Der politische Gefangene Mumia Abu-Jamal

Eine Dokumentation im amerikanischen Fernsehen

Von Tom Bishop
25. Februar 2000

Am Mittwoch, den 16. Februar, brachte der amerikanische Kabelsender Arts & Entertainment (A&E)den Dokumentarfilm "Radikaler in der Todeszelle: Mumia Abu-Jamal" im Rahmen seiner Serie "Amerikanische Justiz". Mumia sitzt seit achtzehn Jahren in der Todeszelle, seit er im Zusammenhang mit der Erschießung eines Polizisten aus Philadelphia Opfer einer Justizverschwörung wurde. Der Gouverneur von Pennsylvania, Tom Ridge, hat schon zweimal den Hinrichtungstermin festgesetzt.

Zuletzt sollte die Hinrichtung des früheren Black Panthers und Radiojournalisten am 2. Dezember 1999 stattfinden, aber die Exekution wurde ausgesetzt, als seine Anwälte gegen das Urteil des staatlichen Gerichts beim Bundesgericht Berufung einlegten. Seit Oktober 1999 haben Abu-Jamals Anwälte mehrere Schriftsätze bei Bundesrichter William Yohn eingereicht, in denen sie das Anrecht ihres Mandanten auf einen neuen Prozess begründen. Eine Entscheidung des Bundesgerichts wird im Laufe dieses Jahres erwartet.

Die Dokumentation von A&E stand in bemerkenswertem Kontrast zu der Sendung "Zwanzig/zwanzig" des Senders ABC vom 9. Dezember 1998 über Abu-Jamals Fall. In jener Sendung war ausschließlich die Version von Polizei und Staatsanwaltschaft über die Schießerei und den Prozess, der ihn des Mordes für schuldig befand, zu Wort gekommen. Zwar berichtete auch die A&E -Dokumentation über die Polizeiversion, sie brachte aber auch die Darstellung der Fakten dieses Falls durch seinen Anwalt, Leonard Weinglass, sowie Interviews mit bekannten Sympathisanten, Familienmitgliedern und Freunden.

Der Bericht portraitierte Abu-Jamal als einen vor seiner Verhaftung angesehenen Zeitungs- und Radiojournalisten. Er erklärte das Engagement des Jugendlichen für die Black Panthers Party und zeigte, wie er dadurch ins Fadenkreuz des FBI geriet. Er zeigte, wie ihn seine Reportagen über Polizeibrutalität besonders während der zwei Amtszeiten von Bürgermeister Frank Rizzo (1972-80) in Konflikt mit der Polizei von Philadelphia brachten. Rizzo war Polizeichef von Philadelphia, bevor er Bürgermeister wurde.

Der A&E -Bericht stellt den Fall zweifellos anders dar, als dies die amerikanischen Medien bisher getan haben. Er hat aber Schwächen bei der Präsentation des Materials. Im Verlauf der einstündigen Dokumentation werden Interviews mit der Polizei, dem Staatsanwalt und der Witwe des Polizisten Morris Faulkner gebracht. Es werden Videoclips gezeigt, die alle Seiten des Falls "objektiv" beleuchten. Aber die vielen offenen Fragen, die sich 1995 und 1996 aus den gerichtlichen Anhörungen über eine Wiederaufnahme des Verfahrens ergaben, werden nicht kritisch untersucht.

Aber trotz dieser Einschränkung muss jeder objektive Betrachter zum Schluss kommen, dass Mumia das Opfer einer Polizeiverschwörung ist. Nach der Sendung kommentierte Leonard Weinglass: "Das ist eine Dokumentation, die unseren Fall fair darstellt. Leute, die vorher nichts über den Fall wussten, haben mich seit Mittwoch angerufen und mir erklärt, sie seien überzeugt worden, obwohl sie vor der Sendung nichts über den Fall gewusst hätten. Aufgrund der Sendung sind sie jetzt der Meinung, dass Mumia ein Recht auf einen neuen Prozess hat."

Der stärkste Beweis zugunsten Mumias im Dokumentarfilm war die Entlarvung des angeblichen Geständnisses, das Abu-Jamals unmittelbar nach der Schießerei abgelegt haben soll. Das "Geständnis" stellte in der Beweisführung der Staatsanwaltschaft gegen ihn ein Schlüsselelement dar. Der Kommentar des Films wies darauf hin, dass die Polizei das Geständnis erst zwei Monate nach seiner Verhaftung 1981 gemeldet hatte.

