Ist das die Wirklichkeit?

American Beauty, Regie: Sam Mendes, Drehbuch: Alan Ball

Von David Walsh
26. Januar 2000

Bis zu einem gewissen Maß ist die unangebrachte Begeisterung der Filmkritiker für diesen Film und auch die insgesamt wohlwollende Aufnahme durch das Publikum verständlich, aber auch etwas zufällig. Nach der Schiesserei in der Columbine Highschool und andern asozialen oder irrationalen Gewaltakten gibt es ein weit verbreitetes Bedürfnis nach Erklärungen oder einfach nur Darstellungen der amerikanischen Malaise. Angesichts der Tatsache, dass politische Parteien, Massenmedien und Institutionen geflissentlich alles ignorieren, was die Bevölkerung bedrückt, ist es natürlich, dass viele Leute nach einem anderen Gebiet suchen, in welchem sich ihr Unbehagen widerspiegelt und angesprochen wird. Populäre Filme gehören dazu. Soweit es zur Zeit eine offizielle politische Debatte in Amerika gibt, findet viel davon in Filmen statt.

American Beauty täuscht aber in dieser Hinsicht etwas vor. Meiner Einschätzung nach geben sich diejenigen, die diesen Film begeistert begrüßen, entweder mit viel zu wenig zufrieden, oder sie ergehen sich in ihrem ungeduldigem Bedürfnis nach nahrhaftem Material in Wunschdenken und erfinden zu großen Teilen einen Film, den sie gerne produziert sehen würden.

Lester Burnham ist ein Zeitschriftenautor in mittlerem Alter, der gerade seinen Arbeitsplatz verliert. Er lebt in einer makellosen Vorstadt mit seiner Frau Carolyn, einer Immobilienmaklerin, die ihren Mann für einen Versager hält und ihm nicht erlaubt, sie zu berühren, sowie seiner Tochter Jane im Teenager-Alter, die mit Lester auch nichts anfangen kann. Ihre neuen Nachbarn sind ein Marineoberst, seine unglückliche Frau und ihr seltsamer Sohn Ricky, der alles, was in seinem Leben passiert, auf Video aufnimmt.

Lester entwickelt eine Obsession für Janes Freundin Angela und schreibt alle Warnungen in den Wind. Er gibt seinen Arbeitsplatz auf, erpresst seinen Arbeitgeber dazu, ihm einen Jahreslohn Abfindung zu zahlen, und entschließt sich, die Bedingungen seines Lebens zu ändern. Seine kleine Rebellion führt dazu, dass seine Frau eine Affäre mit einem großen Tier im Immobiliengeschäft beginnt und seine Tochter in den Armen des Nachbarsohns landet, und dass schließlich eine Serie von Ereignissen einsetzt, die zu seinem Tod führen.

Das Hauptproblem mit American Beauty ist, dass relativ wenig Überlegungen, oder nur Überlegungen oberflächlicher Art in seine Entstehung eingeflossen sind. Es ist bemerkenswert, dass ein Kinofilm und sein Publikum den kranken Charakter der amerikanischen Gesellschaft und des Familienlebens als gegeben annehmen. Aber das allein garantiert noch nicht den künstlerischen oder intellektuellen Erfolg des Werkes. Man muss zumindest einen Hinweis auf die Ursache der gesellschaftlichen Krankheit geben und eine überzeugende Geschichte erzählen. Am Ende haben die Filmemacher, Regisseur Sam Mendes und Drehbuchautor Alan Ball, keines von beidem getan.

Als Gesellschaftskritik erweist sich American Beauty als Sammlung schlaffer und kaum weltbewegender Kritik am Materialismus und dem amerikanischen Traum und, wenn man genauer hinsieht, jener Sorte von Banalitäten, die gegenwärtig den Inhalt von nachmittäglichen Talkshows und populären Psychologie-Büchern ausmachen. Auch die Ansprüche an ein Drama erfüllt der Film nicht. Er greift zu oft auf Stereotype zurück, macht simple Anleihen bei anderen Filmen und enthält sehr viel Unglaubwürdiges.

Was den letzten Punkt betrifft, so lässt sich schwer sagen, womit man anfangen soll. In der Anfangssequenz des Films spricht Jane zu jemandem, der nicht im Bild zu sehen ist (Ricky, wie wir später herausfinden), und denkt laut über den Wunsch nach, ihren Vater um die Ecke zu bringen. Zunächst einmal hat sie nicht den geringsten erkennbaren Grund dafür, sich den Tod ihres Vaters zu wünschen. Er hat ihr nichts Böses angetan. Die relative Vernachlässigung seiner Tochter und seine bis dahin unbefriedigte Begierde nach ihre Freundin sind kaum ausreichende Gründe, um sich einen Mordplan auszudenken. Wenn dies so wäre, dann lägen Leichenberge an jeder amerikanischen Straßenecke. Auf jeden Fall ist diese Sequenz eine reine Ablenkung. Sie trägt nichts zur Entwicklung der Geschichte bei und hat keine Folgen.

