Diego Riveras Meisterschaft

Von Tim Tower
15. September 1999

Die Ausstellung Diego Rivera, Kunst und Revolution, die bereits in Cleveland und Los Angeles gezeigt wurde, ist vom 19. September bis zum 28. November in Houston zu sehen, bevor sie schließlich nach Mexiko-Stadt weiterreist. Diese große Retrospektive der Arbeit des Künstlers, die erste seit mehr als zehn Jahren, umfasst über 100 Bilder, die aus großen Sammlungen aus der ganzen Welt zusammengetragen wurden. Die Werke sind in vier Abschnitte aufgeteilt, die die gesamte Entwicklung des Künstlers darstellen, aber eine besondere Betonung auf Bilder legen, die vielen Besuchern nicht vertraut sein dürften.

Die erste Gruppe umfasst frühe Zeichnungen und Malereien, von denen die meisten in Mexiko entstanden und einige, nachdem Rivera 1907 mit einem Stipendium der Regierung nach Europa gereist war. Hier zeigen sich erste Hinweise auf ein großes Talent; die Gruppe enthält eine Anzahl von bemerkenswerten Studien und Übergangsarbeiten, in denen er mit den Stilen verschiedener Meister arbeitete, um in einer langwierigen Entwicklung zu seinem eigenen Ausdruck zu finden. Die zweite Gruppe beinhaltet europäische Arbeiten aus der Zeit vor seiner Rückkehr nach Mexiko 1921. Sie zeigt Rivera in einer Periode des kraftvollen ästhetischen Wachstums, in der er sein unersättliches Studium der europäischen Meister mit dem beständigen Experimentieren mit den neuen Methoden der Pariser Avantgarde zusammenfließen ließ. Er verschrieb sich dem Ziel, jeden Stil und jede Technik beherrschen zu können, während er gleichzeitig anstrebte, den historischen Maßstab der sozialen und kulturellen Umwälzungen seiner Zeit auszudrücken.

Die dritte Abteilung besteht aus Skizzen und Zeichnungen für die Wandgemälde, die Riveras Arbeit in Mexiko ab 1922 über drei Jahrzehnte bestimmten und für die er Weltruhm erlangte. Diese Werke lassen die Ausstellung insgesamt als ein Ganzes erscheinen. Sie verbinden die Arbeiten an der Staffelei mit den bekannteren und berühmteren Wandbildern und stellen den notwendigen Übergang von den gezeigten früheren Leinwandarbeiten zu den späteren dar.

Die vierte Gruppe, die chronologisch die dritte überlappt, besteht aus Portraits und anderen Bildern aus der Mitte der 20er Jahre bis zu seinem Tod. Hier finden sich neben Bildern von außergewöhnlicher Schönheit und Ausdrucksstärke einige, in denen die Folgen von politischen und gleichfalls persönlichen Erschütterungen und Enttäuschungen offenbar ihren Tribut von dem alternden Giganten forderten.

Bezogen auf Riveras Leben und Werk ist der Ausstellungstitel "Kunst und Revolution" sicherlich gerechtfertigt. Sein Leben war so stark - oder noch stärker - wie das jedes anderen Künstlers mit den großen Ereignissen des 20. Jahrhunderts verbunden. Das Werk dieses großen Künstlers und Unterstützers der mexikanischen Revolution, der russischen Revolution und auch, eine Zeit lang, der Vierten Internationale muss ein Schlüssel zu den großen Fragen der Kulturgeschichte sein - zu der Beziehung zwischen den Künsten und der sozialen Revolution. Es scheint allerdings, dass die Organisatoren der Ausstellung nicht auf die gründliche Beleuchtung dieses entscheidenden Aspekts vorbereitet waren oder, aus welchem Grund auch immer, bereit waren diese Problematik unbeantwortet zu lassen. Sie haben die Frage allerdings gestellt und gleichzeitig einen faszinierenden und kraftvollen Korpus seiner Arbeit präsentiert. Dies ist nicht eben wenig.

