Mein Jahrhundert?

Anmerkungen zu Günter Grass und seinem jüngsten Buch

Von Wolfgang Weber
30. November 1999

Der Nobelpreis für Literatur ist dieses Jahr dem 72-jährigen Günter Grass zugesprochen worden. Bereits vor der Bekanntgabe dieser Ehrung hat der Schriftsteller in mehreren Städten sehr erfolgreiche Lesungen aus seinem Werk "Mein Jahrhundert" durchgeführt, in dem Rückschau auf die vergangenen hundert Jahre gehalten wird. Sybille Fuchs hat das Buch Anfang Oktober auf dieser Site besprochen. Im folgenden veröffentlichen wir Überlegungen, die Wolfgang Weber nach der Lektüre des jüngsten Werks von Günter Grass angestellt hat.

"Erinnern heißt Auswählen" - dieser Ausspruch von Günter Grass gilt auch für sein eigenes Erinnerungswerk Mein Jahrhundert. Zu jedem der vergangenen hundert Jahre hat der Autor eine Episode oder ein Thema ausgewählt, das ihm rückblickend wichtig und erzählenswert erschien. Es ist also in der Tat das Jahrhundert von Günter Grass, wie der Titel sagt, das heißt seine ganz persönliche, in künstlerische Form gebrachte Sicht auf die vergangenen hundert Jahre. Deshalb ist das Buch auch so aufschlussreich, nicht nur in Bezug auf diesen Künstler, sondern ganz allgemein hinsichtlich der Anschauungen und Stimmungen, welche an der Schwelle des Jahrtausends in der literarischen Welt anzutreffen sind. Gerade deshalb muss es nachdenklich stimmen, fordert es meiner Meinung nach auch manchen Widerspruch heraus.

Was die Erzähltechnik und Konzeption des Buches betrifft, so muss man es gewiss zu den gelungen Werken des Autors rechnen. In der öffentlichen Lesung vor einer Historiker-Tagung in Essen diesen Herbst hat Grass dazu erläutert, dass er "Geschichte von unten" habe schreiben wollen, Geschichte aus der Sicht derer, die in den Geschichtsbüchern meist nicht zu Wort kommen: der Opfer der Geschichte, der kleinen Leute - nicht der Staatenlenker, Heerführer und Wirtschaftsbosse. Obwohl nur Fiktion, seien seine Geschichten oft wahrer als die authentischen Dokumente der Geschichtswissenschaft, erklärte er - zum lebhaften Applaus der versammelten Historikerzunft.

Stärken und Schwächen des literarischen Konzepts

Um diesen Intentionen und Ansprüchen gerecht zu werden, lässt Grass seine Protagonisten über ihr eigenes Handeln erzählen, und zwar ausschließlich aus ihrer eigenen Sicht. Er schlüpft quasi in seine Helden hinein, in den Teilnehmer am Kolonialkrieg 1900 in China, in ein Arbeiterkind, das auf den Schultern seines Vaters Karl Liebknecht gegen den Krieg agitieren hört, in einen KZ-Schergen von Dachau im Jahre 1934, in die Nazi-Kriegsberichterstatter, die im Nachkriegsdeutschland als Chefredakteure und Illustrierten-Herausgeber Karriere machten, in eine Berliner Trümmerfrau von 1946, in einen Polizisten bei den Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime in Rostock usw. So soll der gewohnte Blick auf die Geschichte gebrochen werden. Dasselbe Geschehen, das einem aus Geschichtsbüchern abstrakt und in seiner Bedeutung für die "große Politik" vertraut ist, wird wie durch ein Prisma aus wechselnden, ungewohnten Blickwinkeln "von unten" und "ganz aus der Nähe" betrachtet. Vor allem die Geschichten aus der ersten Jahrhunderthälfte sind auch sprachlich farbig und facettenreich, lassen Geschichte tatsächlich neu er-leben - und neu durchdenken.

Unvergesslich zum Beispiel die grausige Szene, wo die Berliner Trümmerfrau plötzlich einen Schuh entdeckt und an diesem Schuh dann eine Leiche aus dem Ruinenschutt herauszieht. Die Frau ist nicht mit dem Toten, mit seinem Schicksal beschäftigt, nicht mit der Frage, was dieser Mann wohl für Träume und Hoffnungen gehabt haben mag, die dann vorzeitig in den Trümmern begraben worden sind. Genauso wenig wie sie sich mit den Depressionen ihres aus dem Krieg heimgekehrten Schwiegersohnes beschäftigen will, sondern sich höchstens darüber wundern muss. Nein, sie grapscht sich den Mantel des Toten, das Tuch ist schließlich Vorkriegsware, die Knöpfe sind auch noch alle dran. Der Tod ist in Kriegszeiten überall, aber gute Knöpfe sind selten. Es geht schließlich um den Wiederaufbau: "Sollt doch irgendwie vorwärtsjehn..."

