Appell des World Socialist Web Site:

Stoppt die Angriffe der Hindu-Extremisten auf die indische Filmemacherin Deepa Mehta

Von Der Redaktion
14. März 2000

Das World Socialist Web Site verurteilt die Kampagne der Hindu-Fundamentalisten in Indien gegen die Produktion von Water, den jüngsten Film von Deepa Mehta. Alle Filmemacher, Künstler, Intellektuellen und Arbeiter auf der ganzen Welt müssen sich gegen diesen Angriff auf demokratische Rechte zur Wehr setzen.

Mehta musste die Produktion von Water unterbrechen, nachdem mit der Bharatiya Janatha Party (BJP) verbundene Hindu-Extremisten eine ständige Kampagne gewalttätiger Angriffe, bürokratischer Provokationen und physischer Drohungen gegen die Darsteller und die Crew des Films geführt hatten. Die BJP ist die führende Partei in Indiens Regierungskoalition und in vielen indischen Bundesstaaten an der Macht.

Die Dreharbeiten für Water, der das Schicksal armer Witwen in einem Hindu-Tempel in den dreißiger Jahren thematisiert, sollten am 30. Januar in Varanasi im Bundesstaat Uttar Pradesh beginnen. Von lokalen BJP-Politikern geführte Hindu-Extremisten zerstörten an diesem Tag die Filmeinrichtung und verursachten einen Schaden von mehr als 1,3 Millionen DM. Sie behaupteten, der Film würde indische Witwen verunglimpfen und sei Teil einer christlichen Verschwörung gegen den Hinduismus.

Mehta verließ Uttar Pradesh schließlich am 6. Februar, nachdem die BJP-Landesregierung den Dreh des Films zweimal innerhalb von sieben Tagen mit der Begründung verboten hatte, er würde die Öffentlichkeit provozieren. Premierminister Atal Bihari Vajpayee behauptet zwar, er sei auf Mehtas Seite und verteidige ihr Recht, den Film zu drehen; aber gegen diese Angriffe der Landesregierung, die mit lokalen Rechtsradikalen zusammenarbeitet, hat er nichts unternommen.

Vajpayee und Wohnungsminister L. K. Advani sind beide Mitglied auf Lebenszeit bei der Rastriya Swayangsevak Sangh (RSS) - einer rechtsextremen Gruppierung, die 1948 in den Mord an Mahatma Gandhi verwickelt war. Der Minister für Schwerindustrie Manohar Joshi ist ein Führer von Shiv Sena, einer faschistischen Organisation, die den Koalitionspartner der BJP bildet. Advani führte 1992 eine Kampagne, die zur Zerstörung der Moschee von Babri Masjid in Ayodhya führte. Die Folge waren die schlimmsten religiösen Konflikte seit der Teilung Indiens 1947. Eine gerichtliche Untersuchungskommission fand heraus, dass Joshis Shiv Sena die Ereignisse später benutzte, um im Januar 1993 in Bombay Unruhen anzuzetteln und zu schüren, die zum Tod hunderter Moslems führten.

Shiv Sena und Vishwa Hindu Parishad (Welt-Hindu-Forum) haben gedroht, Mehta aus Indien zu vertreiben, und einige rechte Gruppen verkündeten, sie würden töten und sterben, um die Produktion von Mehtas Film zu verhindern.

Mehta, die schon wegen ihrer früheren Filme - Fire(1996) und Earth(1998) - mit Hindu-Extremisten in Konflikt gekommen war, erklärte, dass sie sich von diesen Drohungen nicht einschüchtern lasse. Die Kampagne beschrieb sie als "eine Zensur vor dem Dreh, durchgesetzt von Schlägern". Einer Zeitung sagte sie, falls der Film verhindert werde, würde dies "das Ende der Demokratie in Indien" bedeuten.

Diese Warnungen sollte man ernst nehmen. Die Kampagne der Hindu-Extremisten gegen Mehtas Film ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Versuchs, in Indien eine rechte, nationalistische staatliche Ideologie durchzusetzen, die sich auf Bestandteile der hinduistischen Religion stützt. Unter Bedingungen, wo der Lebensstandard der großen Mehrheit sinkt und der soziale Abgrund zwischen Reich und Arm immer tiefer wird, setzt die BJP alles daran, Vorurteile zu schüren, um die indischen Massen nach Kasten und Religionen zu spalten.

