Soziale Krise in Russland nimmt afrikanische Ausmaße an

Von Patrick Richter
27. Oktober 1999

Am Freitag den 23. Oktober trat der bekannte amerikanische Russlandexperte Murray Feshbach mit einer schockierenden Erklärung über die soziale Lage in Russland an die Öffentlichkeit.

Feshbach ist Professor für Demographie an Washingtons Georgetown University und ist Verfasser der detaillierten Studien Environmental and Health Atlas of Russia(1995) (Umwelt- und Gesundheitsatlas Russlands) und Ecological Disaster: Cleaning up the Hidden Legacy of the Soviet Regime(1995) (Umweltdisaster: Das Aufräumen mit dem versteckten Erbe des Sowjetregimes).

Auf einer Pressekonferenz in Washington warnte er, dass Russlands Bevölkerung bis zum Jahr 2050 um ein Drittel schrumpfen könnte. Statt der derzeit 146 Millionen Einwohner würden lediglich 80 bis 100 Millionen übrigbleiben, wenn keine grundlegenden Verbesserungen im Sozial- und Umweltbereich durchgeführt werden. Bis zum Jahr 2016 könne russischen Projektionen zufolge die Bevölkerung um 9 bis 17 Millionen zurückgehen.

Ein solcher Bevölkerungsrückgang hätte dramatische politische und ökonomische Konsequenzen für Russlands ohnehin immer stärker unterhöhlte Stabilität. Man bedenke nur, dass im riesigen und rohstoffreichen und daher von vielen Mächten heißbegehrten Sibirien lediglich 24 Millionen Menschen leben, während das angrenzende China mit seiner explodierenden Bevölkerung von 1,25 Milliarden buchstäblich aus allen Nähten platzt.

Ursache für diese katastrophalen Aussichten ist der enorme Anstieg von Tuberkulose (TBC), AIDS, Unfruchtbarkeit und anderen Krankheiten, insbesondere von Geschlechtskrankheiten. Allein im vergangenen Jahr habe es den unvollständigen und selten korrekten russischen Daten und Statistiken zufolge 450.000 Syphiliserkrankungen gegeben. Zum Vergleich: in den Vereinigten Staaten mit einer Bevölkerung von 260 Millionen Menschen gab es 8.000 Krankheitsfälle.

Die Verbreitung der unheilbaren Immunschwächekrankheit AIDS gleicht zunehmend Verhältnissen, die an die zentralafrikanischen Länder erinnern. Gestützt auf einen Bericht des Russischen Zentralbüros für Epidemiologie sagte Feshbach, dass es bis 2002 in Russland zwei Millionen HIV-Infizierungen bzw. AIDS-Erkrankungen geben werde. Allein die Krankenziffern für Moskau hätten sich im ersten Halbjahr 1999 gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum verzwölffacht. Die Krankheitsfälle "steigen hypergeometrisch an... und werden sich in der kommenden Dekade auf die Sterblichkeitsrate niederschlagen".

Auch die Tuberkulose scheint ungebrochen ihren Vormarsch fortzusetzen. Offiziellen russischen Angaben zufolge hat es im vergangenen Jahr 108.000 Krankheitsfälle gegeben, laut Weltgesundheitsorganisation WHO sogar 150.000. Im Vergleich zu den USA, wo es 18.000 Erkrankungen gab und nur einige wenige Fälle tödlich endeten, seien 1997 in Russland 24.777 Menschen an der Krankheit gestorben.

In einem Bericht des amerikanischen Zentrums für Krankheitskontrolle vom August wird festgestellt, dass die russische TBC-Rate seit 1991 von 34 Fällen bezogen auf 100.000 Einwohner auf 78 im Jahre 1998 hochgeschnellt sei. Nach WHO-Maßstäben redet man ab 50 Fällen pro 100.000 Einwohner von einer Epidemie.

Die größte Gefahr auch für Westeuropa und die restliche Welt geht von der mittlerweile sehr gut untersuchten multiarzneimittelresistenten Tuberkulose aus. Sie entsteht, wenn die Behandlung von Tuberkulose vorzeitig abgebrochen wird, weil der Patient keine Beschwerden mehr verspürt. In dieser Zeit entwickeln die stark geschwächten Erreger Resistenzen gegen das bisherige Medikament, lassen die Krankheit erneut ausbrechen und machen eine weitere Heilung damit unmöglich. In Russland gebe es von diesen Fällen bereits 30.000, wovon 20.000 in den Gefängnissen anzutreffen sind.

Über sein Spezialgebiet, die Umweltverschmutzung, sagte Feshbach, dass die katastrophale Lage im Lande ebenfalls ein wichtiger Faktor für den Bevölkerungsrückgang sei. Chemikalien und Schwermetalle im Trinkwasser sind insbesondere für Kinder und Schwangere gefährlich und unterstützen die Entstehung von genetischen und anderen Erkrankungen.

Der hohe Tabak- und Alkoholkonsum wie auch die vitaminarme Ernährung der Mehrheit der Bevölkerung einschließlich der ständigen Missernten und miserablen und chaotischen Nahrungsmittelversorgung würden die Sterblichkeit weiter nach oben treiben. Was die Selbstmordrate betrifft habe Russland in den 90er Jahren die Weltspitze erreicht und die bisherigen Rekordhalter Ungarn und Japan weit hinter sich gelassen.

"Wenn man all das zusammennimmt, ist die Belastung für die russische Bevölkerung enorm." Auf Fragen, ob es denn keine Pläne seitens der russischen Behörden gebe, antworte er, dass diese zwar "immer besorgter wegen dieser Fragen sind, ein Großteil ihrer Vorhaben ist jedoch undurchführbar."

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