Die Zeit ist aus den Fugen

Peter Zadeks Hamlet an der Berliner Schaubühne

Von Stefan Steinberg
5. Oktober 1999

Peter Zadek, einer der führenden Theaterregisseure Deutschlands, hat viele Beteiligte der berühmten Bochumer Hamlet-Produktion von 1977 für eine Neuinszenierung von Shakespeares Stück an der Berliner Schaubühne wieder zusammengebracht. Ulrich Wildgruber, Zadeks Hamlet vor 22 Jahren, spielt nun Polonius; Eva Mattes übernimmt noch einmal die Rolle der Mutter Hamlets, Königin Gertrud. Knut Koch ist Reinhold und Hermann Lause der Geist von Hamlets Vater. Zusätzlich zu der ursprünglichen Besetzung hat Zadek Deutschlands Schauspieler des Jahres, Otto Sander, die Rolle des Claudius gegeben. Schließlich hat Zadek eine herausragende deutsche Schauspielerin, Angela Winkler ( Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Die Blechtrommel, Danton) für die Rolle des Hamlet gewählt.

Für viele Schauspieler bedeutet die Rolle des Hamlet den krönenden Moment ihrer Karriere. Auch eine Anzahl hervorragende Schauspielerinnen fühlten sich zu der Rolle berufen, darunter die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt, der dänische Star des Stummfilms Asta Nielsen und in jüngster Zeit, in einer britischen Produktion, Frances de la Tour.

Hamlet nennt Dänemark ein "Gefängnis". Zadeks Bühnengestaltung vermittelt wahrhaftig diesen Eindruck. Die Bühne wird dominiert von einem großen Baucontainer. Alle Auftritte und Abgänge vollziehen sich durch die diversen Türen und Öffnungen des Containers. Das einzige Bühnenrequisit ist eine einfache Gruppe von Stühlen. Die Besetzung trägt moderne Kleidung - hauptsächlich schlechte Anzüge - und in der Eröffnungsszene erscheint Claudius in einer blendend weißen Militäruniform, die eine Mischung aus einer Uniform der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee zu sein scheint. Der sichtbare Kontrast zu Hamlet könnte in dieser Szene nicht stärker betont werden. Hamlet trägt traditionelle Kleidung und trübes Schwarz von Kopf bis Fuß.

Im ersten Akt erklärt ein Offizier der dänischen Garde: "Etwas ist faul im Staate Dänemark." Und diese Fäulnis hebt Zadek hervor. Später im Stück, in der Friedhofsszene, tragen die beiden Totengräber dieselbe Art von Plastikanzügen und Gesichtsmasken, die man aus Fernsehbildern über die Exhumierung von Massengräbern kennt. Bei der Beerdigung Ophelias werden Müllhaufen beiseite geschaufelt, um Yoricks Schädel frei zu legen - diese Welt ist nicht nur ein "Garten voll von Unkraut", sondern eine Welt, die an ihrem eigenen Abfall erstickt.

König Claudius, der seinen eigenen Bruder und Hamlets Vater ermordet hat, ist ein "politischer Realist" - intrigant, betrügerisch und zu Allem fähig. Während er seine Aktivitäten des nächsten Tages mit einem Malt-Whisky in der Hand plant, ist er stets zu öffentlichen Auftritten mit einem strahlenden Lächeln bereit.

Lächeln und lächeln und Verbrecher sein.

Zumindest kann's in Dänemark so sein.

Ein Theaterkritiker kommentierte in Bezug auf Sanders Claudius, dass man nicht anders könne, als sich an moderne Politiker wie Blair, Schröder und Clinton erinnert zu fühlen. Tatsächlich zog Zadek in einem Zeitungsinterview eine Parallele zwischen seinem Claudius und dem deutschen Verteidigungsminister Rudolf Scharping.

Polonius ist eine große, pompöse Ente und schlägt wirr mit seinen Flügeln, richtet seine glänzenden Knopfaugen nach links und rechts, um sein Erbrechen von wiedergekäuten Patentrezepten und Gemeinplätzen zu betonen. Zadek hat sich bei der Rolle der Gertrud beachtliche Freiheiten genommen und reduziert die Königin und Mutter Hamlets auf die Rolle einer sexbesessenen, rotlippigen Spielgefährtin von König Claudius.

Konfrontiert mit der Teilnahmslosigkeit, Formalität, Heuchelei und dem Schauspielen des offiziellen dänischen Hofes ist Angela Winklers Hamlet feurig, von Hass erfüllt, leidenschaftlich und körperlich. Häufig am Rande der Tränen, erschließt Winklers Hamlet immer aufs neue verborgene Kräfte, um sich der Schurkerei des öffentlichen Lebens in Dänemark entgegenzustellen. Während der Szene, in der Hamlet seine Mutter Gertrud wegen ihrer übereilten Heirat mit Claudius angreift, versucht Hamlet buchstäblich ihren Verstand wach zu rütteln, presst sie auf das Doppelbett, das sie mit dem eingedrungenen König teilt und schleift sie dann vor Zorn über den Boden der Bühne. In der Szene mit seiner geliebten Ophelia verliert Hamlet die Beherrschung, als Ophelia auf Befehl ihres Vater seine Liebe verschmäht und Briefe und Schmuck von ihm zurückgibt.