Diego Rivera wurde im Jahre 1886 geboren und starb 1957. Zwischen 1898 und 1906 studierte er an der Nationalen Hochschule der Schönen Künste im Mexiko-Stadt, wo ihm verschiedene Preise verliehen wurden und er zum ersten Mal öffentliche Beachtung erfuhr. Er reiste dann mit Hilfe eines bescheidenen Stipendiums des Gouverneurs von Veracruz nach Europa und begann dort seine Lehrjahre im Studio von Eduardo Chicharro in Madrid. In den folgenden 14 Jahren reiste und arbeitete er in Europa und kehrte erst 1910 nach Mexiko zurück, um seine Bilder auszustellen.

Riveras Werk reflektierte zu dieser Zeit die heftigen ästhetischen und politischen Kontroversen innerhalb der Gruppe der emigrierten Künstler, Schriftsteller und Revolutionäre. In dieser höchst kreativen Atmosphäre herrschte Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen die Welt neu zu gestalten. 1917, im Jahr der Oktoberrevolution, brach Rivera mit Picasso und dem Kubismus. Bevor er 1921 nach Mexiko zurückkehrte, bereiste er Italien und studierte die Kunst der Freskenmalerei.

Als er 1922 mit seinem ersten Wandgemälde Schöpfung begann, bereitete er den Weg für die Entwicklung der Freskenmalerei zu einer der führenden Kunstformen des 20. Jahrhunderts. Im gleichen Jahr war er Mitbegründer der Gewerkschaft der Revolutionären Maler, Bildhauer und grafischen Künstler und schloss sich der Kommunistischen Partei Mexikos an.

1929 geriet er in Konflikt mit der Parteiführung. Stalins Theorie des Sozialistischen Realismus verlangte strikte Beschränkungen bezüglich Stil und Thema. Nachdem er bereits verschiedentlich geäußert hatte, dass er nicht mit Stalins politischer Linie übereinstimme, lehnte Rivera auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung die Änderung eines Wandgemäldes gemäß den Forderungen der Partei ab. Die Partei schloss ihn aus.

1933 begann er mit der Arbeit an einem großen Wandgemälde am Rockefeller Center in New York City. Als er sich weigerte ein Portrait von Lenin wieder zu entfernen, entließ ihn Rockefeller und ließ das Gemälde zerstören. Rivera antwortete ihm, indem er die Entwürfe für eine Freske im Palast der Schönen Künste in Mexiko-Stadt verwandte. In Bezug auf den Konflikt in New York sagte er, dies war "das einzig richtige Bild, das in dem Gebäude angebracht werden konnte [als]ein exakter und konkreter Ausdruck der gesellschaftlichen Lage unter dem gegenwärtigen Kapitalismus und Hinweis auf den Weg, dem die Menschheit folgen muss, um Hunger, Unterdrückung, Chaos und Krieg abzuschaffen."

Zu dieser Zeit war Leo Trotzki, Führer der russischen Revolution und der Internationalen Linken Opposition und baldiger Gründer der Vierten Internationale, ein Mann ohne Visum - er wurde sowohl vom Stalinismus wie auch vom Imperialismus von einem Land zum anderen gejagt. Rivera war maßgeblich daran beteiligt, Trotzki ein Visum für Mexiko und eine Unterkunft zu beschaffen.

1938 arbeitete er mit Trotzki und André Breton zusammen an dem Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst, einem Dokument, das auf dem tiefen Zusammenhang zwischen authentischer Kunst und der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse gründet. Es ist die Frucht der Diskussionen zwischen dem Führer des Weltsozialismus, dem Führer der surrealistischen Literatur und einem der besten Repräsentanten der modernen Malerei zu einem Moment, als der Faschismus progressive Tendenzen der Kunst als "degeneriert" bezeichnete und zerstörte und die Stalinisten unabhängige, kreative Arbeit als "faschistisch" denunzierten.