Ähnliche Szenen, in denen knapp, treffend und im wörtlichen Sinne an-schaulich soziale Beziehungen und Verhaltensweisen bloßgelegt werden, finden sich in dem Werk noch viele. Ihnen liegt eine Konzeption literarischer Gestaltung zugrunde, die Günter Grass schon sehr früh entwickelt und einmal darauf zurückgeführt hat, dass er ursprünglich von der Bildhauerei und Graphik gekommen sei. In einem Interview erklärte er dazu: "Sie werden in meinen Büchern keinen Satz finden, der etwa so anfängt: Er dachte das und das... oder: Er trug sich mit der Hoffnung... Nichts dergleichen. Meine Figuren werden von außen gesehen, werden aus der Perspektive ihrer Handlung, ihrer Handlungsweise oder ihrer Nicht-Handlungsweise erklärt." Verbunden mit seiner detailbesessenen Beobachtungsgabe und seiner sprachlichen Ausdruckskraft befähigt Grass dieses Gestaltungsprinzip zu einer bewundernswert bildhaften, die Vorstellungskraft des Lesers beflügelnden Erfassung der Wirklichkeit.

Das Wie und nicht die Frage Warum?stellt diese literarische Konzeption bei der Darstellung des Geschehens in den Mittelpunkt. Damit ist aber leider verbunden, dass auch solche Fragen weitgehend ausgeklammert werden, die gerade bei einem geschichtlichen Thema besonders interessieren: Fragen, die sich um das Verhältnis zwischen den Ideen der Menschen und ihrem Handeln oder Nichthandeln drehen, Fragen, die den Einfluss bewussten Handelns auf die äußeren gesellschaftlichen Verhältnisse und umgekehrt thematisieren.

Weshalb scheiterte die Revolution in Deutschland, weshalb wurde sie in der Sowjetunion von einer sich über Jahrzehnte hinstreckenden Restauration erwürgt? Welche Ziele und Interessen verfolgten die Beteiligten? Hätte die Geschichte auch anders verlaufen, hätte man Krieg, Hitler und Holocaust verhindern können?

Diese oder ähnliche Fragen bewegen sicherlich den Leser gerade zur Jahrhundertwende, jedenfalls den, der das Bedürfnis verspürt, in der Vergangenheit nicht nur wie in einem Bilderbuch zu blättern, sondern dort auch die Wurzeln der Probleme der Gegenwart zu finden und Antworten für die Zukunft.

In Mein Jahrhundert werden solche Fragen nur ganz selten aufgeworfen, und wenn, dann nur indirekt, um sie für den Leser unausgesprochen zum Nachdenken im Raum stehen zu lassen. Diese Episoden regen dann aber auch am meisten zum Nachdenken an. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von dem Arbeiterjungen, der, auf den Schultern des antimilitaristisch gesinnten Vaters sitzend, eine Massenkundgebung mit Karl Liebknecht miterlebt. Der Junge hat von dort oben einen guten Überblick, bekommt aber schrecklich Angst, als vom drohenden Krieg und vom inneren Feind die Rede ist - und pinkelt in seiner Not dem Vater in den Nacken. Er wird daraufhin von diesem verprügelt und meldet sich "nur deshalb, aus Trotz" sechs Jahre später freiwillig zum Kriegsdienst - obwohl er weiß, wie er sagt, dass Liebknecht hundertmal recht gehabt hatte. Eine sehr bildhaft und witzig gestaltete Geschichte. Dem nachdenklichen Leser werden, wie so oft in den Werken von Grass durch eine Groteske und ihren grellen Widerspruch zur Wirklichkeit unverhofft ernste Fragen aufgedrängt, so dass ihm das Lachen im Halse stecken bleibt: Millionen von Männern zogen ja nicht einfach "aus Trotz" mit Hurra in den Krieg, weil sie als Kind verklopft worden sind. Was aber hat sie dann dazu getrieben? Weshalb folgten sie nicht Liebknecht, wenn dieser doch recht hatte?

Ähnlich, wenn auch bei weitem nicht so eindrucksvoll die Erzählungen zur Studentenbewegung der 60er Jahre. Ein Alt-68er von heute, inzwischen wohlbestallter Universitätsdozent, fragt sich in mehreren Geschichten, die sich diesmal weniger humorvoll als gequält wie sein Mittwochsseminar hinziehen, weshalb er damals an den Protestdemonstrationen radikalisierter Studenten teilgenommen, was er sich dabei gedacht und weshalb er sich dann wieder zurückgezogen habe. Mögliche Antworten werden aber nicht weiter untersucht. Am Ende verlässt die letzte Studentin sein Seminar mit der Bemerkung "Von Ihnen kommt sowieso nichts mehr" und fällt damit ihr Urteil über die ehemaligen Protestler.

