Am 4. August 1999 wurde der britische Außenminister George Robertson zum neuen Generalsekretär der NATO ernannt. Er ist der dritte europäische Sozialdemokrat in Folge auf diesem Posten.
Im Gegensatz zu seinem spanischen Vorgänger Javier Solana, dessen Nachfolge er im Oktober antritt, muss Robertson sich von keiner Vergangenheit als Protestler distanzieren. Während Solana noch in Bewegungen gegen Atomkraft und gegen die USA aktiv gewesen war, hatte Robertson die NATO stets verteidigt und sich bereits gegen einseitige Abrüstungsmaßnahmen ausgesprochen, als diese noch offizielle Politik der Labour Party gewesen waren. Während seiner gesamten Laufbahn stand er auf dem rechten Flügel der Partei, wofür er jetzt mit dem ansehnlichen Gehalt von 200.000 Pfund im Jahr, steuerfrei, belohnt wird.
Zunächst hatten sich die Spekulationen auf den deutschen Verteidigungsminister Rudolf Scharping als Nachfolger Solanas konzentriert. Ihn hatte die Clinton-Regierung favorisiert, aber Kanzler Gerhard Schröder beharrte, sein Minister sei unabkömmlich. Daraufhin wechselte der britische Premierminister Blair einige private Worte mit Bill Clinton und Robertsons Ernennung stand fest, trotz milder Kritik von Seiten Belgiens, Luxemburgs und Kanadas. US-Außenamtssprecher James Rubin erklärte: "Die Vereinigten Staaten sind froh, dass er gewählt worden ist."
Robertson hatte sich die Gunst Washingtons durch seine Rolle während der NATO-Bombardierung Jugoslawiens gesichert. Er diente den USA als aggressiver Verbündeter. Die Briten riefen am lautesten nach einem Bodenkrieg und haben nach dem Ende der Bombardierung bei weitem die meisten Bodentruppen aller NATO-Länder gestellt. Robertsons Presse-Erklärungen während des Krieges bestanden größtenteils aus Hetztiraden über "Völkermord" und "ethnische Säuberungen" gegen den jugoslawischen Präsidenten Milosevic.
Die britische Zeitung Guardian veröffentlichte vor kurzem einen Briefwechsel zwischen Robertson und US-Verteidigungsminister William Cohen. Darin wurde die "special relationship" (besondere Beziehung) der beiden Länder, die in diesem Fall einer Liebesbeziehung nahekam, anschaulich illustriert. Am 22. Februar schrieb Robertson an Cohen: "Während wir einer weiteren schwierigen Situation auf dem Balkan gegenüberstehen und weiterhin militärische Operationen im Irak durchführen, sind wir alle zutiefst dankbar für die Führung und das Vorbild der USA.
Außerdem möchte ich persönlich Ihnen sagen, dass Ihre ständige Bereitschaft, uns alles zu geben, was wir brauchen, und ihr weiser Rat ungeheuer wichtig sind. Es ist außerordentlich beruhigend, zu wissen, dass uns ein treuer Freund und Verbündeter zur Seite steht, während wir uns den Herausforderungen dieser schwierigen Zeiten stellen."
Im Großen und Ganzen wünschen die USA, dass Europa mehr Ausgaben für das Militär übernimmt, während es gleichzeitig insgesamt ihrer Kontrolle untergeordnet bleiben soll. Robertson setzt sich seit langem für enge politische Beziehungen mit Kontinentaleuropa ein, während er gleichzeitig vehement eine transatlantische Partnerschaft mit den USA verteidigt. Dass er in diesem Zusammenhang auch für eine stärkere militärische Rolle Europas eintrat, ließ ihn in den Augen der Clinton-Regierung geradezu vollkommen erscheinen.
Robertson wurde 1946 auf der Isle of Islay an der Westküste Schottlands als Sohn eines Polizisten geboren. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr betätigt er sich für die Labour Party. Nachdem er 1968 sein Ökonomie-Studium an der Universität von Dundee abgeschlossen hatte, wurde er 1969 Organisator für die Gewerkschaft GMB in der Whiskey-Industrie. Er machte parallel in der Gewerkschafts- und Labour-Party-Bürokratie Karriere, bis er 1978 zum Abgeordneten von Hamilton South gewählt wurde. Ab diesem Zeitpunkt stützte er sich bei seinem Fortkommen vor allem auf den Parteiapparat. Er war von 1973 bis 1979 und dann wieder seit 1993 Mitglied des schottischen Exekutiv-Komitees, sowie 1987-88 Vorsitzender der schottischen Labour Party.