Und diese Sequenz hat wenig mit dem zu tun, was vermutlich das dramatische oder thematische Zentrum des Films sein soll, Lesters wahnsinnige Begierde nach Angela. Eine Begierde, die in einer übertriebenen und, offen gesagt, peinlichen Art und Weise ziemlich am Anfang gezeigt wird, nur um dann während etwa eines ganzen Drittels des Films wieder fallengelassen zu werden. Als Angela wieder auftaucht, denkt man unwillkürlich: "Ach ja, die hatte ich schon ganz vergessen."

Und was sollen wir mit Lesters Rebellion anfangen? Er raucht Marihuana, kauft ein neues Auto, hebt Gewichte, nimmt einen Job in einem Schnellrestaurant an und sagt seiner Frau, sie solle das Maul halten. Das ist ein sehr niedriger Preis für einen "Ausbruch". (Nebenbei gefragt, warum wird alles der armen Carolyn zur Last gelegt?) Am Absurdesten ist, dass Lesters dramatische Änderung seines Verhaltens und der Lebensweise nicht die geringste Änderung in den Lebensumständen der Familie oder den Umständen seiner täglichen Aktivitäten zur Folge hat. Alles geht so weiter wie bisher, Lester verbringt einfach nur mehr Zeit mit Gewichtheben in der Garage. Die Geschichte wird zu einem sich wiederholenden Muster, weil Lesters fortgesetzte Anwesenheit in dem Haus und die ungestörte Existenz der Familie für komplizierte Verwicklungen benötigt werden.

Und dann gibt es Ricky, den Sohn des Nachbarn. Er wird uns zuerst als eine bedrohliche Figur vorgestellt, die sich im Schatten versteckt, während er Jane und ihre Familie filmt. Dann stellt er sich ihr in der Schule vor. Er blickt starr und spricht monoton. Er trägt selbst an einem offensichtlich warmen Tag eine Wollmütze. Dadurch wissen wir also, dass er nicht normal ist. Dann stellt sich heraus, dass das gar nicht stimmt. Er ist nur das Opfer seines militaristischen Vaters. Es gibt auch keine ernsthafte Erklärung für seine Obsession mit der Videoausrüstung. Wie hat die Beziehung zu seinem Vater, die einzige wichtige Tatsache, die wir über seine Vergangenheit erfahren, dazu geführt? Er ist nach all dem immerhin so normal, dass er recht schnell eine offensichtlich warme und ernste Beziehung mit Jane eingehen kann.

Wie in aller Welt gelangt diese empfindsame Seele, die so wenig mit der unmittelbaren Realität zu tun hat und dafür umso mehr mit der wesentlicheren Schönheit der Dinge, die unter der Oberfläche steckt, zur Geistesgegenwart und Abgebrühtheit, die erforderlich ist, um seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Drogen zu finanzieren? Die verschiedenen Bestandteile seines Charakters passen einfach nicht zusammen. Sie widersprechen einander und werden hauptsächlich des Effektes willen eingeführt.

Man könnte so fortfahren. Ist es wahrscheinlich, dass die schmollende, spöttische Jane sich als Cheerleader betätigt und noch dazu mit Hingabe? (Das wird natürlich fallengelassen, sobald es seinen Zweck erfüllt hat, uns Lester und Angela in einer entlarvenden Bekleidung vorzuführen.) Und warum ist jemand wie Jane - die bewusst den Außenseiter der Schule wählt und dadurch der öffentlichen Meinung ins Gesicht spuckt - so an Brustimplantaten interessiert? Alles wird einfach ohne Nachzudenken in den Film eingebaut.

Auch die Klischees sind zu ermüdend. Warum muss der Marineoberst so furchtbar steif sein und noch dazu ein unterdrückter Homosexueller? Das ist zu bekannt und zu einfach. Es muss Figuren mit anderen vielleicht weiter entwickelten Problemen geben. Ist es besonders frisch und originell, die scheinbar männerverschlingende Angela als ängstliche, überkompensierende Jungfrau zu enthüllen? Hier werden Dinge einfach zusammengewürfelt, die wir schon unzählige Male vorher in anderen Filmen gesehen haben.