Solche Episoden sind jedoch die Ausnahme. Insgesamt gesehen beleuchtet Mein Jahrhundert mit dem bunten Mosaik von Themen, Motiven und Gestalten zwar viele Ereignisse, geht aber den historischen Schlüsselfragen des Jahrhunderts aus dem Weg. Grass machte sie nicht zum Thema, weil er selbst, wie er in der Essener Lesung bekannte, "über keinen Schlüssel zum vergangenen Jahrhundert" verfügt. Diese Ratlosigkeit spürt man. Mir geht es jedenfalls so, je länger ich in "seinem Jahrhundert" lese, je weiter ich zu seinem Ende vorrücke.

Der Blick des Autors auf die Geschichte

Trotz oder gerade wegen seiner Ratlosigkeit hat Grass eine ganz bestimmte Sicht auf die Welt und ihre Geschichte gewonnen. Und bei aller Vielfalt der Protagonisten und Handlungen kommt diese persönliche Weltsicht zum Ausdruck, schon durch die Auswahl, Kombination und Tendenz der Ereignisse und Erzählperspektiven.

Der Autor sieht im zwanzigsten Jahrhundert ein Jahrhundert des Schreckens. Zwei Weltkriege, der Faschismus, der Holocaust haben es geprägt. Auch in der Zeit nach 1945, in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs bleiben diese weltgeschichtlichen Katastrophen und unmenschlichen Verbrechen allgegenwärtig. Inhaltlich und künstlerisch bilden Geschichten zu diesem Thema den Schwerpunkt des Buches. Auch die Illustrationen des Autors zum Buch, ihre Motive und ihre überwiegend düsteren Farben unterstreichen dies. Unter den Nachkriegsgeschichten gehören die zu den besten und bissigsten, die blitzlichtartig, aus dem heiteren Himmel der bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Alltagswelt die unter der Oberfläche immer noch schwärenden Krankheitsherde der Gesellschaft, die unbewältigten Gefahren von Faschismus und Krieg beleuchten.

So lässt Grass eine Braut vom Tag ihrer Trauung 1964 im Frankfurter Römer erzählen. Statt im Zimmer des Standesbeamten findet sich dort das Paar plötzlich im Gerichtssaal des Auschwitzprozesses wieder. Völlig unerwartet sieht sich die Braut seitdem nicht nur mit den Verbrechen der Geschichte, sondern mit ihren Tätern und Spuren in der Gesellschaft des Nachkriegsdeutschlands konfrontiert. Einer der KZ-Folterer im Gerichtssaal sieht ihrem Onkel Kurt schrecklich ähnlich, Onkel Kurt, "der immer so gutmütig guckt". Ihre Familie könnte, wie die Braut zu ihrem unausgesprochenen Schrecken entdecken oder zumindest annehmen muss, sehr wohl etwas mit der Nazi-Barbarei zu tun haben. Onkel Kurt war beim Feldzug "tief in Russland" dabei und stand den mörderischen Verbrechen der Wehrmacht dort nicht ablehnend gegenüber. Jedenfalls zeigt er auch zwanzig Jahre später, zur Zeit des Auschwitzprozesses, wenig Einsicht. Unter Hinweis auf "den Terror der Amerikaner und Engländer gegen die Deutschen" wehrt er sich gegen das Getue über die Nazi-Verbrechen, "von denen wir alle nichts gewusst hatten".

Der zeitkritische Blick auf die Gesellschaft, die Rückschau des Trommlers auf die Geschichte, um den Schleier des Vergessens und Vertuschens zu zerreißen und die ungelösten Probleme der Vergangenheit in der Gegenwart zu enthüllen, das war schon in seinem ersten und bedeutendsten Roman Die Blechtrommel die künstlerische Achse von Günter Grass.

Auch in Mein Jahrhundert zeigt Grass bei diesem Thema wieder seine größten Fähigkeiten und auch politisch seine besten Seiten, ist er als Künstler spürbar in seinem Element. Und doch, bleibt am Ende nicht mancher Zweifel im Hinterkopf hängen? Soll es das gewesen sein, das Jahrhundert? Gibt es an seinem Ende nichts, was uns nach vorne, ins nächste blicken lässt? Gab es in all diesen hundert Jahren keine soziale Bewegung, die stark genug oder wenigstens der Unterstützung wert gewesen wäre, um die Schrecken des Jahrhunderts zu überwinden?

