Ein zusätzlicher Kommentar zur Moreau-Ausstellung

Von David Walsh
12. August 1999

Als ich mein Interesse an Gustave Moreau einem politischen Kollegen gegenüber erwähnte, deutete er mir mehr oder weniger an, dass er "Symbolisten" nicht besonders schätze. Ich fasste diese sanfte Zurechtweisung so auf, dass Sozialisten die Gesellschaft von Realisten, Naturalisten, Impressionisten und ähnlichen der von "Mystikern" und "Dekadenten" vorziehen sollten; was er, wie ich es verstand, mit der Verwendung des Ausdrucks "Symbolisten" gemeint hat. Ist das richtig? Ich sehe nicht ein, warum das ohne eine historische und theoretische Analyse ohne weiteres akzeptiert werden sollte.

Um das Problem etwas vereinfacht darzustellen: Es gibt zwei mögliche Bedeutungen der aufgeworfenen Frage. Erstens gibt es die Schlussfolgerung - wenn man sich auf die Kunst des späten 19. Jahrhunderts beschränkt -, dass heutige Gegner der bestehenden Ordnung den Realismus oder Impressionismus als künstlerische Richtung ansprechender finden sollten, weil die Letzteren die damals existierende Realität, einschließlich der sozialen Realität, untersucht haben, statt sich in obskurere Gefilde zu begeben. Oder, man könnte zweitens argumentieren, die realistischen oder impressionistischen Maler waren selbst allesamt - vielleicht aufgrund von Tendenzen, die Teil ihrer Theorie über die Kunst und die Welt waren - wohlwollender gegenüber den Idealen der gesellschaftlichen Veränderung eingestellt als ihre symbolistischen Gegenstücke und hatten deshalb gesündere Ansichten. Ich weise diese Argumentation nicht von vornherein zurück, aber ich nehme sie auch nicht als erwiesen an.

In seinem Buch "Das Wesen der abstrakten Kunst" (1937) bemerkt Meyer Schapiro, dass es in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts "mehrere Aspekte im Impressionismus gab, die als Ausgangspunkt für neue Tendenzen hätten dienen können ..." Nachdem er die Kritik der klassizistischen Maler und der Neo-Impressionisten beschrieben hat, bemerkt er: "Für wieder andere war der Impressionismus zu fotografisch, zu unpersönlich, diese, die Symbolisten und ihre Anhänger, forderten deutliche Gefühle und ästhetischen Aktivismus in der Kunst."

In seinem Aufsatz betrachtete Schapiro die Reaktion der Symbolisten historisch, im Zusammenhang mit dem Wachstum des modernen Kapitalismus in Frankreich, mit seiner unvermeidlichen Zerstörung der bis dahin existierenden Beziehungen und Werte. Er schrieb: "Die französischen Künstler der 80er und 90er Jahre, die den Impressionismus wegen seines Mangels an Strukturen angriffen, drückten die Forderung nach Rettung, nach Ordnung und festen Objekten des Glaubens aus, was den Impressionisten als Gruppe fremd war... Aber da die Künstler die zugrundeliegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen ihrer eigenen Unordnung und moralischen Unsicherheiten nicht kannten, konnten sie sich neue stabilisierende Formen nur vorstellen als quasi-religiöse Überzeugungen oder als Wiederbelebung einer primitiven oder höchst geordneten traditionellen Gesellschaft mit Organen für ein kollektives geistiges Leben... Die Reaktionen gegen den Impressionismus ... rührten daher, wie die Künstler als Künstler in bezug auf die umfassendere Situation reagierten, in der sie sich wiederfanden, die sie aber nicht selbst hervorgebracht hatten."

Man berichtet von Moreau, dass er nach einer "höheren Realität" gesucht habe. Offensichtlich ist das eine Redewendung mit vielen Bedeutungen. Es könnte einfach Mystizismus, Gottessuche und all das bedeuten. Und sehr oft bedeutet es das auch. Aber ist das alles, was es bedeuten kann? Beschäftigen wir uns als Marxisten nicht auch damit, unter die Oberfläche des Lebens zu gelangen und seinen latenten Inhalt zu erforschen? Gab es nicht etwas potentiell Wertvolles in der Ablehnung des Positivismus und des gedankenlosen (und der noch schlimmeren) Anwendung des Darwinismus auf das gesellschaftliche Leben?