"Wahre Kunst, das heißt Kunst, die sich nicht mit Variationen über bereits gegebene Modelle zufrieden gibt, sondern danach strebt, den inneren Bedürfnissen des Menschen und der heute lebenden Menschheit Ausdruck zu verleihen, kann nicht anders als revolutionär sein, das heißt, sie kann nur eine vollständige und radikale Neuordnung der Gesellschaft anstreben, und sei dies nur, um das intellektuelle Schaffen aus den Ketten zu befreien, die es niederhalten, und um so der ganzen Menschheit möglich zu machen, sich in Höhen zu erheben, die in der Vergangenheit nur einsame Genies erreicht haben. Gleichzeitig bekennen wir, dass allein die soziale Revolution den Weg zu einer neuen Kultur bahnen kann."

Zu seiner besten Zeit verlieh Rivera diesen Themen monumentale Form, wobei er in seiner Kunst das Vertrauen in die Fähigkeiten der Arbeiterklasse und der Menschheit mit strahlender Schönheit und Mitgefühl verband. Trotzkis Ermordung, der Ausbruch des Krieges und seine Folgen sollten ihn bald vor enorme politische und kulturelle Probleme stellen. Riveras ursprünglicher Widerstand gegen die stalinistische Zwangsjacke des Sozialistischen Realismus bewahrte ihn leider nicht davor, den Stalinismus nach dem Krieg zu unterstützen. Seine Orientierungslosigkeit forderte ihren Preis von seinem späteren Werk.

Unter den frühen Bildern, die die Ausstellung eröffnen, ist das Selbstportrait eines begabten, bereits selbstbewussten, doch etwas schüchternen Studenten. In diesem und den dazugehörigen Bildern kann man erkennen, warum seine akademische Arbeit ihm ein bescheidenes Stipendium der Regierung und später eines für das Studium in Europa bescherte. Die Zeichnungen sind zart und meisterhaft; die Ölfarben wecken starke, dichte Stimmungen.

In dem Bild eines Krankenhausgartens mit dem Titel Promenade der Melancholiker führt ein schattiger Pfad zwischen Hecken durch einen Wald und vom Schatten in helles Sonnenlicht. Bereits in diesem frühen Werk von 1904 schafft es der Maler eine ungebrochene Stimmung von ruhiger Wärme zu erzeugen. Seine Farbpalette ist prächtig eingesetzt, um die heilsame Atmosphäre der Mittagssonne durch hohe Bäume entstehen zu lassen. Es ist ein Bild, das Optimismus weckt.

Wenige Jahre später in Europa wird der Betrachter bemerken, dass Rivera kaum eine innere Umwälzung durchmachen musste, um die melancholischen Wärme zu meistern, die für die zeitgenössische spanische Malerei typisch war. Das sanfte Licht einer untergehenden Sonne schimmert in vier Kassettenfenstern mit dunklem Holzrahmen und glüht auf dem alten Stuck und Mauerwerk in dem Bild Haus in der Biskaya. Hier präsentiert Rivera seine Fähigkeit, sich mit solchem Vergnügen in eine Szene zu versenken, dass man sich eingeladen oder hingezogen fühlt, sich ihm anzuschließen. Sanfte Schatten und leicht geschwungene Kopfsteinpflasterstraßen schaffen ein Gefühl von Tradition, die ganz natürlich in der Landschaft ruht. Keine Menschen, Pflanzen oder Tiere treten auf. Zu diesem Zeitpunkt zog Rivera bereits Lebenskraft und Wärme, sogar Persönlichkeit, aus unbelebten Objekten Dieses Ölgemälde von 1907 gibt ebenfalls einen Hinweis auf die rhythmischen Kompositionen, die er später so kraftvoll entwickeln sollte.