Was Grass betrifft, so vermag er eine solche offensichtlich nicht zu erkennen.

Deutlich zeigt sich dies an seiner Auswahl der Ereignisse, oder genauer gesagt, an dem, woran er sich nicht erinnert.

Oktoberrevolution 1917 in Russland - Die Ideale der Oktoberrevolution, soziale Gleichheit und internationale Solidarität, fanden ihren Widerhall bei den unterdrückten Massen der ganzen Welt, auch im Denken und Handeln der Intelligenz, der Künstler. Grass aber findet sie nicht der Erwähnung wert, obwohl sie auch für Deutschland das Ende des Ersten Weltkriegs einleitete und ihr weiteres Schicksal den Gang der Weltgeschichte für den Rest des Jahrhunderts bestimmte.

Novemberrevolution 1918 in Deutschland - Alfred Döblin, eines der literarischen Vorbilder von Günter Grass, fühlte sich stark von ihr bewegt. In einem vierbändigen Epos ( November 1918) hat er sich mit ihr auseinandergesetzt, mit dem Schicksal ihrer marxistischen Führer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und mit der Politik ihrer sozialdemokratischen Henker. Der von SPD, Militärs und Freikorps gemeinsam entfesselte Terror gegen die Revolution kostete zu Beginn der Weimarer Republik Tausenden von Arbeitern das Leben und war das Vorspiel für den Nazi-Faschismus. Grass streift diese Ereignisse nur in zwei, drei Nebensätzen.

Deutscher Oktober 1923 - Diesem Jahr widmet Grass eine Erzählung über die Nöte der Inflationszeit. Die soziale Gegenbewegung und ihre Ideen finden auch hier keinen Einlass in die "Geschichte von unten". Im Gegenteil, sie wird durch einen kleinen Seitenhieb noch denunziert: Als "Kommunist" wird nur eine Gestalt angeführt, die später "in der DDR es zu etwas gebracht hat". Dadurch wird dem Leser suggeriert, die Herrschaft der stalinistischen SED-Bürokratie 30 Jahre später hätte irgendetwas mit den Zielen der kommunistischen Bewegung Anfang der 20er Jahre zu tun.

Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929- Die fatale Spaltung der Arbeiterklasse zwischen SPD und KPD gegenüber der NSDAP wird durch die Konflikte in einer Hamburger Arbeiterfamilie mit einem sozialdemokratischen, einem kommunistischen und einem nationalsozialistischen Sohn dargestellt. Diese Schlüsselfrage der Geschichte zu thematisieren ist absolut richtig. Aber warum hat Grass nicht diejenigen mit einbezogen, die gegen diese Spaltung kämpften und die Ideen der Oktoberrevolution verteidigten? Immerhin beherrschte dieser Kampf von Leo Trotzki und seiner Anhänger die politischen Auseinandersetzungen in der Arbeiterbewegung. Seine Unterdrückung durch Stalin und die KPD-Führung ebnete Hitler den Weg an die Macht.

Nicht nur auf dem Feld der Politik, sondern auch im Hinblick auf andere, nicht weniger wichtige Bereiche der Gesellschaft drängt sich mir der Eindruck auf, dass Grass in diesem Jahrhundert kaum eine fortschrittliche Idee und Entwicklung wahrzunehmen vermag, die den Weg in eine bessere Zukunft weisen könnte.

Die gewaltigen technologischen Revolutionen bleiben dem Gesichtskreis des Autors weitgehend entrückt, obwohl gerade sie die gesellschaftliche Entwicklung am Ende des Jahrhunderts prägen. Die wenigen Geschichten zu diesem Thema, wie zum Beispiel jene zur Gentechnologie oder zum Waldsterben, streifen die Problematik nur oberflächlich. Die Gefahren für die Menschheit werden in der Technik und Wissenschaft selbst geortet und nicht in der gesellschaftlichen Ordnung, welche Tätigkeit und Erkenntnisse von Forschern der Herrschaft des Profits unterwirft.

Die intellektuelle Krise am Ende des 20. Jahrhunderts...

Welch ein Gegensatz zeigt sich hier zu der Auf- und Umbruchstimmung unter der Intelligenz vor der letzten Jahrhundertwende, d.h. vor hundert Jahren!

Damals waren das kulturelle Leben, die Richtungskämpfe, Ambitionen und Experimente der Künstlerkreise von zwei Dingen geprägt: zum einen von der Auseinandersetzung mit den neuesten Entwicklungen in Naturwissenschaft und Technik, ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft und den einzelnen Menschen, zum anderen vom Erstarken der sozialistischen Bewegung.

