Eine Folge des staatlich geförderten Chauvinismus

Führender tamilischer Politiker in der Hauptstadt Sri Lankas ermordet

Von K. Ratnayake
8. Januar 2000

Ein bekannter tamilischer Politiker, Kumar Ponnambalam, ist am Mittwoch in der srilankischen Hauptstadt Colombo auf offener Straße am helllichten Tage erschossen worden. Die Polizei behauptet zwar, sie habe keinerlei Hinweise auf den Täter, doch es liegt nahe, dass Ponnambalam büßen musste für seine heftige Kritik am Krieg der srilankischen Armee gegen die separatistische LTTE, die im Norden und Osten des Inselstaates agiert.

Ponnambalam, Vorsitzender des All Ceylon Tamil Congress und von Beruf Rechtsanwalt, wurde aus nächster Nähe direkt in den Kopf geschossen, als er in seinem Auto eine kleine Straße in dem vorwiegend von Tamilen bewohnten Viertel Wellawatte entlang fuhr.

Der Politiker hatte ursprünglich geplant gehabt, bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen anzutreten, seine Kandidatur jedoch zurückgezogen, nachdem er von den übrigen tamilischen Organisationen einschließlich der LTTE keine Unterstützung erhalten hatte.

Die von der Volksallianz gestellte Regierung, die Sicherheitskräfte und auch einige der tamilischen Organisationen hatten Ponnambalam gegenüber eine offen feindselige Haltung bezogen. Vor einigen Monaten hatte ihm das Verteidigungsministerium eine Besuchserlaubnis für Jaffna, die Hauptstadt der Nordprovinz, verweigert. Er hatte dort Eltern "verschwundener" tamilischer Jugendlicher vertreten wollen, dies in seiner Eigenschaft als Mitglied einer staatlichen Untersuchungskommission über die Verantwortung der Armee für jüngst entdeckte Massengräber in Chemmanai.

Erst vor kurzem hatte Ponnambalam in einem offenen Brief an Präsidentin Kumaratunga harte Kritik an deren Amtsführung geübt. Er hatte sich auf die Rede bezogen, mit der Kumaratunga ihre Wiederwahl annahm. Sie hatte darin von dem Anschlag auf ihr Leben gesprochen, den ein Selbstmord-Attentäter der LTTE am 18. Dezember verübt hatte.

"In Ihrer Rede wiederholten Sie bis zum Erbrechen das Wort ‚Frieden‘, doch der Tenor Ihrer Rede war alles andere als versöhnlich und zeugte keineswegs von Friedenswillen. Der 18. Dezember, sagten sie, werde ;in die Geschichte eingehen als jene Nacht, in der sich der Schatten der Finsternis ein Mal zu viel über unser Land legte.‘

Sie wählen diese Sprache, weil es zufällig um Sie selbst ging. Sie merken gar nicht, dass es wegen Ihrer Machenschaften als Oberbefehlshaber der Armee im Leben Tausender Witwen in Tamil Eelam gewisse Nächte gegeben hat, in denen sich der Schatten der Finsternis herabsenkte."

Während ihrer gesamten Wahlkampagne hatte Kumaratunga gezielt an rechte, singhalesisch-chauvinistische Stimmungen appelliert, um ihrem Hauptrivalen, den Kandidaten der United National Party Ranil Wickremasinghe, seine bedingungslosen Gesprächsangebote an die LTTE vorzuhalten. Nach dem Anschlag auf ihr Leben äußerte sie eine kaum verhüllte Warnung an die gesamte tamilische Minderheit, ihre "geheime, schweigende oder bedingte Unterstützung der LTTE" aufzugeben.

Die Presse von Colombo kritisierte nach dem Anschlag Ponnambalams Äußerungen und legte nahe, dass seine Ermordung womöglich auf das Konto der LTTE gehe. "Könnte es das Werk der LTTE sein, um die Regierung und die Präsidentin, die Ponnambalam ja mit seiner offenen Unterstützung für die LTTE unaufhörlich gegeißelt hat, in die Klemme zu bringen? Sollte es ein Ablenkungsmanöver der LTTE sein, die ihre eigenen Unterstützer umbringt, um die Regierung in Colombo hinsichtlich der Menschenrechte in die Enge zu treiben?" fragte der Daily Mirror.

Hingegen liegt auf der Hand, dass der Mord von Tätern verübt wurde, die Ponnambalams politische Ansichten ablehnen. Selbst die gemäßigte Tamil United Liberation Front (TULF) warnte in ihrer Stellungnahme vor den Implikationen des Anschlags: "Wenn die Ermordung von Mr. Kumar Ponnambalam tatsächlich der Wahrnehmung eines Grundrechts (des Rechts auf freie Meinungsäußerung) zuzuschreiben wäre, so wäre dies in der Tat eine sehr bedrohliche Entwicklung und würde das Bürgerrecht auf eine unabhängige Meinung und deren Äußerung stark unterhöhlen."

Ponnambalams Angehörige, die in Angst vor weiteren Racheakten leben, deuteten vorsichtig an, dass der Mord das Werk chauvinistischer Kreise unter der singhalesischen Bevölkerung gewesen sein könnte. Eine bisher unbekannte Organisation namens "Nationale Front gegen die Tiger" hat in einem Bekenner-Fax an eine Zeitung die Verantwortung für die Tat übernommen. Bekannt sind ähnliche rechte Gruppen, die enge Verbindungen zu den srilankischen Sicherheitskräften unterhalten.

Am 2. November war bei einem ähnlichen Anschlag in derselben Gegend Atputharajah Nadarajah ermordet worden. Er war Herausgeber der tamilischen Zeitung Thinamurasu und Parlamentsabgeordneter der Eelam People's Democratic Party (EPDP) gewesen. Auch in diesem Falle ließ die Polizei die Ermittlungen fallen, und die Angelegenheit wurde unter den Teppich gefegt.

Am Tag von Ponnambalams Ermordung fand auch ein Selbstmord-Bombenanschlag vor dem Büro des Premierministers in der Innenstadt von Colombo statt. Diese Explosion tötete sechs Menschen auf der Stelle, einschließlich der Attentäterin, sieben weitere starben im Krankenhaus. Unter den Toten befanden sich vier Polizisten und sieben Angestellte des Premierministers. Weitere 15 Personen wurden wegen Verletzungen im Krankenhaus behandelt.

Es war der dritte Selbstmord-Anschlag innerhalb eines Monats. Alle sollen auf das Konto der LTTE gehen. Am 18. Dezember hatten zwei verschiedene Anschläge stattgefunden - der auf Kumaratunga während einer Kundgebung der Volksallianz, und ein weiterer auf einer Kundgebung der oppositionellen UNP. Insgesamt waren 50 Menschen getötet worden.

Nach der jüngsten Explosion berief Kumaratunga eine Sitzung des staatlichen Sicherheitsrates ein, um "die Sicherheitslage in der Stadt zu überprüfen" - ein klares Anzeichen auf eine Verschärfung der polizeilichen Maßnahmen insbesondere gegen die Tamilen. Die Polizei verhängte für den vergangenen Donnerstag ein Ausgangsverbot in Colombo und zeigte in der gesamten Stadt starke Präsenz. Tausende Beamte durchsuchten Hotels und Privatwohnungen nach Personen, die der Verbindung zur LTTE verdächtig sein könnten.