In einer Reihe von Gemälden verwischt Rivera den Unterschied zwischen der Studie eines klassischen Werks und einer originellen Arbeit. Die Zusammenstellung einer umfassenden Auflistung seiner Einflüsse würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Wir können sagen , dass eine solche Darstellung folgende Maler einschließen müsste: Posada, El Greco, Velasquez, Goya, Titian, Tintoretto, Ingres, Monet, Cezanne, Renoir und Picasso. Er verband eine große Vielfalt von Stilen, Techniken, und Themen, kopierte die Schulen der Malerei bis er sie beherrschte, und bearbeitete ein traditionelles Thema mit einer neuen und entgegengesetzten Technik.

Das Bild von Notre Dame de Paris von La Porte de la Tournelle aus dem Jahre 1909 ist ein außergewöhnliches Beispiel. Der Himmel und die Struktur der Kathedrale zeigen die technische Stärke von Monets Behandlung des Himmels und von Kirchenfassaden. Die Intensität des hellen Sonnenlichts auf dem Ölgemälde wird durch das Aufbrechen in die Farben seines Spektrums geschaffen. Für diese Studie verlagerte Rivera allerdings den Fokus und stellte seine Staffelei auf dem gegenüberliegenden Ufer der Seine auf, unter dem Niveau der Straße und der Kathedrale. Im Vordergrund laden schattenhafte Hafenarbeiter gewaltige Fässer auf einen Kahn. Dicke Figuren und satte Erdtöne erinnern an das Werk von Jean Francois Millet, dessen Studien über Bauern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts nebenan im Louvre hängen.

Riveras naive Kombination von Material aus historisch voneinander entfernten und scheinbar unvereinbaren Schulen der Malerei ist oft erfrischend. Als Herausforderung und als tiefe Verbeugung vor El Greco, der die gleiche Szene etwa 300 Jahre früher gemalt hatte, wählte er 1912 einen Blick auf Toledo für eine Studie aus. El Greco benutzte die Verbindung von gewundenen Wolken und Schatten zusammen mit einer beinahe surrealen Farbgebung, um ein Gefühl für die sozialen und geistlichen Spannungen in diesem Zentrum der katholischen Herrschaft zu erzeugen - in einer Zeit, als Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannt und Galileo vor Gericht gestellt wurde.

Rivera drehte den künstlerischen Prozess um, indem er die Landschaft in hellen Pastellfarben und warmem Sonnenlicht badet und die Komposition mit eckigen geometrischen Figuren aufbaut, die durch dominante Diagonalen miteinander verbunden werden. Rivera strebte scheinbar nach der analytischen Herangehensweise der Kubisten, indem er gegen den Manierismus El Grecos arbeitete. El Grecos Stadt war beinahe verschlungen von der umgebenden Landschaft, wogegen Riveras Kirchtürme Land und Wasser überragen und seine Häuser überall hinüber greifen. Sein Gemälde ist ein bisschen hohl, ihm fehlt der innere Zusammenhalt. Diese Schwäche wurde allerdings mehr als wettgemacht durch den Erfolg einiger weiterer, die bald folgenden sollten.

In einem großen Portrait aus dem folgenden Jahr verlängert Rivera die Figur seines Freundes Adolfo Best Mougard in einer Weise, die wiederum an El Greco erinnert. Für Rivera verstärkte diese Methode die Darstellung von hochentwickeltem Stadtleben. Mougard steht auf einer angehobenen Plattform aus Beton und Stahl, tatsächlich der Balkon von Riveras Studio. Eine Komposition von kraftvoll miteinander in Konflikt stehenden Diagonalen stellt die Dynamik von Paris als Zentrum Europas dar. Das Riesenrad, das damals die Silhouette der Stadt prägte, beherrscht den Hintergrund des Gemäldes und scheint sich um das Ende von Mougards ausgestrecktem Finger zu drehen. Farbflächen binden und tünchen die aufwühlende Komposition, während die klare Unterscheidung zwischen Vordergrund, Mitte und Hintergrund Riveras Zwiespältigkeit in Bezug auf die kubistische Ablehnung der klassischen Perspektive widerspiegelt.