Hamlet-Darstellerinnen neigten bislang dazu, dem Stück eine psychologische Interpretation zu geben. Edward Jones, der berühmteste Schüler Sigmund Freuds, behauptete: "Hamlet war eine Frau." Sowohl Freud als auch Jones bezogen sich dabei auf Hamlets "Hysterie". Zadek und Winkler unternehmen keine erkennbaren Anstrengungen, die sogenannten "femininen" Charakteristika Hamlets hervorzuheben. Winklers Hamlet ist der einfühlsamste, verwundbarste Charakter am dänischen Hof, aber dieser Hamlet ist weder schwach noch unentschlossen. Im Angesicht der überwältigenden Schwierigkeiten im Kampf um seinen Vater zu rächen stellt Winklers Hamlet schließlich den Wert des Lebens selbst in Frage. Im Kontrast zu der Leidenschaft, die er in Beziehung zu den Mitgliedern des Hofes zeigt, ist Winklers Umgang mit den formvollendeten Monologen - den vielleicht berühmtesten in der Geschichte des Dramas - zurückhaltend, sie werden sanft, beinahe monoton gesprochen.

Shakespeares Hamlet, der wahrscheinlich 1600 zum ersten Mal aufgeführt wurde, fiel oberflächlich betrachtet in die Form der "Vergeltungstragödie", eine populäre Form des Elizabethanischen Theaters. Nach diesem Muster erfährt der Held des Stückes (oft eine Figur aus dem niederen Adel) von unbestreitbaren Beweisen eines großen Verbrechens, das gegen ihn begangen wurde. Der Rest des Dramas handelt allgemein davon, auf welche Art und Weise der Held die Hindernisse überwindet, um Rache zu nehmen.

Prinz Hamlet allerdings ist nicht der typische Held einer Vergeltungstragödie. Hamlet ist ein Student in der deutschen Stadt Wittenberg, wo im Jahre 1517 Martin Luther seine 95 Thesen an das Tor der Schloßkirche schlug, ein Wendepunkt in der Entwicklung der protestantischen Revolution. Hamlets Standpunkt ist daher der eines aufgeklärten Christen, der gelernt hat, Fragen zu stellen und jedes sicher begründete Anrecht und jede vermeintlich absolute Erkenntnisquelle gründlich zu untersuchen.

Eine Reihe von klassischen deutschen Schriftstellern setzten sich mit der Bedeutung der neuen dramatischen Form auseinander, die mit dem Namen Shakespeare verbunden war, und mit dem neuen Menschentyp, der von Hamlet verkörpert wurde. In seinem Werk Über die tragische Kunst von 1792 identifiziert Friedrich Schiller die Schwäche, die "Achillesferse" der klassischen Tragödie als "eine blinde Unterwürfigkeit unter das Schicksal", welche "demütigend und kränkend für freie sich selbst bestimmende Wesen" sei.

Schillers Freund, Johann Wolfgang Goethe, Deutschlands berühmtester Schriftsteller und Lyriker, dessen 250-ster Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, schrieb ausführlich über Shakespeare und insbesondere über Hamlet, wobei er deutlich zum Ausdruck brachte, wie tief er mit seinem eigenen künstlerischen Werk in der Schuld des englischen Dramatikers stand. Für Goethe lag die Essenz des Hamlet im Konflikt zwischen Freiheit und Notwendigkeit, der sich in der Seele des Individuums abspielt. In seinem Essay "Dichtung und Wahrheit" schrieb Goethe:

"Unser Leben ist, wie das Ganze, in dem wir enthalten sind, auf eine unbegreifliche Weise aus Freiheit und Notwendigkeit zusammengesetzt. Unser Wollen ist ein Vorausverkünden dessen, was wir unter allen Umständen tun werden. Diese Umstände aber ergreifen uns auf ihre eigene Weise."

Über Hamlet schrieb Goethe: "Das Unmögliche wird von ihm gefordert, nicht das Unmögliche an sich, sondern das, was ihm unmöglich ist... Ein Wollen, das über die Kräfte eines Individuums hinausgeht, ist modern." In Wilhelm Meisters Lehrjahre zitiert Goethe Hamlet; 1. Akt, 5. Szene:

Die Zeit ist aus den Fugen: Fluch und Gram,

Daß, ich zur Welt sie einzurichten, kam."

Für Goethe erforschte Shakespeare in Hamlet vor allem die Gewissenskonflikte eines Menschen, der unter gegebenen historischen, gesellschaftlichen Umständen vor monumentalen Aufgaben steht. In seinem Kampf gegen das unzweifelhaft Schlechte kann und wird Hamlet sich nicht auf Götter oder absolute Autoritäten verlassen. Im Gegensatz dazu ist er gezwungen, eine Vielzahl an Eigenschaften aufzubieten, einzusetzen und zu äußern, die nicht immer edel, aber mit Sicherheit menschlich sind. Gleichzeitig werden Hamlets heftige Gefühlsausbrüche und seine subtile Intelligenz in einer poetischen Sprache vermittelt, die frei ist von Selbstdarstellung, direkt zu uns spricht und an uns appelliert. Diese Elemente sind sicherlich der Schlüssel zu der immerwährenden Bedeutung und Faszination, die von Hamlet ausgeht.

Zadeks Hamlet lädt ein zum Vergleich und zur Gegenüberstellung mit Kenneth Branaghs jüngster Verfilmung des Hamlet. Branaghs Darstellung ist anspruchsvoll und wertvoll, aber vermittelt wenig von dem, was Hamlet als "Fäulnis" Dänemarks bezeichnet. Man hat das Gefühl, dass für Branagh die Kräfte der Aufklärung weit verbreitet und auf dem Vormarsch sind. Zadek hat seiner Hamlet-Produktion eine andere Richtung gegeben. Während seine Enttäuschung über die gegenwärtige Politik und ihre Vertreter im Stück offensichtlich ist, präsentiert uns Zadek nichtsdestotrotz eine nachdenklich stimmende Darstellung einer "aus den Fugen geratenen" Welt - die vor allem durch die Leistung der Schauspieler, insbesondere Angela Winklers, in Erinnerung bleibt.