Nachdem er 1979 kurze Zeit als parlamentarischer Privatsekretär für den Sozialminister gearbeitet hatte, wurde er nach den Parlamentswahlen 1979 und dem Sturz der Callaghan-Regierung auf die vordersten Bänke der Opposition berufen, erst für Schottland, dann 1982-83 für Verteidigung und Äußeres. 1983 wurde er stellvertretender Oppositionssprecher für Außenpolitik und Commonwealth-Angelegenheiten und 1984 zusätzlich erster Sprecher für Europa-Angelegenheiten. Er beteiligte sich aktiv an der Hexenjagd des damaligen Parteiführers Neil Kinnock auf die linksreformistische Militant-Tendenz und beschimpfte sie als "Krebsgeschwür", das entfernt werden müsse.
1993 wurde er ins Schattenkabinett gewählt und zum Schattenminister für Schottland bestimmt. Nach der Parlamentswahl von 1997 wurde er zum Verteidigungsminister ernannt.
Während seiner gesamten Karriere war Robertson in einer Reihe von Organisationen aktiv, die sich für gute Beziehungen mit den USA einsetzten. So war er Gründungsmitglied des Rats der Atlantischen Konferenz und hatte 1979-90 einen Posten im Rat des Britischen Atlantischen Komitees inne. Er ist stellvertretender Vorsitzender der britisch-amerikanischen Parlamentsgruppe.
Außerdem unterstützte er beständig eine größere europäische Integration. Er ist Ehrenpräsident der britisch-deutschen Parlamentsgruppe und stellvertretender Ehrenpräsident des Britisch-Deutschen Vereins. 1991 zeichnete der deutsche Bundespräsident Robertson mit dem Bundesverdienstkreuz aus. 1993 wurde er für seinen Beitrag zur Debatte über die Ratifikation des Maastricht-Vertrages, in der er die Spaltung der Konservativen Partei hervorgehoben hatte, zum Parlamentarier des Jahres ernannt.
Sofort nach der Bestätigung seiner Nominierung zum NATO-Generalsekretär versicherte Robertson, er werde die militärische Abhängigkeit Europas von Washington verringern - natürlich ohne seine starken transatlantischen Bindungen zu unterminieren. "Die europäischen Länder geben zur Zeit ungefähr zwei Drittel dessen aus, was die Vereinigten Staaten von Amerika für Verteidigung ausgeben, aber wir haben bei weitem keine zwei Drittel ihrer Kapazität", erklärte er. Diese Größe liege eher bei 15 Prozent. "Das kommt daher, dass wir miteinander konkurrieren, einander kopieren - diese Ära ist jetzt vorbei."
Robertson betonte, dass er Europa nicht von Washington wegdriften lassen werde: "Das Bündnis ist der Grundstein der europäischen Verteidigung und wird es bleiben." Dieser Versuch, die Entwicklung einer unabhängigen militärischen Kapazität mit der Beibehaltung der Rolle der USA als Wächter des Kontinents zu verbinden, hat seit dem Zweiten Weltkrieg die britische Außenpolitik geprägt. Sämtliche aufeinanderfolgenden Regierungen sind davon ausgegangen, dass die Stärke der mächtigsten Rivalen Großbritanniens auf dem Kontinent - Deutschland und Frankreich - durch ein Bündnis mit Amerika ausgeglichen werden könne. Aber trotzdem wächst in der herrschenden Elite Großbritanniens die Einsicht, dass Europa militärisch gestärkt werden muss, wenn eine völlige Übermacht der USA vermieden werden soll.
Am deutlichsten kam dies im Bericht über strategische Verteidigung zum Ausdruck, der unter Robertsons Führung von der neuen Labour-Regierung erstellt wurde. Der Bericht bemerkt, dass die Wirtschaft Großbritanniens "auf dem internationalen Handel beruht. Exporte bilden einen größeren Anteil am Bruttosozialprodukt als bei den USA, Japan, Deutschland oder Frankreich. Wir legen mehr von unseren Einkünften im Ausland an als irgend eine andere bedeutende Wirtschaft. Unsere wichtigsten Wirtschaftspartner sind die EU und die USA, aber unsere Investitionen in den Entwicklungsländern sind fast so groß wie die von Frankreich, Deutschland und Italien zusammengenommen. Und ausländische Investitionen in Großbritannien machen ebenfalls fast 20% unserer Industrie-Arbeitsplätze aus."
