Engagierter Verlagsleiter in Österreich aus politischen Gründen gekündigt.

Jochen Jung spricht in Berlin

Von Stefan Steinberg
16. März 2000

Der Aufstieg von Jörg Haiders ultrarechter FPÖ (Freiheitlicher Partei Österreichs) in die österreichische Koalitionsregierung und die allgemeine Rechtswende im öffentlichen Klima des Landes tragen bereits erste faule Früchte.

Auf einer Versammlung im Berliner Literaturhaus berichtete Jochen Jung über Einzelheiten seiner Entlassung als langjähriger Geschäftsführer des Residenz-Verlags in Salzburg. Der Residenz-Verlag ist der angesehenste Verlag im Land, der sich auf zeitgenössische österreichische und ausländische Literatur spezialisiert. Am 1. Februar hat das Direktorium Jung entlassen, nachdem er einen sechsseitigen Plan für die künftige Entwicklung des Verlags vorgelegt hatte.

Man warf Jung vor, dass er die Zukunft des Unternehmens gefährde, weil er die Werke ausländischer Autoren bevorzuge. Er hatte einen Tag Zeit, um seinen Schreibtisch zu räumen, seither hat er Hausverbot. Jung berichtete in Berlin, es sei kein Zufall, dass seine Entlassung zu der Zeit erfolgt sei, in der sich die "gemäßigt" konservative ÖVP (Österreichische Volkspartei) auf die Koalition mit Haiders FPÖ verständigt habe.

Der Residenz-Verlag wurde 1956 gegründet und 1983 vom Österreichischen Staatsverlag übernommen. Jung hatte 25 Jahre für den Verlag gearbeitet und war verantwortlich für die Auswahl neuer Autoren und Literaturstücke. Er hatte persönlich die Werke von Peter Handke und Thomas Bernhard gefördert, zwei der berühmtesten Vertreter österreichischer Literatur. In Berlin schilderte er seine früheren, erfolgreichen Bemühungen, die anfängliche Beschränkung des Verlags auf ausschließlich österreichische moderne Autoren zu überwinden. Jung hatte nach Wegen gesucht, um einen breiteren Autorenkreis bekannt zu machen und auch Autoren zu publizieren, die zwar keine Österreicher waren, sich aber ein weltweites Renommee verschaffen konnten.

Jung erklärte, seine Probleme, neue, unabhängige ausländische Autoren zu fördern, seien keineswegs neu. Er schilderte, wie er mit seiner Arbeit immer wieder an offizieller Stelle angeeckt sei. Oft habe er den Vorwurf gehört: "Warum lassen Sie unsere österreichische Literatur im Stich?"

Die Schwierigkeiten nahmen zu, als der Verlag 1983 vom Staat übernommen wurde. Durch die Erfahrung mit staatlichem Druck und dem Überhandnehmen kommerzieller Prioritäten in der Verlagsarbeit kam Jung zu seiner heutigen Überzeugung: "Der Staat ist nichts weiter als ein großer Konzern."

Jung wies auf den Niedergang der österreichischen Kultur und Kunstkritik in den letzten Jahren hin. Er teilt die Befürchtung vieler Menschen, die Repressalien der Regierung gegen die Kunstschaffenden könnten erst begonnen haben, und erklärte: "Nicht nur, dass die österreichische Regierung mit Kunst nichts anfangen kann, sie hasst sie." Aus Protest gegen Jungs Entlassung haben fast vierzig Autoren sich verpflichtet, den Verlag zu boykottieren.

Jung ist nicht das einzige Opfer einer nationalistischen Welle in den Führungsetagen, die mit der Bildung der neuen Regierung in Wien einhergeht. Anfang Februar hat eine österreichische Lokalzeitung, die Oberösterreichischen Nachrichten, Gerhard Marschall, einen ihrer Herausgeber, aus offensichtlich politischen Gründen entlassen. Marschall wurde von den Herausgebern kritisiert, weil er mehrere negative Kommentare über die ÖVP-FPÖ-Koalition wie auch kritische Artikel über den österreichischen Staatspräsidenten Thomas Klestil geschrieben hatte. Marschalls erstes Entlassungsschreiben enthielt die Sequenz: "Aufgrund der neuen politischen Verhältnisse nicht mehr tragbar".

Astrid Zimmermann, Sprecherin der österreichischen Journalistengewerkschaft, erklärte, ihrer Meinung nach sei der Fall Marschall nur die Spitze des Eisbergs. "Es gibt Anzeichen, dass nach dem Rechtsruck in Österreich nicht nur in den Tageszeitungen, sondern auch in den elektronischen Medien eine andere Berichterstattung gewünscht wird."

