Massive Polizeiaktion gegen Tamilen in der Hauptstadt Sri Lankas

Hunderte wurden festgehalten und gefilzt

Von Nanda Wickramasinghe
13. Januar 2000

In der srilankischen Hauptstadt Colombo wurden im Rahmen einer umfassend angelegten Fahndung Hunderte Tamilen vorübergehend festgenommen. Die Aktion folgte einem Selbstmordanschlag auf das Büro des Premierministers sowie der Ermordung eines führenden tamilischen Politikers, Kumar Ponnambalam, am 5. Januar.

Mehr als 5000 Beamte von Armee, Flotte, Luftwaffe und Polizei waren an der Operation beteiligt. Sie begann mit der überraschenden Verhängung einer vollständigen Ausgangssperre von Donnerstag (6. Januar ) Mitternacht bis Freitag Mittag. Innerhalb einer halben Stunde mussten die Straßen geräumt sein. Die Sicherheitskräfte konzentrierten sich dann auf die vorwiegend tamilischen Viertel Colombos und eine ebenfalls tamilisch besiedelte Gegend weiter südlich (Dehiwala-Mount Lavinia).

Die Schätzungen darüber, wie viele Tamilen festgenommen, vernommen und überprüft wurden, reichen von 1.200 bis 3.000. Die Zeitung Sunday Times beziffert die Zahl der Betroffenen mit 1.563. Jeder einzelne wurde von maskierten Spitzeln identifiziert, die "Verdächtigen" auf Video festgehalten und fotografiert.

Die Verhöre wurden von verschiedenen Polizei- und Sicherheitsagenturen durchgeführt, darunter das Kriminalamt, die Einheit zur Subversionsbekämpfung, die für Terrorismus zuständige Ermittlungsbehörde sowie zivile und militärische Geheimdienste.

Die Entscheidung zu dieser massiven Operation fiel 48 Stunden vor einer Sicherheitskonferenz, zu der Präsidentin Chandrika Kumaratunga die Oberbefehlshaber der Armee, der Polizei und der Geheimdienste geladen hatte. Die Regierung hatte zuvor behauptet, ihr seien Informationen zugegangen, wonach die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) zehn Selbstmord-Attentäter in die Stadt eingeschleust hätten und Mordanschläge auf führende Regierungsmitglieder und andere Prominente planten.

Der Anschlag vor dem Büro des Premierministers am 5. Januar, der 14 Menschen das Leben kostete, war der dritte seiner Art in der Hauptstadt innerhalb von drei Wochen gewesen. Sie werden alle der LTTE zugeschrieben, die sich im Kriegszustand mit der Regierung in Colombo befindet und einen eigenen Staat für die tamilische Minderheit im Norden und Osten der Insel fordert.

Sämtliche Straßen und Bahnlinien in die Innenstadt wurden von Soldaten blockiert. Tausende mussten in Vorortbahnhöfen aussteigen. Sämtliche Regierungsgebäude, Privatunternehmen, Schulen und Banken wurden während der Ausgangssperre geschlossen.

Das Stadtgebiet von Colombo wurde in vier Sektoren aufgeteilt. Die Sicherheitskräfte zogen von Haus zu Haus und nahmen jeden fest, der seine Ausweispapiere nicht bei sich trug oder nicht erklären konnte, weshalb er sich in Colombo aufhielt. In Sri Lanka ist es gesetzlich vorgeschrieben, seinen Ausweis ständig bei sich zu tragen. Darüber hinaus müssen Menschen, die aus dem Kriegsgebiet in der Nordostprovinz stammen, noch weitere Papiere ständig vorweisen können. Einer Reihe Personen wurde die Aufenthaltsgenehmigung für Colombo entzogen.

Die Festgenommenen wurden entweder in Polizeifahrzeuge gesperrt oder gezwungen, zur nächsten Polizeiwache zu laufen. Auch Regierungsbeamte, ältere Schüler und Greise blieben nicht verschont. Insgesamt befanden sich 200 Minderjährige unter den Verhafteten.

