Die Westmächte und Osttimor - eine Geschichte der Manöver und Intrigen

Von Nick Beams
9. Oktober 1999

Die Behauptung, die UNO-Intervention in Osttimor unter Führung Australiens sei durch humanitäre Motive bestimmt, wird durch die historische Erfahrung widerlegt. Die Tragödie des osttimoresischen Volkes ist das Ergebnis der jahrzehntelangen Intrigen und Manöver derselben imperialistischen Mächte, die jetzt zu seiner "Rettung" angetreten sind.

Die indonesische Invasion von 1975 und die anschließende "Befriedung", die von der osttimoresischen Bevölkerung 200.000 Todesopfer forderte, wurde von den USA unterstützt, die nach ihrer Niederlage in Vietnam die repressiven Regime in der Region stabilisieren wollten.

Ein Teil der herrschenden Elite Indonesiens war nicht gegen eine Unabhängigkeit Osttimors. Sie hatten gegenüber den Beteuerungen des Fretelin-Führers Jose Ramos-Horta ein offenes Ohr und glaubten, Osttimor werde unter der Kontrolle der Fretilin freundschaftliche Beziehungen zu Indonesien unterhalten. Aber für die indonesischen Militärs, die das Sagen hatten, war die Aussicht auf ein unabhängiges Osttimor ein Alptraum. Sie beharrten darauf, dass die "kommunistische" Fretelin vernichtet werden und Osttimor Teil Indonesiens bleiben müsse; andernfalls drohten die Kämpfe gegen das Militär wieder aufzuleben, oder separatistische Bewegungen in anderen Teilen des Archipels würden ermutigt.

Diese Sicht wurde von Washington unterstützt. Präsident Ford und Außenminister Kissinger gaben am 6. Dezember 1975 bei einem Besuch in Jakarta der Invasion ihre Zustimmung, die dann am nächsten Tag stattfand. Der Inhalt der Gespräche von Kissinger und Ford wurde nie bekanntgegeben, aber es besteht kein Zweifel, dass die USA die Durchführung der Invasion befürworteten.

Nach dem Bericht des australischen Journalisten John Pilger kommentierte der damalige CIA-Agent Philip Liechty ihm gegenüber die Ereignisse so: "[Ford und Kissinger] waren da und gaben Suharto grünes Licht. Die Invasion wurde um zwei Tage verschoben, um den beiden Zeit zum Verschwinden zu geben. Wir erhielten den Befehl, den Indonesiern alles zu geben, was sie wünschten, und amerikanische Waffen wurden ohne Wissen des Kongresses direkt nach Osttimor geschickt. Ich habe es selbst gesehen; man gab ‚Feuer frei‘ für das Gebiet ... Und das alles, weil ein kleines Land in der UNO vielleicht neutral oder links abgestimmt hätte."

Später enthüllten Beweise vor dem US Kongress, dass 90 Prozent der Waffen, die das indonesische Militär bei der Invasion einsetzte, von den USA zur Verfügung gestellt worden waren.

Im Januar 1976 erklärte ein Vertreter des amerikanischen Außenministeriums der australischen Zeitung The Australian, dass "wir aufgrund der guten amerikanisch-indonesischen Beziehungen den Übergriff gegen Osttimor mehr oder weniger billigen... Die USA wollen mit Indonesien enge und freundschaftliche Beziehungen pflegen. Wir betrachten Indonesien als ein freundlich gesonnenes neutrales Land - ein Land, mit dem wir gute Geschäfte machen."

Die australische Labor Regierung teilte die Sorge der Vereinigten Staaten über die regionale "Stabilität" nach dem Vietnam-Debakel. Bei Treffen mit Suharto in den Jahren 1974 und 1975 bot Premierminister Gough Whitlam die Unterstützung Australiens bei der Einverleibung Osttimors an.

Neben weitergehenden geopolitischen Interessen ging es der australischen Regierung auch um unmittelbare ökonomische Interessen. An erster Stelle stand die Entdeckung und Ausbeutung von Rohölvorkommen - eine Frage, die nach der Vervierfachung der Ölpreise durch die OPEC 1973-74 entscheidende Bedeutung erlangte.

1972 war Australien mit Indonesien zu einer Übereinkunft über die Erforschung des Meeresbodens nach Ölvorkommen gekommen. Aber wegen der Rechtshoheit Portugals über Osttimor gab es eine "Lücke" in dem Geltungsbereich. Verhandlungen mit Portugal über die Schließung dieser "Timor-Lücke" scheiterten 1974.