Nicht dass eine nennenswerte Anzahl von Künstlern damals Sozialisten im politischen Sinne gewesen wären. Aber das Wachstum der marxistischen Massenparteien, ihre Ziele und Anschauungen wirkten als Katalysator im gesamten kulturellen Leben. Dass die Welt, so wie sie ist, verändert werden müsse, dass das Leben des Einzelnen befreit werden müsse von wirtschaftlicher Not, von sozialen und staatlichen Zwängen - diese Überzeugung lag allgemein in der Luft. Die Naturwissenschaften, auch die Psychologie wurden als entscheidende Mittel dazu angesehen, als Wegbereiter einer neuen Epoche in der Menschheitsgeschichte. Kunst und Literatur verstanden sich vielfach als Experimentierfeld und Medium zur Schaffung dieser neuen Ära. Nicht wenige Künstler betrachteten sich bewusst als Weltbürger, nicht als "Staatsbürger" dieser oder jener Nation.

Der Literaturkritiker Heinrich Hart umriss 1890 in einem Essay mit dem Titel "Die Moderne" die damals vorherrschende zukunftsorientierte Geisteshaltung mit folgenden Worten: "Ein Jahrhundert geht zu Ende. Das will nicht viel bedeuten. Ich sehe größeres zu Ende gehen,... eine menschliche Wirklichkeit... Eine neue Geistesära taucht empor. Seit Jahrhunderten schon wogt die Dämmerung, mit nachtdunklen Schatten ringt das Morgenlicht... Aber die Stunde ist nicht mehr fern, in der es Dämmer und Nebel zerreißen und wetterleuchtend hervorbrechen wird. Die Antike ringt in den letzten Todeskämpfen, die Moderne hebt sich jugendlich empor."

Vergleicht man mit dieser schwungvollen geistigen Atmosphäre die Weltsicht der Intelligenz von heute, wie sie in Mein Jahrhundert zum Ausdruck kommt, so ist, denke ich, der Niedergang der Perspektiven, die allgemeine Kreislaufschwäche des kulturellen Lebens nicht zu übersehen.

Diese Krise ist kein individuelles, sondern ein allgemein gesellschaftliches Phänomen. Sie hat ihre Wurzeln in den verheerenden Auswirkungen der jahrzehntelangen Herrschaft des Stalinismus auf das Kultur- und Geistesleben in der ganzen Welt. In besonderer Weise ist die Generation von Günter Grass in ihrer intellektuellen und künstlerischen Entwicklung davon geprägt worden, was am Werdegang des Autors deutlich abzulesen ist.

1927 in Danzig geboren, verbrachte Grass Schulzeit und Jugend unter den Nazis. Schon früh war er damals offensichtlich mit einem äußerst scharfen, kritischen Blick auf seine Mitmenschen, auf ihre Schwächen und Verlogenheiten ausgestattet, entdeckte er seinen Hang zur Kunst. Aber in der engen kleinbürgerlichen Umwelt einer Ladenbesitzerfamilie aufwachsend, vermochte er zunächst nicht, wie er in den Hundejahren erzählt, sich der vorherrschenden Begeisterung für alles Militärische und die anfänglichen Kriegserfolge zu entziehen. Doch dann die Desillusion im Laufe des Krieges - er entkam als 17-jähriger nur knapp und zufällig dem Tod -, die Erschütterung nach dem Kriegsende angesichts der Konfrontation mit den Verbrechen der Nazis in den Konzentrationslagern und angesichts der Tatsache, dass er selbst der Nazi-Ideologie auf den Leim gegangen war.

Als er nach einer neuen Orientierung in der Welt suchte, blieb er abgeschnitten von den Ideen und Traditionen der sozialistischen Arbeiterbewegung. Deren beste Vertreter waren von Stalin ermordet, die Überlebenden von der Herrschaft der Bürokratie in der Sowjetunion und der späteren DDR moralisch gebrochen - oder korrumpiert. Kurz, verfälscht und pervertiert wie die Prinzipien des Sozialismus durch den Stalinismus waren, stießen sie den jungen Grass rasch und nachhaltig ab, erfüllten sie ihn mit allen gängigen antikommunistischen Vorurteilen. Die "realistische" Politik der Sozialdemokraten, die Politik der "kleinen Schritte", um das Beste aus einer schlechten Welt zu machen, die zog ihn an.

Aus der Verdrehung und dem Missbrauch des Marxismus durch die stalinistische Bürokratie zur Rechtfertigung ihrer Verbrechen zog er die Schlussfolgerung, dass der Marxismus selbst zu verwerfen und jeder höheren Idee zur revolutionären Veränderung der Welt mit Misstrauen zu begegnen sei.

