Nachtgestalten - ein neuer Film von Andreas Dresen

Frischer Wind aus dem Osten

Von Stefan Steinberg
2. September 1999

Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung erscheinen eine Handvoll Filme, die die Lebensumstände im jetzigen Deutschland zu behandeln versuchen. Nun, da sich Berlin einmal mehr auf seine Rolle als Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands einstellt, vergeht kaum ein Tag, an dem kein Hochglanz-Bericht über die strahlende Zukunft der Stadt erscheint. Die Bundestagsabgeordneten haben ihre Sachen in Bonn gepackt und sind dabei, in ihre luxuriösen neuen Wohnungen in Berlin zu ziehen - wobei ihre Taschen gefüllt sind mit großzügigen Unterstützungsgeldern für die Umzugskosten, Kindergärten, Freiflüge, kostenlose Bahnfahrkarten usw., usf.

Andreas Dresens neuer Film Nachtgestalten handelt von einer Seite Deutschlands und seiner Hauptstadt, die, abgesehen von zwei ehrenvollen Ausnahmen (gemeint sind die jüngeren Filme Das Leben ist eine Baustelle und Fette Welt), von den meisten zeitgenössischen Filmemachern beflissentlich vermieden wurde. Nachtgestalten ist eine erfrischende und überfällige Alternative zum derzeitigen deutschen Durchschnittsfilm, der in der Hauptsache von schwachen Beziehungsdramen und Komödien dominiert wird, die vor Selbstzufriedenheit mit der Gesellschaft im allgemeinen nur so triefen.

Nachtgestalten umfasst drei Kurzgeschichten, die am selben Ort - Berlin - und zur gleichen Zeit spielen - ein Tag und Abend in der Gegenwart, als der Papst der Stadt einen Besuch abstattet. Der (göttliche?) Einfluss des letzteren bringt Verkehrschaos und ausgebuchte Hotels mit sich, sowie große Mengen an Nonnen, die sich in Busse und Züge hinein stürzen und wieder heraus stürmen.

Hanna und Viktor sind obdachlos und alkoholabhängig. Hanna bettelt auf der Straße als sie von einem Flugzeug abgelenkt wird. Sie schaut nach oben - fliegt der Papst über ihrem Kopf? Als sie wieder nach unten schaut, sieht sie, dass jemand 100 DM in ihren Hut gelegt hat - ein Wunder! Sie findet ihren Freund Viktor. Zumindest haben die beiden genügend Geld, um die Nacht in einem vernünftigen Bett im Hotel verbringen und ein Bad nehmen zu können. Dieses Vorhaben gestaltet sich allerdings schwieriger, als sie es sich vorstellen. Ihr erster Gang zu einem Hotel ist ein Flop - eine Nacht mit Frühstück für 160 DM! Weitere Bemühungen erweisen sich als ebenso fruchtlos, da die beiden in ihren abgerissenen Klamotten und mit ihrer Plastiktütensammlung auf ständige Schikanen der Bürokratie, moralisch überlegene Hotelpförtner und schließlich die Polizei stoßen.

Jochen, ein 30jähriger und etwas naiver Landarbeiter, hat ein bisschen Geld in der Tasche und ist in der gleichen Nacht in Berlin, auf der Suche nach Begleitung und den Attraktionen der Großstadt. Er trifft auf Patty, eine offensichtlich minderjährige und drogenabhängige Prostituierte. Sie bietet ihm ihre Dienste für 50 DM an - eine halbe Stunde in einem trostlosen, einfachen Hotelzimmer mit Neonlicht. Er zieht es vor 500 DM zu bezahlen für ein gutes Essen mit Patty und eine Tour durch Berlin. Durch Patty macht Jochen die Bekanntschaft mit einer ihm komplett fremden Welt von Klubs, Drogen und elenden, slumähnlichen Lebensbedingungen. Patty wiederum, die hoffnungslos in einem Teufelskreis von Drogen und Prostitution gefangen ist, ist dankbar für Jochens Wärme und Menschlichkeit.

Wahrscheinlich das erfolgreichste, aber mit Sicherheit das amüsanteste Paar im Film sind der gestresste Geschäftsmann in mittlerer Position Peschke und Feliz, ein sieben- oder achtjähriger Flüchtling aus Angola. Feliz kommt allein am Berliner Flughafen Tegel an und sollte eigentlich einen Freund der Familie dort treffen. Der Freund hat einen Autounfall und kommt zu spät (päpstlicher Einfluss). Peschke verlegt seine Brieftasche und beschuldigt fälschlicherweise den kleinen Jungen, sie gestohlen zu haben. Als er seinen Fehler bemerkt, hat er einen Anfall von schlechtem Gewissen und entschließt sich, den aufgeschmissenen Feliz zu seiner Familie zu bringen - also beginnt das Paar seine eigene Odyssee durch die grausigen, regenüberfluteten Straßen von Berlin.

In einer eindrucksvollen Szene nehmen Peschke und der schmächtige angolanische Junge den Fahrstuhl in einer Ostberliner Hochhaus-Wohnsiedlung. Zwei gewaltige Skinhead-Typen betreten den Fahrstuhl und in dieser Enge werfen sie dem kleinen Jungen, der ihre deutsche Lebensart "bedroht", wütende Blicke zu und blasen ihm Zigarettenrauch ins Gesicht. Peschke kann nichts machen und es kommt heraus, dass er selbst kein Heiliger ist, sondern viele der sublimierten rassistischen Vorurteile, die in der deutschen Mittelklasse vorherrschen, teilt.