Huysmans lehnte sich gegen die Naturalistengruppe von Zola auf, als klar wurde, dass ihre weiteren künstlerischen Pläne auf nicht viel mehr hinausliefen als auf das Schreiben von romanartigen Berichten über sämtliche Berufe und Geschäftsbranchen Frankreichs. Ich denke, er hatte Recht, dieses Projekt abzulehnen. Entweder man nimmt die Kunst wirklich ernst, oder man lässt es sein. Wie hätte jemand wie Moreau, der durchdrungen war von der Kunst der Renaissance und der Antike, zufrieden sein können mit einem derartig niedrigen ästhetischen Niveau.?

Es war eine Schwäche der sozialistischen Bewegung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, dass sie sich generell weigerte, irgendeine Kunst außer der des sozialen Realismus anzuerkennen. Es wäre nicht schwierig nachzuweisen, dass dies mehr war als nur einfach ein typische Neigung von Sozialisten, sondern dass es mit tieferen ideologischen Problemen der Bewegung zusammenhing. In einem Artikel über die führenden amerikanischen Sozialisten in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, bemerkt Schapiro, dass mit Ausnahme von Individuen wie John Reed, die "meisten von ihnen in ihrem Kunstgeschmack konservativ waren. Ihr Geist war starr nur auf Politik ausgerichtet, und sie akzeptierten von Künstlern nur Werke, die ihrer Bewegung direkt nützlich waren - einfach verständliche Bilder vom Elend, vom Klassenkampf und von der leuchtenden sozialistischen Zukunft oder entspannende Bilder von der Schönheit der Natur - sie fühlten sich wie alle konservativen Bourgeois abgestoßen von allem, was ihnen als ,Nihilismus‘ der modernen Kunst vorkam." ("The Armory Show")

Ich nehme Trotzkis Kommentar in "Literatur und Revolution" für bare Münze, dass Kunst ihre Arbeit "ganz unabhängig davon" verrichtet "ob sie unter der Flagge der ,reinen Kunst‘ oder als offen tendenziöse Kunst erscheint". Ich bin nicht der Meinung, dass es eine bestimmte Stilrichtung gibt, die speziell dazu passt, dass man ein Gegner des Kapitalismus ist. Das heißt nicht, dass Marxisten nicht die Notwendigkeit sehen, die soziale Wirklichkeit und die Geschichte zu untersuchen, und zu bestimmten Zeiten, wie gegenwärtig, kann die Feindschaft gegenüber der Behandlung solcher Themen einen allgemeinen Niedergang des kulturellen Niveaus widerspiegeln und zu einem wirklichen ästhetischen und damit sozialen Problem werden. Aber zu Moreaus Zeiten gab es kaum einen Mangel an sozialem Realismus. Zum Teil deutete er durch seine Arbeiten an, dass er vieles von diesem "Realismus" für oberflächlich hielt, dass er sich nicht um tiefere menschliche Fragen kümmerte. Damit hatte er Recht, unabhängig davon ob man mit seiner Lösung des Problems einverstanden ist oder nicht.

Ist es nicht möglich, ohne in Eklektizismus abzurutschen oder zu oberflächlich zu werden, die Meinung zu vertreten, dass es verschiedene künstlerische Möglichkeiten gibt, zur Wahrheit über das Leben vorzudringen? Die Frage ist immer der Wahrheitsgehalt des Werks, die Tiefen, die es ergründet, seine Ausstrahlung, die Ernsthaftigkeit, mit der es an das Leben und die Kunst herangeht, und seine Fähigkeit, neue Gedanken und Gefühle im Betrachter hervorzurufen. Dass man von einem Symbolisten nichts lernen kann, als A-priori-Prinzip aufzustellen, erscheint mir, um es höflich auszudrücken, im höchsten Grade beschränkt.

Und was die politischen Sympathien der Mitglieder verschiedener künstlerischer Richtungen angeht, so steht das Argument gegen die Symbolisten und ähnliche auf noch wackligeren Beinen. Es mag den Sozialisten vor einem Jahrhundert selbstverständlich vorgekommen sein, dass Realisten und Naturalisten ihre natürlichen Verbündeten wären, aber aus unserer heutigen Sicht können wir sehen, dass sich die Wahrheit als viel komplexer herausgestellt hat.