In der Sendung erklärte der Polizist Gary Bell, dass er "vergessen" habe, das Geständnis zu erwähnen, weil er so durcheinander gewesen sei. Der Film wies nach, dass Bells Aussage in direktem Gegensatz zu einem schriftlichen Polizeibericht seines Kollegen Waskshul stand, der ständig an Abu-Jamals Seite gewesen war, vom Zeitpunkt seiner Verhaftung bis zur Behandlung seiner Verletzungen. In dem Bericht heißt es: "Während dieser Zeit gab der männliche Neger keinerlei Erklärung ab."

Man hätte noch hinzufügen können, dass Bell seine Behauptung erst erhob, nachdem Abu-Jamal eine Zivilklage wegen Polizeibrutalität eingereicht hatte. In dem Dokumentarfilm ist ein Interview mit Jamals Schwester Lydia Barashango zu sehen, in dem sie erklärt, dass sie ihren Bruder wegen seiner schlimmen Verletzungen im Gesicht kaum erkannt habe. Er habe ihr gesagt: "Ich bin unschuldig. Sie wollen mich umbringen."

In dem Dokumentarfilm wird darauf hingewiesen, dass Abu-Jamals Anwalt im Prozess von 1982 versucht hatte, die Geschworenen darauf hinzuweisen, dass die drei Zeugen der Anklage ihre Aussagen, die sie in der Nacht von Jamals Verhaftung gemacht hatten, wesentlich abgeändert hatten. Hier werden jedoch einige sehr wichtige Details weggelassen: Zum Beispiel verbüßte Cynthia White, die 1982 Abu-Jamal als Todesschütze identifiziert hatte, zur Zeit des Prozesses eine 18-monatige Freiheitsstrafe in Massachusetts wegen Prostitution.

Sie war in Philadelphia 38mal wegen Prostitution festgenommen worden und hatte noch drei Prozesse vor sich, als sie in den Zeugenstand trat. Keiner der anderen Zeugen konnte bestätigen, sie am Tatort überhaupt gesehen zu haben. Ihre ursprüngliche Beschreibung des Schützen gegenüber der Polizei traf in keiner Weise auf Abu-Jamal zu. In den folgenden Wochen hing ihr Foto in Faulkners Revier mit einer Notiz, dass bei ihrer Verhaftung das Morddezernat zu informieren sei. Sie wurde in den nächsten zehn Tagen zwei Mal festgenommen und zum Morddezernat gebracht. Nach jeder Festnahme wurde eine veränderte Erklärung abgegeben.

Eine weitere Zeugin der Anklage, die in der Dokumentation nicht erwähnt wurde, war Veronica Jones. In der Tatnacht sagte sie aus, sie habe gesehen, dass zwei Männer irgendwie vom Tatort weg in eine Seitenstraße gelaufen seien. Eine Woche später unterschrieb sie eine Zeugenaussage, in der sie ihre Beobachtung wiederholte. Im Prozess im Juli 1982 leugnete sie jedoch, dies gesehen zu haben. Als sie versuchte, vor Gericht zu erklären, dass sie von der Polizei veranlasst worden sei, ihre Geschichte zu ändern, unterbrach Richter Albert Sabo sie, erklärte ihre Aussage für irrelevant und untersagte Mumias Anwalt, sie weiter zu befragen.

Veronica Jones sagte in der Anhörung für einen neuen Prozess im Jahr 1995 für die Verteidigung aus. Sie erklärte, sie habe ihre Aussage geändert, um sie den Wünschen der Polizei anzupassen. Zwei Kommissare hätten sie im Gefängnis besucht, wo sie wegen schweren Anschuldigungen in Untersuchungshaft saß, und ihr mit einer zehnjährigen Haftstrafe gedroht, falls sie zugunsten von Mumias Verteidigung aussage.

Nach ihrer Aussage von 1995 wurde Jones aufgrund eines alten Haftbefehls wegen Scheckbetrugs von zwei Polizisten aus New Jersey verhaftet. Jones erklärte, sie werde sich nicht einschüchtern lassen: "Ich werde meine Aussage nicht ändern." Richter Albert Sabo, der den ursprünglichen Prozess geleitet hatte und auch die Anhörung für einen neuen Prozess leitete, entschied, dass ihre Aussage "nicht glaubwürdig" sei.