Als Mensch hat Peschke alles, was dem obdachlosen Paar fehlt. Er hat Arbeit, einen BMW und eine Wohnung (es gibt im Film keine Hinweise auf eine Frau oder Familie - die Zahl der Single-Haushalte in Deutschland steigt). In seinen eigenen Augen ist Peschkes Leben allerdings ein einziges Drangsal. Er wird ständig per Handy von seinem Chef geplagt - von Dr. Schneider, der seinen Beauftragten wiederholt vor der bevorstehenden Ankunft einer "wichtigen Delegation japanischer Geschäftsleute" warnt. Bedrängt von den immer größer werdenden Problemen bei der Suche nach Feliz‘ Eltern und dem zunehmenden Druck durch Dr. Schneider, murmelt Peschke verzweifelt: "Ich bin und bleibe eine Null."

Wie er anlässlich der Filmpremiere in Berlin erklärte, geht es Dresen nicht darum alles bloß schwarz zu zeichnen und seine Charaktere einfach als hilflose Rädchen im Getriebe darzustellen. Auf verschiedene Arten unternehmen seine Charaktere, obwohl ihre Chancen ausgesprochen schlecht stehen, Anstrengungen, um sich aus den Wirren ihrer tagtäglichen Existenz zu befreien.

Der 37jährige Andreas Dresen begann seine Filmausbildung bei den ostdeutschen DEFA-Studios in Babelsberg nur wenige Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer. Die traditionelle DEFA-Schule beinhaltete ein starkes Element des Dokumentarfilms - was sich in Nachtgestalten sehr bemerkbar macht. Dresen sagte, dass er nach dem Fall der Mauer so viele Filme aus dem Westen sah und studierte, wie er konnte. Ein besonderer Einfluss des britischen Regisseurs Ken Loach ist festzustellen. Seine vorangegangenen Filme waren Dokumentationen sowie die Spielfilme Stilles Land(1992) - über die Auswirkungen der deutschen Einheit auf die Mitglieder einer Provinz-Theatergruppe in Ostdeutschland - und Mein unbekannter Ehemann(1994) über die arrangierte Hochzeit eines afrikanischen Flüchtlings und einer deutschen Frau.

Bei der Vorbereitung seines jüngsten Films arbeitete Dresen eng mit Organisationen für Obdachlose zusammen, um das richtige Gefühl für das Leben auf der Straße zu bekommen. Zudem behandelte Dresen bei der Fertigstellung des Films das gesamte Negativ von Nachtgestalten erneut, entfernte den Glanz und tönte die Farben ab, um dem Film eine rohe, ungeschminkte Qualität zu geben. Das Ergebnis sind Charaktere, die mit Respekt und ohne Sentimentalität oder Herablassung gezeichnet sind, und ein Berlin, das in Reiseführern nicht gefunden werden kann.

Viele der Besprechungen in der deutschen Presse haben hervorgehoben, dass die in Nachtgestalten gezeigten Charaktere am Rand der deutschen Gesellschaft existieren. Eine nähere Untersuchung wird allerdings zeigen, dass die Widerwärtigkeiten und Erfahrungen der Figuren aus Nachtgestalten nicht so weit entfernt sind von der Wirklichkeit vieler Menschen im heutigen Deutschland. Die Anzahl der unbegleiteten Flüchtlingskinder, die in Berlin ankommen, ist klein und aufgrund der restriktiven Regierungspolitik abnehmend. Allerdings wächst laut den Statistiken die Zahl der minderjährigen Prostituierten in Berlin beständig.

Es gibt keine offiziellen Statistiken über die Zahl der Obdachlosen in Deutschland. Das Geld, das für die Einrichtung einer Institution zur Erhebung solcher Zahlen nötig ist, wurde vom derzeitigen Finanzminister Eichel (SPD) verweigert. Der Berliner Senat rechnet damit, dass derzeit zwischen 2000 und 4000 in Berlin auf der Straße leben und dass die Zahl steigt. Die derzeitige Anzahl der Obdachlosen in ganz Ostdeutschland wird auf 78.000 Menschen geschätzt. Es gibt immer noch Millionen, die, wie Jochen, in Deutschland auf dem Land arbeiten, und ohne Frage gibt es mindestens einige Millionen, die im heutigen Deutschland Peschkes Schicksal teilen. Wenn man diese Zahlen im Kopf hat, wird Dresens Film weniger zu einer exotischen Erkundung einiger interessanter Grenzgestalten als viel mehr eine Untersuchung starker Tendenzen der deutschen (und nicht nur der deutschen) Gesellschaft.

Es ist zu früh, um zu beurteilen, ob Dresens Film eine wirkliche Veränderung in der deutschen Kinolandschaft andeutet. Nichtsdestotrotz demonstriert Dresens neuer Film, indem er Polemik und Sensationssuche vermeidet, die Möglichkeit einen Unterhaltungsfilm zu machen und gleichzeitig unter die Oberfläche des "deutschen Wunders" vorzudringen.

PS: Im Zuge der Aufpolierung Berlins plant der Vatikan den Bau seiner eigenen Botschaft für 15 Vertreter zum Preis von 15 Millionen DM.