasse als politische Kraft wurde Mandela 1950 bewusst, als am 1. Mai die Hälfte der schwarzen Arbeiter von Johannesburg in den Streik traten. Mandela und Sisulu erlebten hautnah, wie Sicherheitskräfte der Polizei die schwarzen Wohngebiete. terrorisierten und von der Schusswaffe Gebrauch machten. Achtzehn Arbeiter wurden getötet. Mandela erinnerte sich später: "Dieser Tag wurde zum Wendepunkt in meinem Leben, weil ich durch eigene Erfahrung die Rücksichtslosigkeit der Polizei erkannte und weil mich die Unterstützung der afrikanischen Arbeiter für den Maiaufruf zutiefst beeindruckte." Von da an näherte sich Mandela der Kommunistischen Partei an, obwohl er zuvor aktiv daran beteiligt gewesen war, ihre Versammlungen vor dem Streik am 1. Mai zu sprengen.

1955 schrieb Rusty Bernstein, ein Mitglied der Kommunistischen Partei, die Freiheits-Charta. Dass ein vorgeblicher Kommunist ein nationalistisches Dokument vorlegte, welches die Schaffung eines schwarzen Kapitalismus anregte, war durchaus stimmig. Seit den zwanziger Jahren, als Stalin in der Sowjetunion als Repräsentant einer privilegierten bürokratischen Schicht an die Macht gekommen war, hatte die Kommunistische Partei eine Zwei-Stufen-Theorie der Revolution entwickelt, die mit den Auffassungen Lenins und Trotzkis, der theoretischen Grundlage der russischen Revolution, nichts mehr zu tun hatte. Nach dieser Zwei-Stufen-Theorie bestand das erste Ziel in der Erreichung bürgerlicher Demokratie in Südafrika, und erst zu einem unbestimmten späteren Zeitpunkt sollte der Kampf für den Sozialismus folgen. Während der 50er Jahre verstärkten die Stalinisten ihre Unterstützung für die Kämpfe nationaler Befreiungsbewegungen wie den ANC, als Teil des Kalten Kriegs mit den imperialistischen Ländern. Doch es lag ihnen fern, sozialistische Revolutionen zu fördern, die die Position der Bürokratie in der Sowjetunion hätten destabilisieren können.

Die Verbindung mit der Kommunistischen Partei ließ den ANC sehr viel linksgerichteter erscheinen, als er tatsächlich war. Dies erwies sich als sehr wertvoll, als die südafrikanische Arbeiterklasse anwuchs. Mit den 70er Jahren war die Mehrheit der schwarzen Südafrikaner vom Land in die Stadt abgewandert und Arbeiter geworden. Als die südafrikanische Wirtschaft 1984 in eine Rezession geriet und Millionen arbeitslos wurden, wuchs sich die wachsende Unruhe der 70er Jahre, die im Soweto-Aufstand von 1976 gegipfelt hatte, zu einer Aufstandsbewegung aus. Der ANC wurde davon überrascht. Ohne die Stalinisten wäre es für den ANC viel schwieriger gewesen, die Führung zu behalten. Erstere benutzten ihre Stellung in der Gewerkschaftsbürokratie, um die Arbeiter innerhalb der Grenzen des politischen Protests zu halten, den die Kirchen und liberalen Gegner des Apartheids-Regimes guthießen.

Sampson macht deutlich, dass Mandela eine bewusste Entscheidung traf, sich mit der Kommunistischen Partei zu verbünden und sich nicht der Vierten Internationale zuzuwenden, die die wirkliche Tradition der Russischen Revolution verkörperte. 1948 traf sich Mandela mit dem südafrikanischen Trotzkisten Isaac Tabata, von dem er sich sehr beeindruckt zeigte. Sampson schreibt: "Mandela empfand eine gewisse Ehrfurcht vor Tabata: ‚Es war sehr schwierig für mich, seinen Argumenten etwas entgegenzusetzen... Ich wollte nicht weiter mit ihm diskutieren, weil er mich völlig auseinandernahm.‘ Es schockierte ihn, dass Tabata dem ANC scheinbar feindlicher gegenüber stand als der Regierung. Im Anschluss an das Treffen schrieb ihm Tabata einen langen Brief, in dem er ihn vor den ‚Kollaborateuren‘ des ANC warnte und ihn drängte, sein Handeln auf Prinzipien zu stützen, ‚gegen den Strom zu schwimmen‘." (S. 50) Mandela gibt zwar zu, dass er Tabatas Argumente nicht widerlegen konnte, doch instinktiv wies er die Position der Trotzkisten zurück, die die schwarzen Arbeiter aufriefen, im Kampf für die nationale Befreiung die Führung auf der Grundlage eines sozialistischen Programms zu übernehmen.

Für Sampson ist Mandela ein Staatsmann, der ein ganzes Volk repräsentiert. Klassen spielen keine Rolle. Blickt man unter die Oberfläche dieses von den Medien geschaffenen Bildes, so kann der Mann, der darunter erscheint, immer noch zu Recht eine gewisse historische Größe für sich beanspruchen, jedoch nicht in einem unbestimmten, klassenlosen Sinne. Vielmehr ersteht vor uns die Figur eines bürgerlichen Führers, der heutige Politiker turmhoch überragt, weil er aus einer früheren Zeit stammt. Mandelas Ausbildung in Missionsschulen verlieh ihm ein höheres kulturelles Niveau als es unter heutigen Politikern üblich ist, und er nutzte seine Haftzeit gut aus, um auf diesem Fundament aufzubauen. Auch die Standhaftigkeit, die er im Gefängnis an den Tag legte, zeichnet ihn als Mensch mit außerordentlichen persönlichen Eigenschaften aus.

Die bürgerliche Klasse hatte das große Glück, einen Mann dieses Kalibers zu haben, der den südafrikanischen Kapitalismus vor dem drohenden Aufstand rettete. Doch im Zeichen der zunehmenden Krisenhaftigkeit der Weltwirtschaft konnte selbst Mandela keine stabilen Bedingungen für die weitere kapitalistische Ausbeutung in Südafrika herbeiführen. Mit dem Fall der Weltmarktpreise ist die Bergbauindustrie geschrumpft und hat unter schwarzen Arbeitern eine Arbeitslosigkeit von 50 Prozent geschaffen. Die Regierung muss außerdem in nächster Zukunft 30 Prozent der Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst abbauen, um wenigstens den gegenwärtig niedrigen Stand ausländischer Investitionstätigkeit zu erhalten. Die sich entwickelnde Wirtschaftskrise bereitet den Boden für eine größere soziale Explosion als jene, die das Apartheid-Regime erschütterte. Die kapitalistische Klasse wird mehr als einen Mandela brauchen, um das Leben eines Systems zu verlängern, das die grundlegendsten Bedürfnisse der Masse der Bevölkerung nicht befriedigen kann.

Siehe auch:
Südafrika: Das Black Empowerment des ANC - ein Betrug
(3. Juni 1999)

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