Grass selbst berichtete einmal, wie dieses sein Weltbild herausgebildet wurde, als er für einige Wochen gemeinsam mit kleinen Nazis, verbitterten KPD-Mitgliedern und alten Sozialdemokraten auf einer Zeche unter Tage arbeitete: "Weiter lernte ich dort im Kalibergwerk, ohne Ideologie zu leben. Noch hatte ich die Morgenfeiern der Hitlerjugend im Ohr, diese allsonntäglichen Vereidigungen auf die Fahne, aufs Blut und auf den Boden natürlich, und schon lockten die Kommunisten mit ähnlich verstaubten Requisiten aus den Rumpelkammern ihrer Ideologie. Als gebranntes Kind hielt ich mich vorsorglich an meine wortkargen Sozialdemokraten, die weder vom Tausendjährigen Reich noch von der Weltrevolution faselten, die damals schon, 1946, neunhundert Meter unter dem Licht, restlichen ideologischen Ballast mit dem Rollgut hoch in die Steinmühle geschickt hatten..." (Werke, Bd.X; Darmstadt und Neuwied, 1987; S. 441)

Die Gleichsetzung von Kommunismus mit Stalinismus, die Ablehnung jeder wissenschaftlich ausgearbeiteten Gesellschaftstheorie als "Ideologie" zugunsten eines pragmatischen Sich-Bescheidens auf "das unter gegebenen Verhältnissen Machbare", das blieb seitdem der Kern seiner Weltanschauung.

Auch auf ästhetischem Gebiet fühlte sich der junge Künstler in diesen Auffassungen bestärkt. Heftig wandte er sich stets gegen die stalinistische Kunstdoktrin vom "sozialistischen Realismus" und andere pseudoradikale Konzepte von "engagierter Literatur", die in Westdeutschland während der 60er und 70er Jahre bei vielen Intellektuellen Anklang fanden. In der DDR war der "sozialistische Realismus" ex cathedra als Staatslehre verkündet worden. Sie schrieb den Schriftstellern vor, bei ihren Romangestalten säuberlich zwischen den Bösewichtern, den "Vertretern reaktionärer Ideen und des Kapitals" und den guten, positiven Helden, den am Ende natürlich siegreichen "Kämpfern für Frieden und Sozialismus" zu unterscheiden. Mit den künstlerischen Konzeptionen von Günter Grass vertrug sich das wie Feuer und Wasser. In einem Gespräch mit Günter Gaus im Jahre 1965 erklärte Grass einmal unter Bezugnahme auf die "engagierte Literatur", dass seine Romanfiguren "nicht Ideenträger sein, sondern Figuren, widersprüchlich in sich, schlecht zu verstehen oftmals, mit Sprüngen, auch Schlacke versehen" sein sollten (Werke, Bd.X; Darmstadt und Neuwied, 1987; S. 30)

Rein ästhetisch gesehen sind beide Gestaltungskonzepte - der Mensch als Vertreter großer Ideen und Prinzipien und der Mensch aus Fleisch und Blut, in seiner Widersprüchlichkeit - sicherlich durchaus zu vereinen und in großen Werken der Literaturgeschichte auch vereint worden. Die Auffassung von Grass, beide schlössen sich gegenseitig aus, hängt wohl eng mit seiner tiefen Skepsis gegenüber großen Ideen als Leitlinien menschlichen und gesellschaftlichen Handelns zusammen. Doch unabhängig davon: seine Ablehnung des "sozialistischen Realismus" war erfrischend richtig, die Gleichsetzung seiner geistigen Urheber mit Kommunisten und Marxisten aber grundfalsch.

Grass überwand diese politischen Vorurteile nie. Die Stabilisierung der Nachkriegsgesellschaft im Westen und die andauernde bürokratische Unterdrückung jeder unabhängigen politischen und intellektuellen Regung durch die stalinistische Bürokratie im Osten trugen dazu das ihre bei. Als Grass in den 50er und 60er Jahren mit seiner Blechtrommel und den anderen Danziger Novellen so erfolgreich in den gesellschaftlichen Mief hineinstocherte, verdankte er dies jedenfalls weniger seinen politischen Ansichten, als seinem scharfen Künstlerauge und seiner spitzen Feder.

... und ihr Niederschlag im Buch von Günter Grass

Umgekehrt aber haben seine politischen Anschauungen meiner Meinung nach sehr wohl später dann im Laufe der Jahre diesen Künstlerblick getrübt.

