Dies ist der erste Teil einer Artikelserie zu den 50. Internationalen Filmfestspielen in Berlin, die vom 9. bis 20. Februar stattfanden. Mit mehr als 300 Filmen zählt die Berlinale zu den größten Filmfestivals der Welt. Weitere Artikel werden sich mit den Beiträgen von Wim Wenders und Volker Schlöndorff auseinandersetzen, sowie mit Dokumentarfilmen über den Kosovo-Krieg und über die Lage in Russland.
Zum ersten Mal fand die diesjährige Berlinale am neu bebauten Potsdamer Platz statt, wo zehn Jahre nach dem Mauerfall unter den Sponsoren Sony und Mercedes Benz ultra-moderne Bürotürme, Luxushotels, Einkaufszentren, Parkhäuser - und eben die neuen Kinos entstanden sind. Wer sich einen Weg um die noch verbliebenen Bauzäune gebahnt hatte, konnte sich von der Großzügigkeit der neuen Anlage überzeugen.
Nicht nur am äußeren Pomp konnte man die zunehmende Kommerzialisierung der Berliner Filmfestspiele ablesen. Hochzufrieden zeigten sich die Organisatoren auch, weil es ihnen gelungen war, sieben neue amerikanische Studio-Produktionen zur Teilnahme am Wettbewerb zu bewegen und zahlreiche amerikanische und internationale Stars anzulocken. Man bemüht sich nach Kräften, Cannes den Rang als glanzvollstes europäisches Filmfestival abzulaufen. Allerdings nicht ohne Pannen. In einem Meer von Journalisten und Fernsehkameras mokierte sich etwa die Schauspielerin Gwyneth Paltrow über die Frage eines Reporters nach dem "Berliner Bären". Dabei ist der Bär der Hauptpreis der Festspiele, eine Art deutscher Oscar.
Die Besucherzahl war gegenüber dem Vorjahr erneut gestiegen, offenbar wächst das öffentliche Interesse an der Filmproduktion ungebrochen weiter. Doch das Publicity- und Medienspektakel (z.B. um den Schauspieler Lenoardo DiCaprio, dessen neuer Film The Beach( Der Strand) bei der Europa-Premiere ausgebuht wurde) konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Beiträge insgesamt recht kläglich ausgefallen waren.
Viele der US-amerikanischen Wettbewerbsbeiträge ( Man in the Moon / Der Mondmann, The Hurricane / Hurricane, The Talented Mr. Ripley / Der talentierte Mr. Ripley, Any Given Sunday / An jedem verdammten Sonntag) sind an dieser Stelle bereits besprochen worden - auch der Gewinner des Goldenen Bären, Magnolia.
Die deutschen Hoffnungen stützten sich auf drei Filme von Regisseuren, die aus dem neuen deutschen Kino der sechziger und siebziger Jahre hervorgegangen sind. The Million Dollar Hotel von Wim Wenders sowie Die Stille nach dem Schuss von Volker Schlöndorff werden wir in künftigen Artikeln noch besprechen. Der dritte bedeutende deutsche Beitrag, Paradiso - Sieben Tage mit sieben Frauen von Rudolf Thome, ist eine amüsante, aber nicht besonders tiefsinnige Komödie über einen Komponisten, der zu seinem sechzigsten Geburtstag die sieben Liebschaften seines Lebens zusammenbringt.
Andere europäische Länder waren in dem Wettbewerb recht dünn vertreten. Britische Regisseure waren überhaupt fern geblieben, und aus Italien und Frankreich als Ländern mit großer Kino-Tradition kamen nur eine Handvoll eher schwacher Beiträge. Aus den zwei Dutzend osteuropäischen Staaten wurden nur 14 Beiträge gezeigt, die mit ganz wenigen Ausnahmen (z.B. Andrzej Wajdas französisch-polnischer Koproduktion Pan Tadeusz) ganz offenbar mit minimalen Mitteln, oftmals in Schwarzweiß gedreht worden waren.
Typisch ist wahrscheinlich Lech Majewskis Erfahrung mit seinem Film über einen jungen, aufrührerischen polnischen Dichter, Wojaczek. Majewski ist ein angesehener Filmemacher, der in Hollywood an dem Drehbuch für Basquiat mitgearbeitet hat. Wojaczek hat er in seinem Heimatland Polen innerhalb von drei Wochen mit einem Bruchteil des Basquiat -Budgets gedreht.
In der Tschechischen Republik und in Polen scheint sich in der Filmbranche einiges zu bewegen, aber in den übrigen osteuropäischen Ländern und auch in Russland sind die Produktionen in den vergangenen zehn Jahren regelrecht eingebrochen.