In Indien spielt das Kino eine einflussreiche Rolle. Deshalb greifen die BJP und ihre verbündeten Hindu-Extremisten zunehmend Filmemacher an, die in irgend einer Weise bestimmte Aspekte der indischen Gesellschaft kritisch untersuchen.

Schon jetzt müssen nach indischem Recht Filmemacher, die Geld vom Ausland bekommen und in Indien drehen wollen, ihre Drehbücher der Zentralregierung zur Genehmigung vorlegen. Wenn diese erteilt wird, ernennt die Regierung einen speziellen Verbindungsoffizier mit weitreichenden Vollmachten, der die Filmproduktion bis ins Kleinste überwacht. Der Verbindungsoffizier kann den Dreh stoppen, wenn der Regisseur vom erlaubten Drehbuch abzuweichen scheint.

Die Beschränkungen der Kunstfreiheit betreffen nicht nur ausländische Filmemacher. Indische Regisseure - darunter Mani Ratnam, Mira Nair und Shekhar Kapur - sind ebenfalls Opfer staatlicher Zensur und extremistischer Ausschreitungen während der Produktion oder Aufführung ihrer Filme geworden. Solche Angriffe beschränken sich auch nicht auf Filmemacher. Die Kampagne gegen Mehta ist Teil einer Serie von Angriffen auf die demokratischen Rechte von Künstlern und Intellektuellen, die mit dem Aufstieg der BJP im vergangenen Jahrzehnt stetig zugenommen haben.

Immer wieder wurden gewalttätige Proteste gegen Künstler organisiert, zuletzt gegen M. F. Hussein, einen der angesehensten Maler Indiens. Hussein wurde der Obszönität beschuldigt, weil er die Hindu-Göttinen Saraswati und Draupadi nackt dargestellt hatte. Gleichzeitig haben Vertreter der BJP in den Bundes- und Landesregierungen gefordert, das Bildungssystem zu "hinduisieren", und entsprechende Änderungen in Lehrplänen und -büchern erzwungen.

Mitte Februar, nur wenige Tage, nachdem die Rechtsradikalen Mehta aus Uttar Pradesh vertrieben hatten, ordneten die Vertreter von BJP und RSS, die den Indischen Rat für historische Forschung beherrschen, an, dass die Veröffentlichung der ersten zwei Bände von Towards Freedom gestoppt wird. Dabei handelt es sich um eine auf viele Bände angelegte Sammlung historischer indischer Dokumente. Die beiden Bücher wurden jeweils von den führenden Historikern Professor Sumit Sarkar und Professor K. N. Pannikkar zusammengestellt.

Sarkar, Autor von Modern India und zahlreichen weiteren historischen Monographien und Artikeln, gilt als Indiens führender Historiker sowie als Intellektueller von internationalem Rang und Ruf. Den Medien erklärte er, dass die BJP versuche, die Vergangenheit umzuschreiben, "damit sie ihren faschistischen Vorstellungen entspricht", wobei es sich um einen "Schritt zur Vernichtung der Demokratie in Indien" handle.

Pannikkar, Vorstand des historischen Archivs der Jawaharlal-Nehru-Universität, warnte, die BJP versuche Indiens Bildungssystem umzustrukturieren und dessen Lehrplan zu kontrollieren.

Nicht nur in Indien werden Künstler und Intellektuelle durch Regierungen und extremistische Kräfte politisch eingeschüchtert. Es handelt sich vielmehr um eine Entwicklung, die auf dem ganzen Subkontinent alltäglich geworden ist: Rechte Kräfte werden aufgehetzt, um abweichende politische Ansichten zu ersticken.

In Bangladesh ist die Autorin Taslima Nasreen als "Feindin des Islam" gebrandmarkt und ihre Bücher sind verboten worden. Die im Exil lebende Autorin wird der Gotteslästerung angeklagt und hat Todesdrohungen islamischer Chauvinisten erhalten. Letztes Jahr gelang islamischen Extremisten um ein Haar ein Mordanschlag auf Shamsur Rahman, einen führenden Dichter Bangladeshs, den sie mit einer Axt angriffen.

Der in Indien geborene und weltweit berühmte Autor Salman Rushdie wird immer noch von der Fatwa bedroht, einem religiösen Rechtsurteil, das vor elf Jahren von dem iranischen Geistlichen Ayatollah Khomeini ausgesprochen wurde. Es fordert die Moslems auf, den Autor wegen seines satirischen Werkes Die satanischen Verse umzubringen. Khordad-15, eine fundamentalistische iranische Gruppe, hat für Rushdie ein Kopfgeld von 2,5 Millionen Dollar ausgesetzt.

