Groß angelegte Polizeirazzia gegen Videothek in Berlin-Kreuzberg

Proteste gegen Zensurmaßnahmen in Berlin

Von der Kulturredaktion
23. Dezember 1999

Regisseure und andere Künstler, Publizisten und Wissenschaftler versammelten sich am 17. Dezember in der Berliner Akademie der Künste zu einer "Anti-Zensur-Revue". Auf dem Podium wurde über Machtausübung durch Zensur und Möglichkeiten zur Gegenwehr diskutiert; außerdem wurden Ausschnitte aus zensierten Filmen gezeigt und ausgewählte Zensurfälle dokumentiert. Anlass der Protestveranstaltung war eine Polizeirazzia gegen eine der wichtigsten Berliner Videotheken, das Videodrom.

Das Videodrom ist eine weithin bekannte, seit langem etablierte Videothek im Bezirk Kreuzberg. Es verfügt über ein überaus reiches Angebot an Filmen der bedeutendsten Regisseure dieses Jahrhunderts. Da es auch eine große Auswahl Titel in Englisch und anderen Sprachen anbietet, hat sich das Videodrom in den vergangenen zehn Jahren zu einem Anlaufpunkt für Filmbegeisterte aus aller Welt entwickelt.

Am 23. November stürmten fünfzig Polizisten die Räume nicht nur des Verleihs, sondern auch des Verkaufs und des Versandhandels in der Nebenstraße. Sitten- und Kriminalpolizei durchwühlten beinahe acht Stunden lang Regale und Büros, und obwohl sie nur über einen Durchsuchungsbefehl verfügten, beschlagnahmten sie mehr als 700 Filme und DVDs. Außerdem nahmen sie noch elf Computer mit und kopierten sich die Kundendateien mit rund 20.000 Namen. Die Telefone des Videodroms wurden unbrauchbar gemacht.

Der Durchsuchungsbefehl war aufgrund einer privaten Anzeige ergangen, die Videothek vertreibe gewaltverherrlichende und jugendgefährdende Aufnahmen. Konfisziert wurde u.a. der bekannte Streifen "Underground" des jugoslawischen Filmemachers Emir Kusturica (wohl wegen seines subversiven Titels), "Wild at Heart" von David Lynch, "Scream", ein amerikanischer Kassenknüller, Luc Bessons "Leon, the Professional" sowie der preisgekrönte Dokumentarfilm "Adolf Hitler - Mein Kampf" von Erwin Leiser.

Für die anschließende Schließung und Versiegelung des Videodrom zeichnete jedoch schon nicht mehr die Staatsanwaltschaft verantwortlich, sondern das Kreuzberger Wirtschaftsamt - eine Abteilung des Kreuzberger Bezirksamts, das von dem Bürgermeister Franz Schulz (Bündnis 90 / Die Grünen) geleitet wird. Gut zwei Wochen später, am 13. Dezember, gestattete das Wirtschaftsamt die Wiedereröffnung unter der Auflage, dass die Betreiber ihr Angebot ständig sorgfältig prüfen. Der wirtschaftliche Schaden, der ihnen durch den zweiwöchigen Ausfall entstand, ist erheblich.

Unmittelbar nach der Razzia hatten die Betreiber eine Solidaritätskampagne gegen die Schließung in die Wege geleitet, die auf große Resonanz stieß. Kunden boten spontan an, Ersatz für die beschlagnahmten Computer zu beschaffen, und bekannte Künstler, Filmschauspieler und Regisseure verurteilten die Polizeiaktion. Solidaritätserklärungen kamen u.a. von Tom Tykwer, Regisseur ("Lola rennt"), Franka Potente, Schauspielerin ("Lola rennt"), Detlev Buck, Peter Lichtefeld, Regisseur ("Zugvögel"), Jürgen Vogel, Schauspieler ("Das Leben ist eine Baustelle"). Der berühmte Regisseur Volker Schlöndorff schickte eine Solidaritätsbotschaft, in der er eine Parallele zum Verbot seiner "Blechtrommel"-Verfilmung in Oklahoma zog. Auch der bekannte Jazz-Musiker Fuasi Abdul-Khaliq schloss sich den Protesten an.