Der Schutz dieser Interessen verlange die Bildung strategischer militärischer und politischer Bündnisse, sowohl mit den USA als auch mit anderen europäischen Mächten. "Mit Ausnahme von nationalen Verpflichtungen wie Nordirland und der Sicherheit unserer Gebiete in Übersee werden künftige Operationen immer multinational sein. Großbritannien wird normalerweise als Teil der NATO, UNO oder Westeuropäischen Union (WEU) oder in ad hoc-Koalitionen in Einsätze gehen". Aber selbst dies erfordert den Ausbau von Großbritanniens militärischen Kapazitäten. Nicht in der Lage zu sein, zwei Operationen mittlerer Größe zur gleichen Zeit durchzuführen, wäre eine "unannehmbare Einschränkung unserer Fähigkeit, Großbritanniens Verpflichtungen zu erfüllen", so der Bericht.
Er forderte weiter, militärische Strukturen, Einkäufe und Strategien auf Schnelle Reaktionskräfte hin umzuorientieren, die fähig sein sollen, zu jedem beliebigen Küstengebiet vorzudringen und dort als Basis für Luftangriffe und Besatzung von jedem Gebiet der Welt zu dienen. Zwei große Flugzeugträger sollen gebaut werden, zusätzlich zu Versorgungsschiffen, die Truppen, gepanzerte Fahrzeuge, Hubschrauber und Nachschub transportieren und diese Kräfte über einen längeren Zeitraum hinweg versorgen können. Die Armee soll vergrößert und die aus Reservisten bestehenden Territorialstreitkräfte neu strukturiert werden.
Dies hängt direkt mit der beginnenden Aufteilung der an Öl und Rohstoffen reichen Gebiete der ehemaligen Sowjetunion zusammen. Der Bericht konzentriert sich auf Großbritanniens militärische Rolle, die "Sicherheit und Stabilität in Zentral- und Osteuropa, besonders Russland" bringen soll, "aber auch bis zu Ländern im Transkaukasus und Zentralasien reicht, durch bilaterale Hilfe und Zusammenarbeit mit den entsprechenden Ländern".
Seit der Bericht erstellt wurde, ist Robertson durch ganz Europa getourt und überall für die Rationalisierung und Integration der Streitkräfte und Rüstungsindustrie des Kontinents eingetreten. Unter anderem gab es ein anglo-französisches Verteidigungstreffen auf St. Malo und Gespräche mit der italienischen Regierung über die Rationalisierung der Verteidigungskapazitäten der EU-Staaten. Ein Hauptziel Großbritanniens besteht darin, Druck auf Deutschland auszuüben, wo der Haushalt der Regierung Schröder starke Einschnitte bei den Verteidigungsausgaben vorsieht.
Robertson hielt im März eine Rede im Royal United Services Institute (Königliches Institut der Streitkräfte), wo er seinen Sorgen Ausdruck verlieh: "Wenn die Ziele der europäischen Außenpolitik nicht von effektiven militärischen Kapazitäten gestützt werden, verschwenden wir nur unsere Zeit. Wir riskieren, ein wirtschaftlicher Gigant, aber strategischer Zwerg zu sein... Unser Endziel ist deshalb weniger eine Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität als etwas weitaus ehrgeizigeres - und zwar eine Europäische Verteidigungskapazität.
Der Prozess der Umstrukturierung versperrt keinerlei Wege. Es geht nicht darum, eine ,Festung Europa' zu schaffen, und ebenso wenig eine ,US-britische Wirtschaftsgemeinschaft'. Europäische und transatlantische Beziehungen sind für Großbritannien gleichermaßen wichtig. Der Prozess der Umstrukturierung geht von der einfachen Tatsache aus, dass die europäische Verteidigungsindustrie zur Zeit weder mit der US-Industrie konkurrieren noch mit ihr effektiv zusammenarbeiten kann", schloss er.
Robertson Ernennung widerspiegelt ein bestimmtes Stadium in den Beziehungen zwischen Europa und den USA. Zweifellos wäre jemand, der die amerikanischen Forderungen weniger willig akzeptiert hätte, von der Clinton-Regierung blockiert worden. Robertsons Eifer, eine unabhängige europäische Streitmacht aufzubauen - was Washington im Moment als nützliches Anhängsel ansieht - macht zukünftige Konflikte zwischen Europa und Amerika jedoch wahrscheinlicher. Was jetzt als Versuch dargestellt wird, eine größere Ausgewogenheit zwischen den Großmächten herzustellen, kann schnell zu einer weit ernsteren Auseinandersetzung werden, berücksichtigt man, was in dem weltweiten Kampf um Rohstoffe und Märkte auf dem Spiel steht.