In Sri Lanka ist die Regierung dermaßen schwach, dass sie keinerlei Kritik tolerieren kann. Musiker, Schauspieler, Künstler und Intellektuelle, die gegen die regierende "Volksallianz"-Koalition sind, haben Todesdrohungen erhalten, sind verprügelt und ihre Häuser beschossen worden.

Auch in den fortgeschrittenen Ländern, wo christliche Fundamentalisten und andere konservative Gruppen Einfluss ausüben, gibt es Angriffe auf die Freiheit der Kunst. Letzten September versuchte der New Yorker Bürgermeister Giuliani, die Ausstellung Sensation zu schließen. Er behauptete, die britischen Künstler würden im Brooklyn Museum "Katholiken beleidigen" und die Religion angreifen. Ein paar Wochen später schlossen die Behörden von Michigan eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst im Detroiter Kunstinstitut.

Ende November sagte die australische Nationalgalerie die angekündigte Sensation -Ausstellung wieder ab, nachdem sie ein paar Protestbriefe erhalten und mit der konservativen Regierung von Howard diskutiert hatte. Außerdem will die australische Regierung strengere Zensur-Vorschriften für Filme einführen.

In Berlin wurde letztes Jahr ein Videoverleih, der sich auf klassische und künstlerisch hochwertige Filme spezialisiert hat, von der Polizei durchsucht, wobei mehrere Filme beschlagnahmt wurden.

Warum wird die Kunstfreiheit dermaßen angegriffen? Dies hängt mit den wachsenden sozialen Spannungen zusammen, die von dem zunehmenden Gegensatz zwischen Reich und Arm weltweit hervorgebracht werden. Die herrschenden Eliten verspüren die Notwendigkeit, jene zum Schweigen zu bringen, die diese Tatsachen ansprechen.

Die besten Filmemacher und Künstler gehen ihrer Umwelt auf den Grund. Diese schöpferische Tätigkeit stellt für die herrschenden Mächte eine Gefahr dar, weil jegliches aufrichtige künstlerische Werk sein Publikum zwingt, die gesellschaftliche Wirklichkeit und ihre Widersprüche genauer zu betrachten. Schöpferische Freiheit, das demokratische Grundrecht, das unverzichtbar ist, um irgend eine Erscheinung künstlerisch zu bearbeiten, bedroht diejenigen, die ein reaktionäres politisches und wirtschaftliches Programm durchsetzen wollen. Eine Bevölkerung, die sich ihrer Geschichte und ihrer Rechte bewusst ist, stellt einen weitaus stärkeren politischen Gegner dar als eine, in der Oberflächlichkeit und Verwirrung vorherrschen.

Die gegenwärtige fundamentalistische Kampagne gegen Deepa Mehta in Indien erinnert an die Methoden der Nazis in den dreißiger Jahren, als faschistische Schläger Tausende dem Regime unliebsamer Bücher verbrannten. Mit den prophetischen Worten Heinrich Heines gesprochen: Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man bald auch Menschen. Die fundamentalistische Mobilisierung gegen Mehta ist genauso gefährlich und erfordert eine entschiedene Reaktion.

Das World Socialist Web Site ruft alle in der Filmindustrie Beschäftigten auf, alle Künstler, Schriftsteller und alle arbeitenden Menschen, Deepa Mehta zu verteidigen und diesen Angriff auf demokratische und künstlerische Rechte zurückzuschlagen. Wenn die Kampagne der Hindu-Fundamentalisten auf keinen Widerstand stößt, wird sie extremistische Elemente anderswo ermutigen. So wie wissenschaftliche Forschung nicht unter politischer Einmischung oder unter Regierungsdiktaten vonstatten gehen kann, kann sich auch echte schöpferische künstlerische Tätigkeit ohne volle Freiheit des Schaffens und der Darbietung nicht entwickeln.

Protestbriefe bitte per Brief oder Fax an:

Atal Bihari Vajpayee Prime Minister of India South Block, Raisina Hill New Delhi, India - 110 011

Fax: 0091-11-3019545 / 0091-11-3016857

Shri Ram Prakash Gupta Chief Minister Uttar Pradesh 5 Kalidas Marg Lucknow, India

Fax: 0091-522-239234 / 0091-522-230002

Email: cmup@upindia.org oder cmup@up.nic.in