In der Sendung wurde die dürftige Beweislage der Polizei und der Staatsanwaltschaft gegen Abu-Jamal anerkannt. Es wurde zum Beispiel darauf hingewiesen, dass ballistische Routinetests mit Abu-Jamals Pistole niemals durchgeführt und seine Hände nicht auf Schmauchspuren untersucht worden waren.

In der Sendung wurde auch ein Interview mit Abu-Jamal aus dem Jahre 1996 gezeigt. Hier ist es wichtig, den Zusammenhang zu kennen, in dem das Interview gegeben wurde. Abu-Jamal reagierte darin auf die Versuche der Gefängnisbehörde und des Staates, ihn zum Schweigen zu bringen.

Am 3. Juli 1995 war Abu-Jamal mit einem "Bericht" der Gefängnisleitung konfrontiert worden, in dem er beschuldigt wurde, er gehe "einer Geschäftstätigkeit oder einem Beruf" nach. Das bezog sich auf die Veröffentlichung seines ersten Buches Aus der Todeszelle. In seinem zweiten Buch Death Blossoms(Todesblüten) schreibt Abu-Jamal über diese Erfahrung: "Mein Buch zeichnet ein unvorteilhaftes Bild eines Gefängnissystems, das sich ‚resozialisierend‘ nennt, aber kaum etwas anderes tut, als menschliche Seelen zu korrumpieren; ein System, das Hunderte Millionen Dollar im Jahr verschlingt, um Zehntausende Männer und Frauen zu foltern, zu verstümmeln und zu zerstören; ein System, das Verbitterung lehrt und Hass einbrennt."

Als Strafe musste Jamal 90 Tage ins "Loch". Seine Post wurde überwacht und die Besuchszeiten eingeschränkt, auch für Familienangehörige, Rechtsvertreter, geistliche Ratgeber und Pressevertreter. Als er gegen diese Verletzung seiner Grundrechte Beschwerde einlegte und gefragt wurde, warum er das Buch geschrieben habe, obwohl er sich über die Konsequenzen im Klaren war, antwortete er: "Weil ich der Welt um jeden Preis ein Fenster zu den Seelen derer öffnen musste, die wie ich unter den barbarischen Bedingungen der amerikanischen Todeszellen leiden."

Einige Monate später, im Jahre 1996, gab Jamal das Interview, das als Teil einer Dokumentation über seinen Fall gesendet wurde. Was er zum Schluss sagte, kam auch im Dokumentarfilm von A&E vor: "Ich kämpfe jeden Tag, nicht nur für meine Freiheit, nicht nur für meine Befreiung, sondern für unser aller Befreiung. Ohne Angst werde ich für die Revolution kämpfen, weil ich denke, nur die Revolution ist unsere Lösung. Ich zögere nicht, das Wort in den Mund zu nehmen." Diese Bemerkungen unterstreichen die Tatsache, dass Abu-Jamal wegen seiner politischen Ansichten in der Todeszelle sitzt.

Die Darstellung des Falls durch A&E ist Anzeichen einer wachsenden Unterstützung für Abu-Jamals Recht auf einen neuen Prozess. Wie der Schauspieler Alec Baldwin zu Beginn der Sendung andeutete, ist sein Fall typisch für die barbarische Anwendung der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten.

Die Sendung hat gezeigt, dass im Fall Mumia Abu-Jamal eigentlich die Polizei von Philadelphia, die amerikanischen Medien und die amerikanische Justiz vor Gericht stehen.

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Briefe, die die Forderung nach einem neuen Prozess für Abu-Jamal unterstützen, bitte an folgende Adresse senden:

Judge William Yohn c/o Leonard Weinglass 6 West 20th Street New York, NY 10011

Siehe auch:
Die politischen Aufgaben bei der Verteidigung von Mumia Abu-Jamal
(2. März 1999)
Tausende demonstrierten in Berlin gegen die Hinrichtung Abu-Jamals
( 17. Februar 2000)
Mumia Abu-Jamal (wsws Full Coverage)

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