Sie wurden in fünf Polizeistationen zusammengetrieben: Maradana, Bambalapitiya, Mount Lavinia Mutual und Kotahena. Mehr als 1000 Menschen wurden im Innenstadtbereich festgenommen, 450 im Süden der Stadt. In den nördlichen Vierteln Kotahena und Modera waren es 80 bzw. 70.

Verwandte und Freunde wurden nicht vorgelassen, kaum gestand man den Festgenommenen zu, sich das Allernotwendigste kommen zu lassen. Angehörige warteten vor den Polizeistationen stundenlang vergeblich auf Nachricht. Zumeist bekamen die Opfer erst gegen Mittag überhaupt etwas zu essen.

Drei Tage nach den Verhaftungen wurde bekannt, dass eine Sonderabteilung der Kriminalpolizei 87 Menschen zu weiteren Verhören in Haft behalten hatte. Und dies, obwohl die gesamte Operation, an der mehr als 5000 Beamte beteiligt gewesen waren, laut einem Bericht der Sunday Times"keine Waffen, keinen Sprengstoff und keinerlei subversives Material oder Ausrüstungsgegenstände" ans Licht gebracht hatte. Daraufhin schwärmte die Armee nochmals aus und förderte schließlich nach einer Razzia in Kotahena ein einziges "Selbstmordjacket" zutage.

Das Sicherheits-Schleppnetz in Colombo ist Bestandteil einer breit angelegten Hexenjagd der Kumaratunga-Regierung gegen die Tamilen. Die Zeitungen in Colombo berichteten am Montag von weiteren 47 "LTTE-Verdächtigen", die in einem Wohngebiet östlich der Hauptstadt verhaftet wurden. In Kandy, dem gebirgigen Gebiet im Zentrum des Landes, wurden etwa 60 Menschen festgenommen, und in dem dort gelegenen Plantagengebiet Dickoya-Maskeliya 14 Jugendliche in Gewahrsam genommen.

Ein hochrangiger Polizeibeamter erklärte der halbamtlichen Zeitung Sunday Observer, die Abriegelungs- und Durchsuchungsoperation stehe für einen neuen Sicherheitsstandard; ähnliche Operationen würden auch künftig ohne Vorwarnung regelmäßig veranstaltet. Unterdessen warf die Janatha, eine von der Regierung gestützte singhalesische Zeitung der tamilischen Tageszeitung Veerakesari vor, sie habe LTTE-Mitglieder im voraus gewarnt und ihnen so zur Flucht verholfen. Solche Berichte heizen den anti-tamilischen Chauvinismus an.

Die Tatsache, dass Kumaratunga nur drei Wochen nach ihrer Wiederwahl zu derartigen Methoden greift, zeugt von ihrer Krise. Das Militär hat nach einer Offensive der LTTE im November in Wanni bedeutende Verluste hinnehmen müssen, und die Sicherheitslage in Colombo hat sich ebenfalls verschlechtert. Einigen Berichten zufolge hat die Präsidentin ihre Minister angewiesen, sich aus Sicherheitsgründen nur eingeschränkt in der Stadt zu bewegen.

Die von Unsicherheit geprägte politische Atmosphäre hat sich sofort auf die Wirtschaft niedergeschlagen. Die Börse von Colombo verzeichnete über die letzten Tage hinweg einen ständigen Rückgang und nähert sich einem Rekordtief. Die Aktienhändler beklagen, dass sich die Investoren nach den Bombenanschlägen zurückziehen. Man kann daraus nur schließen, dass die Regierung und die herrschenden Kreise insgesamt von Verzweiflung und offener Panik ergriffen werden.

Siehe auch:
Führender tamilischer Politiker in der Hauptstadt Sri Lankas ermordet
(8. Januar 2000)