Liebe, Tod & Angst in Kaliforniens San Fernando Valley

Magnolia, ein Film von Paul Thomas Anderson

Der Film Magnolia ist auf dem diesjährigen Berliner Filmfestival mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Die nachfolgende Besprechung, die vor der Auszeichnung verfasst wurde, haben wir dem englischsprachigen Teil des wsws entnommen.

Magnolia ist eigenwillig, anspruchsvoll, oftmals sehr bewegend, zuweilen oberflächlich und verschroben. Einige Teile verdienen Anerkennung und Lob, andere sind katastrophal.

Der Film besteht aus einer Reihe lose miteinander verbundener Geschichten, die allesamt von Personen handeln, denen es mehr oder weniger gelingt, sich von seelischen Konflikten zu befreien. Gezeigt wird ein ganzes Ensemble, dessen einzelne Figuren vom Drehbuchautor und Regisseur Paul Thomas Anderson sehr bewusst gestaltet sind. Eine Zusammenfassung der Story könnte nur verwirren. Es kommen darin gescheiterte familiäre Beziehungen vor, ungestillte Bedürfnisse und eine verdrängte Vergangenheit, verratene Kinder und Eltern, die nicht bereit oder fähig sind darauf einzugehen.

Die lose Form der Erzählung (eindeutig von Robert Altman beeinflusst) wird mit Hilfe einiger aufschlussreicher Parallelen zusammengehalten. Es gibt zwei Väter, der eine ein Fernsehproduzent (Jason Robards), der andere Quizmaster einer Unterhaltungssendung (Philip Baker Hall), die beide an Krebs sterben. Sie sind von ihren Kindern entfremdet und von Schuldgefühlen aus der Vergangenheit beladen. Es gibt einen Jungen (Jeremy Blackman), das Wunderkind einer Quizsendung, der in die Rolle eines Genies hineingedrängt und schikaniert wird, und sein Gegenstück, einen ehemaligen Kinderstar (William H. Macy), der sich danach sehnt, geliebt zu werden. Die Tochter des Quizmasters (Melora Walters) ist kokainsüchtig und außer Stande, aus ihrer Wohnung herauszugehen und mit der Welt in Kontakt zu treten. Der Sohn des Fernsehproduzenten (Tom Cruise) ist ein Sexguru, der sich durch frauenfeindliche Werbung ein lukratives Leben ermöglicht und ein ausgeklügeltes Lügennetz über seine Geschichte spinnt.

Am Rande dieser Verhältnisse gibt es einen Krankenpfleger für den sterbenden Fernsehproduzenten (Philip Seymour Hoffman), der eine Vater-Sohn-Beziehung zu seinem Patienten entwickelt; einen netten Polizisten (John C. Reilly), linkisch und schüchtern, der kein Rendezvous mehr hatte, seit seine Ehe vor drei Jahren in die Brüche ging; und die Frau des Produzenten, eine junge Eroberung, die sich mit ihrer emotionalen Frigidität abfindet, während ihr Mann im Sterben liegt.

Wir tauchen in die Geschichten eine nach der andern ein, manchmal geblendet durch Andersons technische Fähigkeit, sein Gespür für ausgetüftelte Momentaufnahmen und Montagen, dann wieder bewegt durch Momente des Wachsens und Offenbarungen dieser Personen, die vom Leben gefangen scheinen. Schmerz ist allgegenwärtig, aber niemand hat eine andere Wahl, als ihn für sich selbst zu erleiden. Anderson hat, wie Boogie Nights beweist, eine Vorliebe dafür, Alltagsthemen und Beziehungen mit filmischen Effekten in epischer Breite darzustellen. Der Rahmen wechselt in diesem Film von der Scheinwelt der Shows und Promi-Interviews zu den realen Welten, in denen das Leiden nicht durch Ausschweifung von Popkultur vermittelt wird. Dieser Stil dient dazu, dass der Film durchwegs überzeugt, bringt jedoch zwangsläufig auch die Schwächen dieser Methode immer wieder hervor.