Anfang 1975 war klar, dass Indonesien sich auf eine Invasion Osttimors vorbereitete; ein Annektionsplan war im Oktober des Vorjahres angenommen worden. Im Februar übte das indonesische Militär die Invasion Osttimors bei einem Manöver in Lampung, im Süden Sumatras.

Die australische Regierung war sich über die Vorteile bewußt, die eine Vereinnahmung Osttimors durch Indonesien mit sich brächte. Diese wurden in einer Depesche des australischen Botschafters in Indonesien, Richard Woolcott, an seine Regierung formuliert.

Der Botschafter schrieb: "Wir sind uns durchaus der australischen Verteidigungsinteressen in der Portugiesisch-Timor Frage bewußt, aber ich frage mich, ob man sich mit dem Ministerium für Rohstoffe und Energie über dessen Interessen abgestimmt hat. Es scheint mir, dass dieses Ministerium möglicherweise sehr daran interessiert sein könnte, die Lücke in der vereinbarten Seegrenze zu schließen, und dass die Verhandlungen darüber wesentlich leichter mit Indonesien als mit Portugal oder einem unabhängigen Portugiesisch-Timor zum Erfolg führen könnten. Ich weiß, dass ich einen eher pragmatischen als prinzipiellen Standpunkt vertrete, aber genau darum geht es ja bei der Vertretung des nationalen Interesses und bei der Außenpolitik."

1976 bot Premierminister Malcolm Fraser, Whitlams Nachfolger, entsprechend dieser Maxime die de facto Anerkennung der indonesischen Eroberung Osttimors an, obwohl für die Unabhängigkeit kämpfende Einheiten etwa 75 Prozent des Gebietes kontrollierten. Im Januar 1978 anerkannte Australien die Rechtmäßigkeit der Eingliederung Osttimors als 27. Provinz in den indonesischen Staatsverband, um die Vorbedingung Indonesiens für Verhandlungen über die Schließung der Timor-Lücke bei der Erforschung der Ölvorkommen zu erfüllen.

Öl in der Timor-See

Die frühere Kolonialmacht Portugal, die sich 1975 aus dem Gebiet zurückzog, nahm die Aggression Indonesiens hin. Aber sie hielt sich ihre Optionen in der Region offen, indem sie in der UNO in den achtziger Jahren eine Reihe Resolutionen durchsetzte, die die Annexion durch Indonesien verurteilten und Osttimor als ein "sich nicht selbst verwaltendes Territorium" bezeichneten, in dem Portugal die "Verwaltungshoheit" besitze.

Im Rahmen des Kalten Kriegs, in dem das Militärregime Suhartos als Bastion gegen den "Kommunismus" und die indonesischen Massen unterstützt wurde, blieben diese Resolutionen im Großen und Ganzen tote Buchstaben.

Ein Vertrag über die Timor-Lücke wurde schließlich im Dezember 1989 an Bord einer VIP-Maschine der Royal Australian Air Force über der Timor-See von den Außenministern Australiens und Indonesiens unterzeichnet. Aber ehe die Tinte unter dem Vertrag trocken war, begannen sich die ökonomischen und politischen Bedingungen zu ändern.

Zu Beginn der neunziger Jahre lebten die portugiesischen Interessen in der Region wieder auf, als Ölreserven im Wert von 11-19 Mrd. Dollar entdeckt wurden. Portugal war als Mitglied der Europäischen Union seit 1986 jetzt in einer stärkeren Position, um seine Ziele zu verfolgen. 1991 steckte es seine Ansprüche mit einer Klage vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Australien ab. Portugal begründete die Klage damit, dass der Vertrag über die Timor-Lücke illegal sei, die materiellen Interessen Portugals und des Volkes von Osttimor verletze und das Recht des Volkes von Osttimor auf Selbstbestimmung außer Kraft setze.

In einer Erklärung verurteilte Portugal Australiens Rolle: "Seine Gier nach dem Öl Osttimors war ihm wichtiger als alles andere.... nur diese Gier kann die de jure Anerkennung einer gewaltsamen Annexion erklären, die mehr als 100.000 Menschenleben gekostet hat."

