Amerikas Wirtschaft im Fusionsfieber

AOL übernimmt Time Warner

27. Januar 2000

Der Zusammenschluss von America Online( AOL) und Time Warner, der am 10. Januar von Vertretern beider Konzerne bekannt gegeben wurde, ist die größte Fusion in der amerikanischen Geschichte. Der Wert der Transaktion wurde am Tag der Bekanntgabe auf 183 Mrd. Dollar (ca. 370 Mrd. DM) geschätzt, wobei AOL Aktien im Wert von 166 Mrd. Dollar für Time Warner anbot und sich bereit erklärte, die Schulden des Medienkonglomerats in Höhe von 17 Mrd. Dollar zu übernehmen.

Die Übernahme schafft in vielerlei Hinsicht eine neue Situation. Es ist das erste Mal, dass einer der neuen Konzernriesen, die aus dem Internetboom hervorgegangen sind, den gigantischen Wert seiner Aktien benutzt, um eine alteingesessene amerikanische Firma zu übernehmen - und dabei nicht bloß irgendeine große Gesellschaft, sondern eine der zentralen Stützen der amerikanischen Wirtschaft. Time Warner ist das größte Medienimperium der Vereinigten Staaten, es kontrolliert Zeitschriften, die zusammen eine Auflage von 130 Millionen haben, mehrere Kabelfernsehsender, darunter CNN, sowie die Studios Warner Brothers und Warner Music.

Der neue Konzern AOL Time Warner wird nach seiner Bewertung an der Börse mit 342 Mrd. Dollar der viertgrößte der Vereinigten Staaten sein, nur übertroffen von Microsoft, General Electric und dem Computerhersteller Cisco Systems. Vom Standpunkt seiner Immobilien, Erträge und Profite wird der fusionierte Konzern jedoch etwas weiter unten auf der Liste stehen. Die zwei Konzerne haben im letzten Jahr zusammen 82.000 Arbeitnehmer beschäftigt und Einnahmen in Höhe von 33,6 Mrd. Dollar und Gesamtprofite von 930 Millionen Dollar verbucht. Die Börsennotierung der beiden ist mehr als 350 Mal so hoch wie ihr gegenwärtiger Jahresgewinn.

AOL nutzt seine außerordentlich hohe Börsenbewertung, um beim Zusammenschluss die Führungsposition zu übernehmen, obwohl es nur 12.000 Beschäftigte hat und 4,8 Mrd. Dollar Umsatz verzeichnet, während Time Warner 70.000 Menschen beschäftigt und 26,8 Mrd. Umsatz verbucht. Die AOL -Aktionäre werden 55 Prozent der Aktien des fusionierten Konzerns kontrollieren, während die Time Warners Aktionäre 45 Prozent erhalten. AOL -Gründer Steven Case wird die fusionierte Firma leiten.

Während AOL einen beträchtlichen Teil seines Buchwerts in echte Vermögenswerte umwandelt, kassieren die Anteilseigner von Time Warner eine hohe Prämie, weil sie im Zuge des Aktientauschs anderthalb Aktien von AOL Time Warner für je eine ihrer jetzigen Aktien erhalten. Am Tag, an dem die Fusion bekannt gegeben wurde, betrug die Prämie 71 Prozent: AOL bot für die Time-Warner -Aktie, die zu 64,75 Dollar gehandelt wurde, 110 Dollar. Sogar als der Kurs der AOL -Aktie im Lauf der Woche wieder etwas absank, bedeutete das Geschäft immer noch eine wahre Bereicherungsorgie für große Aktionäre, wie zum Beispiel für CNN-Gründer Ted Turner. Der Wert seiner Anteile an Time Warner schoss über Nacht von sieben auf zehn Mrd. Dollar hoch.

Diese Prämie könnte sich in Zukunft als teuer erweisen, weil AOL verpflichtet ist, Zahlungen für die Schulden des fusionierten Konzerns zu leisten und mit unrealistischen Erwartungen des Marktes auf ein ständiges Wachstum konfrontiert sein wird. Einer Unternehmensanalyse zufolge wurde Time Warner bei dem Geschäft gewaltig überschätzt, was dem fusionierten Konzern Abwertung und Schulden bescheren und die Profite in den kommenden Jahren zunichte machen könnte.