Nach dem scheinbar vernichtenden Blick auf den krassen amerikanischem Materialismus und Karrierismus, der, so sollte man vermuten, etwas mit der Unzufriedenheit der Charaktere zu tun hat, machen die Filmemacher kehrt und zeigen uns in einem kritischen Augenblick Lester mit einer alten Photographie von seiner Frau und seinem Kind. Er sehnt sich zurück nach der "früheren Carolyn" und der "früheren Jane". Es stellt sich heraus, dass die Familie einfach irgendwo den falschen Weg eingeschlagen hat und zu einem harmloseren und sorgloseren Zustand zurückkehren muss. Wenn Lester nur auf seine innere Stimme hören würde. Wir wissen, wie es von hier aus weitergeht.

Das Problem bei so einem Wirrwarr ist, dass daraus etwas werden kann, was im Widerspruch zu den bewussten Absichten der Filmemacher steht. Die Einstellung des Drehbuchautors und des Regisseurs gegenüber Lester und Angela ist nicht klar. Nach Angaben von Alan Ball muss Lester die Leidenschaft für das Leben, die er irgendwann verloren hat, "wieder finden", und dafür ist "Angela der Katalysator". "Aber er glaubt, dass sie das Ziel sei, und sie ist wirklich nur das Klingeln an der Tür. Auch wenn das unglaublich erhaben und anmaßend klingt, er muss seine spirituelle Beziehung zum Leben wiederfinden."

Wenn man die Banalität dieses Konzeptes beiseite lässt, was passiert mit den Zuschauern, die eingeladen und manipuliert wurden, Lesters Begierde nach der jugendlichen Angela zu teilen? Ball will vielleicht, dass wir Lesters fehlende "spirituelle Beziehung zum Leben" in Erinnerung behalten, aber ich bin überhaupt nicht davon überzeugt, dass dies bei der Mehrheit der Zuschauer der Fall sein wird, bei einem Werk, welches eine eher unerfreuliche Lüsternheit zeigt. Die intellektuelle Konfusion und Flachheit der Filmemacher führen dazu, dass sie die schlimmste Art von Phantasieleben eher ermutigen, als davor zu warnen.

Aufgrund des Fehlens einer ausgearbeiteten Handlungslogik erscheint die Geschichte dieses Films als Folge von Zufällen und Unglücken. Lesters Tod ist irgendwie willkürlich. Damit er tragisch wäre, müsste er sich aus der Logik seines Lebens ergeben. Aber er ist nicht das Ergebnis von etwas Schicksalhaftem in seinem unglücklichen Zustand. Er kommt aufgrund seiner Rebellion ums Leben. Wenn er nicht versucht hätte, sein Leben zu ändern, dann wäre das nie passiert. Was ist die Moral dieser Geschichte?

Die Filmemacher versuchten, das amerikanische Leben zu verstehen, und fanden dies schwierig. Also haben sie nach der Hälfte oder einem Viertel des Weges aufgegeben. Ich will Ball nicht persönlich angreifen, einen Schriftsteller und früheren Autor von Situationskomödien, aber sein Kommentar ist nicht ermutigend: "Viele Dinge im Drehbuch sind wirklich instinktiv. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was der Zweck davon ist oder so." Wir müssen kaum daran erinnert werden, dass dieses "oder so", d.h. zusammenhängendes Denken, bei amerikanischen Filmemachern nicht im Überfluss anzutreffen ist.

In gewissem Sinne erweisen sich Lesters Mängel als identisch mit denen der Filmemacher: Es ist immer noch weit einfacher und akzeptabler in Amerika eine Affäre zu haben, Drogen zu nehmen oder auch eine Karriere als Filmemacher aufzubauen, als über all die Dinge nachzudenken, die einen beunruhigen oder zerstören. Dafür benötigt man ein gewisses Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft und Geschichte, wie auch immer man sie in einem Drama umsetzt.

Keiner dieser Kritikpunkte soll den Eindruck erwecken, dass es keine lustigen oder einsichtvollen Momente in dem Film gibt. Die gibt es. Oder das die Schauspielerei nicht gut wäre. Sie ist es, bei fast jedem. Und die Schauspieler - Kevin Spacey, Annette Bening, Thora Birch, Wes Bentley, Chris Cooper - fühlen offensichtlich, dass sie zu etwas Außergewöhnlichem beitragen, etwas mit Biss. Wie fast immer liegt das Problem nicht bei den Schauspielern oder Technikern. Aber all das Talent und der gute Wille ändern nichts an den Tatsachen.

American Beauty, ist meiner Meinung nach nicht eine Kritik dessen, was in Amerika falsch läuft, sondern ein Ersatz für eine solche Kritik. Und man muss bei der Betrachtung des Produzenten des Films - Steven Spielbergs Dream Works Pictures - noch hinzufügen: ein keimfreier und offiziös abgesegneter Ersatz.