Unnötig zu erwähnen, dass auch das plötzlich wiedererwachte Interesse Portugals an Osttimor von der gleichen Gier getrieben ist. Um das Territorium der Kontrolle Indonesiens zu entreißen, wandelte es sich zu einem Befürworter der Selbstbestimmung Osttimors, die es selbst in vierhundert Jahren Kolonialherrschaft unterdrückt hatte.

Im Juni 1995 verkündete der Internationale Gerichtshof seinen Spruch in der Klage Portugals: Er könne über die Legalität der indonesischen Annexion keine Entscheidung fällen, da Indonesien seine Autorität nicht anerkenne. Der damalige australische Außenminister Gareth Evans bezeichnete den Spruch als einen Sieg, der es Australien ermögliche, das Öl in der Timor-See ohne portugiesische Störmanöver auszubeuten.

In dem Urteil stellte das Gericht jedoch auch fest, die Behauptung Portugals, das Recht der Völker auf Selbstbestimmung, wie es sich unter der Charta und in der Praxis der Vereinten Nationen entwickelt habe, sei ein erga omnes Recht [ein Recht, das gegen jede Macht beansprucht werden kann], es sei unbestreitbar, und "das Prinzip der Selbstbestimmung [sei] eines der zentralen Prinzipien der heutigen internationalen Rechtsordnung". Nach diesem Spruch war Osttimor weiterhin ein nicht selbstverwaltetes Territorium mit einem Volk, dass das Recht auf Selbstbestimmung besitzt.

Mit der Wiederbelebung portugiesischer Ansprüche hatten Indonesien und Australien das gemeinsame Interesse, enger zusammenzurücken. Die Ölreserven unter der Timor-See waren nicht der einzige Grund. Australien schätzte auch Suhartos Unterstützung als Gegengewicht gegen die Versuche des malaysischen Premierministers Mahathir, es aus den Angelegenheiten Ostasiens herauszuhalten. Australien ist daran interessiert, Zugang zu den schnell wachsenden Märkten dieser Region zu erlangen.

Im November 1994 erklärte Außenminister Evans auf einer Konferenz über Indonesien, dass die Beziehungen Australiens zu Indonesien nicht von Menschenrechtsfragen bestimmt sein sollten. "Es ist klar, dass wir auf ökonomischem Gebiet schon eine feste Grundlage haben, auf der wir die Beziehungen weiter entwickeln können. Unsere Handelsbeziehungen wachsen schnell - der bilaterale Handel betrug letztes Jahr drei Milliarden australische Dollar, das ist dreimal soviel wie vor fünf Jahren." Australische Firmen tätigten lukrative Investitionen in Indonesien, besonders im Bergbau (im Wert von schätzungsweise zehn Mrd. Dollar Anfang der 90er Jahre). Oft arbeiteten sie dabei mit engen Vertrauten des Suharto-Regimes zusammen.

Der Gipfel der Zusammenarbeit der Labor Regierung mit Indonesien war der im Dezember 1995 unterzeichnete Verteidigungspakt. Während der Verhandlungen wurden das Parlament und die Öffentlichkeit im Dunkeln gelassen und nicht einmal die US-Regierung war informiert worden. Bei seiner Würdigung des Vertrags lobte Premierminister Keating Suhartos 1965 installierte "Neue Ordnung" - die zwischen 500.000 und einer Million Arbeitern, Bauern und Mitgliedern der Kommunistischen Partei das Leben gekostet hatte - als "eines der wichtigsten und günstigsten Ereignisse in der Geschichte der strategischen Interessen Australiens", weil sie für "regionale Stabilität" gesorgt habe.

Neue internationale Lage

Aber wieder änderte sich die internationale Lage. Mit dem Ende des Kalten Kriegs stellten die USA fest, dass das Suharto-Regime ihren Interessen nicht mehr im gleichen Maße dienlich war wie in der Vergangenheit. Vor allem die beherrschende Rolle der Suharto Familie und dem Militär nahestehender Kreise in der indonesischen Wirtschaft - der sogenannte Günstlings-Kapitalismus - entwickelte sich zunehmend zu einem Hindernis für die Aktivitäten der US-Konzerne.

Die asiatische Wirtschaftskrise von 1997 bot die Gelegenheit einzugreifen. Unter der Anleitung des amerikanischen Finanzmisters Robert Rubin diktierte der Internationale Währungsfond (IWF) eine Reihe von Maßnahmen, die auf die "Öffnung" der indonesischen Wirtschaft abzielten. Im Wesentlichen ging es darum, die Vorherrschaft von Suharto und der Militärclique über die indonesische Wirtschaft zu brechen und die Vorherrschaft des Weltmarkts und die Interessen der globalen US-Konzerne durchzusetzen.