Andrzej Wajda ist seit Jahrzehnten einer der führenden polnischen Filmemacher. In mehr als dreißig Filmen, die fast die gesamte Nachkriegsperiode umfassen, hat Wajda den polnischen Widerstand gegen die Nazis und, in Zusammenarbeit mit der Solidarnosc, den Kampf gegen den Stalinismus thematisiert. Ihm ist ein spezieller Oscar zugesprochen worden, der von Steven Spielberg beim bevorstehenden Academy Award überreicht werden soll.
Sein jüngster Film, Pan Tadeusz, basiert auf einem epischen Gedicht des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz. Es geht um eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund von Tadeusz‘ Versuchen, die polnischen Bauern gegen die russische Besetzung Litauens zu mobilisieren. Am Ende feiern die Polen mit traditionellen Tänzen ihren Sieg über die Russen.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Wajda in mehreren Interviews erklärt, seiner Meinung nach erleide Polen eine Identitätskrise, und er sehe seine Rolle darin, einem Wiedererwachen des Nationalbewussteins zum Durchbruch zu verhelfen. Sein Film hinterlässt einen üblen Nachgeschmack, doch ist er damit nicht allein. Eine ganze Reihe von Filmen aus Osteuropa haben in jüngster Zeit versucht, auf Kosten von Nachbarländern nationale Traditionen wieder zu erwecken (z.B. der serbische Film Das Messer, der auf einem Roman von Vuk Draskovic basiert).
Die Anzahl der Filme aus Asien war geringer als in den vergangenen Jahren, was auf die Probleme im Zusammenhang mit der Finanzkrise in der Region zurückzuführen ist. Am meisten Furore machte die chinesische Produktion The Road Home von Zhang Yimou. Er erhielt einen silbernen Bären.
Ein Film, den man besonders hervorheben sollte, war der französische Beitrag Gouttes d'eau sur pierres brulantes / Tropfen auf heiße Steine des Regisseurs Francois Ozon. Er basiert auf einem Drehbuch von Rainer Werner Fassbinder. Ozon verlagerte die ursprünglich in den fünfziger Jahren spielende Beziehung zwischen einem 50jährigen Geschäftsmann und einer Neunzehnjährigen in die siebziger Jahre.
Dennoch blieb der ursprüngliche Fassbinder unverfälscht erhalten - wie er sich nie gescheut hat, äußerst komplexe Beziehungen zu untersuchen und auch die weniger schönen Aspekte des modernen Lebens zu zeigen. Ozon hält sich recht genau an Fassbinders Text, und wir sehen eine Mischung von Zärtlichkeit, Spannung und Verrat zwischen den Charakteren, die ständig darauf verweist, wie tiefere gesellschaftliche Strömungen auf jeden Aspekt menschlicher Beziehungen Einfluss nehmen.
Ozons Regie ist sicher und zielgerichtet. Im Vergleich zu den übrigen Beiträgen, die fast ausschließlich den Weg des geringsten Widerstands nehmen, beschwört der Film die Kraft der New-Wave-Bewegungen herauf, die in den sechziger und siebziger Jahren in Europa und Amerika entstanden waren. Die ideologische Lücke, die der Zusammenbruch des Stalinismus und der 68er Ideale gerissen hat, zeigte sich in einer Reihe von Filmen, insbesondere in den neuen deutschen Beiträgen zur Berlinale.
Nur so ist beispielsweise die abgrundtiefe Trostlosigkeit des Films Abendland erklärbar, ein Film von Fred Kelemen über den Arbeitslosen Anton und seiner Lebensgefährtin Leni. Ihre Liebe ist im Begriff zu verlöschen. Beide machen sich getrennt voneinander auf den Weg in die Nacht, in ein Reich der Finsternis, das innerlich schon längst von ihnen Besitz ergriffen hat. Was bleibt, ist eine Sehnsucht nach Erlösung. die bis ins Mystische geht.
Das Interessante an diesem dreistündigen Film, der sich, wie auch seine Figuren, ewig dahin zu schleppen scheint, besteht in der Zeichnung des Anton. Verschlossen, kaum sprechend, verrät uns allein die Gestik dieser Figur die Persönlichkeit des schwer von den psychischen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit geschädigten Menschen. Schwankend zwischen stumpfsinniger Lethargie und Gefühlswallungen, die ihn förmlich erdrücken, ist er nicht mehr fähig rational zu denken oder gar durchdachte Entschlüsse zu fassen. In ihm steckt eine ständige unterschwellige Aggressivität, die er gegen sich selbst richtet, und eine unbestimmte Sehnsucht nach Wärme, die er selbst jedoch nicht zu geben imstande ist.
Eine Reihe weiterer Filme nahmen sich dieser Thematik mit unterschiedlichem Erfolg an. Wir werden uns in den kommenden Tagen und Wochen damit befassen.
