Clark rechtfertigte Bombardierung eines Personenzugs mit verfälschten Videoaufnahmen

Wie die Nato die Öffentlichkeit belog

Von Ute Reissner
8. Januar 2000

Eine ausführliche Dokumentation von Arnd Festerling in der Frankfurter Rundschau vom 6. Januar 2000 trägt viel dazu bei, die Rechtfertigung der Nato für ihr Vorgehen im Kosovo-Krieg weiter zu demontieren. Der Bericht unter der Überschrift "Ja, das Video läuft wesentlich schneller" ist zugänglich unter http://www.f-r.de/fr/spezial/kosovo/t712003.htm.

Mindestens 14 Menschen starben, als am 12. April 1999 ein Kampfbomber der US Air Force eine Eisenbahnbrücke nahe der serbischen Ortschaft Grdelicka gerade in dem Moment beschoss, als sie von einem Personenzug überquert wurde. Nach dem ersten Treffer hatte das Flugzeug gewendet, war zurückgekehrt und hatte eine zweite Bombe, die einen noch unbeschädigten Waggon traf, auf die inzwischen brennende Brücke abgefeuert.

Den Beschuss des Personenzuges hatte die Nato damals als tragischen Unglücksfall bezeichnet. Doch diese Darstellung wurde, wie sich jetzt herausstellt, mit verfälschten Videoaufnahmen und irreführenden Schilderungen der Vorgänge an Bord des involvierten Kampfflugzeuges begründet.

Um zu beweisen, dass es sich um einen versehentlichen "Kollateralschaden" handelte, führte der Oberkommandierende US-General Wesley Clark am nächsten Tag auf einer Pressekonferenz zwei Videofilme vor, die mit in den Nasen der beiden raketengesteuerten Bomben montierten Kameras aufgenommen worden waren. Daraus könne man ersehen, so Clark, dass sich der Personenzug derart rasch ("in weniger als einer Sekunde") genähert habe, dass dem Piloten, der sich überdies bereits auf die schwierige Steuerung der Bombe konzentriert habe, keine Zeit zum Reagieren mehr geblieben sei.

Das erklärte natürlich nicht, weshalb das Flugzeug umkehrte und ein zweites Geschoss abfeuerte. Doch auch abgesehen davon war die offizielle Version der Nato in zweierlei Hinsicht unrichtig:

Erstens war die Bildfolge auf den Videobändern um etwa das Dreifache gerafft worden. Zweitens ist das eingesetzte Flugzeug des Typs F 15 E mit zwei Mann besetzt, einem Piloten und einem Waffensystemoffizier (WSO). Der Pilot hat mit der Steuerung der Bomben überhaupt nichts zu tun und kann folglich auch nicht davon abgelenkt werden. Außerdem steuern die eingesetzten Raketenbomben ihr Ziel, sobald es vom WSO markiert wurde, automatisch an.

Festerling weist darauf hin, dass bei den beiden Videofilmen (zugänglich unter www.nato.int/kosovo/video.htm) die sonst übliche Statusanzeige fehlt, anhand derer der Waffensystemoffizier technische Informationen und eine mitlaufende Uhr verfolgen kann. Er führt aus: "Laut Video vergehen von dem Moment, wo der Zug deutlich ins Sichtfeld kommt, bis zum Einschlag der Bombe 2,3 Sekunden. Der Zug wäre dann etwa 300 Stundenkilometer schnell gefahren. Nimmt man als Grundlage für die Berechnungen an, der Zug sei etwa 100 Stundenkilometer gefahren (was angesichts des alten Schienennetzes in Serbien vermutlich wesentlich zu hoch gegriffen ist), dann läuft das Video mindestens dreimal schneller als in Echtzeit. Dann hätte der WSO mindestens 6,9 Sekunden Zeit für eine Reaktion gehabt statt der dargestellten 2,3 Sekunden - die Clark überdies als ‚weniger als eine Sekunde‘ beschreibt.

Die Nato hat also einen Videofilm vorgeführt, der in seiner entscheidenden Aussage, den Zeitablauf des Bombenangriffs objektiv wiederzugeben, absolut untauglich ist. Der Oberbefehlshaber der Nato in Europa hat der Öffentlichkeit anhand dieses untauglichen Videos und einer missverständlichen Wortwahl erklärt, der Angriff auf den Zug sei wegen des gedrängten Zeitablaufs letztlich unvermeidlich gewesen."

Die Nato hat diesen Sachverhalt im wesentlichen zugegeben.

Festerling zitiert einen Sprecher von Shape, dem obersten Hauptquartier der Nato in Europa, mit den Worten: "Ja, das Video läuft wesentlich schneller." Auch das in Ramstein stationierte Hauptquartier der US Air Force in Europa gibt dies zu, spricht jedoch von einem bedauerlichen Hardware-Fehler, den sie der Firma Sun Microsystems zuschreibt. Die Raffung sei unbemerkt bei der Transformation des Filmmaterials in das mpeg-Format entstanden. Man habe der Öffentlichkeit möglichst schnell das Material präsentieren wollen und daher auf aufwendige Zwischenschritte in der Konvertierung verzichtet. Die Statusanzeige fehle, weil der Film aus unerklärlichen Gründen aus der Begleitmaschine und nicht aus dem angreifenden Flugzeug selbst stamme. Das Bombenvideo aus dem letzteren sei nicht mehr vorhanden.

All dies ist wenig glaubwürdig. Erstens müsste jedem, der mit dieser Waffentechnik zu tun hat, das überhöhte Tempo des Ablaufs auf den Videoaufnahmen sofort aufgefallen sein. Überdies ist Hardware, die die rechnerisch aufwendige Komprimierung ins mpeg-Format in Echtzeit innerhalb weniger Minuten vornimmt, für einige Hundert DM für PCs zu bekommen. Die Nato behauptet im wesentlichen, dass sie eine schlechtere Technik zur Verfügung hatte, als ein einfacher Video-Amateur.

Im Oktober hatte die britische Zeitung Observer bereits detaillierte Beweise zusammengetragen, wonach die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad am 7. Mai 1999 entgegen den Behauptungen der Nato kein Versehen, sondern eine gezielte Aktion war.

Je mehr Einzelheiten über den genauen Verlauf und die Folgen des Kosovo-Krieges bekannt werden, desto deutlicher entpuppt sich sein Charakter als rücksichtslose Aggression gegen die wehrlose Bevölkerung eines hoffnungslos unterlegenen Landes.

Siehe auch:
Neue Beweise für absichtliche NATO-Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad
(7. Dezember 1999)
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