Auf der Veranstaltung in der Akademie der Künste schilderte der Vertreter des Videodrom, Thomas Klein, noch einmal die Umstände der Durchsuchung und umriss die daraus resultierenden Probleme des Unternehmens. Die Betreiber haben die beschlagnahmten Computer und Kundendateien bis heute nicht zurückerhalten. Klein führt die Ereignisse auf eine Art Panikreaktion seitens kleiner Lokalpolitiker auf die jüngste Serie von Gewaltakten Jugendlicher in Deutschland zurück. Die Redner verteidigten sämtlich das Recht der Filmemacher, Avantgarde-Filme zu drehen, die auf ihre Weise Probleme der heutigen Gesellschaft zum Ausdruck bringen.

Claus Löser, Experte für den ostdeutschen Film, zog eine Parallele zu den Problemen der Filmemacher in der DDR, die der ständigen Observation durch die Stasi unterworfen waren und keine Filme zeigen durften, die als "zu pessimistisch" galten und "den Sozialismus nicht würdigten".

Nach der Veranstaltung sprach das wsws mit Thomas Klein vom Videodrom. Wie er die Schließung des Videodrom im Verhältnis zum gegenwärtigen politischen Klima in der Bundesrepublik sehe?

"Es hat nicht unbedingt etwas mit Parteipolitik zu tun. Es sind selbsternannte Saubermänner und Moralapostel, man mag sie Spießer nennen, Leute, die Kultur oder Kunst sehr eng auslegen und nach einem Kulturbegriff leben, der im Grunde genommen bedeutet: Fotorealistische bunte Bilder von Landschaften sind gut und sehr unkonkrete avantgardistische Darstellungen sind böse. Die verstehen sie nicht. So läuft das dann überall. Ich denke, dass es bei den Grünen oder bei der SPD genauso verschwiemelte Alt-68er gibt, die zwar damals irgendwie die Fahne hochgehalten haben für Freiheit und Gleichheit und eine bestimmte Art von sozialer oder kultureller Befreiung, die aber heute im Grunde genommen auch nur ihren Tunnelblick haben mit einem ganz engen Horizont und nicht beweglich genug sind, um Kultur, wie sie heute stattfindet, wirklich zu verstehen. Und wenn man etwas nicht versteht, neigt man dazu zu verbieten, den Fördermittelhahn abzudrehen. Solche Entwicklungen gibt es immer und überall, in jedem Land der Welt und jedem politischen System. Vielleicht gehört das auch dazu, vielleicht ist das sogar in einer globaleren Diskussion die Reibefläche, an der Kultur erst entsteht."

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass gerade Vertreter der 68er-Generation, die früher gegen den konservativen Geist für die Freiheit in der Kunst eingetreten sind, heute, wo sie an der Macht sind, davon nichts mehr wissen wollen?

"Es gibt dafür keine einfache Antwort. Was ich mir vorstellen kann ist einfach, dass es z.B. mit dem Marsch durch die Institutionen zu tun hat. Jemand wie Clinton, jemand wie Schröder oder Blair sind Leute, die sich in einer sehr hierarchisch gegliederten Partei im Grunde genommen hochgearbeitet haben. Man muss Kompromisse machen, und irgendwann nutzt sich dann eine gewisse Art von Rebellion, sei es man verbrennt seine BHs oder irgendwelche Fahnen, oder von revolutionärem Geist ab. Weil man in einem politischen System mit einer kompromisslosen Haltung nicht ganz nach oben kommen kann. Man muss den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Konkret auf uns bezogen heißt das, dass z.B. Horrorfilme böse sind.

Es ist ein echtes innenpolitisches Problem, dass es keine besonders liberale, freie politische Führung gibt. Das politische Klima ist so, man will wieder Saubermann sein und einer konservativen oder zumindest sehr bürgerlichen Moral das Wort reden. Da passen solche Aktionen wie bei uns durchaus ins Bild, denke ich. Vielleicht soll ja Berlin saubergemacht werden, bevor wirklich alle Entscheidungsträger da sind. Aber das ist alles sehr vage. Es ist sehr schwierig zu sagen, was es genau ist. Wenn wir den genauen Grund wüssten, wäre es einfacher für uns damit umzugehen, aber so stehen wir im Grunde genommen da, müssen das alles über uns ergehen lassen und hoffen, dass wir irgendwann möglichst gut und heil wieder rauskommen."

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