In der Malloquinischen Landschaft aus dem Jahre 1914, einer spektakulären Präsentation von schwingender Farbe, satter Struktur und verspielten Formen fing Rivera ein Gefühl der Heiterkeit ein. Er war offensichtlich begeistert von diesem Paradies am Mittelmeer - jeder sinnliche, lebensfrohe Aspekt scheint vor dem Hintergrund des in Europa ausbrechenden Krieges besonders betont. Er malte gewissermaßen ein Paradies, das die inneren Bedürfnisse des Menschen darstellte, gerade als Europa in Tod und Verderben sank.

Die glitzernden Strände, die er mit einem Spachtel auftrug, bilden einen zerbrechlichen Rahmen für diese Oase des Lebens, die hervorzuquellen scheint wie ein Zuviel an Bakterien in einem Tröpfchen unter einem Mikroskop. Er brachte die Farbe mit harten Pinseln auf und verlieh dadurch Steinen, Erde und Vegetation eine gehaltvolle, plastische Qualität. Hier übernimmt ein natürlicher Rhythmus die Komposition, wie ein Spaziergang an einem Sommertag, und wiederholt die einfachen Formen einer mediterranen Fülle. Das Bild ähnelt auch einer Schale köstlicher Früchte, die bereitet wurde, um das Heimweh nach der vertrauten Wärme des subtropischen Mexikos zu stillen.

Hierauf folgte 1915 Riveras Landschaft der Zapatista, die er als "vermutlich wahrhaftigsten Ausdruck der mexikanischen Stimmung, den ich jemals erreicht habe" bezeichnete. In dieser gedrängten, kompakten Komposition von brillanter Farbe und kraftvoller Struktur gab Rivera den schöpferischen Kräften der mexikanischen Revolution an einem ihrer schmerzhaftesten und blutigsten Momente Ausdruck. Seine ungewöhnliche Komposition stellt ein kubistisches Portrait vor einen vereinfachten Hintergrund nach der klassischen Perspektive.

Vulkanlava, das Blut der Bauernschaft und ein schwangerer Bauch sind miteinander verwoben, um ein Portrait der Revolution zu erschaffen. Gewehr, Ledergürtel, Decke, Munitionskiste und Sombrero heben sich vor den alten Kratern und Bergen Mexikos ab. Hier ist würdevolle Bescheidenheit kombiniert mit dem glühenden Ausbruch eines Vulkans. Das Land selbst wird zerrissen und neu geformt. Zu diesem Zeitpunkt auf der Höhe seiner Kräfte als Kubist, trennte Rivera Linie, Struktur, Gestalt und Farbe operativ, um sie in einer geschlossenen Komposition verschmelzen zu lassen. Die Formen durchdringen sich gegenseitig und rotieren umeinander, als ob sie durch starke Kräfte zusammengehalten und auseinandergetrieben würden, gleichwie die Kräfte, die im Kern eines Atoms wirken.

Weiblicher Akt von 1918/19 bezeugt die Faszination des Künstlers für Renoir, dem er mit einem der schönsten Gemälde, die jemals geschaffen wurden, seine Reverenz erwies. Während wir die bleibende Anziehungskraft von Riveras Werk anerkennen, müssen wir einräumen, dass sich viele seiner Bilder der verbalen Beschreibung entziehen. Begnügen wir uns mit dem Hinweis, dass die rhythmische Komposition und die intensiven Farben dieses Bildes die magische Fähigkeit besitzen, den Betrachter aus einer drängelnden Menge in die Sphäre sinnlicher Intimität zu überführen.

Der Müllsammler, ein größeres Gemälde in Tempera- und Ölfarben aus dem Jahre 1935, bietet ein wunderbares Beispiel für die glatt geschliffene, skulpturale Qualität, die Rivera in vielen Wandgemälden erreichte. Indem er seine Farbpalette auf wenige Töne beschränkte, legt er den Fokus der Komposition auf das angespannte Profil seines anonymen Objekts.

