Observer behauptet Beteiligung des russischen Geheimdienstes an Bombenanschlägen in Moskau

Von Julie Hyland
21. März 2000

Der britischen Zeitung Observer liegen nach eigenen Angaben bisher unveröffentlichte Beweise vor, wonach der russische Geheimdienst in die Bombenanschläge auf zwei Moskauer Mietshäuser im vergangenen Jahr verwickelt gewesen sei. Dies berichtete die Zeitung am 12. März. Den Explosionen fielen 200 Menschen zum Opfer.

Der amtierende Präsident Wladimir Putin machte damals tschetschenische Terroristen für die Anschläge verantwortlich, was als Vorwand für die russische Militäroffensive gegen Tschetschenien diente. Der Observer jedoch behauptet, dass eine Untersuchung, die er gemeinsam mit dem Programm Dispatches( Depeschen) von Kanal vier unternahm, "den Geheimdienst in Zusammenhang mit den Gräueltaten von Moskau" bringe.

Die Zeitung berichtet, dass nach den zwei Explosionen noch eine dritte Bombe in einem Mietshaus in Riasan, ca. 170 km südlich von Moskau, placiert wurde. In dem 13-stöckigen Gebäude an der Nowsojolow-Straße, einer Arbeitergegend, wohnen rund 250 Menschen. Die Bombe wurde im Keller des Gebäudes entdeckt, nachdem am 22. September um neun Uhr abends Wladimir Vassiljew, ein Ingenieur, der Polizei berichtet hatte, drei Fremde führten sich in der Nähe verdächtig auf.

Die Polizei verhaftete die drei. Laut Observer"waren es Russen, nicht Tschetschenen, und als sie von der Ortspolizei verhaftet wurden, wiesen sie Ausweise vom FSB vor - dem Nachfolger des KGB, der Geheimpolizei, die Putin vor seinem Amtsantritt als Regierungschef geleitet hatte."

In einem Interview mit dem Observer erzählte Vassiljew, dass der Wagen, den die drei benutzt hatten, sein vorderes Nummernschild mit Papier verdeckt hatte, aber auf dem hinteren war eine Moskauer Nummer zu erkennen. Der Ingenieur hörte, wie die drei sich absprachen, ob sie alles wieder mitgenommen hätten, und er ist davon überzeugt, dass es Russen waren.

Zwei Tage nach der Verhaftung kündigte der FSB an, die dritte Bombe sei eine "Übung" gewesen. Aber der Observer berichtet, er habe Beweise, dass die Bombe wirklich Sprengstoff und einen Zünder enthielt, und brachte eine Fotografie, die den Zünder darstellen sollte, der auf 5.30 Uhr in der Frühe eingestellt war.

Die Zeitung brachte ein Interview mit dem Sprengmeister Juri Tkaschenko, der die Bombe entschärft hatte. Tkaschenko erklärte dem Observer: "Es war eine echte Bombe. Sie war scharf gemacht." Tkaschenko sagt, er habe Gasproben im Keller genommen, und er habe Hexagen nachgewiesen, der gleiche Explosivstoff, der auch in den Moskauer Anschlägen zur Anwendung kam.

Der Polizeiinspektor Andrej Tschernyschew, der als einer der ersten den Keller betrat, berichtete: "Wir fanden Zuckersäcke, in denen elektronische Gerätschaften, einige Drähte und eine Uhr steckten. Wir waren schockiert. Wir rannten aus dem Keller, ich blieb als Wache am Eingang stehen und meine Männer beeilten sich, die Menschen zu evakuieren."

Vassiljew sagte, am 24. September habe er den offiziellen Bericht am Radio gehört, als der Pressesprecher des FSB bekannt gab, es sei eine Übung gewesen. "Das war ein komisches Gefühl".

Der Observer -Bericht zitiert außerdem Boris Kagarlitsky, Mitglied des russischen Instituts für Vergleichende Politikwissenschaften, der erklärte: "FSB-Beamte waren auf frischer Tat ertappt worden, als sie die Bombe legten. Sie wurden verhaftet und sie versuchten, sich zu retten, indem sie ihre FSB-Ausweise vorzeigten." Die Zeitung fährt fort: "Als der Moskauer FSB intervenierte, wurden zwei Männer stillschweigend freigelassen."

Die Observer -Interviews wurden als Teil des Dispatches -Programms von Kanal vier aufgenommen, das unter dem Titel "Sterben für den Präsidenten" am 9. März ausgestrahlt wurde. In der Sendung ging es um die Ernennung Putins zum geschäftsführenden Präsidenten im Frühjahr 1999.

Der FSB-Chef Putin war buchstäblich unbekannt, bevor er von Boris Jelzin als Nachfolger ausgewählt worden war, als dessen eigene Macht zu wanken begann. Zusammenfassend kam die Sendung zum Schluss, dass keiner glaubte, Putin - der damals unter dem Namen "graue Eminenz" bekannt war - könne "die Wahlen 2000 gewinnen, falls nicht etwas ganz Außergewöhnliches geschehe".

Der Kommentar fährt fort: "Es geschah auch. Eine Bombe in einem Wohnblock von Moskau tötete neunzig Menschen. Eine weitere hatte kurz danach ähnlich vernichtende Folgen. Putin beschuldigte tschetschenische Terroristen. Er denunzierte sie als ‚verrückte Hunde‘ und versprach, er werde sie ‚durch die Toilette entsorgen lassen‘. Er begann kurz darauf den Tschetschenien-Krieg, und seine Popularität stieg im Kielwasser der öffentlichen Wut über die Bombenanschläge in ungeahnte Höhen."

Im Licht der Information, die Dispatches nun über eine dritte Bombe enthüllte, fragte die Sendung pointiert: "War Wladimir Putin, heute Favorit für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Russland, in eine grausame Verschwörung verwickelt, um den schrecklichen Tschetschenienkrieg zu rechtfertigen? Waren die Bomben von Moskau und das Massaker in Katyr Jurt [ein tschetschenisches Dorf, wo wahrscheinlich 363 Menschen von russischen Soldaten getötet wurden] Teil des blutigen Preises, der bezahlt werden musste, um ihn in den Kreml zu hieven?"

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