Ein früherer hoher Diplomat erklärte gegenüber der Australian Financial Review: "Was zu dieser Lage geführt hat, ist die Entscheidung der USA, der Politik ihres Finanzministers Robert Rubin Folge zu leisten und den Indonesiern den Hahn abzudrehen. Die USA entschieden, dass Indonesien strategisch nicht mehr so wichtig sei wie vorher, dass Suharto nicht mehr unterstützt werden müsse und dass es besser sei, für politische Veränderungen in Indonesien zu sorgen. Als die Asienkrise ausbrach, gestalteten sie die Bedingungen des IWF derart, dass Suharto zum Rücktritt gezwungen wurde."

Die Schwächung des Suharto-Regimes eröffnete der portugiesischen Regierung neue Möglichkeiten. Ab 1997 führte sie in Zusammenarbeit mit der Führung der osttimoresischen Unabhägigkeitsbewegung eine intensive Kampagne in der UNO, um die Osttimorfrage wieder auf die Tagesordnung zu bekommen.

Unter dem Druck Portugals und Europas ernannte die UNO Jamsheed Marker zum Sondergesandten für Osttimor, der Gespräche zwischen Portugal und Indonesien organisieren sollte. Im April 1998, als das Suharto-Regime schon stark erschüttert war, wurde auf einem Kongreß in Portugal der Nationale Widerstandsrat von Timor (CRNT) gegründet, der die rivalisierenden Fraktionen Fretilin und UDT zusammenbrachte und Xanana Gusmao zum "lider maximo" (obersten Führer) ausrief.

Das indonesische Regime fürchtete, die UNO-Resolutionen in Verbindung mit dem Spruch des Internationalen Gerichtshofs von 1995 könnte die Grundlage für einen "Akt der Selbstbestimmung" abgeben, möglicherweise in der Form einer Volksabstimmung, um über den zukünftigen Status des Territoriums zu entscheiden. Um diesen Druck aufzufangen, stimmte die neue Regierung Habibie im Juni 1998 einem Sonderstatus für Osttimor mit weitreichender Autonomie zu und unterzeichnete im September 1998 eine Vereinbarung mit Portugal über die Aufnahme von Verhandlungen über diesen Vorschlag. Beide Seiten vereinbarten die Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen, die es Vertretern Portugals ermöglichte, wieder offiziell nach Indonesien zu reisen.

Die Schritte Portugals ließen in Canberra die Alarmglocken schrillen. In der australischen Regierung nahm die Besorgnis zu, dass sie von einer von der UNO vermittelten Entscheidung über die Zukunft Osttimors ausgeschlossen sein könnte, und dass ihr wichtigster Rivale bei der Kontrolle über die Ölvorräte die Führung übernehmen könnte. Während man portugiesische Initiativen in der UNO in den achtziger Jahren getrost ignorieren konnte, war das nach Ende des Kalten Kriegs und nach dem Sturz des langjährigen Verbündeten Suharto eine ganz andere Sache.

Folglich entschloss sich die australische Regierung einzugreifen. Premierminister John Howard schickte am 23. Dezember 1998 einen Brief an den indonesischen Präsidenten Habibie mit dem Vorschlag, Indonesien solle Osttimor Autonomie gewähren und die Möglichkeit einer Abstimmung über Unabhängigkeit in einigen Jahren einräumen. Ziel der Howard-Initiative war es, die Schritte Portugals ins Leere laufen zu lassen: einerseits durch den Vorschlag einer längeren, bis zu zehnjährigen Autonomieperiode, andererseits durch die Aufrechterhaltung der Zusammenarbeit zwischen Australien und Indonesien in der Osttimorfrage.

In seinem Brief merkte Howard an, es sei seit langem die Position Australiens gewesen, dass den Interessen Australiens, Indonesiens und Osttimors am besten durch einen Verbleib Osttimors bei Indonesien gedient sei. Dementsprechend schlug er eine Regelung vor, die man dem Matignon-Abkommen der Franzosen mit Neu-Kaledonien vergleichen könnte, das "eine politische Kompromisslösung ermöglichte und ein Referendum über den endgültigen Status Neu-Kaledoniens auf lange Jahre hinausschob."