In diesem Zusammenhang kann man kaum umhin, an die Hunderte von präkolumbianischen Artefakten zu denken, die Rivera über viele Jahre hinweg sammelte. Frida Kahlo sagte, dass er Stunden damit verbrachte diese Objekte zu bewundern. Im Streben nach einem immer universelleren Ausdrucksmittel kombinierte und bearbeitete er beständig künstlerische Formen. Seine einfachen skulpturalen Formen zählen zu bewegendsten der modernen Kunst.

Das überwältigende Portrait der Lupe Marin von 1938 erzeugt einen völlig anderen Effekt, obwohl es selbst stark und skulptural ist, besonders in den nach vorne gestreckten Händen. Hier verbinden sich die leuchtenden Farben des Himmels, die von den Falten in Lupes fliegendem, weißen Kleid reflektiert werden, mit Vervielfachungen, die durch die Reflexion in einem großen Spiegel hinter ihrer rechten Schulter erzeugt werden, zur Vermittlung einer schönen, komplexen und hochentwickelten Persönlichkeit.

Die rätselhaft-dunkle Nächtliche Landschaft aus dem Jahre 1947 ist eines der verführerischen und schönsten Bilder der Ausstellung. Eine Gruppe von Bauern faulenzt in einem Baum, dessen Stämme ein gewundenes Muster in der Dunkelheit weben. Ein Esel starrt aus den Schatten der tiefen Nacht. Und ein unheimliches Licht beleuchtet die Gruppe. Die Mienen sind versteckt, im Hintergrund gehalten, da die Figuren mit der Landschaft verschmelzen. Riveras brillante Farbpalette erzeugt einen ruhigen, melancholischen Ton für die Szene von bescheidenen Zuschauern, wahrscheinlich bei den Dreharbeiten zu John Hustons Der Schatz der Sierra Madre. Rivera liebte Filme und enthüllt in diesem Bild seinen Sinn für Ironie. Das Publikum aus Bauern in dieser Nacht, die in der Sierra Madre arbeiteten, würde vermutlich nie in der Lage sein, ihr Portrait im Film zu sehen.

Ein Jahrzehnt später ist die Scharfsinnigkeit verflogen, als Rivera, zugegeben mit gebrochenem Herzen und sehr krank, in die Sowjetunion reist. Im vorangegangenen Jahr war er nach einer Verbannung von über zwei Jahrzehnten wieder in die Kommunistische Partei aufgenommen worden. Parade zum Tag der Arbeiter in Moskau aus dem Jahre 1956 ist reich an Farben, aber leblos.

In seinem gesamten bewussten Leben blieb Rivera ein offener Verteidiger der Unterdrückten und ein Sympathisant von Revolutionen in der ganzen Welt. Stets umgaben ihn künstlerische und politische Kontroversen. Er kämpfte, oft heldenhaft, für seine Überzeugungen. Unter den komplexen und schwierigen Bedingungen mag er einen Preis dafür bezahlt haben, aber er hat auch viel gewonnen. Er war zutiefst unzufrieden mit der ihn umgebenden Realität, und indem er sie aufrichtig wiedergab, versuchte er den Schleier zu heben, der eine ideale Zukunft verbarg.

Das moderne Leben basiert auf der immer stärker werdenden Ausbeutung der Mehrheit durch eine Minderheit, wobei alle Mittel der Täuschung und des Aberglaubens eingesetzt werden, um das Wesentliche zu verbergen. Heuchelei folgt auf Gewalt, der Beschädigung des kollektiven Bewusstseins folgt der Hohn auf dem Fuße. Wen wundert es, dass sich vor der Rivera-Ausstellung lange Menschenschlangen bilden. Seine Bilder lindern diese Wunden, und wer hinzusehen versteht, empfindet echte Freude.

Siehe auch:
Web Site zu Diego Rivera
Landeskunstmuseum Los Angeles