Der direkteste von Kritikern gezogene Vergleich ist der mit Robert Altmans Film Short Cuts(1993), (der nebenbei gesagt ebenfalls in San Fernando Valley, d.h. den Außenbezirken von Los Angeles, spielt). In mancherlei Hinsicht kommt mir Andersons Film noch besser vor. Wo Altman nicht sicher ist, ob er über seine Personen spotten oder Sympathie für sie empfinden soll, scheint Anderson Mitleid mit den Menschen einzufordern, die er geschaffen hat. Die anrührendsten Momente rechtfertigen diesen Anspruch. Besonders die Rollen, die Cruise, Blackman und Robards spielen, erleben auf der Leinwand eine richtige Offenbarung, die zum Stärksten gehört, was man dieses Jahr gesehen hat.

Jeder bekommt hier seinen Auftritt, und die Darstellung ist sicherlich engagiert und energisch, aber während einige Szenen echt und authentisch sind, zwingt Anderson manchmal seine Figuren, reihenweise Nervenzusammenbrüche zu erleiden, als ob dies die einzige Art und Weise wäre, wie die Beziehungen zwischen ihnen ausgedrückt werden können. Besonders Julianne Moore und Bill Macy spielen Rollen, deren Geschichte und Entwicklung eher erzählt als gezeigt wird. Reilly und Hoffman (als Polizist und Robards Pfleger) spielen die einzigen Rollen im Film, die erkennbar aus der Arbeiterklasse stammen, und als solche scheinen sie zu Rettern der übrigen Figuren, die Hollywoods Glitzerwelt entsprungen sind, zu werden. Dies ist zwar eine banale Einbildung, und es wird zeitweise unerträglich ausgeführt (wie der Monolog von Reillys Stimme gegen Ende des Films), aber dennoch verleiht es ihrer Darstellung eine ruhige Würde, die einen guten Kontrast zum Sturm und Drang des Restes bildet. Anderson erlaubt jedoch seinen Geschichten allem Einfühlungsvermögen zum Trotz nicht immer, für sich selbst zu sprechen.

Die Tatsache, dass dieser Film zum größten Teil nicht hält, was er verspricht, zeigt sich während eines Höhepunkts im dritten Akt besonders scharf: eine Naturkatastrophe plus biblische Plage, die vollkommen aus dem Nichts entsteht. Es wäre besser gewesen, man hätte das als Kinolegende weggelassen, wie jenen Tortenkampf, der angeblich für Dr. Strangelove gefilmt worden war und dann im Papierkorb des Schneideraums landete. Zu Gunsten von Anderson kann man annehmen, dass diese Szene eindeutig entworfen wurde, um die Dinge auf die Spitze zu treiben, damit die Hauptpersonen, die gerettet werden können, die Gelegenheit haben, wieder aufzustehen und ihr Leben weiter zu leben. Aber man kommt nicht um das Gefühl herum, dass ein solcher Höhepunkt in einem sorgfältiger gemachten und zusammenhängenderen Film unnötig gewesen wäre. Die letzte Stunde des Films (mit Ausnahme der Szene an Robards Totenbett und derjenigen zwischen Reilly und Walters) macht den Anschein, als hätte Anderson sein großes Projekt aufgegeben. Cruise, der im ersten Teil des Films sein bestes Schauspielerkönnen zeigt, tritt hier auf der Stelle und übertreibt das Sentimentale.

Dennoch ist Magnolia was die Stellen betrifft, die ich meist nur kurz geschildert habe, ein guter Film. Das Beste daran ist die Begabung Andersons, menschliche Schwäche unkritisch und ehrlich darzustellen. Man kann sich in diese Menschen einfühlen und ist von ihren inneren und äußeren Kämpfen bewegt. Wenn man manchmal wünscht, er würde sich mit einer kleineren Leinwand begnügen (wie er es in dem feinen Film Hard 8[1996] getan hat), so liegt doch etwas Veredelndes darin, dass er eine solche Größe als Vehikel für so kleine Geschichtchen gewählt hat. Es bringt einen dazu, seine gelegentliche und oft fatale Unbeholfenheit zu entschuldigen.

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