"Die erfolgreiche Umsetzung eines Autonomiepakets mit eingebautem Überprüfungsmechanismus," schrieb Howard, "würde es ermöglichen, das osttimoresische Volk von den Vorteilen eines Verbleibens in der indonesischen Republik zu überzeugen."

Das Ultimatum Indonesiens

Aber für das indonesische Regime war die Schlüsselfrage in Howards Brief die Feststellung, dass irgendwann doch eine Abstimmung über Selbstbestimmung stattfinden würde. Es befürchtete, dass jede Abstimmung, gleichgültig wie lang die Autonomieperiode wäre, zur Abspaltung von Indonesien führen werde. Verärgert über diese veränderte Haltung seines engsten Spießgesellen bei der 25jährigen Unterdrückung des Volks von Osttimor wies das Habibie-Regime Howards Vorschlag zurück. Habibie erhöhte darauf seinen Einsatz und erklärte im Januar 1999, falls Indonesiens Angebot für eine Sonderautonomie zurückgewiesen werde, werde er der beratenden Volksversammlung vorschlagen, Osttimor die Loslösung zu erlauben.

Habibies scheinbare 180-Grad-Wende war in Wirklichkeit ein Ultimatum: Wenn die westlichen Regierungen die Löslösung durchdrücken wollen, dann werden wir die Abstimmung sofort unter Bedingungen durchführen, da das indonesische Militär noch die Kontrolle hat und Gewehr bei Fuß steht, um eine Politik der "verbrannten Erde" zu verfolgen, falls der Autonomieplan nicht durchkommen sollte.

Nach Habibies Ankündigung setzte Indonesien die Verhandlungen mit Portugal über UNO-Vermittlung fort, was am 5. Mai zu einer Vereinbarung führte. Eine "Volksbefragung" sollte durchgeführt werden, um festzustellen, ob das osttimoresische Volk den Autonomieplan Indonesiens akzeptiere.

Das indonesische Regime rechnete sich aus, dass unter Kontrolle des Militärs die Abstimmung zu Gunsten der Autonomie ausgehen werde, woraufhin gemäß den Abkommensbestimmungen "die Regierung Portugals die notwendigen Maßnahmen innerhalb der UNO in Gang setzen wird, um Osttimor von der Liste der sich nicht selbst verwaltenden Gebiete der Generalversammlung zu entfernen und die Osttimorfrage von der Tagesordnung des Sicherheitsrats und der Generalversammlung zu streichen." Mit anderen Worten, die Einverleibung Osttimors durch Indonesien würde die offizielle Billigung der UNO erhalten.

Es ist bezeichnend, dass das osttimoresische Volk an der Vereinbarung, auf deren Grundlage das Referendum vom 30. August schließlich stattfand, nicht beteiligt war. Die UNO legte die Form der "Volksbefragung" aufgrund der Vereinbarung fest, die zwischen Indonesien und Portugal getroffen worden war.

Alle Teilnehmer waren sich darüber im Klaren, dass im Falle einer Ablehnung der Autonomie das indonesische Militär und seine Milizen heftige Attacken gegen das osttimoresische Volk entfesseln würden. Auf die Frage, ob ein Referendum Bürgerkrieg bedeuten würde, antwortete der australische Außenminister Alexander Downer im Januar 1999: "Nun, das wäre bestimmt das Ergebnis, wenn heute ein Plebiszit abgehalten würde; das ist ja das Problem... Wenn jemand glaubt, die Lösung der Osttimorfrage bestehe darin, morgen ein Referendum abzuhalten, dann kann ich nur sagen, es wird mehr Blutvergießen als Lösungen hervorbringen."

Im März informierten australische Geheimdienstberichte die Regierung, dass die indonesische Armee die Milizen organisiere und eine Einschüchterungskampagne durchführe; zur gleichen Zeit leugnete Downer diese Fakten in der Öffentlichkeit. Im Juli verkündete der Kommandeur der indonesischen Armee in Dili in der Sendung Sunday des australischen Fernsehens: "Ich möchte folgendes klarstellen: Wenn die Unabhängigkeitsbefürworter [das Referendum] gewinnen... wird alles zerstört. Und Osttimor wird nicht mehr das sein, was es heute ist. Es wird schlimmer sein als vor 23 Jahren."