Die Teilnahme der FPÖ an der Regierung hat eine Welle von Protesten und hitzigen Diskussionen unter Intellektuellen und Kunstschaffenden in Österreich ausgelöst. Gerard Mortier, der künstlerische Direktor der Salzburger Festspiele, hatte ursprünglich angekündigt, seine Stelle aus Protest aufzugeben, wenn Haider an der Regierung beteiligt werde. "Für mich sind die Freiheitlichen eine faschistische Partei im wörtlichen Sinn", sagte er auf einer Pressekonferenz, auf der er seine Absicht bekannt gab, nach den diesjährigen Festspielen im September zurückzutreten.

Mortier, der Belgier ist, hat die letzten zehn Jahre in Österreich gelebt. Er sagte, er habe Briefe erhalten, in denen er als "idiotischer ausländischer Arbeiter" beschimpft worden sei. "Nun bin ich ein ausländischer Arbeiter. Ich dachte, wir gehörten alle zu Europa. Aber diese Zeit ist vorbei, und die Xenophobie, die von der Freiheitlichen Partei ständig gepflegt wird, ist eine große Belastung für unsere Öffentlichkeit", erklärte er. Man dürfe nicht vergessen, dass "das Publikum, das die Festspiele in Salzburg besucht,... zu siebzig Prozent aus Ausländern besteht." "Das Kulturprogramm der Regierung widerspricht vollkommen dem Programm der Salzburger Festspiele", fügte er hinzu. Nachdem einige andere Künstler alles Mögliche unternommen hatten, um ihn zum Bleiben zu überreden, hat Mortier nun angekündigt, doch auf seinem Posten zu bleiben.

Außerdem ist der Ingeborg-Bachmann-Preis, Österreichs prominenteste Literaturauszeichnung für vielversprechende junge Schriftsteller, der neuen Regierung in Wien zum Opfer gefallen. Bisher wurde er vom österreichischen Bundesland Kärnten mit 120.000 Schilling (ca. 17.000 DM) gefördert. Nachdem die Regierungsbeteiligung der FPÖ sicher war, erklärte die Schwester der Schriftstellerin, die Familie sei nicht mehr bereit, die Fortsetzung des Wettbewerbs unter dem Namen von Ingeborg Bachmann zuzulassen. Haiders Antwort kam postwendend: Er gab die sofortige Einstellung jeglicher finanzieller Unterstützung des Landes bekannt und erklärte, Preisverleihungen seien sowieso nicht mehr modern.

Alles in allem hat die FPÖ nie ein Geheimnis aus ihrer Feindschaft gegen die Kunst gemacht. Sie hat in der Vergangenheit eine Öffentliche Plakatkampagne gegen die prominenten Künstler Elfriede Jelinek und Claus Peymann geführt, Künstler der "Wiener Gruppe" der Kinderpornograhie bezichtigt und Proteste gegen eine Mysterienspielreihe organisiert, die von dem Dramatiker Hermann Nitsch inszeniert worden war. Führende Intellektuelle richten heute einen guten Teil ihrer Wut gegen die Bereitschaft der ÖVP, mit der Haider-Partei eine gemeinsame Regierung zu bilden. Die Bildungsministerin in der neuen Koalition, Elisabeth Gehrer, und der Staatssekretär, der für Kunst verantwortlich ist, Frank Morak, sind beides Mitglieder der ÖVP und haben früher erklärt, sie würden sich niemals an einer Regierung mit der FPÖ beteiligen.

Dass die Bedrohung der Kunst nicht nur auf die Politik der aktuellen österreichischen Regierung beschränkt ist, wurde von einer Reihe weiterer Sprecher auf der Versammlung in Berlin betont. Wachsender kommerzieller Druck macht sich auch in Deutschland bemerkbar. Eine ganze Anzahl kleinerer Verlage in Österreich - besonders solche, die sich auf osteuropäische Literatur und die Auswirkungen des Zusammenbruchs des Stalinismus auf die Gesellschaft in den ost- und westeuropäischen Ländern spezialisieren - sind entweder in ihrer Existenz bedroht oder stehen vor einer drastischen Umorganisation , die mit dem Verlust zahlreicher Stellen einhergeht. Das unausweichliche Resultat sind Qualitätseinbußen und wachsende Schwierigkeiten, ausländische Autoren ins Verlagsprogramm aufzunehmen.

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