Das hat auch etwas mit dem Wandel in der gesellschaftlichen Stellung und den politischen Anschauungen der sozialen Schichten zu tun, mit denen Intellektuelle und Künstler in unserer Gesellschaft überwiegend verbunden sind. In den sechziger Jahren hatten diese noch die alten Strukturen und Missstände der Gesellschaft attackieren müssen, um sich einen Platz in ihr zu erkämpfen. In den darauffolgenden Jahrzehnten hatten sie es dann "geschafft": Die sozialen Reformen der siebziger Jahre, dann der von Globalisierung und Wiedervereinigung getragene Börsenboom der 80er und 90er Jahre boten einer breiten Mittelschicht hinreichende Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg. Die gesellschaftliche Maxime, die bei ihnen vor 30 Jahren noch verpönt war - "Bereichert euch! Jeder ist sich selbst der Nächste!" - gilt heute vielen von ihnen als das Selbstverständlichste der Welt. Es stört sie nichts, an nichts reiben sie sich. Von einer sozialistischen Arbeiterbewegung wie vor hundert Jahren ist ihrer Meinung nach weit und breit nichts zu sehen, sie fühlen sich von einer solchen weder herausgefordert, bedroht noch beflügelt. Zufrieden und selbstzufrieden betrachten sie sich und die Welt.

Obwohl er diese Anschauungen bei weitem nicht alle teilt, hat Grass dem gesellschaftlichen und politischen Druck dieser Schichten nichts entgegenzusetzen. Dies findet auch in Mein Jahrhundert seinen Niederschlag, vor allem in der Auswahl und Gestaltung der Themen, die den letzten 20, 25 Jahren gewidmet sind. Grass selbst bekannte in Essen offenherzig, dass es ihm für "diese dumpfen Jahre" schwer gefallen sei, interessante Motive zu finden. Es ist ihm aber meinem Gefühl nach leider auch nicht gelungen, die Dumpfheit und Beschränktheit jener Zeit zu durchbrechen. Stattdessen scheint er manchmal ein gewisses Wohlbehagen beim Baden in den Banalitäten des "kleinen Mannes" und seiner Alltagsvergnügen zu empfinden.

Dass der Pulsschlag des kulturellen Lebens breiter Bevölkerungsschichten in den letzten 50 Jahren von Freud und Leid der Familie Schölermann, von den Schicksalswendungen auf der mehrjährigen Flucht von Dr. Richard Kimble und von den Herzensangelegenheiten in der Schwarzwaldklinik bestimmt war, ist traurig genug. Aber weshalb das Ganze nochmals durchleben?

Dass die Nachkriegsordnung in Europa infolge des Fehlens einer großen sozialistischen Bewegung allgemein nur vom bornierten Standpunkt des "geteilten Deutschen" betrachtet worden ist, so wie es die Regierungspropaganda wollte, war schlimm genug. Aber weshalb jetzt, nach der Wiedervereinigung, das Ganze nochmals in den verschiedensten Variationen - beim deutschen-deutschen Fußballspiel, bei Olympischen Spielen, deutsch-deutschen Grenzgängen, mehreren Ost-West-Schriftstellertreffen usw. - wiederkäuen, immer mit denselben nationalen Scheuklappen? Auf die Dauer ist das alles weder erhellend noch erhebend.

Dabei hatte es auch außerhalb der Grenzen Deutschlands viele Ereignisse gegeben, die welterschütternd genug waren, um auch in deutschen Landen den trägen Fluss der politischen und geistigen Entwicklung zu stören oder gar in neue Bahnen zu lenken. Man denke nur in den 50er Jahren an die ungarische Revolution, die Enthüllung der Verbrechen Stalins durch Chruschtschow, später die Revolte der Arbeiter und Studenten 1968 in Frankreich. Auch die weitreichenden Folgen des Zusammenbruchs der DDR und der Sowjetunion für die soziale Lage der Bevölkerung und die internationale Politik hätten eine Beleuchtung "von unten" verdient. Stattdessen müssen wir uns als Leser die Zeit mit dem Warten auf irgendwelche Wahlergebnisse an irgendwelchen Wahltagen vor und nach der Wiedervereinigung totschlagen. Die Leiden einer westdeutschen Familie 1973 am autofreien Sonntag beschäftigen uns, und 1989 die Schwierigkeiten eines deutschen Kleinbürgers im Osten, sich Winterreifen für seinen Wartburg zu organisieren. Manche dieser Episoden mögen, für sich genommen, ganz witzig und treffend sein, aber so viele, und nichts anderes? Da geht auch der letzte Anflug von Ironie unter.

Jedenfalls lese ich am Ende immer schneller, fliege über die Seiten auf der Suche nach dem berühmten bissigen Blick von Grass, bis ich schließlich verwundert feststellen muss: was die Menschen "unten" zur Jahrhundertwende am meisten drückt, ist fast völlig vergessen: die wachsende Armut von immer mehr Familien, Rentnern und Kindern. Nur ein einziges Mal wird sie gesehen, und dann - als große Ausnahme in dem ganzen Buch - nicht von unten, sondern von oben, vom Standpunkt der Treuhand- und EXPO-Chefin Birgit Breuel. Auf ihrem "Familiensitz mit Elbeblick" lässt Grass sie jammern: "Mir hat keiner was geschenkt. Alles habe ich mir nehmen müssen."