Trotz dieser Warnungen bestanden die Vereinten Nationen, die australische und die portugiesische Regierung auf der Durchführung des Referendums. Eine Niederlage für den indonesischen Autonomievorschlag - und die dann einsetzende Gewalt des Militärs und der Milizen - würde ihnen einen politischen Vorwand zum Eingreifen bieten. Howard hat öffentlich zugegeben, dass die Entscheidung der australischen Regierung vom März, die militärische Alarmbereitschaft auf die höchste Stufe seit dem Vietnamkrieg zu erhöhen, der entscheidende Faktor dafür war, dass die UNO Australien aufgefordert hat, die "friedenserhaltende" Operation anzuführen.

Die Rolle des CRNT

Die Linie der kleinbürgerlich nationalistischen Führer des CRNT [Nationaler Widerstandsrat von Timor] wurde von der UNO und den imperialistischen Mächten diktiert. Nachdem sie ursprünglich gegen ein Referendum gewesen waren, weil sie wussten, was ihnen bevorstand, solange das indonesische Militär noch die Kontrolle hatte, stimmte der CRNT dann doch dem UNO-Plan zu. Das werde die besten Bedingungen für eine militärische Intervention schaffen, so dachten sie, und dadurch würden sie an die Regierung kommen.

Die Rolle der CRNT Führer, besonders die von Xanana Gusmao, war wichtig. Sie wandten sich gegen alle Versuche des osttimoresischen Volkes, seine eigene Verteidigung gegen die Angriffe der Milizen zu organisieren.

Nach der Vereinbarung vom 5. Mai forderte Gusmao Jugendliche in Dili, die sich gegen die Schlägerbanden der Milizen wehren wollten, auf, sich ruhig zu verhalten. Er verurteilte Straßendemonstrationen als ein Zeichen von Mangel an "politischer Vision und einem falschen Verständnis der gegenwärtigen Situation". In einer Erklärung des CRNT vom 10. Mai schrieb er: "Ich weiß, dass die Jugendlichen die Bevölkerung von Dili zu einer massiven Demonstration mobilisieren wollen. Das zeigt nur ihre völlige Verantwortungslosigkeit ...

Ich möchte jeden daran erinnern, dass die Anwesenheit der UNO in Osttimor noch nicht unsern Sieg bedeutet. Die Aufgabe der UNO ist es, die Volksbefragung vom 8. August [dem ursprünglichen Termin des Referendums] zu organisieren. Wir alle müssen diesen Prozess unterstützen, folgt also den Anweisungen des UN-Teams. Deswegen wiederhole ich meinen Appell an alle, Ruhe zu bewahren. Ich wiederhole meinen Appell an die Jugend von Dili, den Anweisungen zu folgen, und fordere sie auf, verantwortlich und diszipliniert zu handeln. Ohne Disziplin sind wir schwach, und wenn wir nicht Disziplin von uns selbst verlangen, dann können wir sie nicht von anderen fordern. Daran müssen wir immer denken."

Selbst als die Angriffe der Milizen begannen, nachdem das Resultat des Referendums bekannt war, forderte eine Erklärung des CRNT die Guerillaeinheiten des Falintil auf, "nichts zu unternehmen, was als Beginn eines Bürgerkriegs interpretiert werden könnte."

Gusmao und der CRNT befürchteten, dass Widerstand von den westlichen Medien als Bürgerkrieg interpretiert werden könnte und die führenden Mächte sich dann gegen eine Intervention entscheiden könnten. Weil sie die Wirkung des "CNN-Faktors" im Krieg gegen Serbien gesehen hatten, dachten sie: je mehr Massaker, desto besser. Das schuf die besten Bedingungen für die Mobilisierung der "öffentlichen Meinung" im Westen für eine Entsendung von Truppen.

Die tragischen Situation, in der sich das Volk von Osttimor heute befindet, ist das Ergebnis der kombinierten Aktionen der imperialistischen Mächte - Australien, der USA und Portugal - sowie der Vereinten Nationen und der Führung des CRNT.

Die "Lösung", die sie jetzt vorschlagen - die Errichtung eines militärischen UNO-Protektorats - wird nur eine Neuauflage der Katastrophen der Vergangenheit in veränderter Form bringen. Nur ein unabhängiges Programm, das von einem gemeinsamen Kampf der Arbeiter in dieser Region mit der internationalen Arbeiterklasse ausgeht, kann den Teufelskreis imperialistischer Herrschaft durchbrechen.

Siehe auch:
Kohl zollt Suharto "großen Respekt und Zustimmung"
(27. Mai 1998)