Solche langfristigen Überlegungen werden heute, unter den Bedingungen des Internetbooms, allerdings ignoriert. Die Spekulanten kaufen AOL -Aktien nicht wegen der zukünftigen Erträge und Dividenden, sondern in der Hoffnung, dass der Börsenkurs seinen astronomischen Höhenflug fortsetzen wird. Seit der Börsennotierung im Jahr 1992 ist der Kurs um 50.000 Prozent gestiegen!

Die Fusion AOL Time Warner ist nur die jüngste in einer schier endlosen Reihe von Konzernzusammenschlüssen und Übernahmen, die von der boomenden Börse angeheizt werden. Die 15 größten Zusammenschlüsse in der Geschichte des kapitalistischen Finanzwesens fanden alle in den letzten 21 Monaten statt, seit im April 1998 die Banken Travelers Group und Citicorp fusionierten. Mit 73 Mrd. Dollar war das damals die größte Transaktion der Geschichte, aber jetzt ist sie auf dem siebten Platz gelandet. Einige der größten Vertreter der amerikanischen Wirtschaft wurden aufgekauft, darunter Citicorp, Mobil, Ameritech, Sprint, GTE, Amoco und Warner-Lambert.

Anders als das Fusions- und Übernahmefieber der achtziger Jahre stützt sich die heutige Konzentrationswelle nicht auf Junk Bonds und andere Kreditschöpfungen. Stattdessen haben Konzerne andere Konzerne dadurch aufgekauft, dass sie neue Aktien an die Börse brachten, die schnell vom Markt aufgekauft wurden - für insgesamt 1,5 Billionen Dollar im letzten Jahr, doppelt so viel wie 1997.

Während 1991 bei Konzernfusionen etwa gleich viele Aktien wie Bargeld eingesetzt wurden, kamen 1999 bei solchen Geschäften viermal mehr Aktien als Geld zum Einsatz. 1988 wurden weniger als zwei Prozent der großen Transaktionen ausschließlich mit Aktientausch bezahlt. 1998 stieg diese Zahl auf fünfzig Prozent.

Der Kauf von Time Warner durch AOL hat bedrohliche Konsequenzen für den freien Zugang zu Informationen, der einst das Wichtigste war, was das Internet versprach. In einer gemeinsamen Erklärung warnen die Verbraucherschutzvereinigung, das Media Access Project und das Center for Media Education: "Die Konsumenten wollen nicht von einer gigantischen Diktatur in Medien und Internet abhängig sein, selbst wenn diese verspricht, sich wohlwollend zu verhalten."

AOL nimmt als Internet-Provider eine Stellung ein, die der Monopolstellung von Microsoft auf dem Gebiet der Software und von IBM bei den Großcomputern nahe kommt: 54 Prozent aller US-Haushalte mit Internet-Zugang gelangen über AOL ins Netz.

Nun wird diese dominierende Beherrschung des Internetzugangs mit dem Medienimperium von Time Warner kombiniert, das in den USA 21 Prozent der Werbung und Anzeigen in den Printmedien kontrolliert und einen großen Anteil an der Filmindustrie und den Musik- und Buchveröffentlichungen bestreitet. Time Warner ist außerdem der zweitgrößte Anbieter beim Kabelfernsehen und verschafft so AOL erstmals die Möglichkeit, in großem Maßstab das Breitbandkabel für Hochgeschwindigkeitsverbindungen zum Internet zu nutzen. Über Breitbandkabel können Filme und Musik effizient übertragen werden.

AOL war bisher nicht in der Lage, ein amerikanisches Kabelsystem zu nutzen. Aber nun wird es Zugang zu den dreizehn Millionen Abonnenten der Kabelnetze von Time Warner erhalten. In der Vergangenheit stritt AOL öffentlich mit AT&T, der größten Kabelfernsehfirma, und verlangte, dass Internetdienste per Regierungsanordnung "offenen Zugang" zu Kabelnetzen erhalten. Inzwischen weist AOL selbst ähnliche Forderungen von Microsoft und Yahoo!zurück, die Zugang zu seinen Abonnenten verlangen.

Die Monopolisierung des Internets ist schon vor diesem jüngsten Zusammenschluss zügig vorangechritten. Schon bisher haben die hundert größten Websites fast die Hälfte aller Seitenaufrufe auf sich vereint, und die Benutzer verbringen fast zwanzig Prozent ihrer Zeit im Netz auf den zehn führenden Seiten.