Eric Hobshawn erklärt in seinem Buch "The Age of Empire" folgendes über die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts:

"Und es mutete auch nicht seltsam an, dass Künstler ihr leidenschaftliches Engagement für die leidende Menschheit in Formen ausdrückten, die über den ,Realismus‘ hinausgingen, dessen Vorbild die sachliche, wissenschaftliche Aufzeichnung war: Van Gogh, der damals noch ziemlich unbekannt war, der Norweger Munch, ein Sozialist, der Belgier James Ensor, dessen Werk ,Der Einzug Jesus Christus in Brüssel‘ ein Banner für die soziale Revolution zeigte oder die deutsche Proto-Expressionistin Käthe Kollwitz, die des Aufstands der Handweber gedachte. Dennoch erklärten auch militante Ästheten und Anhänger der Bewegung ,Kunst um der Kunst willen‘, Verfechter der ,Dekadenz‘ und Schulen, die es darauf anlegten, den Massen kaum zugänglich zu sein, wie der Symbolismus, ihre Sympathie für den Sozialismus, wie Oskar Wilde und Maeterlinck, oder zumindest ein Interesse am Anarchismus. Huysmans, Leconte de Lisle und Mallarmé hatten ,La Révolte‘ (1894) abonniert [eine führende anarchistische Zeitschrift]. Kurz gesagt, bis zum Anbruch des neuen Jahrhunderts gab es keinen generellen Graben zwischen politischer und künstlerischer ,Modernität‘."

Eugenia Herbert schreibt in "The Artist and Social Reform" über die Situation in Frankreich:

"Zeitgenössische Artikel und spätere Memoiren äußern sich häufig über die Bedeutung der sozialen Gärung unter den Symbolisten. Vielé-Griffin konnte 1895 schreiben: ,Unsere Vision hat sich verbreitert und die Verehrung des Lebens hat viele junge Dichter zu einem Studium der extremen Lösungen von Anarchismus und Sozialismus geführt.‘" Und sie zitiert einen Zeitgenossen, dem "dieser ,Übertritt der Mehrheit der jungen Dichter zu Doktrinen der Revolte, entweder der von Bakunin oder der von Karl Marx‘ auffiel."

Herbert erklärt weiter: "Jean Maitron weist in seiner Geschichte des Anarchismus auf die Sympathien für den Anarchismus unter den Künstlern und Literaten hin, die etwa aus der Zeit der frühen 90er Jahre des 19. Jahrhunderts datiert: ,Man war ein Symbolist in der Literatur und ein Anarchist in der Politik.‘ Und Guy Michaud stimmte zu, dass in diesem Jahrzehnt ,die literarische und die soziale Revolution in wachsendem Maße konvergierende Wege verfolgten.‘"

Man darf auch nicht vergessen, dass der Symbolist und Sozialist Oscar Wilde im ausgehenden 19. Jahrhundert einen der wichtigsten Beiträge zum dialektischen Herangehen an die Ästhetik leistete; seine Bedeutung als Philosoph übersteigt bei weitem das, was sein Ruf als "witziger Kopf" vermuten lässt. Und man könnte sicherlich argumentieren, dass die Künstler, die in diesem Jahrhundert die prinzipienfesteste politische Rolle gespielt haben, Breton und die Gruppe von Surrealisten waren, die sich bewusst auf bestimmte, relativ exotische Personen und Tendenzen in der romantischen und symbolistischen Bewegung gestützt haben. Ganz zu schweigen davon, dass die Futuristen, Kubisten und Suprematisten die Künstler waren, die sich nach dem Oktober 1917 als erste zu den Bolschewiki hingezogen fühlten.

Was ist die Schlussfolgerung daraus? Ich vertrete nicht den Standpunkt, dass Sozialisten jetzt ihre volle Unterstützung den anti-realistischen Kunstschulen geben müssen. Das wäre genauso einschränkend, wie das Gegenteil, und es würde am Wesentlichen vorbeigehen: es bringt nichts, wenn man irgendeine besondere "künstlerische Fabrik" unterstützt. Aber ist es nicht höchste Zeit, dass gewisse Annahmen unter die Lupe genommen werden und als das gesehen werden, was sie sind, nämlich zum großen Teil das Produkt von Trägheit und Gewohnheit, des kritiklosen Akzeptierens gewisser Traditionen?

Siehe auch:
Gustave Moreau: Zwischen Epik und Traum
(12. August 1999)