Wirklich peinlich empfinde ich schließlich den Rückzug auf die Beschaulichkeit von Familie und Nation in der letzten Erzählung. Wer hätte nicht erwartet, dass Grass das Jahrhundert wie im wirklichen Leben so enden lässt wie es - auch im Buch - angefangen hat: mit dem Kolonialkrieg deutscher Soldaten gegen ein fremdes Volk? Seine erste Erzählung zum Jahr 1900 enthüllt eine historische Wahrheit und ist künstlerisch großartig. Ein Dorfbursche aus Bayern nimmt auf den Ruf des Kaisers hin als Freiwilliger an der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China teil und trägt anschließend, daheim in Straubing, den Haarzopf eines der ermordeten Chinesen "zur allgemeinen Gaudi" im Faschingszug. Eine knappe Episode nur, die aber bereits ein Licht auf die nachfolgenden Jahrzehnte wirft, als dieser Bodensatz der Gesellschaft nach oben kam.

Hätte sich Grass mit den Ideen und Argumenten befasst, mit dem diese - von ihm abgelehnte - Chinesenjagd gerechtfertigt worden ist, dann wäre ihm wahrscheinlich aufgefallen, dass es dieselben waren, mit denen am Ende des Jahrhunderts die Bundeswehr zur Serbenjagd in den Kosovo geschickt worden ist: mit deutschen Bajonetten müsse man andere Völker mores lehren, ihnen Kultur und Achtung der Menschenrechte beibringen. Welchem ernsthaften Künstler wäre vor hundert Jahren bei dieser Vorstellung etwas anderes eingefallen als eine Satire oder Karikatur? Wäre es nicht an der Zeit gewesen, Oskar Matzerath wieder zur Trommel greifen zu lassen? Doch die "Pinscher" der 60er Jahre, wie der Kanzler Ludwig Erhard die kritischen Schriftsteller damals titulierte, scheinen ihre Zähne verloren zu haben.

Grass zeigt sich blind und taub gegenüber der Tatsache, dass der Militarismus, den er in diesem Buch wie in seinem Gesamtwerk immer wieder geißelt, erneut seine Stiefel angezogen hat und sich anschickt, die Gesellschaft im Inneren und die Welt nach Außen wieder nach seinen Vorstellungen umzukrempeln. Nur ganz vage und allgemein wird im Schlusssatz die Gefahr eines neuen Kriegs, "erst da unten und dann überall..." angedeutet. Ross und Reiter werden nicht genannt. Stattdessen lässt er seine kaschubische Mutter wieder auferstehen, vom Leben während und nach den Kriegjahren erzählen - und von ihrem schriftstellernden Prachtjungen.

Unüberhörbar der Seufzer der Zufriedenheit, der aus dieser Schlusserzählung strömt, das erleichterte Aufatmen über die glücklich überstandenen Schrecken und Wirren des vergangenen Jahrhunderts. Vor den Gefahren der Gegenwart und den Möglichkeiten der Zukunft verschließt der Autor, so scheint mir, die Augen. Wo aber keine Fragen gesehen werden, wird auch nicht nach Antworten gesucht.

So erfrischend und bissig der Ton, mit dem Mein Jahrhundert angehoben hat, so ungewöhnlich und interessant die Konzeption, mit dem es über weite Strecken fortgeführt wird, so unverkennbar trägt es meiner Ansicht nach im letzten Teil den Stempel der gegenwärtig vorherrschenden intellektuellen Krise.

Ein erneuter Aufschwung der reichen literarischen Traditionen in Deutschland muss nicht in weiter Ferne liegen. Er ist aber nur möglich, wenn sich Künstler vom Kaliber eines Günter Grass entschließen, aus den von Sozialdemokratie und Stalinismus in diesem Jahrhundert angesammelten geistigen Vorurteilen, der nationalen Beschränktheit und sozialen Gleichgültigkeit auszubrechen. Unter dieser Voraussetzung werden wie im ersten Viertel des zu Ende gehenden Jahrhunderts Kunst und Literatur wieder eine weltweite soziale Bewegung beflügeln - und umgekehrt!

Denn entgegen der skeptischen Auffassungen von Günter Grass bleibt es eine Tatsache: Ideen verändern die Welt - wenn sie nur groß und wahr genug sind, um Menschen zu bewegen und Massen zu erfassen.

Siehe auch:
Günther Grass: Mein Jahrhundert
(6. Oktober 1999)